Allgemein · Deine Geschichte · Leben mit der Trauer · Trauerverarbeitung

Die Sache mit den Klamotten…

Schöne, bunte Kleidung, Schmuck oder sich zu schminken ist für viele Sternenmamas etwas, was plötzlich zu einem schweren Thema wird. Immer wieder lese ich dazu auf Instagram: „Es erscheint mir einfach nicht richtig, Schmuck zu tragen.“ „Ist das rote T-Shirt, dass ich früher geliebt habe – nicht viel zu fröhlich und unpassend?“ Oder wenn man das elegante Sommerkleid mit dem raffinierten Wasserfall-Ausschnitt betrachtet, kommen Gedanken wie „Dein kleines Wunder ist tot, du kannst dich doch nicht so aufdonnern!“

Plötzlich scheint nichts aus dem eigenen Kleidreschrank mehr der Stimmung und vor allem der Situation angemessen zu sein. Alles ist zu hübsch, zu bunt, zu fröhlich, zu sexy. Aber extra Shoppen zu gehen ist ein noch viel größeres No-Go.

Früher gab es ja das sogenannte Trauerjahr. Und schon immer war es üblich, durch besondere Kleidung und deren Farbe Trauer zu signalisieren. Schwarz oder zumindest sehr dunkel, weil schwarz in der westlichen Welt unter anderem den Tod, die Trauer um den irdischen Tod und die Abwesenheit allen Lichts symbolisiert.

Keine Ahnung, ob es diesen Brauch überhaupt noch gibt. Ich weiß auch nicht, ob die Tendenz sich bedeckt und dunkel zu kleiden tatsächlich noch unbewusst dieser Gewohnheit folgt, oder ob man das fast automatisch in Einklang mit der inneren, düsteren Stimmung macht.

Für mich war das kein Thema, das mich beschäftigte. Für mich ist die Kleiderfarbe „Schwarz“ nicht mit Trauer, sondern eher mit klassischer Eleganz verbunden und quietschend fröhlich war/ist sowieso nicht meine Grundstimmung. Und ein paar Kilos schummelt ein schwarzes Shirt irgendwie auch noch besser weg, wie ein weißes. Mein Kleiderschrank war und ist daher schon je her sehr eintönig: neben Jeans ist der Rest in 98 % schwarz sowie 2% weiß, pink und Türkis sowieso sehr schnell beschrieben. Im Nachhinein kann ich lächelnd sagen: Wenigstens ein „Problem“, dass ich nicht hatte. Für mich war es früher, jetzt, und auch kurz nach Paulinas Tod immer ähnlich: Schrank auf, schwarzes T-Shirt raus, Schrank zu.

Aber ich kann es mir sehr gut vorstellen. Und dieser Instagram-Post war ein guter Anlass, mir darüber mal ein paar Gedanken zu machen.

Grundsätzlich glaube ich, dass es einen großen Unterschied macht, ob man aus einem inneren Gefühl raus, wie per Autopilot eher schwarze/bedeckte Kleidung wählt, oder ob man, wenn man ganz ehrlich zu sich wäre, gerne mal wieder was Schönes oder Buntes tragen würde, es aus schlechtem Gewissen, den vermeintlichen Erwartungen der Anderen oder aus eigenen Schuldgefühlen nicht macht. Wenn ich das so höre kommt mir gleich der Gedanke „Büßerhemd“ in den Sinn. Vor allem wenn es um den Verlust des eigenen Kindes geht. Wobei man vermutlich in den allermeisten Fällen überhaupt nichts verschuldet hat. Die Natur, das Schicksal, Gott oder was/wer auch immer hat „entschieden“, dass das sehnlichst erwartete Wunder z.B. mit Trisomie18 nicht lebensfähig ist. Vermeintlich jede 1.000 Schwangere trifft es – beinahe wahllos. Und doch macht man (bzw. wohl eher frau) sich Vorwürfe. Sucht die Schuld, den Fehler bei sich. Man fühlt sich schuldig und als Gegenzug hat man kein Recht mehr auf Glück. So die schräge Logik – was für Außenstehende sicherlich völliger Quatsch ist. Aber nicht, wenn man drinsteckt. Dann fühlt es sich genauso an.

Es gibt Menschen, denen es hilft, sich dunkel zu kleiden, um die Trauer nach außen zu tragen. Dann ist es gut und richtig. Aber nicht, aus falschem Respektgefühl dem Verstorbenen gegenüber. Wenn ich mal tot bin, möchte ich, dass meine Liebsten weiterleben, sich kleiden wie zuvor. Okay, bis auf diejenige, die meinen Kleiderschrank-Inhalt erbt. Die kann/muss, der begrenzten Auswahl nach, bis an ihr eigenes Lebensende schwarz tragen.

Wenn man durch einen Todesfall einen lieben Menschen verloren hat, möchten viele Hinterbliebene auch äußerlich signalisieren, dass sie sich in großer Trauer befinden. Dies geht am besten mit der entsprechenden Trauerkleidung und stellt somit vorrangig das Symbol der Verbundenheit zu dem Verstorbenen dar. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich mich sehr lange an meiner Trauer festhielt, weil ich sonst ja nichts mehr hatte von Paulina. Weil die Trauer uns verband, wie ein unsichtbares Band. Verstärkt wird dieses Gefühl durch die abgrundtiefe Angst sonst das Sternenkind zu vergessen. Das darf eine Zeitlang sicherlich auch so sein. Sollte aber nicht verhindern, dass man irgendwann auch weiter geht im Trauerprozess. Mit einem großen zeitlichen Abstand weiß ich heute: Die Liebe zu Paulina ist da – für immer – und nichts und niemand wird mir je diese Liebe und Verbindung nehmen können. Und genauso werde ich niemals, selbst wenn ich 110 Jahre alte werde, selbst wenn ich noch 10 Kinder bekommen, dann würde ich niemals Paulina vergessen. Niemals. Dazu brauche ich keine schwarze Kleidung bzw. bei mir eher: keine Heulanfälle (mehr).

Sich extra unauffälliger/dezenter zu kleiden ist sicherlich aber auch so etwas wie eine Schutzfunktion: Der Wunsch nach so einem schweren Schlag/Verlust sich zu verstecken. Unsichtbar sein, bloß nicht angesprochen werden, bloß nicht aufzufallen. Und das würde bunte, extravagante Kleidung ja.

Ich hatte nach Paulinas Tod lange Zeit das Gefühl nicht mehr zum Rest der Welt zu passen. Meine Welt war stehen geblieben, während der Trubel draußen unbeirrt weiterging. Aber für mich schien es keine Normalität, keinen Alltag mehr zu geben. Und ich wollte es auch gar nicht. Ich hatte gnadenlos Angst, wieder ins Leben zurück zu kommen. Zu sehr in die Normalität, zu sehr in das „Davor“. Alles beim Alten? Wie sollte das gehen? Denn ja, äußerlich war ja alles beim Alten geblieben – und doch war nichts mehr, wie es war.

Bewusst gewählte (Trauer-)Kleidung kann einen eben auch bewusst abgrenzen vom ansonsten bunt gekleideten Rest der Nation. Man schleicht – gut getarnt, völlig in sich gekehrt – durch die Straßen. Bis man das Gefühl hat: mich sieht gar niemand (mehr). Was einem anfangs sehr gut tun kann, kann sich aber auch schnell unangenehm verselbständigen, dass das Gefühl der „Andersartigkeit“ noch mehr verstärkt. Solange man sich dessen bewusst ist, ist alles gut. Aber wenn man nicht (mehr) sieht, dass das „nicht wahrgenommen-werden“ durch den eigenen Rückzug, durch das eigene Verhalten begründet ist, kann man schnell in eine Abwärtsspirale kommen.

Ach, ich glaube, letztlich ist es auch eine ganz bewusste Entscheidung, wieder zuzulassen, dass sich schöne Kleidung, Schmuck und Make up sich auch wieder gut anfühlen. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Ich glaube, man sollte es einfach immer wieder aufs Neue ausprobieren, denn man wird spüren, wann man innerlich wieder soweit ist. Aber wenn die schwarze Kluft schon Standard ist, dann kann sich auch schon allein aus dem Gewöhnungs-Aspekt nichts verändern. Ich kann das echt nur bestätigen. Wie gesagt, liebe und trage ich seit jeher fast nur schwarze Oberteile – in allen Ausführungen. Und wenn ich mal das pinke trage, fühle ich mich verkleidet. Aber schon allein deswesen, weil ich mir selbst darin fremd vorkomme. Und jedes Mal zieh ich es wieder aus, weil es sich komisch anfühlt – was gar nichts mit der Stimmung zu tun hat, sondern an dem „Schock-Moment: Ups… das bin ja ich“.

Dass die Kleidung oder die Optik weniger Bedeutung hat wie vor dem Verlust des Sternenkindes, empfinden die meisten Frauen als Geschenk. Wenn man sich plötzlich mit so elementaren Dingen wie einer schweren Krankheit oder den Tod eines lieben Angehörigen beschäftigt, verfliegt meist alles Oberflächliche, tritt in den Hintergrund, hat plötzlich keine Bedeutung mehr. Man spürt, was wirklich wichtig ist. Und um was es vielleicht wirklich geht im Leben. Da hat das neueste Kleid zu haben, immer wieder schicke Schuhe… keinen Platz mehr. Kürzlich las ich mal, dass eine Frau früher nie ohne Wimperntusche aus dem Haus ging. Nach dem Verlust des Sternenkindes und dem viel zu häufig weggeweintem Make up hat sie sich das im wahrsten Sinne des Wortes abgeschminkt. Es hat dazu geführt, dass sie sich auch ohne Schminketarnung „erträglich“ findet. Ich finde es toll. Für viele Frauen ist diese Veränderung – weg von der Oberflächlichkeit, weg von der perfekten Optik – ein Geschenk, das man stolz nach Außen tragen kann. Es ist egal geworden. Aber Achtung: Egal im Sinne von „nicht mehr so wichtig“ hat nichts mit Egal im Sinne von „sich gehen lassen und den ganzen Tag im schmuddeligen Schlafanzug durch die Gegend laufen, zu tun“.

Ach herje. So viel Text. Sorry… Ich, die ich mit Mode so gar nix am Hut habe, schreib so viele Zeilen über Klamotten. Wer hätte das gedachtJ.

Liebe Sternenmamas, seid nicht so streng zu euch. Aber lasst euch auch nicht (optisch) gehen. Wie so oft liegt der goldene Weg für die meisten von uns vermutlich genau in der Mitte. Euer kleines Sternenkind ist in eurem Herzen. Und ob die Hülle drum rum jetzt hübsch, elegant, schwarz oder leger ist – das spielt meiner Meinung nach erst mal überhaupt keine Rolle.

Ich glaube aber auch, als Trauernde muss man sich bewusst erlauben wieder glücklich werden zu dürfen, sich selbst wieder etwas zu gönnen, gut mich sich umzugehen. Die kleine Seele unseres Sternenkindes, wo immer sie jetzt rum schwirrt… der gefällt eine fröhliche, hübsche gekleidete Mama sicher letztlich noch viel besser.

Übrigens: Heute trage ich mal türkisfarbene Sneakers. Und sofort ist es im Büro Jedem aufgefallen. Und wenn der erste Blick meines Gegenübers auf die Füße fällt, dann sieht man schon die ein oder andere Tränenfalte nicht mehr. Das ist doch auch irgendwie eine gute Taktik, oder?

In dem Sinne, alles Liebe. Martina

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