Allgemein

Dein 2. Geburtstag

Nun steht er wieder vor der Tür, der 19. Juni. Unglaublich, wie die Zeit vergangen ist.

Wärst du bei uns, kleine Paulina, dann würden wir das wahrscheinlich erst recht denken. Dann könnten wir sehen, wie aus unserem kleinen Wunder, inzwischen ein wunderbares Kleinkind geworden ist. Wir hätten miterlebt, wie du es geschafft hättest, erst selbständig dein kleines Köpfchen zu halten, deine Mama und Papa zu erkennen, deine Beinchen zu nutzen und letztlich sogar, erst holperig, dann immer sicherer auch darauf zu stehen.

Dann wüssten wir, welche Augen- und Haarfarbe du hättest, was dir schmeckt, was dir gefällt – und was alles nicht. Wir wüssten, wem du ähnlich siehst, und welche Eigenschaften du wohl von wem geerbt hättest.

Wir hätten unzählige schlaflose Nächte verbracht, aber dich ebenso oft süß schlummernd bewundern dürfen. Wie oft hätten wir dich zu Bett gebracht, erschöpft, aber voller Vorfreude auf den nächsten Tag. Weil wir beinahe nicht erwarten würden, wieder einen neuen Tag mit dir erleben und daran teilhaben zu dürfen, welche Fortschritte du Tag für Tag machst.

Aber all das, das haben wir nicht erlebt – und werden es nie erleben. Denn drei Worte besiegelten am 25. Mai 2018 unser Schicksal und würden uns für immer trennen: Trisomie18 – nicht lebensfähig. Diese Diagnose stürzte uns in einen Abgrund, von dem wir nicht wussten, wie und ob wir das alles überstehen würden. Alles drehte sich nur noch drum: Wir würden dich verlieren. Wir konnten nichts für dich tun. Nur abwarten… oder…. Letztlich entschieden wir uns schwersten Herzens für eine stille Geburt. Wir würden uns bewusst und vorzeitig herbeigeführt für immer von dir verabschieden, in aller Ruhe und Stille.

So wurde der 19. Juni 2018 dein viel zu früher Geburtstag – und gleichzeitig dein Todestag. Als ich dich in diesem kleinen Weidekörbchen in Händen hielt und deine zehn kleinen Fingerchen, sogar mit Fingernägeln drauf, betrachtete. Und deine kleinen perfekten Beinchen, die Füße und dieser süße winzige Mund, da war ich so unglaublich stolz auf dich. Und ich war so dankbar und erleichtert, dass du trotz deiner schrecklichen Diagnose so perfekt ausgesehen hast, so ruhig, so still – ein richtiger kleiner Mensch, wie friedlich schlafend.

Danach folgte die schwerste und dunkelste Zeit unseres Lebens. Der Verstand begann, zu realisieren. Das Herz trauerte und die Sehnsucht schien uns zu zerreißen. Die Trauer war allgegenwärtig.

Das erste Jahr nach deinem Tod erlebte ich wie in Trance. Dein erster Todestag war unfassbar schmerzlich. Nochmal holte uns alles mit der größten Wucht ein. Und gleichzeitig war es wie ein Wendepunkt. Vielleicht hat das altmodische „Trauerjahr“, ja tatsächlich seine Bedeutung. Bei mir war es zumindest so, erleichtert kann ich sagen, dass die folgenden zwölf Monate etwas erträglicher wurden.

Mittlerweile steht eines der viel zu wenigen Fotos von dir, kleine Paulina, auf meinem Nachttisch. Es macht mich nicht mehr traurig – es ist ein Beweis, dass du überhaupt da warst. Es steht für diesen friedlichen, kurzen und voller Liebe erfüllten Moment deiner stillen Geburt, den wir mit dir hatten.

Aber ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich mich frage: „wie würdest du heute wohl aussehen?“. Vor allem wenn ich kleine Mädchen sehe, die ungefähr das Alter haben, das du heut hättest. Ganz schwer wird mir das Herz, wenn ich ein dunkellockiges kleines Mädchen, fröhlich vor sich hin hüpfen sehe – denn so hatte ich mir dich vorgestellt. Damals – als noch alles gut und noch alles offen war. Dann bleibt mir nichts anderes übrig, wie schnell weg zu schauen. Damit meine Tränen nicht ausbrechen, die mir schon in den Augen stehen.

Ich fürchte, diese Sehnsucht und diese Leere in mir wird mich mein Leben lang begleiten. Und ich weiß, auf die Frage „wie wärst du wohl gewesen?“ werde ich niemals eine Antwort bekommen. Und selbst wenn ich vor bzw. nach Paulina noch 100 Kinder bekommen hätte, würde es diese Traurigkeit niemals aufwiegen.

Denn es geht um den Verlust genau dieses einen, einzigartigen Kindes. Es ist der Verlust meines Mädchens, das ich niemals kennen lernen werde. Ich werde nie erfahren, wie du ausgesehen hättest. Welche Charakterzüge du gehabt hättest, wie der Klang deiner Stimme gewesen wäre.

Paulina, du bist mein Mädchen und wird es immer sein. Aber ich weiß überhaupt nichts über dich und werde es nie erfahren. Und so weiß ich nicht mal, welchen Kuchen ich dir zum Geburtstag hätte backen dürfen.  Nichts und niemand kann mir hier helfen. Ich kann nur versuchen, diese bleischweren Gedanken immer wieder loszulassen und mich stattdessen sanften Tagträumen hingeben, in denen ich mir ein Bild von dir zeichne.

Am 19. Juni ist dein 2. Geburtstag und auch dein 2. Todestag. Zwei so völlig widersprüchliche Ereignisse, normalerweise so verschiedene Emotionen. Doch in deinem Fall ist beides so untrennbar miteinander verbunden.

Ach, meine kleine Paulina. Du fehlst uns so sehr. Ich wollte dich aufwachsen sehen. Ich wollte dir die Welt zeigen. Ich wollte dir das Beste für dein Leben mitzugeben. Ich wollte so vieles… und kann jetzt so wenig. Glaub mir, meine Kleine. Ich werde dich niemals vergessen. Und in meinem Herzen wirst du für immer weiterleben – und daran kann auch dein 2. Todestag nichts ändern.

In tiefer Liebe – deine Mama

Ein Kommentar zu „Dein 2. Geburtstag

  1. Liebe Tina,
    dein Brief an Paulina ist so wundervoll geschrieben und die Liebe zu deiner kleinen Tochter fast greifbar. Fühle dich umarmt und verstanden.

    Liken

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s