Deine Geschichte · Gastbeitrag

Idas Geschichte

In wenigen Tagen ist ein Jahr her, dass wir dich verloren haben. Und mit dir all unsere Träume.


Es ist März 2019. Wir warten auf dich. Der errechnete Termin liegt in Sichtweite. Jeden Tag rechnen wir damit, dass es losgehen könnte. Es ist alles für dich vorbereitet. Papa, dein großer Bruder und ich sind schon voller Spannung und Vorfreude. Du strampelst jeden Tag kräftig in meinem Bauch, bist sehr aktiv. Ich male mir schon aus, dass es lebhafte Zeiten werden mit dir. Und ich bin so gespannt, wie es wird mit dir und deinem Bruder.


Es kommt der errechnete Termin. Ich bin zur Kontrolle beim Frauenarzt. Alles in Ordnung. Wir können noch ein paar Tage warten. Ich bin ungeduldig, aber entspannt. Ich weiß, dass es dir gut geht. Ich bin mir dessen ganz sicher.


Die Tage vergehen. Mein Frauenarzt schickt mich bei 41+0 zum CTG ins Krankenhaus. Wir sollen auch gleich besprechen, wie wir weiter verfahren wollen. Ob wir eine Einleitung vornehmen möchten. Die Werte sind gut, es besteht so gesehen kein Handlungsbedarf. Es ist ein Freitag und wir entscheiden ganz pragmatisch das anstehende Wochenende noch in Ruhe zu genießen und Montag einzuleiten, solltest du dich dann immer noch nicht auf den Weg gemacht haben.


Es ist Samstag und wir haben schönstes Frühlingswetter. Wir sind den ganzen Tag auf den Beinen und genießen draußen die Sonne. Abends frage ich mich, ob ich dich heute gespürt habe. Denke mir aber dann, dass das im ganzen Trubel bestimmt nur untergegangen ist und ich es einfach nicht bewusst wahrgenommen habe.

Sonntagmorgen im Bett lässt du immer noch nichts von dir hören. Ganz langsam werde ich angespannt. Irgendwo ganz weit hinten in meinem Kopf beginnt die Angst sich auszubreiten und Alarm zu schlagen. Wir müssen heute ohnehin erneut zum CTG ins Krankenhaus. Papa und ich fahren direkt nach dem Frühstück hin, setzen deinen Bruder noch bei eurem Onkel ab.


Da saßen wir ganz angespannt im Wartebereich vor dem Kreißsaal. Als wir nach kurzer Zeit reingeholt werden, fragte die Hebamme, wie es uns geht und ich äußere beinahe belanglos mein Eindruck, dass du dich nicht bewegst. Die Hebamme fragt noch kurz nach. Schließt mich ans CTG an. Keine Herztöne zu finden. Wir gehen zum Ultraschall. Zunächst schaut eine Assistenzärztin. Ihr Gesicht ist versteinert. Sie sagt es kommt noch die Oberärztin zur Abklärung. In mir steigt die Gewissheit auf, dass hier etwas nicht stimmt. Ich frage ganz gezielt: Ein Herzschlag ist aber noch da? Die Assistenzärztin antwortet: Ich kann leider keinen finden, deswegen kommt jetzt die Oberärztin. Sie kommt und nimmt uns das letzte bisschen Hoffnung. „Leider kann ich keinen Herzschlag sehen. Ihr Kind ist gestorben. Es tut mir Leid.“ Eine Welt bricht zusammen. So viel Schmerz prasselt auf mich ein. Schockstarre.

Es fällt mir schwer die dann folgenden Stunden genau zu beschreiben. Innerlich spielt sich alles mögliche ab. Ratlosigkeit, Trauer, Wut, Schmerz, Fragen über Fragen – alles springt durcheinander. Nachdem wir uns etwas sammeln konnten, stellen sich erste organisatorische Fragen. Wie geht es weiter? Kann mein Mann mit im Krankenhaus bleiben? Uns wird eine natürliche Geburt empfohlen. Das erscheint mir zu diesem Zeitpunkt wie eine unzumutbare Aufgabe. Der Gedanke, ein totes Baby in meinem Bauch zu tragen, ekelt mich an. Im Nachhinein bin ich sehr dankbar für die natürliche Geburt.


Wir müssen ein paar Anrufe erledigen. Meine und die Eltern meines Mannes informieren. Sie alle sind erschüttert. Es ist schlimm. Es schmerzt so sehr. Auch sie haben auf unser kleines Mädchen sehnsüchtig gewartet.


Am frühen Nachmittag beginnen wir mit der Einleitung. Diese schlägt sofort an. Nach 2 Stunden dürfen wir in den Kreißsaal. Am Abend bekomme ich eine PDA. Jetzt kann ich wieder Luft holen. Kann meine Gedanken nochmal versuchen zu sammeln.


Mein Mann hat die ganze Zeit immer wieder geweint. Es ist so traurig. Ich kann gerade nichts für ihn tun, weil die Wehen so schnell kommen und ich nur mit mir selbst beschäftigt bin. Ich möchte mich um ihn kümmern. Als die PDA wirkt, können wir reden. Reden auch über Träume und Planungen, die wir hatten für die Zeit nach der Geburt. Jetzt wird es anders kommen.

Abends um 22:20 Uhr kommst du. Schneller als wir alle dachten. Wir haben Gewissheit. Du lebst wirklich nicht. Irgendwie hatte ein winzig kleiner Teil meines Hirns gedacht, sie alle könnten sich geirrt haben. Wir hatten auf ein Wunder gehofft.

Liebe Frauke @kleenemauke, danke für deine Geschichte. Ida wird niemals vergessen werden!

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