Deine Geschichte · Folgewunder · Gastbeitrag

2. Brief an unsere Tochter Luisa

Liebe Luisa

Ich möchte heute darüber schreiben wie es mit unserer Geschichte weiter ging:

Ich weiß noch ganz genau, wie ich mich gefühlt habe, nach dem du zu den Engeln gereist bist und wir deine Beerdigung organisiert haben. Es lief alles wie in einem Film ab. Ich funktionierte wie ein Roboter. Ich stand noch unter Schock. Meine Sicht war wie durch einen Nebel. Ich konnte meine Gefühle nicht wahrnehmen, geschweige denn mich richtig spüren. Das war Eigenschutz, den sonst hätte ich das alles bestimmt nicht überlebt. Du fehltest am jeden Ende. Egal was ich versucht habe zu tun oder zu machen. Alles kam mir so unreal vor, so unwichtig. Für meine ältere Tochter versuchte ich den Alltag weiter zu führen. Wie eine Maschine erledigte ich meine Aufgaben.

Dann nach ca. 4 Monaten der Zusammenbruch. Plötzlich lichtete sich der Nebel und der ganze Schmerz und die Trauer der letzten Monate kamen hoch. Dieser Schmerz war kaum auszuhalten. Weinen und Reden half mir alles zu verarbeiten. Es half nur die Gefühle zu zulassen, um nicht krank zu werden. Jeden Abend fuhr ich zu deinem Grab. Weinte um dich und was passiert ist. Legte ein Fotobuch an. Dein Papa und deine große Schwester bauten eine Blumenwiese in unserem Garten, um immer frische Blumen für dein Erdenbettchen zu haben. Wir entwickelten eigene Rituale um dich in unserem Alltag zu integrieren.

Ich fühlte wie meine Reise zu mir selber begann. Dein Tod hat mich völlig zu Boden gerissen. Alles war kaputt. Ich musste meine Gefühle wahrnehmen, schauen, wer ich bin und spüren, was ich brauchte. Du zeigtest mir den Weg zu mir selbst. Vor deinem Tod war ich im außen mit meiner Wahrnehmung. Ich wusste, was die Anderen für Bedürfnisse hatten, kannte meine eigenen nicht. Jetzt weiß ich was ich möchte und was mir gut tut. Mir war wichtig was andere von mir denken.

Das wurde mir in der Trauerverarbeitung bewusst, wie wichtig es für mich war, was andere von mir denken. Nach außen schien bei uns alles immer perfekt zu laufen. Wir waren ein glückliches Paar, wünschten uns ein Kind. Bekamen eine wunderschöne Tochter. Alles lief nach Plan. Dann kamst du krank zur Welt. Alle bei uns im Ort wussten was passiert ist. Nichts war mehr perfekt, nichts lief mehr nach Plan. Und weißt du was, für mich sind wir die unperfekte perfekte Familie. Mir ist egal geworden, was andere von mir denken. Keiner kann mich glücklich machen, nur ich selber bin für mein Glück verantwortlich. Und diese Erkenntnis Luisa habe ich nur dir zu verdanken. Meine Leben hat mehr an Qualität gewonnen! Ich bin dankbarer für mein Leben und die Menschen die an meiner Seite sind.

Ich nahm meine Trauer sehr ernst und versuchte meine Gefühle wann immer es ging freiem Lauf zu lassen. Ich verkroch mich nicht zu Hause. Ich ging bald wieder raus und merkte, wie schwierig der Weg in der Öffentlichkeit war. Ich merkte schnell, wie schwer es manchen Menschen und Bekannten fällt, mit mir über DICH zu reden. Wie unterschiedlich die Menschen auf deinen Verlust reagierten. Egal wann und wo ich auf jemanden traf, die Reaktionen waren ganz unterschiedlich. Viele versuchten die richtigen Worte zu finden, waren dann oft peinlich berührt. Andere steckten den Kopf ein und gingen schnell weiter. Ich war oft gekränkt. Doch ich lernte es nicht persönlich zu nehmen.

Als ich dann mit deinem Bruder schwanger wurde, trauten sich die Leute plötzlich wieder mehr mit mir zu reden. Doch kam wieder eine neue Herausforderung auf uns zu. Nicht alle aus unserem Ort wussten, dass es meine 3. Schwangerschaft war. Wenn jemand fragte, wie es mir den jetzt in der 2. Schwangerschaft ging, korrigierte ich sofort. Fragende Blicke. Dann erzählte ich über DICH.

Die meisten waren völlig irritiert. Aber ich war egoistisch. Mir war in diesem Moment egal, wie sich die anderen dabei fühlten. Viele entschuldigten sich gefragt zu haben. Für mich war es kein Problem. Ich redete gern über DICH. Oft entwickelten sich dann ganz offene Gespräche. Und manchmal passierte es, dass sich die Menschen öffneten und sich auch verletzlich zeigten. Erzählten dann über die eigene Schicksale und Geschichten. Das anfangs oberflächliche Gespräch entwickelte eine Tiefe. Eine kurze Verbundenheit entstand.

Was ich aber überhaupt nicht aushielt war, wenn jemand sagte, jetzt sei alles wieder gut, weil dein Bruder letztes Jahr im Sommer gesund zur Welt gekommen ist. Da stellte ich sofort klar, dass unser Sohn nichts mit der Trauer und dem Schmerz von dir zu tun hat. Niemand kann und soll dich ersetzen. Du hast einen fixen Platz in unserer Familie, daran wird sich niemals etwas ändern. Wieder fragende Blicke der anderen. Aber ich nahm da keine Rücksicht. Und das habe ich gerade in der letzten Zeit gelernt durch Dich, liebe Luisa. Ich habe gelernt, meine Grenzen wahrzunehmen. Ich weiß jetzt mehr wer ich bin und was ich möchte. Auch viele andere Menschen hast du die Augen geöffnet und gezeigt was wirklich wichtig ist im Leben.

Zum Schluss möchte ich sagen, dass mir nach deinem Tod schnell bewusst geworden ist: entweder ich werde an dieser Herausforderung zerbrechen, oder ich schaffe es meinen Weg zu gehen und mich weiterzuentwickeln. Es gab wirklich schlimme, schlimme Tage, und es werden noch viele kommen, das ist mir bewusst, aber ich glaube wir sind an unserer Geschichte gewachsen. Besonders die Folgeschwangerschaft mit deinem Bruder hat ein paar Wunden heilen können. Er hat wieder etwas mehr Sonnenschein und Glück in unsere Familie zurück gebracht. Mein Herz ist voller Wärme und Liebe durch meine Kinder, aber ein Teil wird immer gebrochen bleiben.

Danke liebe @d.a.n.i.e.l.a.p für deine Offenheit! Wie offen du zu deiner Luisa stehst, inspiriert bestimmt sehr viele Sternenmamas.

2 Kommentare zu „2. Brief an unsere Tochter Luisa

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