Deine Geschichte · Gastbeitrag

Eine Tochter ohne Mutter, eine Mutter ohne Kind

Die Ausschabung nach Missed Abortion ist jetzt vier Wochen her. Vier Wochen, in denen ich mich so weit von mir selbst entfernt habe, wie nie zuvor.

Ich bin 33, lebe mit meinem Mann und unserem 19jährigen Pflegesohn in einem kleinen Haus, wir reisen gern, haben Hund und Pferd, ich arbeite als Sozialarbeiterin. So weit, so unspektakulär.


Seit diesem Moment vor vier Wochen, bin und habe ich immer noch all das – und dennoch ist es nicht mehr so, wie es war. Oder wie es ja doch eigentlich immer noch ist.

Ich hatte nie einen ausgeprägten Kinderwunsch. Ich mag Kinder, setzte aber immer andere Prioritäten. Ich bin ein sehr freiheitsliebender Mensch, bin viel unterwegs und war, simpel ausgedrückt, nie sonderlich scharf darauf, dieses bunte, aktive, freie Leben aufzugeben. Ich weiß, dass sich an dieser Formulierung hinsichtlich dessen, ob ein Kind das Leben einschränkt die Geister scheiden, aber ich empfand es für mich immer so. Empfinde es vielleicht jetzt noch so.

Ende September verstarb meine Mutter. Sie war unheilbar krank gewesen und dennoch…auf so etwas bereitest du dich nicht vor. Wie es für mich üblich ist, stürzte ich mich daraufhin in ausgeprägten Aktionismus. Aufgrund der räumlichen Entfernung zu meinen Eltern reiste ich 600km zu meinem Vater und organisierte und regelte die darauffolgenden Wochen alles, um ihn zum Zeitpunkt meiner Abreise bestmöglich unterstützt zu wissen. Nach meiner Rückkehr ging ich sofort wieder arbeiten. Es folgten turbulente Wochen, im Verlauf derer ich irgendwann schwanger geworden sein muss. Während ich die Neuigkeit mit sehr gemischten Gefühlen aufnahm, freute mein Mann sich so sehr, wie ich es bei ihm in all den vielen Jahren unseres Zusammenseins nie und zu keinem Anlass erlebt hatte. Es versetzte mir beinah einen Stich zu sehen, dass sich hier offensichtlich gerade sein Herzenswunsch erfüllt hatte, der so konträr zu meinem war…oder einfach so viel ausgeprägter als bei mir. Zwar hatten wir in der Theorie schon mehrfach darüber gesprochen, dass er sich ein leibliches Kind wünscht und ich dem gegenüber eher zurückhaltend unterwegs war, aber alle Theorie ist eben auch nicht richtig greifbar und war daher, was eine Theorie letztlich immer ist – nebulös, surreal, noch weit weg.


Ich, im Gegensatz zu meinem Mann, konnte mich nicht richtig freuen. Ich nahm den Sachverhalt nun als gegeben an, besuchte die Termine bei der Frauenärztin und hielt mich an alle Ernährungsvorgaben und sonstwie gearteten Regeln, die dieser Umstand mit sich bringt, doch irgendetwas in mir sträubte sich. Zu keinem Zeitpunkt hatte ich den Impuls oder das Bedürfnis, jemandem von der Schwangerschaft zu erzählen. Kurz vor dem letzten, dem finalen Frauenarztbesuch, fuhren wir noch in einen Kurzurlaub, um unseren vierten Hochzeitstag zu feiern. In diesem Urlaub erlaubte ich mir eine erste vorsichtige Euphorie, wahrscheinlich auch von der Begeisterung meines Mannes angesteckt, der ich mich nicht mehr entziehen konnte. Wir schmiedeten erste Pläne rund um den Familienzuwachs und ich fand mich zunehmend mit meiner neuen Rolle ab, freundete mich sogar langsam damit an.

Am Tag nach unserer Rückkehr kam mein Mann erstmals mit zum Ultraschalltermin. Die Ärztin betrat den Raum, wir plauderten und scherzten, schließlich sollte geschallt werden. Und dann passierte das, was ich xfach gehört hatte, aber nie glauben konnte. Wenn es dein Körper ist, wenn du diejenige auf dem Stuhl bist, dann siehst du innerhalb des Bruchteils einer Sekunde, dass hier mit dem kleinen Lebewesen in dir etwas ganz und gar nicht stimmt. Es gab keine Herzaktivität mehr.

Woche 11, zeitgerecht entwickelt, Missed Abortion.

Es flossen Tränen, bei mir, bei meinem Mann, sogar bei meiner Ärztin. Sie organisierte noch für den selben Tag eine Ausschabung in einem Krankenhaus in der Nähe und da lag ich nun – voller Schuldgefühle meinem Mann gegenüber, dass ich seinen Traum zerstört hatte, voller Wut und Ekel auf meinen Körper, weil ich nicht gemerkt hatte, dass etwas nicht stimmt und auf mich selbst, weil ich nicht verstand, was für eine Frau ich eigentlich sei, die das Natürlichste der Welt nicht hinbekommt.

Das Urvertrauen, das man normalerweise in seinen Körper hat, war zerstört und ich schämte mich, vor allem vor den wenigen Menschen, die bis zu diesem Zeitpunkt von der Schwangerschaft gewusst hatten. Ich fühlte mich unzureichend. Da lag ich nun und hatte Wehen. Da lag ich nun und sollte entscheiden, ob wir an einer Sammeltrauerfeier teilnehmen wollten, die in vier Monaten stattfinden sollte – ein Zeitraum, der in meiner Situation meilenweit außerhalb meiner Vorstellungskraft lag. Da lag ich nun und sah meinen Mann leiden, wie ich ihn einige Zeit zuvor sich hatte freuen sehen – so sehr wie nie zu vor.


Der Eingriff selbst verlief zügig und ohne Komplikationen und ich wurde noch am selben Abend entlassen.
In den darauffolgenden Tagen und Wochen fühlte ich mich wie eine leere Hülle, so, als schaute ich mir selbst dabei zu, wie ich völlig überfordert und traurig vor einem nahezu unüberwindbaren Berg an zu bewältigenden Gefühlen stand und keinen Meter vorwärts kam. Ich war am Ende dessen angelangt, was ich als Mensch zu verarbeiten in der Lage war. Es war völlig gegen mein Naturell, das Geschehene einfach akzeptieren zu müssen, ohne Antwort auf das Warum und ohne die Möglichkeit, eine Lösung zu finden.

Ich fühlte mich unendlich einsam, obwohl ich Unterstützung hatte und Zuspruch bekam und ich fühlte mich den Gedanken in meinem Kopf hilflos ausgeliefert. Immer wieder fragte ich mich, ob ich nun schon eine Mama gewesen war, ob es überhaupt mein Recht, ist mich als das zu bezeichnen und wie intensiv ich trauern darf um etwas, was laut vielfacher Meinung ‚ja noch gar kein richtiger Mensch war‘ und um ein Geschehnis, was ‚dauernd so früh in der Schwangerschaft passiert‘; ich hörte tausendfach die gleichen Sätze, die mir nicht halfen, fand mich in Statistiken, die ich nun offenbar erfüllte – ich kannte und verstand all das und erkannte dennoch keine Verbindung zu meiner Geschichte; ich las immer wieder Texte und Geschichten von Frauen, denen das Gleiche passiert war und fand mich doch in keinem so richtig wieder.

Ich stieß auf Berichte und Schilderungen von Frauen, die ein Nachfolgebaby bekamen, ein Regenbogenkind, und die dadurch ein Stück weit Heilung für ihren Schmerz erfuhren. Ich sah mich nicht so. Ich erfuhr, dass erst ab der dritten Fehlgeburt entsprechende Untersuchungen zur Ursache durchgeführt werden. Ich sah mich nicht mal eine zweite Fehlgeburt durchstehen. Was ich aber sah, waren die vielen Schwangeren und Muttis um mich herum, denen ich kaum mehr unter die Augen treten konnte.


Hatte ich das Kind überhaupt doll genug gewollt? Hatte die Natur gemerkt, dass ich kaum einen reellen Kinderwunsch hatte und hatte sie mir nun die Entscheidung abgenommen? Und war das überhaupt noch so?
Ich war innerhalb von drei Monaten eine Tochter ohne Mutter und eine Mutter ohne Kind geworden. Ich suchte nach meinem Platz im Leben, war orientierungslos und erschöpft.

In diesem Text schreibe ich ‚war‘ und ‚hatte‘ und lasse es so aussehen, als sei das alles abgeschlossen. Das ist es nicht. Ich fühle jeden Tag exakt das, was ich hier niedergeschrieben habe, es ist in der Vergangenheitsform einfach nur weiter weg. Beinahe so, als beträfe es mich kaum noch. Das schützt mich und hilft mir für den Moment, ist aber in Wirklichkeit der blanke Selbstbetrug.


Das Leben um mich herum läuft wieder in seinen geregelten Bahnen. Nur ich stehe noch immer auf dem selben Fleck – kann nur schwer allein sein, ertrage dennoch kaum Gesellschaft; bin immerzu müde und kann trotzdem nicht schlafen; will reisen und Pläne machen und es kommt mir wie Weglaufen vor. Früher lachte ich jeden Tag, jetzt weine ich jeden Tag.
Wenn das Leben so aus den Fugen gerät, dann ist das unfassbar und nicht zu begreifen.

Liebe Tine, danke für deine Geschichte und deine Offenheit. Wir hoffen, du gewinnst die Orientierung in deinem Leben zurück!

5 Kommentare zu „Eine Tochter ohne Mutter, eine Mutter ohne Kind

  1. Danke liebe Leidensgenossin du stehst nicht allein da, obwohl ich schon eine vierfache Mutter bin, mein kleiner Schatz ist auch in der 21 ssw gegangen und diese Lücke ist genau so wie du sie beschreibst,fühle dich gedrückt und mein Herz liches beileid wegen deiner Mutter, nun ist ist dein Baby bei ihr und schützen dich…. lg Laura

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  2. Liebe Tine,
    vielen Dank für deine Offenheit. Ich bedauere deinen Verlust. Es ist nicht mehr wichtig, wie doll (oder nicht) du dich auf dein Kind gefreut hast. Du hast etwas sehr wichtiges verloren und du darfst trauern. Du musst es sogar- leider. Denn nur so kannst du irgendwann heilen. Die Schmerzen und das Leid, das du jetzt empfindest, sind eine Form deiner Liebe. Vermissen ist eine Form der Liebe. Du hast dein Kind geliebt. Und du hast nicht nur ein Kind verloren sondern auch eure Zukunft mit dem kleinen Wunder. Deshalb tut es bis heute so weh. Vielleicht hast du dich irgendwann an den Schmerz gewöhnt, vergehen wird er nicht. Vielleicht kannst du die Trauer irgendwann wie eine Freundin empfangen, als Verbindung zu deinem Kind. Aber auch das liegt in weiter Ferne. Bitte versuche nicht dir die Schuld zu geben, denn dafür gibt es keinen Grund. Tod ist Chaos und Willkür. Gib dir Zeit zum Begreifen. Suche dir eine Gemeinschaft, fühle dich nicht weniger der Gemeinschaft zugehörig, denn dafür gibt es keinen Grund. Du bist jetzt leider in diesem unfreiwilligen Club der Sterneneltern. Aber hier wartet sehr viel Liebe, Support und Verständnis auf dich 💙

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  3. Du bist in Trauer, Mutter
    Und plötzlich ist das vertraute fort
    Sie war krank,hat dir das Leben geschenkt
    Es sind rationale Gründe
    Emotional ohne Mama das ist schon ein Kontinent der einfach in unser Leben klafft
    Die Schwangerschaft war leise,sie kam einfach und ging einfach so
    Um wenn sollst du weinen
    Beide haben dich Mutterseelen alleine gelassen
    Um dich ,du darfst alles um zu weinen,schreien,trommeln um etwas zu fühlen egal ob welcher Nuance
    Was hilft das trauerabc und reden

    Den Rest wird sicherlich allmählich im Trauerjahr abzeichnen …

    Ich halte leise deine Hand

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  4. Liebe Tine,
    Mir geht es haargenau so wie dir. Ich habe nun mittlerweile mehrere Fehlgeburten hinter mir und eine Eileiterschwangerschaft. Bei jedem Mal habe ich mich gefragt, wie viel ein Mensch aushalten kann? Wie viele Fehlgeburten braucht es, bis die Schwangerschaft normal verläuft? Wie viele Anläufe benötigt mein Körper denn noch?
    Mein Körper sendet mittlerweile direkt nach der Empfängnis Symptome einer Schwangerschaft, die ich mittlerweile als sicheres Anzeiche wahrnehme. Erst vor kurzem hatte ich ganz starke Anzeichen, bis die Blutungen wieder kamen und es auch klumpig wurde… danach verschwanden die Symptome wieder.
    Ich mache mir mittlerweile riesige Vorwürfe. „Ich bekomme das Natürlichste der Welt nicht auf die Reihe.“
    Mein Freund und ich können uns mittlerweile schon gar nicht mehr über einen positiven Schwangerschaftstest freuen, weil dieser für uns nur zerstörte Hoffnung darstellt.
    Ich sehe und fühle mich auch nicht als Mutter, sondern als Versagerin.
    Und wann das endlich vorüber geht, weiß ich nicht. Ich versuche, nicht zu zerbrechen und trotzdem zu lächeln und zu hoffen, aber es wird von Mal zu Mal schwerer.

    Fühl dich ganz fest gedrückt. Und danke für deine Worte, dadurch weiß ich, ich bin nicht allein… das gibt ein wenig Kraft.

    Liebe Grüße
    Domi

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    1. Liebe Domi, du bist nicht allein. Ganz sicher nicht. Vor lauter happy Baby-News vergisst man leider immer wieder, wie viele Frauen im Stillen darunter leiden, eben keine Baby-News verkünden zu können. Ich kann dich sehr gut verstehen. Viel zu lange ging es mir genauso. Man muss ich selbst immer wieder aus dem Loch holen und aufhören sich selbst als Versagerin zu verteufeln. Denn das sind wir/bist du nicht. Ja, es ist da Natürlichste auf der Welt. Aber eben auch ein extrem komplexer körperlicher Vorgang, den man nur zu einem ganz begrenzten Teil beeinflussen kann. Ich persönlich habe erlebt, dass der Blick auf das Leben von Periode zu Periode immer enger und immer dunkler wird. Weil der Fokus nur noch auf dem Kinderwunsch klebt. Weil er ja eben auch so unfassbar wichtig ist. Aber dadurch vergisst man zu leben, dadurch verpasst man zu leben – bis es soweit ist – oder eben nicht (wie in meinem Fall). Fühl dich ganz fest gedrückt von mir – von all den stummen Sternenmamas dieser Welt. Wir fühlen mit dir – wir fühlen das gleiche wie Du. Schön, dass du uns deine Gefühle mitgeteilt hast. Wieder eine mehr, die nicht (nur) still leidet. Ganz liebe Grüße Martina 🙂

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