Deine Geschichte · Folgewunder · Gastbeitrag

Vier Worte

Als wir 1998 unser zweites Kind erwartet haben, war es eine ganz normale Schwangerschaft. Jedenfalls so lange, bis ich eine Woche vor dem errechneten Geburtstermin morgens plötzlich Blutungen hatte. Also organisierten wir schnell die Oma als Aufpasser für unseren Großen und fuhren ins Krankenhaus.

Schon auf dem Weg merkte ich, dass irgendetwas nicht stimmte. Ganz und gar nicht stimmte.Die Hebamme, die uns am Kreissaal empfing, bat uns in den CT-Raum und suchte die Herztöne. Ich hielt die Hand meines Mannes und wollte sie nicht mehr los lassen. Immer wieder schauten wir uns verwirrt und verzweifelt an. Schließlich meinte die Hebamme, das müsse sich ein Arzt anschauen. Also ging sie mit uns in einen anderen Raum und ein Arzt kam dazu. Er machte einen Ultraschall und dann kam das, wovor wir so große Angst hatten. Ein trockenes: „Ja, es ist tot.“ 

Vier Worte, die unsere Welt zusammen fallen ließ. Vier Worte, die alles für uns veränderten. Vier Worte, die unser Leben total aus den Fugen geraten ließen.

Ich drückte verzweifelt die Hand meines Mannes. Wir fingen an zu weinen. Der Arzt hatte keine weiteren Worte für uns. Für ihn war die Sache damit erledigt. Er überließ uns wieder der Hebamme. Unsere Welt war eingestürzt. Wir wussten nicht, was nun passieren würde. Ich weiß, dass ich noch dachte, warum sind alle so ruhig und holen unser Kind nicht und beleben es wieder. Ich war verängstigt, verzweifelt, überfordert.

Ich bin so froh, dass die Hebamme ganz anders als der Arzt war. Sie nahm sich Zeit für uns. Sie merkte, wie überfordert wir waren. Sie erklärte uns ganz sanft, dass wir die Geburt jetzt einleiten würden. Sie ließ uns Zeit für uns alleine. Alles war für uns wie in einem Traum – einem Alptraum.Wir wussten zu diesem Zeitpunkt noch nicht das Geschlecht unseres ungeborenen Kindes. Wir waren uns auch auf einmal nicht sicher, was wir nun wollten. Wollten wir das Kind – unser Kind – sehen, anfassen, halten. Durften wir das denn überhaupt? Unsere Hebamme redete mit uns, machte uns Mut. Stand uns zur Seite, wenn wir sie brauchten und ließ uns allein, wenn wir Zeit für uns brauchten. Ich bin so froh, dass sie da war.

Keine neun Stunden, nachdem diese vier Worte unsere Welt zum Einsturz gebracht hatten, hielten wir unser zweites Kind, unsere erste Tochter im Arm.Sie war perfekt. Ein bildhübsches, kleines, vollkommenes Wesen. Wir waren so stolz auf unsere Kleine.

Die Hebammen machten ein paar Fotos von ihr. Sie nahmen auch einen Fußabdruck für uns ab. Auch wir machten Fotos. Im Nachhinein viel zu wenige. Aber in dem Moment wollten wir sie nur halten. Bei ihr sein. Bei unserer Saskia.Wir durften im Kreißsaal mit ihr bleiben. Man bot uns an, auf ein Zimmer zu gehen. Da hätten wir sie aber nicht mitnehmen dürfen. Das wollten wir nicht. Wir wollten die wenige Zeit, die wir mit ihr hatten, auch mit ihr verbringen.

Irgendwann abends kam dann der Moment, wo wir gehen mussten. Es war so schwer, sie zurückzulassen. Alles in mir schrie, ich muss mein Kind mitnehmen. Ohne meinen Mann hätte ich es niemals geschafft zu gehen.


Ein Jahr und fünf Tage später hielten wir unser Folgewunder im Arm. Unser drittes Kind, unsere zweite Tochter, kam als Sternenguckerin zur Welt. Das war wunderschön, denn ich war mir sicher, Saskia war dabei. Sie hat ihre kleine Schwester auf dem Weg in die Welt begleitet.Auch unser viertes und fünftes Kind wurden Mädchen. Wir haben dann gesagt, Saskia hat uns immer Mädchen geschickt.
Unsere lebenden Kinder sind von klein an damit groß geworden, dass sie noch eine Schwester haben. Das war uns immer sehr wichtig. Wir haben fünf Kinder. Auch wenn die Menschen nur vier sehen können.Für mich ist jedes meiner fünf Kinder etwas ganz besonderes und ich bin froh, sie alle zu haben. Meinen Großen, mein Sternenkind und meine drei Regenbogenkinder. Ich bin stolz auf alle fünf.“

Meine Geschichte nenne ich „Vier Worte“, da nur vier Worte alles für uns geändert haben.

Liebe Bianca @bnc_rnst, danke für deine Geschichte. Saskia wird niemals vergessen sein!

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