Deine Geschichte · Folgewunder · Gastbeitrag

Kinderwunsch nach der stillen Geburt

Meine Hoffnung auf ein Folgewunder nach Paulinas stiller Geburt erschien für mich der einzige Weg, mit diesem Verlust weiterleben zu können. Und doch war es ein Wechselbad der Gefühle – ein Kampf zwischen Verstand und Herz.


Mein Herz gehört in dieser Zeit einzig und allein Paulina, weiß aber um den Verlust und trauert. Ich vermisse mein kleines Mädchen so sehr, dass es schmerzt. Seelisch wie körperlich. Jede einzelne nicht gelebte Sekunde ihres Lebens scheint symbolisch wie lauter unendlich viele Steine auf meinem Herzen zu liegen, dass mir manchmal fast die Luft zum Atmen wegbleibt. An manchen Tagen sind dieser Verlust und diese Trauer so präsent, dass nichts anderes mehr Platz hat. Fast erscheint der Schmerz mir nur erträglich zu sein, wenn ich mich völlig abkapsle von jeglichen Menschen und Gemütsregungen. Wenn ich vielleicht gar keine Gefühle mehr zulasse? Hört es dann irgendwann auf, so schrecklich weh zu tun?


Mein Verstand sagt einerseits: Lass dir Zeit….
• dein Körper hat gerade Schwerstarbeit geleistet. Er ist vermutlich immer noch im eigentlichen Schwangerschaftsmodus, schließlich wäre Paulina erst im November zur Welt gekommen. Vergiss nicht, du warst innerhalb von weniger als einem Jahr zweimal schwanger. Wäre da eine 3. Schwangerschaft innerhalb so kurzer Zeit nicht zu viel?
• Komm zur Ruhe und sammle neue Kräfte.
• Es braucht eine Weile, um mit dem Verlust und den ganzen Erlebnissen erst mal klar zu kommen.
• Warte lieber mit dem Folgewunder, auch aus Respekt gegenüber Paulinas Tod.

Mein Verstand sagt mir aber auch: Warten? Wozu und worauf?
• Ach was! Kann man jemals mit den Erlebnissen klarkommen?
• Wann wäre denn „genug getrauert?“
• Und nur ein Baby im Arm wird dir Paulinas Verlust erträglicher machen.
• Und vor allem: Zeit? Zeit hast du als Ü40-Frau leider keine mehr! Ich sag nur: Tick, tick, tick….
• Leg los, so schnell wie möglich, jeder Zyklus zählt.

Mein Kopf gleicht seitdem noch mehr denn je einem Gedanken-Pin-Pong-Spiel und ich stehe völlig hilflos dazwischen. Denn jeder einzelne Gedanke, den mir mein Verstand bezüglich des „richtigen Zeitpunktes“ sendet, hat seine Berechtigung. Leider. Obendrauf kommen all die zusätzlichen Gedanken und Emotionen, die mir außerdem auch noch völlig ungefiltert durch den Kopf schwirren: Ich weiß nicht wie ich ohne Paulina weiterleben soll. Werde ich daran zerbrechen? Was, wenn es nicht klappt mit einem Folgewunder? Was, wenn auch dieses Kind nicht bleiben wird? Wird Alfa mich verlassen, wenn ich nicht bald wieder in „Normalspur“ komme? Ich habe das Gefühl: ich weiß gar nichts mehr! Nichts scheint mehr seine Gültigkeit zu haben. Nichts scheint irgendwie zu helfen. Ich fühle mich völlig hilflos und alleingelassen sowie völlig ohne Hoffnung und abgrundtief verzweifelt. Es gibt Tage, da wünsche ich mir, mein Kopf hätte eine „Pause“-Taste, die es leider nicht gibt. So fühle ich mich diesen Hin und Her in meinem Kopf völlig ausgeliefert. Auf nichts finde ich eine sinnvolle Antwort. Ich weine und weine bis zur völligen Erschöpfung, bin kraftlos und dauermüde.


Auch meine Emotionen scheinen sich fast sekündlich abzuwechseln. Wie gesagt, Verzweiflung, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit sind meine Dauergäste und reißen mich völlig in den Abgrund. Irgendwann merke ich, dass meine Ignoranz, meine mangelnde Bereitschaft, diese unabänderliche Situation zu akzeptieren, mir das Leben doppelt schwermacht. Denn anstatt zu versuchen, damit klar zu kommen, hänge ich einen Schritt davor noch fest. Ich hadere immer noch daran, dass es uns passiert ist. Kann und will das alles einfach nicht akzeptieren. Ich will das alles so nicht erleben! Ich will, ich will, ich will nicht. Wie ein trotziges Kind komme ich mir manchmal selbst vor. Es fehlt nur noch, dass ich trotzig aufstampfe, was ich am liebsten tun würde. Denn es ist so ungerecht! Sofort ist er auch noch da: der Neid und scheint mich beinahe aufzufressen. Die Bitterkeit gegenüber allen Frauen, die ein gesundes Kind haben und das wahrscheinlich gar nicht zu schätzen wissen. Weil es ja so einfach und normal ist!!! Solche Gedanken verdrängen wenigstens kurz die Verzweiflung – und steigern sich letztlich hoch in Ärger und Wut. Manchmal erschrecke ich selbst vor mir. Erst liege ich völlig apathisch auf dem Sofa. Dann kommt dieses Gedankenspiel in mir hoch und plötzlich habe ich das Gefühl, mein Sofakissen an die Wand pfeffern zu müssen….


Dass das alles für meinen Partner nicht einfach und nachvollziehbar ist, verstehe selbst ich in meinem vernebelten Zustand. An vielen Tagen weiß ich ja selbst nicht mal, was mit mir los ist und welche Emotion gerade Oberhand hat.

All das ist nicht greifbar und doch so präsent. Mein Körper ist das einzig sichtbare Zeichen: Nichts erinnert im Außen mehr an meine Schwangerschaft. Und doch ist nichts mehr wie davor. Mein Körper zeigt mir mehr als deutlich: Er ist immer noch im Ausnahmezustand. Das muss mir niemand sagen, das spüre ich mit jeder Faser:


• Von einem regelmäßigen Zyklus bin ich gefühlt noch meilenweit entfernt. Aber ist es ihm zu verdenken? Er hat ja auch innerhalb von kürzester Zeit unfassbares geleistet: Eigentlich war mein Körper auf „Schwangerschaft erhalten“ eingestellt. Daher hat er auch eine Zeit gebraucht, tapfer verteidigend gekämpft bis er bereit war Paulina doch vorzeitig freizugeben. Was er sonst mit Übungswehen und was weiß ich alles in ein paar Monaten vorbereitet, musste er innerhalb weniger Stunden leisten. Dann direkt nach der Geburt plötzlich Milcheinschuss. Normalerweise hat der Körper auch hier die letzten SS-Wochen dafür. Dann musste ich Medikamente schlucken, damit alles wieder zurück geht…. Mein Körper denkt sich wahrscheinlich: Was ist denn jetzt los????
• Wenigstens konnte ich ihm die Ausschabung ersparen. Dafür bluteten jetzt die letzten Plazenta-Reste über Wochen schon aus. Manchmal fühle ich mich deswegen völlig leer, schlapp und schwindelig. Später erfahre ich, dass die Eisenspeicher leer waren – eigentlich nicht verwunderlich!
• Die unruhige Psyche lässt auch den Körper nicht zur Ruhe kommen. Mir ist kalt mitten im Sommer, ich habe ständig Kopfschmerzen und mir ist schwindelig. Der Schlafrhythmus ist völlig aus dem Ruder gelaufen: Entweder fällt mir schwer, und ich wälze mich ewig schlaflos hin und her. Oder ich lege mich hin und bin innerhalb von Sekunden im Tiefschlaf für die nächsten 10 Stunden, um dann trotzdem wie gerädert aufzustehen.

Am schwersten macht mir aber meine Seele zu schaffen. Sie meldet sich vor allem nachts. Wenn mich nicht ablenken kann. Wenn ich schlaflos im Bett liege und diese abgrundtiefe, innerliche Kälte spüre. Dann spüre ich diese gnadenlose Verzweiflung, dass nichts auf der Welt mir die verlorene Zeit mit Paulina zurückbringen kann. Dass dieses nicht gelebte Leben meines kleinen Mädchens ein tiefes Loch meines eigenen nicht gelebten Lebens ist. Das jeder Tag, den ich jetzt erlebe, ein bedeutungsloser und trotzdem unwiederbringlich vergangener Tag ist. Aber völlig sinnlos, weil ich immer noch keine Mama sein darf. Worte wie „Niemals“ „Tod“ „für immer verloren“ schmerzen wie Messerhiebe. Dann vernichten Gedanken wie „wie wärst du gewesen, mein Mädchen“ jeglichen Schritt nach vorne. Es dreht sich immer wieder darum, dass etwas so NIEMLAS sein wird und ich gar nichts dagegen unternehmen kann. Meine Seele schreit nach einer Erklärung: „Warum“…. Warum musste das passieren? Warum Paulina, warum wir? Was haben wir denn verbrochen? Die Frage ist so sinnlos wie wenig hilfreich, weil man niemals eine befriedigende Antwort finden wird. Denn selbst wenn es medizinisch erklärbar wäre – gäbe es immer noch die Frage: warum ist UNS das passiert. Eineendlos-Dauerschleife…


In all dem Gefühls- und körperlichen Chaos erscheint nur eine einzige Hoffnung Linderung zu ermöglichen: ein Folgewunder. Am liebsten wäre es mir, es wäre schon so weit. Denn ich spüre keinerlei Kraft und Energie wieder – wie beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel – bei Null zu beginnen. Irgendwie bin ich insgeheim froh, dass mein Frauenarzt mir eine „Wartezeit“ von 3 Monaten empfohlen hat, außerdem mein Körper noch nachblutet. Es kommt mir selbst wie eine Schonzeit vor, die ich ehrlicherweise aber auch brauche. Was nach den 3 Monaten ist, dass weiß ich noch nicht. Vielleicht bin ich ja dann emotional schon einen Schritt weiter – vielleicht habe ich ja dann sogar langsam wieder Lust. Wir werden sehen…


Denn auch wenn ich derzeit nicht viel weiß: eins ist sicher: Aufgeben werde ich nicht. Ich möchte Mama werden, Mama sein und Mama bleiben, mit jeder Faser meines – noch geschwundenen – Körpers.

Liebe Tina @atina_1000, wie immer danken wir dir für deinen wertvollen Beitrag!

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