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Wenn alles „Scheiße“ ist…

! ACHTUNG ! Dieser Beitrag enthält Informationen, die potenzieller Auslöser (Trigger) sein können. Wenn du dich in einer psychischen Notsituation befindest, dann nutze die unten aufgelisteten Hilfsangebote.

Natürlich ist nicht alles scheiße – nicht ALLES  zumindest. Aber am Ende ist mein Kind immer noch tot. Und das wird sich in diesem Leben nicht mehr ändern. Diese Erkenntnis hat sich irgendwann so stark bei mir manifestiert, dass meine Gedanken immer darauf hinaus gelaufen sind: In einer Welt, in der kleine, unschuldige Kinder grundlos sterben gibt es keine Sicherheit. Es gibt keine Kontrolle. Alles auf der Welt ist zufällig und damit Chaos. Wir können uns anstrengen, machen und tun aber das Ergebnis ist immer das selbe: Wir haben es nicht in der Hand.

Wenn Kinder im Krieg sterben ist das sinnlos. Aber es gibt einen Grund. Irgendjemand hat irgendwo die Entscheidung getroffen entweder selbst den Abzug zu drücken oder ihn drücken zu lassen. Es gibt einen Täter. Es gibt einen Schuldigen.

Dass mein Kind gestorben ist, ist Pech. So zumindest die Meinung sämtlicher Mediziner mit denen ich zu tun hatte. Es gibt keinen Grund warum Moritz gestorben ist. Es war ein Unglück. „So etwas passiert eben“. Es gibt keinen Täter, keinen Schuldigen. Außer vielleicht das Schicksal, ein höheres Wesen oder das Universum – reichlich abstrakt und für den menschlichen Verstand nicht zu begreifen.

Niedergezwungen von der eigenen Ohnmacht, von den Grenzen des eigenen Seins. Begreifend, dass ich und mein Handeln weniger Bedeutung für die Welt und das Leben haben als ich immer dachte, erfand mein Verstand einen Ausweg – er präsentierte mir einen Schuldigen: mich selbst.

Unter dem Deckmantel der Trauer schlich sie sich ein, die Schuld. Begleitet von Ängsten, die reichlich Futter fanden in einer Welt voller Lebenden, gespickt von Triggern die mich an das erinnern, was war oder nie sein wird. Spielende Kinder, glückliche Schwangere, ein leeres Kinderzimmer. Stille, wo keine sein sollte. Arbeit statt Mutterschutz. Die Sirene eines Krankenwagens, so wie ich sie auf dem Weg ins Klinikum gehört habe in der die vernichtenden Worte ausgesprochen wurden: „Ihr Kind wird sterben.“

Depression und Trauer ähneln sich und sind doch ganz verschieden. Während die Depression dafür kämpft als Krankheit anerkannt zu werden, sind Trauernde nicht einfach nur krank. So ging es auch mir. „Ich bin nicht krank, ich trauere“, war stets meine Antwort auf besorgte Nachfragen. Gut ging es mir allerdings seit Monaten nicht – aber wie auch? Ich wurde sitzen gelassen, betrogen, ausgenutzt, zur Abtreibung gezwungen, gestalkt. Ich aber blieb stark und kämpfte für mein kleines Wunder. Doch auch dieses Glück wurde mir entrissen. Mein Kind kam still zur Welt. Sein Verlust führte zu weiteren Verlusten. Freunde, Familie, Sicherheit verschwanden teilweise über Nacht. Ich suchte professionelle Hilfe und fand keine. Mein Körper schlug Alarm durch Schmerzen im Brustkorb, Schwindel und Panikattacken. Immer wieder kamen neue Päckchen oben drauf, dabei konnte ich mich nicht einmal ausreichend um meine Trauer kümmern.

Irgendwann saß ich nur noch stumpfsinnig im Wohnzimmer und starrte die Wand an. Ich aß kaum noch, nichts schmeckte. Die Welt war ein Schwarz-Weiß-Stummfilm. Nach jedem Tag war ich komplett erschöpft, konnte aber stundenlang nicht einschlafen. Ich weinte bei der geringsten Kleinigkeit. Alles war zu viel. Ich wollte kaum jemanden sehen, denn jedes Treffen war ein enormer Kraftakt. Einkaufen ein Horror – ich könnte ja jemanden treffen, der mich fragt wie es mir geht. Eine Frage die mich in pure Panik versetzte, weil ich nicht wussste, wie ich darauf richtig antworten sollte.

Richtig schlimm für mich war, dass ich mich an manchen Tagen nicht mehr daran erinnern konnte, warum ich so traurig war. Ich blickte das Bild von Moritz und mir an. Wer waren diese Menschen auf dem Foto? Ich fühlte mich fremd. Ich wollte das alles nicht mehr. Aber verleumnete ich damit nicht mein Kind? War es nicht meine Aufgabe als Mama die Erinnerung an ihn wach zu halten? Die Schuld meldete sich, verteufelte mich als schlechte Mutter, als schlechten Mensch. Ich glaubte ihr.

Es ist nicht so, dass ich mir aktiv das Leben nehmen wollte. Aber es war mir irgendwann egal, ob ich vom nächsten Bus überrollt werde. Immerhin wäre ich dann wieder mit Moritz vereint, waren meine Gedanken dazu. Dass dies auch eine Form von lebensmüdem Denken ist, wurde mir aber erst viel später bewusst, nämlich als ich mich schließlich in die Psychiatrie habe einweisen lassen.

Nach einem erneuten, gescheiterten Hilfegesuch in Form eines abgelehnten Reha-Antrags, schleppte ich mich mit Ach und Krach zur Arbeit. Irgendwie würde ich den Tag schon hinter mich bringen, dachte ich. Als dann meine Kollegin verkündete, dass sie mit ihrem zweiten Kind schwanger sei, war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ich fuhr meinen PC runter, meldete mich krank und verließ das Büro. Erst drei Monate später sollte ich es wieder betreten.

Obwohl ich ernorme Angst hatte und der Gang in die Psychiatrie immer meine letzte Option darstellte, bereue ich diesen Schritt keine Sekunde. Denn die Fassade, die ich bis dahin aufgebaut hatte und krampfhaft aufrecht erhielt, war endgültig gebrochen. Ich brauche dringend Hilfe und endlich fand ich sie. Hier habe ich gelernt, dass Trauer und Depression nicht das selbe sind. Hier habe ich gelernt, dass meine Schuldgefühle und Ängste gelerntes Verhalten sind, ausgelöst durch das erlebte Trauma und basierend auf meinen Lebenserfahrungen. Ich habe gelernt in der Trauer etwas Gutes zu sehen und mir selbst mit Mitgefühl zu begegnen. Und ja – ich darf Licht in mein Leben lassen obwohl mein Kind tot ist. Es geht nicht ums Entweder/Oder.

Stück für Stück und mit einiger Hilfe konnte ich die Depressionsspirale wieder hinauf klettern. Und trotz vieler Rückschläge, war ich doch jedes Mal wieder ein bisschen besser darin aus dem Loch heraus zu klettern. Die Schuld ist noch da und das wird sie auch immer bleiben. Ich möchte am Ende meines Weges nicht „schuldlos“ dastehen. Aber sie ist nicht immer so begründet, wie mein Kopf es mir einzureden versucht.

Die Symptome der Depression oder Posttraumatischen Belastungsstörung ähneln in vielen Punkten der Trauer aufgrund von Toden „außerhalb der Norm“ – das eigene Kind sterben zu sehen gehört definitiv dazu und ist eine traumatische Erfahrung. Nicht jeder Mensch entwickelt daraus eine Krankheit – ich schon. Mir selbst war auch nicht bewusst, dass ich irgendwann die Grenze überschritten hatte. Zum Glück gab es aber liebe Menschen, die eine ungesunde Entwicklung an mir feststellten – Menschen, die ich kaum oder nur virtuell kannte. Sie haben mir den Spiegel vorgesetzt und mich schlussendlich ermutigt den Schritt in die Klinik zu wagen. Dafür bin ich sehr dankbar.

Das wichtigste Ergebnis der Therapie für mich ist, dass ich durch eine bessere, mentale Stabilität mehr für Moritz da sein kann. Ich kann meine Trauer ausleben, ihn auf meine Weise bemuttern. Trauer ist eine Form der Liebe. Ich bin offener für Zeichen von ihm. Ich fühle mich ihm mehr verbunden. Keine Therapie der Welt bringt mir mein Kind zurück. Ich kann nur lernen damit zu leben. Aufgeben ist keine Option!

Vielen Dank, liebe moritz .mama für deine wichtigen Zeilen…

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Hilfsangebote:
Die deutsche Telefonseelsorge hilft rund um die Uhr bei Depressionen und anderen, psychischen Notfall-Situationen: +49 (0) 800 111 0 111 oder +49 (0) 800 111 0 222 (gebührenfrei) oder auf www.telefonseelsorge.de

Infos von der Deutschen Depressionshilfe gibt es auf www.deutsche-depressionshilfe.de

Erstgespräche bei Psychotherapeuten werden telefonisch über die 116117 vergeben. Auf den Websites der Kassenärztlichen Vereinigungen der Bundesländer (www.kbv.de > Bundesland) findet man Listen von Psychotherapeuten in der Nähe, falls man sich selbst aktiv einen Therapeuten suchen möchte.

Vielen Dank, liebe moritz .mama für deine wichtigen Zeilen…

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