Deine Geschichte · Gastbeitrag · Leben mit der Trauer

Ja – Nein: Bin ich eine Mama?

Irgendwann in diesem langen Sommer nach Paulinas stiller Geburt überkommt mich plötzlich der Gedanke: „Bin ich jetzt eigentlich eine Mama?“ Wenn man mich fragen würde: „Haben Sie Kinder?“ was würde ich dann antworten? Antwortet man da mit „ja, eines, aber das ist leider verstorben?“
Leidlich kenne ich jetzt ja den Begriff „Sternenkind“. Soll ich etwa antworten: ich bin eine Sternenmama? Wenn mein Gegenüber so unbedarft ist wie ich es war, dann sagt ihm das gar nichts. Ich denke, das ist also auch keine geeignete Antwort.

In meinem Kopf grüble ich um bereits erlebte Situationen. Hat mir sowas jemand schon gesagt? Dann denke ich an meine ebenfalls verstorbenen Eltern. Was ich hier antworte… aber das hilft mir dann doch relativ wenig. Denn die Frage hier ist ja nicht „Haben Sie Eltern (wie bei den Kindern)?“ denn Eltern hat ja bekanntlich jeder. Man fragt hier eher: „Leben Ihre Eltern noch“ bzw. „Was machen Ihre Eltern …“ Dann kann man nur mit Ja oder Nein antworten, bzw. sagen: eine Eltern sind schon verstorben. Aber selbst das ist dann manchmal ein Schluck-Moment für mein Gegenüber.
Meinem ersten Impuls folgend werde ich also eher antworten: „nein, leider nicht“. Denn ich denke mal, diese Frage zielt doch auf die lebenden Kinder ab?

Umso mehr ich darüber nachdenke, umso klarer wird mir, dass ich selbst einen Unterschied mache. Wäre Paulina irgendwann nach der Geburt verstorben oder als (Klein-)kind… da würde ich sehr sicher mit „Ja, aber es ist leider verstorben“ antworten. Aber da meine kleine Paulina ja nie wirklich auf der Welt war, kaum jemand von ihr wusste, fällt es mir wirklich sehr schwer.
Obwohl ich Paulina in einem Kreissaal auf die Welt gebracht habe, fühle ich mich einfach nicht als Mama. Dabei lese ich im Netz, dass jeder anders damit umgeht. Aber die allermeisten Frauen empfinden sich als Mama… nur ich (noch) nicht. Läuft da was verkehrt bei mir??? Ändert sich sowas noch? Aber derzeit würde ich schon von diesem Gefühl her wohl eher mit „Nein, leider nicht“ antworten….

Vor allem könnte ich momentan noch nicht mit einem „ja“ antworten. Denn es würde weitere Fragen nach sich ziehen, z.B. Alter usw…. Das dann zu erklären, würde ich (noch) nicht schaffen….

Und ein „Ja, aber mein Mädchen ist leider schon verstorben“ um weitere Nachfragen zu unterbinden, ist dann doch ein sehr harter Brocken für einen leicht gemeinten SmallTalk. Denn so eine Frage stellt ja nur jemand, wenn man sich noch nicht gut kennt, oder wenn man sich gerade kennenlernt – sonst wüsste er es ja. Außerdem würde mir derzeit schon allein diese Tatsache aussprechen zu müssen, die Tränen in die Augen schießen.

Ich weiß nicht, was richtig ist….
Ein klares „Nein“ wäre sicherlich der einfachere Weg. Maximal mit einem mitleidigen „Schade“ müsste ich dann kämpfen. Aber ich wäre aus der Situation draußen. Und meistens erzählen dann – zumindest empathische Menschen – nicht von ihren eigenen Kindern, sondern wechseln sehr schnell das Thema.
Aber ist ein klares „Nein“ nicht auch irgendwie wie Paulina zu verleugnen? So, als hätte es sie nie gegeben? Aber das will ich auf keinen Fall. Sie ist meine kleine Tochter und das wird sie für immer bleiben. Und plötzlich fällt mir ein: Auch wenn meine Eltern tot sind – bin ich doch immer noch ihre Tochter. Das würde ja im Umkehrschluss bedeuten: Wenn tote Eltern eine Tochter hinterlassen – hinterlässt eine tote Tochter dann automatisch Eltern???? Krasse Erkenntnis, darüber muss ich mal weiter nachdenken…..

Also doch mit „ja“ antworten????
Andererseits kenne ich den Fragesteller ja noch nicht wirklich und vielleicht ist es sogar nur eine flüchtige Begegnung. Möchte ich wirklich jemanden Fremden auf die Nase binden, was mir passiert ist? Mein Innerstes nach außen kehren? Mich so verletzlich zeigen und verwundbar machen?
Sehr wahrscheinlich überfordere ich das Gegenüber mit meiner Geschichte auch. Er wollte nur lockeren Smalltalk machen und ich komme mit so einem Hammer daher.

Daher: darf man seinem unbedarften Gegenüber sowas überhaupt zumuten? Würde ich selbst in diese Lage selbst gebracht werden wollen? Denn wie kommt man aus so einer Situation denn wieder halbwegs normal raus? Dass die Erwähnung eines Todesfalles ein ziemlicher Stimmungskiller ist, das habe ich ja schon bei der Erwähnung meiner verstorbenen Eltern erlebt.

Jetzt sind seither schon über viele Monate vergangen und ich bin nie in diese Situation gekommen. Also kann ich nicht beurteilen, was ich spontan antworten würde.

Ich habe keine Ahnung, was hier richtig ist… vielleicht ist es wie so vieles: es gibt kein Richtig – kein Falsch….

Liebe Tina @atina_1000, danke für deinen Beitrag!

Ein Kommentar zu „Ja – Nein: Bin ich eine Mama?

  1. Hallo, ich weiss sehr gut was du meinst. Ich mache es immer vom Gespräch abhängig bzw von meinem Gegenüber. Es ist Situationsbedingt ob ich von meinen Kindern erzähle, die leider die Schwangerschaft nicht überlebt haben. Ich wurde in der 3. Schwangerschaft einmal gefragt die wievielte Schwangerschaft es für mich sei, und weil es sich einfach richtig anfühlte antwortete ich “ Es ist meine 3. Schwangerschaft aber das erste Kind an der Hand“. Mein Gesprächspartner ist damals ein Mann gewesen und seine offene Art ließ mich meine 2 anderen Kinder erwähnen.

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