Allgemein · Deine Geschichte · Diagnose · Leben mit der Trauer · Trauerverarbeitung

Das rosa Kleidchen

Wer kennt sie nicht die Aussage: „Hauptsache gesund“. Heute weiß ich ja noch viel mehr, wie absolut zutreffend das ist.

Als ich im Frühjahr 2018 schwanger wurde, konnte ich mein Glück kaum fassen. Natürlich war die ganz große Frage: Mädchen – Junge?

Bis dahin hatte ich mir noch nie Gedanken gemacht, was ich lieber hätte. Aber irgendwie hatte ich jetzt das Gefühl, bald ein kleines Mädchen im Arm halten zu dürfen. Sanft lächelte ich mich hinein, als ich daran dachte, wie ich jahrelang als Tante zweier Neffen diese ganzen pinken Sachen, Kleidchen und Puppen bestaunt hatte. Damit konnte ich natürlich meine Jungs nicht beglücken – aber jetzt vielleicht unser kleines Wunder?

Wir hatten noch gar nichts gekauft. Ich hatte schon einmal durch eine frühe Fehlgeburt bitter erfahren, wie wackelig dieses kleine Wunder anfangs ist, auch wenn ich dieses Mal ein sehr zuversichtliches Gefühl verspürte. Trotzdem – wir wollten sichergehen. Erst die 12-Wochen-Hürde überstehen. Dann wäre noch genügend Zeit sich dem Nestbautrieb in aller Ruhe später hinzugeben. Aber dann würde es kein Halten mehr geben. Meine Güte, wie sehr freute ich mich darauf.

Doch dann sollte alles ganz anders kommen. Zum gleichen Zeitpunkt, an dem wir erfuhren, dass sich mein Gefühl bestätigt hatte, teilte man uns mit, dass wir dieses kleine, so sehr erhoffte Mädchen – mit 98 %-iger Wahrscheinlichkeit – verlieren würde. Das Ergebnis des Preana-Tests war da. Vier Worte genügten, um uns aus unseren Träumen in einen tiefen Abgrund zu stürzen: Trisomie 18 – nicht lebensfähig.

Und auch wenn wir uns immer noch sehr an diesen 2% festhielten, dass sich die Diagnose nicht durch die bevorstehende Fruchtwasseruntersuchung bestätigen würde, blockierte mich diese Kenntnis völlig. Jetzt blieb uns erst mal nichts Anderes übrig wie auf das Langzeitergebnis zu warten, zu hoffen und zu beten.

Eines Tages suchte ich wieder mal ein wenig Abwechslung in der Stadt. Ich lief ziellos durch die Innenstadt, da blieb plötzlich mein Blick wie gebannt am Schaufenster des kleinen Ulmer Babyausstattungsladens „Herzallerliebst“ hängen. In der Auslage hing ein wunderschönes rosa Kleidchen, zart und luftig. Ein perfektes Sommerkleidchen eben. Fast schon bildlich konnte ich mir darin (m)ein kleines Mädchen vorstellen, fröhlich quietschend mit den Händchen wedelnd auf noch etwas unsicheren kleinen Beinchen und einem süßen Pampers-Hinten. Es war so eine bezaubernde Vorstellung…

Auch wenn ich schmerzlich ahnte, dass Paulina niemals dieses Kleidchen würde tragen können, war ich nahe dran, es zu kaufen. Mit einer traurigen Melancholie setzte ich meine ziellosen Wege weiter.

Aber dieses wunderschöne Kleidchen ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Warum sollte ich für mein kleines Mädchen nicht das schönste Kleid kaufen, dass es gibt? War sie mir das denn nicht mal wert???

Nach einer schlaflosen Nacht kehrte ich am Folgetag – diesmal gezielt – wieder an das kleine Geschäft zurück. Zum Glück war das Kleidchen noch da. Als ich den Laden betrat, überrumpelte mich eine Verkäuferin und bot mir ihre Hilfe an. Natürlich wollte ich ihr nichts von meiner Situation erzählen, daher frage ich nur wie alt ein Mädchen ungefähr ist, wenn es das Kleidchen tragen kann. „Nächsten Sommer bei einem jetzt Neugeborenen…“ war ihre Aussage. Ach, nächsten Sommer. Schon allein dieser Gedanke ließ mich beinah aufschluchzen. Ich fragte noch schnell nach dem Preis und verließ dann unter einem Vorwand eilig den Laden.

In der warmen Spätmittagssonne beruhigte ich mich irgendwann wieder. Es kam mir plötzlich völlig falsch vor, das Kleidchen zu kaufen. So ein großes, teures, unnötiges.

Aber der Gedanke, Paulina etwas zu kaufen, ließ mich nicht mehr ganz los. Dass ich daran noch gar nicht gedacht hatte? Ich schämte mich dafür. Wollte ich dich etwa nackt lassen?

Daher ging ich in die Kinderabteilung eines großen Kaufhauses und wollte mich nach den kleinsten, rosafarbenen Strampelanzügen umsehen, die ich finden würde. Plötzlich fühlte ich mich gar nicht mehr so fehl am Platz. Schließlich wollte ich ja für mein Mädchen, dass es real gab – Kleidung kaufen.

Vermutlich hatte mir niemand angesehen, in was für einer Situation ich steckte. Mit meinem Mini-Bäuchlein hätte man mich ja leicht für eine ganz normale Schwangere halten können. Und ich genoss diesen Gedanken. Schließlich war ich ja schwanger – noch. Ruhig und sehr bewusst schaute ich mir diese winzigen Kleidungsstücke an, berührte und prüfte den sanften Stoff. War ganz im Hier und Jetzt. Wie eine Mama, die sich einfach nach Babyklamotten umsieht….

Da ich ahnte, dass es nur ein einziges Kleidungsstück werden würde, sollte diese Wahl sehr überlegt sein. Ich wollte mir die Zeit und Möglichkeit geben, diesen Moment voll und möglichst lange auszukosten.

Mit diesem schmerzlichen, aber irgendwie auch schönen Gefühl, der sich fast wie ein Auftrag anfühlte, den ersten Strampler für mein kleines Mädchen kaufen zu müssen, ging ich langsam heim. Alfa erzählte ich nichts von meiner traurigen Mission. Er versuchte stark für uns zu sein, was schwer genug war. Daher behielt ich mein Vorhaben für mich bzw. für Paulina und mich.

Als ich ein paar Tage später den Chefarzt der Klinik bei der ersten Nachuntersuchung zur Fruchtwasser-Untersuchung traf, fragte ich ihn, was ich für Paulina mitbringen muss – im Fall der Fälle. Mitleidig schaute er mich an. Schüttelt sanft den Kopf – nichts. Sie wird viel zu klein und zerbrechlich sein, um sie anziehen zu können.

Okay, mehr wollte ich dann gar nicht mehr wissen. Stoppte damit aber mein Vorhaben. Wozu denn ein Kleidungstück ungetragen in den Schrank legen? Als Erinnerung? Als Erinnerung – woran? Da würde mir auch ein Foto genügen – genügen müssen – genauso wie ich mein winziges, wunderschönes kleines Mädchen, das knapp vier Wochen später still zur Welt kam, nur noch auf den Fotoaufnahmen in Händen halten kann.

Und so liegt dieser Schnappschuss vom „Rosa Kleidchen“ symbolisch für einen Teil unseres nie erlebten Lebens und vor allem für das ganze ungelebte Leben meiner kleinen Paulina in einem Fach meines Sekretärs und in der Wehmut-Schublade meines Herzens. Wahrscheinlich hat es längst eine andere Mama gekauft – für ihr kleines Mini-Mädchen. Vielleicht hängt das Kleid aber auch immer noch ungetragen im Laden. Egal.

Inzwischen kann ich den Schnappschuss mit einem sanften Gefühl betrachten. Denn ich bin mir sicher: „Paulina, du hättest zauberhaft darin ausgesehen und deinen stolzen Papa um den kleinen Finger gewickelt. Ach, mein kleines Mädchen… du fehlst uns so sehr!“.

Deine Mama

2 Kommentare zu „Das rosa Kleidchen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s