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Liebe heißt nicht, sich in die Augen zu sehen, sondern gemeinsam in die gleiche Richtung zu blicken…

Jeder trauert auf seine Art – und auch unterschiedlich tief und lang. Das glaube ich sogar. Aber danach zu leben, Tag für Tag, dazu noch, wenn man sich selbst völlig im Ausnahmezustand befindet, das ist alles andere als einfach. In den Wochen nach Paulinas stiller Geburt spürten wir das immer deutlicher.

„Liebe heißt nicht, sich in die Augen zu sehen, sondern gemeinsam in die gleiche Richtung zu blicken“. Antoine de Saint-Exupéry. Ein wunderschöner Spruch auf mancher Hochzeitskarte. Aber erstmals spürte ich tiefe Zweifel hinter dieser Aussage. Es wäre mir lieber gewesen, Alfa hätte mir einfach nur in die Augen geschaut, dann hätte er meine stille Trauer, meine Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit sehen können. Hätte mich, als ganz normale Reaktion, einfach tröstend in den Arm nehmen können. Unser „Weltbild“ hätte gepasst: er der Starke und Schützende und ich die Beschützte und so wieder erstarkende. Ich bin mir sicher, das hätte uns beide gut getan. Das wäre so einfach gewesen. Vielleicht zu einfach….

Aber so? Wir schauten überall hin, nur nicht in unsere Augen. Ich fühle mich im Stich gelassen. Ich fühle mich immer einsamer, immer wieder völlig allein gelassen in meiner Trauer. Ich zog mich immer mehr in mich selbst zurück, er fühlte sich von mir im Stich gelassen, er fühle die für ihn unverständliche Distanz ihm gegenüber. Denn er hatte mir ja nichts getan. Nein, das hatte er definitiv nicht. Aber einerseits war es ja irgendwie auch das, was ich ihm unbewusst vorwarf. Er hatte mir nichts getan – im Sinne von „angetan“. Aber in meinen Augen hatte er auch nichts getan im Sinne von „mich in den Arm nehmen, Trösten, mit mir Trauern, Verständnis zeigen, reden, Zugehörigkeitsgefühl.“ Nichts von alledem. Er machte einfach weiter – wie wenn nichts gewesen wäre. Wir befanden uns in einer hoch explosiven Abwärtsspirale.

In regelmäßigen Abständen entlud sich diese Spannung dann, wenn einer von uns beiden platze. Dann erst – dann schauten wir uns in die Augen. Leider zu spät, denn erst, wenn wir uns gegenseitig beleidigten, vor Schmerz und falscher Verteidigung. Dann war da im Gegenüber nicht die Trauer, nein, viel zu oft war dann im Streit nur noch die blanke Wut. Und wie wir uns da so wie zwei Streithähne gegenüberstanden, wussten wir beide nicht mehr, wie wir in diese Situation gekommen waren. Wo wir beide doch am dringendsten das gleiche gebraucht hätten: Verständnis, Trost und sich ganz tief in die Augen zu schauen.

Und so ein wütender Streit löst alles aus, nur nicht aus, dass man sich tröstend in die Arme nimmt, auch wenn vermutlich es das gewesen wäre, was uns beide schnell wieder heil gemacht hätte.

Aber so? wir schrien uns an…. Und jeder von uns fühlte sich im Recht, missverstanden, überfordert.

„Lieben heißt nicht, sich in die Augen zu sehen, sondern gemeinsam in die gleiche Richtung zu blicken.“ ….. Okay. Nochmals dieser Spruch. Denn es muss doch was dran sein, wenn es schon jedem Brautpaar gewünscht wird. Na vielleicht ist damit gemeint: die Basis einer (guten) Beziehung ist, wenn man in die gleiche Richtung schaut?

Aber was, wenn man zwar in die gleiche Richtung blickt – sprich in die Zukunft. Aber darunter plötzlich zwei völlig verschiedene Perspektiven sieht? Dann wird es erst mal schwierig. Alfa konzentrierte sich wieder auf seine berufliche Passion als Goldschmiedemeister. Für mich war nur ein Folgewunder die einzig lebenssinnvolle Zukunftsperspektive. Ja, wir beide schauten nach vorne. Aber sahen, erhofften dabei etwas völlig anderes. Und selbst wenn es einem Paar sogar dann noch gelingt, sich mit beiden Perspektiven irgendwie zu arrangieren kann, dann heißt das aber immer noch: wenn man in die gleiche Richtung blickt, kann man sich nicht gleichzeitig in die Augen schauen. Wer stur nach vorne schaut, der sieht im schlimmsten Fall den Partner neben sich nicht mal mehr.

Wenn es einem Paar nach so einem schweren Schlag gelingt nach vorne zu schauen muss – man nach vorne schauen will, sollte man nicht vergessen, immer wieder zur Seite – sich immer wieder in die Augen zu schauen. Ob der andere Schritt halten kann, oder ob man eventuell eine kleine Pause einlegen muss, damit der andere nachrücken kann. Sonst schaut man vielleicht irgendwann neben sich und sieht, dass der andere gar nicht mehr da ist. Nicht mehr an der Seite, sondern meilenweit entfernt. Dass der andere irgendwie und irgendwann auf der Strecke geblieben ist und man schon längst allein weitergegangen ist, ohne zu merken, dass es ein „Wir“ schon lange nicht mehr gibt. Das man sich verloren hat beim stupiden Weitergehen.

Und selbst wenn die größte Klippe irgendwann überwunden ist, und man es geschafft hat, immer noch Seite an Seite zu gehen, sollte man ruhig mal kurz innehalten und anerkennend realisieren, was man zusammen geschafft habt. Sich an der Hand nehmen und den gemeinsamen Weg, nach vorne schauend, achtsam weitergehen

Denn vermutlich hat man zwei Dinge inzwischen verinnerlicht: die tiefe Liebe zueinander und, dass man nie den Blick zur Seite, den Blick zueinander, verlieren darf.

Das wünsche ich euch von Herzen, liebe Sterneneltern. Alles Liebe, Martina

2 Kommentare zu „Liebe heißt nicht, sich in die Augen zu sehen, sondern gemeinsam in die gleiche Richtung zu blicken…

  1. Wow, so schön geschrieben. Und so zutreffend, einem aus der Seele sprechend. Vermutlich ist es so… auch bei uns. Dieses zwischendurch stehen bleiben, sich in die Augen schauen und wieder gemeinsam weiter gehen fehlt. Jeder geht seinen Weg Richtung Zukunft, der andere wird schon mitgehen…
    .
    Darf ich den Text evtl. auf meinem blog reposten?

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    1. Hallo du liebe, na klar kannst du ihn reposten😊 alles Gute für euren gemeinsamen Weg mit Blick in die gleiche Richtung ❤️

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