Deine Geschichte · Gastbeitrag · Leben mit der Trauer

Die Gezeiten der Trauer

Seit Paulinas stiller Geburt ist die Trauer mein ständiger Begleiter.
Sie gehört zu meinem Dasein, aber soll nicht mein Lebensinhalt sein.

So wichtig es ist diese Gefühle zuzulassen, mir die Augen rausweinen zu dürfen, mich einsam und verlassen zu fühlen. Genauso notwendig ist es auch, dass man bewusst Ablenkung und die langsame Rückkehr in den Alltag sucht. Vielleicht ist es nur so überhaupt möglich, dass diese Gefühle – vergleichbar wie Tag und Nacht, wie Ebbe und Flut – zwar immer wieder kommen, aber auch gehen.
Tja, und irgendwann kennt man die Gezeiten vermeintlich. Man spürt wie die Trauer kommt, wie sie ansteigt und alles überflutet. Dann steht erst mal alles still. Alles scheint für einen Moment nur noch dunkel, tief und uferlos zu sein. Aber man hat gelernt, dass die Trauer irgendwann an Intensität verliert, abebbt und letztlich wieder geht. Dass sich der Pegel senkt, die Wellen abfließen und der Blick endlich frei wird auf das weite Land. Dann ist für eine kurze Zeit wieder Platz für andere Dinge…
Doch dann gibt es diese Ausnahmesituationen wie die Jahres- und Feiertage. Oder weil die Regelblutung doch eingesetzt hat, auch wenn man fünf Tage drüber war? Oder weil man nicht vorsichtig war, rechtzeitig gegenzulenken? Diese Situationen scheinen das Gesetz der Gezeiten zu sprengen….
Dann erwischt einen die Trauer eiskalt, ohne Vorwarnung und rasend schnell mit noch viel größerer Wucht. Ohnmächtig spürt man, dass man plötzlich völlig hilflos von den Gezeiten mit rausgezogen wird? Dieses Mal erscheint wie die Ausnahme von der normalen Gezeitenregel zu sein. Man fürchtet, dass die Ebbe nie mehr kommen wird, sondern dass man völlig im tiefen Meer der Trauer versinken wird. Man ist sich fast sicher, dass die dunkle Nacht dieses Mal kein Morgengrauen mehr finden wird?
Man fühlt sich gänzlich allein und völlig fern von all den anderen, die mit trockenen Füßen vom sicheren Strand aus die Flut nur zu beobachten scheinen? Während man selbst jemand ist, der von den tosenden Wellen ins Wasser gerissen und ganz in das tiefe (Trauer-) Meer gezogen wurde? Völlig hilflos umhertrudelnd wie Treibgut? Man steckt inmitten eines wilden Strudels. Man hat das Gefühl, keine Kraft mehr zu haben, um ans rettende Ufer zu schwimmen. Spürt die Angst, dass man diesmal nicht mehr raus kommt aus dem Sog.
Instinktiv weiß man, dass kein rettendes Hilfsboot angeschwemmt werden wird, da nichts und niemanden von außen einem wirklich helfen kann. Weil der Feind im eigenen Kopf steckt. Weil man nur selbst diesen Schmerz im Herz und diese bleierne Schwere auf der Seele spürt.

Man erfährt, dass man nur sich selbst aus der Tiefe wieder hochbringen kann. Dass alle guten Ratschläge abperlen, solange man diese Gedanken nicht als die eigenen übernehmen kann.

Irgendwann hat man dann das Gefühl alle „Ratschläge“ schon gehört zu haben. Zumal ich meistens sowieso nichts anderes gehört wie: „Vertraue darauf, das klappt schon noch mit dem Folgewunder. Ein Kind im Arm, wird diesen Verlust am ehesten lindern.“ Was aber, wenn man schon selbst nicht mehr dran glaubt? Weil es schon so lange Zeit vergangen ist und sich dieses Wunder (noch) nicht eingestellt hat?

Deswegen hört man auf zu fragen. Man will sich und vor allem den Anderen diese schweren Momente und diese endlosen Wiederholungen ersparen. Man schweigt resigniert, weil die lichten Momente eh nie von Dauer zu sein scheinen. Irgendwann glaubt man selbst nicht mehr daran jemals wieder sowas wie Leichtigkeit zu spüren.

Dabei will man einfach nur „normal“ sein, man will doch bloß wieder Zuversicht und sowas wie Freude am Leben spüren.

Stattdessen hängt man fest im offenen Meer der Trauer, der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit. Dann liegt man wach in der dunklen, nie endend wollenden Nacht.

Man fühlt sich einsam und allein, völlig egal, wieviel Menschen um einen sind. Denn niemand scheint einen wirklich zu verstehen. Und niemand mehr will immer wieder das gleiche Leid hören. Also sagt man irgendwann auch nichts mehr, hofft nur noch, dass beim nächsten Wellengang das Meer einen ausgespuckt und wieder an Land treibt.

Da es bisher fast immer geklappt hat, hofft man es auch dieses Mal. Man zählt innerlich die Sekunden und wartet, dass dieses Spiel der Gezeiten bald wieder vorüber geht. Aber man fragt sich, woher man die Kraft nehmen soll für dieses immer wiederkehrende Schauspiel?
Mich scheint es extra schwer zu erwischen, weil ich von Haus aus ein emotionaler und pessimistischer Mensch bin, denn leider ist mein Blick eher auf den negativen Dingen, auf dem, was fehlt. Ich habe mir daher angewöhnt, all das Gute in meinem Leben und bewusst aufzuschreiben, eine Art Glückstagebuch zu führen.
Dadurch habe ich außerdem entdeckt, dass es mir guttut, wenn ich auch meine wirren Gefühle aufschreibe, um sie zu sortieren. Leider kann ich aber nur schreiben, wenn die tiefste Dunkelheit und der schwerste Seegang überwunden sind. Bis dahin treibe ich wie Treibgut auf offener See. Meine Gedanken kreisen, ich tauche unter im eiskalten Wasser und weiß, ich muss kämpfen. Dabei würde ich mich am liebsten müde und kraftlos unter der Bettdecke verkriechen bis die Flut abgezogen ist.

Ich weiß, ich sollte gerade dann darüber sprechen. Aber es geht nicht. Das schwarze Loch hält mich gefangen, scheint mich aufzufressen. Wenn ich ganz tief drinstecke, fällt mir selbst das Schreiben schwer. Weil ich das Gefühl habe, dass es niedergeschrieben nochmal schwerer wird. Weil man dann über etwas schreibt oder redet, was man selbst nicht mehr hören will. Doch gerade in dieser schwarzen Zeit wäre der Blick auf das trotzdem Positive wichtig. Und sei es nur die Freude eines leckeren Milchkaffees oder einer wärmenden Decke….

Im Nachhinein erkenne ich aus meinen Aufschrieben inzwischen die Fehler oder Gedankengänge, die dazu geführt haben, dass die Gezeiten der Trauer diesmal länger verharrt sind. Ein erster Schritt vielleicht ans dauerhafte sichere Ufer….
Aber im Moment ist es noch schwer einen konstanten Weg zu finden. Ich weiß, dass das Leben viele Farben und viele Facetten hat, ein Auf und Ab ist. Nur in den dunklen Moment scheine ich all das immer wieder zu vergessen. Wie ich das ändern kann, das weiß ich noch nicht.

Was ich aber sicher weiß: jeder muss selbst und auf seine ganz persönliche Art mit der Trauer und den Verlust zurechtkommen. Und man muss höllisch aufpassen, dass man nicht in der Trauer versinkt. Aber ich bin überzeugt, dass auch ich meinen eigenen Weg irgendwann noch finden werde. Denn ich will der Trauer nicht die oberste Priorität in meinem Leben geben. Man läuft sonst Gefahr vor lauter Trauer das Leben zu vergessen.

Liebe Tina @atina_1000, vielen Dank!

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