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Warum wir das Kind beim Namen nennen sollten

Wenn Frauen ihr Kind früh in der Schwangerschaft verlieren, so wird dies durch unsere Gesellschaft immer wieder als etwas «kleines» abgetan. Die magische 12-Wochenregel hält sich nach wie vor fest in unseren Köpfen und gibt uns eine gewisse Scheinsicherheit. Die meisten erzählen anfangs nur dem engsten Umfeld vom besonderen Umstand. Und selbst die Menschen, die uns sehr nahestehen, können uns im schlimmsten Fall sehr mit ihren Aussagen verletzen. Der Fötus wäre ausserhalb des Mutterleibs noch nicht lebensfähig gewesen, die Natur wisse schon, was sie tut. Man hätte ja noch nicht mal gewusst, was es wird, also kann der Verlust auch nicht so von grosser Tragweite sein.

 

Und ob er das ist!

 

Die meisten Schwangerschaften werden geplant, erhofft, erwünscht, erbittet. Die Vorbereitung auf ein Leben mit Kind beginnt schon viel früher, als der Schwangerschaftstest ein positives Ergebnis anzeigen kann. Viele Frauen wissen sogar schon seit ihrer Jugend, wie ihre zukünftigen Kinder zur gegebenen Zeit dann heissen sollen.

 

Bei jeder Trauerbegleitung, sei der Verlust noch so früh passiert, erkundige ich mich bei meinem Gegenüber, wie das Kind heisst. Nicht wie es geheissen hätte, sondern was für einen Namen sie für ihr Ungeborenes ausgesucht haben. Manche sind erstaunt über diese Frage von mir, weil ich die erste Person bin, die sie stellt.

 

Manchmal kommt die Antwort, man habe bis jetzt nur einen Kosenamen wie «Pünktchen», da man das Geschlecht noch nicht gewusst habe. Andere haben gefühlsmässig eine Tendenz, und wählen einen klaren Namen, wiederum andere einen, der für beides gepasst hätte. Es spielt keine Rolle, für welche Variante man sich entscheidet. Es ist richtig, so wie es für Dich/Euch passt.

 

In dem ich meinem Kind einen Namen gebe, wird der Verlust für mich, sowie auch für Aussenstehende fassbar. Wir reden nicht mehr über einen Zellhaufen, sondern über unser Baby. Jede Seele, sei sie noch so klein, hat das Recht, benannt und nicht einfach als «Abgang» betrachtet zu werden.

 

Auch wenn noch kein Bauch ersichtlich war, kein Ultraschallbild vorhanden ist und niemand ausser Du über die Schwangerschaft Bescheid wusste, du darfst dein Kind so nennen, wie du möchtest und dies auch vor anderen tun. Sein Kind in der siebten Woche zu verlieren hat die gleiche Trauerberechtigung, wie kurz vor der Geburt! Denn es war da und es spielt keine Rolle, wie lange.

 

Auch wenn dein Kind bereits vor langer Zeit verstorben ist, ich ermutige dich dazu, ihm auch heute noch einen Namen zu geben. Es macht einen Unterschied, ich verspreche es dir!

 

So habe ich aus dieser Erfahrung auch die Erkenntnis gezogen, dass es allgemein eine grosse Wichtigkeit hat, dass und wie wir etwas benennen. Warum ich das Wort Fehlgeburt aus diesem Grund völlig daneben finde, erzähle ich gerne in einem weiteren Post.

 

Herzlichst, Katharina

5 Kommentare zu „Warum wir das Kind beim Namen nennen sollten

  1. „Sein Kind in der siebten Woche zu verlieren hat die gleiche Trauerberechtigung, wie kurz vor der Geburt! Denn es war da und es spielt keine Rolle, wie lange.“
    Genau der gleichen Meinung bin ich auch! Umso mehr verletzen Aussagen dass „so ein Abgang so früh schon öfter passiert und man’s meistens nicht mal mitkriegt“ und „da war ja noch nix“..
    Da war aber „etwas“! Mein Kind! Und ich habe es verloren.

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    1. Da hast du Recht. Aber wenn die Frau selbst es eben so empfindet, dass es „noch nicht richtig da war“ und sie dadurch besser mit diesem Schlag zurecht kommt, dann sollte man das aber auch tolerieren. Aber du hast recht, niemand Außenstehendes darf diese Aussage einer tief trauernden Sternenmama machen. Jeder empfindet einen Verlust anders, jede auf seine Art, auf seine spezielle Tiefe….. jeder ist wie er ist und jeder darf sein, sie er/sie ist. Und das ist auch gut so:-)…..

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  2. Ich bin seit über 2 Jahren auf dem Blog von euch. Aus einer eigenen Situation heraus und mir tut es sehr gut die Beiträge zu lesen.

    Aber jetzt möchte ich mich auch mal hinstellen und sagen: Nein, das sehe ich anders! Es gibt Menschen die trauern um ihr Kind egal wie weit es sich entwickelt hat. Es gibt aber auch Menschen die das nicht tun und das ist auch deren Recht! Mit diesem Beitrag sprichst du den Menschen dieses Recht ab. Nein, ich gebe dem zellhaufen keinen Namen, nein, ich teile es nicht mit anderen Menschen außer meinem Partner, nein, mir tut es nicht gut darüber zu reden, nein, ich will nicht, dass es jemand weiß. Und das ist auch mein Recht! Nimm mir das nicht. Jeder geht mit dem erlebten anders um und das ist auch gut so!

    Der Tenor deines Beitrags ist ein Vorwurf an meine Art mit dem erlebten umzugehen und das ist nicht fair. Nur, weil ich es anders mache, heißt es nicht, dass ich mein Kind nicht wertschatze oder ähnliches.

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    1. Liebe Anja. Da hast du völlig recht. Mir geht es genauso wie dir. Ich hatte eine frühe Fehlgeburt in der 10 SSW. Bevor ich es richtig realisiert hatte, war das Baby wieder weg. Es war ein schwerer Schlag, aber auch ich habe niemanden darüber erzählt. Für mich war es – ähnlich wie du beschreibst. Bei Paulinas Verlust in der 18. SSW war da was ganz anderes. Ich hatte schon einen Namen rausgesucht, der ihr geblieben ist. Und bei ihr hatte ich das Bedürfnis drüber zu reden. Es ist wie es ist… und jeder ist, wie er ist. Und ich bin auch hier für mehr Toleranz. Wenn jemand der Fehlgeburt einen Namen geben will, soll er/sie es tun. Wenn nicht, dann muss aber auch das legitim sein. Ich glaube, liebe Anja, die Autorin wollte mit ihrem Blog dir keinen Vorwurf machen. Sie wollte erzählen, wie Sie es erlebt…..

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    2. Liebe Anja

      Ich wollte dir sehr gerne persönlich antworten, leider hast du uns keine gültige Emailadresse angegeben.
      Ich merke, du fühlst dich sehr angegriffen durch meine Worte, und anscheinend habe ich mit ihnen einen wunden
      Punkt bei dir getroffen.

      Natürlich darfst du das anders sehen! Ich bedanke mich an dieser Stelle auch bei dir für deine Sicht, welche mich nochmals zum nachdenken angeregt haben. Gerne möchte ich von dir wissen, wo du rausliest, dass ich dir deine Rechte abspreche?

      Weisst du, wenn es für dich stimmt, dass du nicht darüber sprechen möchtest, ausser mit deinem Partner, dann ist das doch gut so! Nie würde ich auf die Idee kommen zu sagen, dass das nicht richtig ist oder du in irgendeiner Weise dein Kind nicht wertschätzen würdest.
      Zu mir kommen jedoch Menschen, die möchten über ihre Trauer sprechen und haben keinen Partner, mit dem sie das tun könnten. Da sind teilweise Frauen dabei, die vor über 50 Jahren ein Kind verloren haben, und denen es verboten wurde, darüber zu reden, was sehr traumatisch wirken kann.

      Noch heute ist der Kinsdsverlust ein Tabuthema unserer Gesellschaft. Etwas, über dass wir meist nur hinter vorgehaltener Hand sprechen.
      Die Gründe dafür sind vielfältig. Der Grundtenor dieses Textes sollte eigentlich sein, dass jeder in der Trauer so darf, wie er möchte. Und wenn es der Wunsch von jemanden ist, dass er offen darüber reden darf, dann soll er es tun. Dazu ermutige ich Trauernde, jeden Tag. Und ich ermutige unsere Mitmenschen dazu, hinzuhören, auszuhalten und selber Teil einer offeneren Trauerkultur zu werden, die nicht nur im Hinterzimmer stattfinden muss (aber natürlich darf!).

      Liebe Anja, ich drücke dich von Herzen und wünsche dir alles Gute.
      Ich freue mich, dass du mit diesem Blog anscheinend einen Weg gefunden hast, mit deiner persönlichen Situation
      umzugehen und ich hoffe, dass du auch weiterhin hier mitlesen wirst. Ich schätze Kritik und wenn du magst,
      darfst du mir auch jederzeit eine Mail schreiben. (katharina@weiter-leben.ch)

      Herzlichst, Katharina

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