Allgemein · Folgewunder · Leben mit der Trauer · Trauerverarbeitung

Vom Eheaus und Sternenkindern

Nein, ich bin keine „frische“ Sternenmama mehr, mit Marie wurde ich schwanger als ich 25 war, nun werde ich dieses Jahr 30. Viel ist seitdem passiert, ich habe ein wundervolles Regenbogenbaby bekommen, wurde für genau dieses verlassen, lebende Kinder sind nunmal auf einer anderen Ebene pflegebedürftig als tote Kinder, bin seitdem alleinerziehend und immer noch bin ich eins: glücklich.

Meine Tochter, ihr Tod, es hat mich so gelassen gemacht. Schmerz durchleben, ein Tal durchschreiten, schlimme Erfahrungen, all dies hat soviel Potential für Wachstum. Jedes neue Schicksal hier berührt mich, der Mut dieses zu teilen. Denn es ist der erste Schritt wieder ins Leben zurück. Ich weiß wie schwer dies oft fällt, man möchte nicht weitergehen, sich nicht entfernen von seinem Kind was doch nur noch im Herzen lebt. Alles geht weiter während man selber doch so gerne stehen bleiben möchte, am Boden sitzen und sein Kind noch einmal halten möchte, es doch noch einmal spüren, riechen, anfassen möchte, aber es geht weiter und dieses „weitermachen“, es zerreißt einem das Herz, oft, immer wieder, jedes Mal aufs Neue in der Anfangszeit.

Alles verändert sich nach dem Tod des eigenen Kindes, man sich selbst, die Umwelt, die Wahrnehmung, Beziehungen, auch die eigene wenn vorhanden. Und genau darum geht es mir heute, denn ja es wird kaum angesprochen aber mehr als die Hälfte der Paar die den Verlust eines Kindes erleben müssen, trennen sich.

Marie starb im September, einer der letzten wunderschönen Tage im Jahr und mit ihrem Tod wurde es auch in unserer Ehe Herbst  und schließlich Winter. Ja, davon erzählt man nicht gerne, wir haben eine Trauer-Paar-Therapie gemacht aber er war nicht mal mehr auf ihrer Beerdigung. Während ich an Ihrem Grab fast zusammen gebrochen bin und meine Eltern mich gehalten haben war mein Exmann arbeiten. Eigentlich war da das Ende bereits geschrieben, ich kann es bis heute nicht begreifen wie man seiner eigenen Tochter die letzte Ehre nicht erweisen kann, meinem Mädchen. Trotzdem hielt ich fest, irrational, in Trauer, voller Muttergefühle die ich nicht ausleben konnte, einem Kinderwunsch den ich nicht im Griff hatte, ich wollte so gerne Mama sein, endlich mein Kind angucken können was atmet, warm bleibt und nicht wie eine kleine perfekte Porzellanpuppe in meinem Arm liegt, ein kleines Bündel was ich mit Nachhause nehmen darf, was ich nicht hergeben muss. Immer mehr lebte ich einer kleinen Scheinwelt wie so viele Frauen in schwierigen Beziehungen und auch nach dem Tod des Kindes. Ich habe so viel ertragen, hingenommen, dachte jeder trauert anders und ein lebendes Kind könnte uns das Glück und die Liebe von einst zurück bringen. Im Nachhinein denkbar undankbar, kein Kind der Welt kann etwas retten was nicht gerettet werden möchte. Dennoch dachte ich in meiner kleinen Welt es würde uns heilen, ihn heilen, sein Herz wieder öffnen.

Schwanger wurde ich in dem Monat als mein Exmann endlich den Mut hatte zu sagen, dass er erstmal keine Kinder mehr möchte, ich das Rezept für die Pille bereits eingelöst hatte und nach einem negativen Schwangerschaftstest auf meine Tage wartete. Mein Wunschkind, eigentlich wie  ich dachte unser Wunschkind kam, im letzten Moment. Für mich war es ein Geschenk, meine Rettung, für unsere Ehe war es das Aus.  Die Schwangerschaft von der ich dachte sie würde wunderschön werden, voller Vorfreude, voller Aufblühen, einem 2.Frühling, sie machte klar, dass die Kraft in mir mich trug aber auch veriet, ich wollte etwas erleben, was so einfach nicht existierte. Bei der Geburt war ich alleine, mein Alptraum auf Wolke 7. Endlich Familie und doch könnte ich ganze Bände füllen mit der Leere die damals in mir war in Bezug auf meinen Exmann, ich bin froh, dass ich stillen konnte, denn das Relaxhormon hat mich mit Sicherheit gerettet. Ich existierte für mein Kind, verdrängte alles , wollte so sehr Familie sein. Und nun, ja, bin ich ehrlich, ja das Geschlecht unseres zweiten Kindes spielte eine Rolle bei der weiteren Entfremdung von mir und meinem Exmann. Mein Exmann hielt seine Tochter im Arm, ein Mädchen was er nicht beschützen konnte , ein einziges Mal danach sagte er, er will ein Mädchen, nur ein Mädchen, eine Prinzessin und dann kam ein Sohn. Er hat nie wieder ein Wort darüber verloren, in all dem Stammhalter Geplapper  und „hauptsache gesund“ war kein Raum für seine Trauer um die Möglichkeit ein Mädchen seine Tochter zu nennen. Verdrängt, alles, jedes Gefühl, jede Emotion, ich weiß ehrlich gesagt nicht in wie fern er überhaupt noch an etwas in sich ran kommt. Heute ist es auch nicht mehr mein Problem, er hat uns auf eine Art und Weise behandelt und verlassen, die nicht mehr entschuldbar ist, egal wie tief seine Trauer um Marie sitzt, egal wie viel Trauma mit reinspielt. Und dennoch hat unsere Ehe rückblickend den Tod von Marie nicht verkraftet, der Sog der Vergangenheit war zu stark. Wir sind an unserem Sternenkind zerbrochen. Ich weiß, dass es viele hier gibt, deren Probleme ähnlich sind.

Was ich euch damit sagen will? Seid ehrlich zu euch, ich habe geschwiegen, bei jeder Misshandlung, egal ob körperlich oder seelisch habe ich geschwiegen, habe die Wahrheit so verdreht damit ich in ihr existieren kann, wollte meinem Exmann schützen, retten, helfen. Und nein, Marie ist mit Sicherheit nur ein Grund für das Eheaus, aber sicher eben auch ein Wichtiger. Macht euch klar, dass eine Beziehung nach einem Sternekind dennoch aus mehr als Verständniss und Rücksicht besteht. Ein Weg kann zwar gemeinsam besprochen werden, aber er muss auch gemeinsam gegangen werden. Und ja, es ist völlig normal, dass es manchmal hart ist. Wir haben viel geredet über unsere Probleme, ich habe viel geredet aber auf diese Gespräche muss auch etwas folgen, sonst sind es eben nur leere Worte die verhallen. Ein Sternenkind macht es schwer ja, aber es kann einen auch vereinen, in Liebe, gemeinsame Wege finden.

Und für die, die dies, so wie ich auch nicht geschafft haben, deren Beziehung /Ehe gescheitert ist, habt Mut. Manche Felder müssen abbrennen damit sie wieder fruchtbar werden. Ihr seid alleine nicht weniger wert, ihr seid wundervoll, ihr seid stark. Ihr seid Mama, ihr seid Papa auch ohne den anderen Elternteil.

Ein Kommentar zu „Vom Eheaus und Sternenkindern

  1. Liebe Gina,
    ich war dir auf Instagram gefolgt und finde dich dort nicht mehr. Hoffe sehr, dass es euch gut geht.
    Einen netten Gruß wenn du magst
    Kathrin

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