Bestattung · Deine Geschichte · Gastbeitrag

Paulinas letzte Ruhestätte

Mit der bewussten Entscheidung für eine stille Geburt traf mich, wie wohl die meisten werdenden Sterneneltern, völlig unbedarft und unvorbereitet die Frage nach der Beerdigung von Paulina. Plötzlich musste ich mich mit Bestattungsrecht auseinandersetzen. Ich, die ich bis dahin im größten Glück war und nach Kinderwagen googeln wollte, musste mich plötzlich mit Fragen beschäftigen, die beinah nicht zu ertragen waren. Und doch mussten sie geklärt werden, weil die Zeit lief….

Schon relativ früh während der Wartezeit auf die Diagnose kam nämlich die Frage auf, was mit Paulina nach ihrem Tod passieren würde. Bis dato hatte ich mir überhaupt noch nie Gedanken über fehlgeborene Kinder gemacht. Bis dato hatte ich auch noch nie – weder im Familien- noch Freundeskreis von solch einem Schicksalsschlag etwas mitbekommen, von frühen Fehlgeburten schon, aber nicht von einer stillen Geburt. Aber klar, da würde ja plötzlich ein kleiner Mensch da sein….

Also setzte ich mich an den PC und wollte meine Fragen schon in die bekannte Suchmaschine eintippen, wie es inzwischen ja schon Normalität ist. Aber diesmal war es nicht so einfach und selbstverständlich. Ich hatte Angst vor den Antworten. Ich ahnte, dann würde ich wieder Entscheidungen treffen müssen. Dabei fühlte ich mich jetzt schon so unglaublich erschöpft.

Ich brauchte 1-2 Tage, bis ich die nötige Kraft hatte, mich dem Thema tatsächlich zu stellen. Ich hätte mich lieber im Bett verkrochen, die Decke über den Kopf gezogen und die Vogel-Strauß-Methode angewandt. Aber es half nichts. Die Frage musste dringend beantwortet werden, denn sonst würde sie ad-hoc geklärt, was meistens nicht gerade die beste Lösung ist. Also machte ich den PC an, denn die Zeit lief….

Und schon stieß ich auf das erste Problem, dass es hier gar keine einheitliche Lösung gab, sondern Landesrecht gilt. Und da ich zwar in Baden-Württemberg wohne, grenzt Bayern direkt an. Dabei war gedanklich die Frage nach der Klinik schon abgehakt gewesen. Wir würden nach Biberach gehen, da wir durch den dortigen Chefarzt schon behandelt wurden und sich ein gewisses Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte. Aber plötzlich stand diese Entscheidung doch wieder auf dem Prüfstand.

Aber überraschender Weise gab es keine großen Unterschiede. Wir würden also bei der Erst-Wahl der Klink bleiben können.
Obwohl – jetzt kam aber noch die große Frage auf, ob im Klinikum in Biberach auch tatsächlich solche Sammelbestattungen stattfinden würden. In der damaligen schwachen Verfassung erschien mir nur das sinnvoll. Ich hatte schon meine Eltern zu Grabe getragen und wusste, was für ein Riesen-Aufwand (emotional, organisatorisch, finanziell und auch aufmerksamkeitswirksam) das alles ist. Ich wusste nicht, ob ich diese Kraft hätte. Außerdem erschien mir so ein „Spektakel“ für diesen Hauch von Leben einfach zu viel. Da mein Verhältnis zu meinen beiden Schwestern nicht so ideal ist, wusste ich auch nicht, ob ihnen Paulinas Bestattung im Familiengrab Recht sein würde. Außerdem wären da ja noch meine hochbetagten Onkels. Ob sie damit einverstanden wären? Würde ich sie im Falle des Falles extra fragen müssen??? Wieder 1000 neue Fragen würden sich bei der Weiterverfolgung dieses Gedankenganges auftun. Das alles war mir einfach zu viel…. Wirklich.

Alfa war mir keine wirkliche Hilfe. Er wollte nicht darüber reden. Ich erlebte ihn in dieser Zeit relativ apathisch, oft auch aggressiv meiner tiefen Trauer gegenüber und vor allem genauso kraftlos wie mich selbst. Auch sonst hatte ich niemanden, der mit mir gemeinsam diesen Fragen auf den Grund ging. Ich war auf mich allein gestellt. Daher erschien mir relativ schnell diese jährliche offizielle Trauerfeier als beste Lösung.

Beim nächsten Arztbesuch in der Klink fragte ich daher konkret nach der Sammelbestattung. Der Chefarzt bestätigte diese Möglichkeit, nannte den November als jährlichen Termin und wies auch darauf hin, dass eine Bestattung bei Paulinas geringem zu erwartenden Geburtsgewicht auf eigenen Wunsch mit hohem finanziellem und bürokratischem Aufwand verbunden wäre. Das war keine Überraschung für mich und bestätigte mich irgendwie in meiner Entscheidung….

Und dann nahm alles seinen Lauf. Am 19. Juni 2018 kam unser kleines Mädchen still und wunderschön auf die Welt. Dem tief empfundenen Frieden dieses ganz besonderen Momentes folgte bald darauf der grausame Fall ins Bodenlose. Danach war überhaupt nichts mehr wie es war, auch wenn nach außen hin alles beim Alten blieb….

Paulina war nicht mehr da – aber in meinen Gedanken permanent.
Die Akte „Paulina“ war damit medizinisch geschlossen und doch fehlte irgendwie ein „Abschluss“.
Im Oktober musste ich mich wieder dem Thema „Bestattung“ widmen. Ich fand im Netz nichts über den November-Termin der Sammelbestattung und wand mich per Mail daher an die Caritas, die mir aber mitteilte, dass die Bestattung nicht im November, sondern 1x jährlich im Juni stattfindet. Das würde bedeuten: fast auf den Tag genau 1 Jahr nach Paulinas stiller Geburt.

Erst mal musste ich diese Nachricht verdauen. Aber schnell spürte ich, dass ich unbewusst froh war, mich jetzt nicht schon wieder nochmal diesem abgrundtiefen Schmerz zu stellen, wo ich endlich die ersten Schritte in die Rückkehr in den normalen Alltag geschafft und mein emotionaler Zustand sich halbwegs erträglich gefestigt hatte. Ach und irgendwie fand ich es passend, Paulinas ersten Todestag mit einer Art (Trauer-) feier einen besonderen Rahmen zu geben.

Ich gebe zu, ich redete mir die Situation schön. Und jetzt – fast 4 Monate später wäre sicherlich erst recht keine Einzelbestattung mehr möglich. Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, ob das Krankenhaus Paulina hätte eindeutig identifizieren können – jetzt nach so langer Zeit???
Der Akt einer Sammelbestattung hatte für mich von Anfang an nicht dieselbe Bedeutung wie z.B. die Beerdigung meines Vaters. Bei einer Sammelbestattung ist man nur Teilnehmer, man hat keinerlei Einfluss und man lässt geschehen, wie der Organisator den Ablauf geplant hat. Es würde auch nicht unsere alleinige Feier sein, sondern Paulina würde (anonym) eine unter mehreren sein. All das war mir inzwischen auch klar. Lange dachte ich aber, dass es keine andere Option gegeben hatte.

Nun ist die Bestattung schon seit einigen Monaten vorüber – es war noch viel „Nichtssagender“ wie ich es befürchtet hatte. Am 20. Juni 2019 um Punkt 15 Uhr standen wir – gerade mal mit drei anderen Paaren an der „Gedenkstätte für fehlgeborene Kinder“ – als der Pfarrer mit der Urne kam. Bei diesem Anblick konnte ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich weinte und schluchzte und konnte mich nicht mehr beruhigen. Der Pfarrer sprach ein paar Worte, aber daran erinnere ich mich leider gar nicht mehr. Das Donnergrollen überdeckte auch den ein oder anderen Satzfetzen. Dann wurde letztlich die Urne zu Grabe belassen. Jetzt war Pauli weg – für immer! Der Pfarrer wollte gerade zu ein paar Abschlussworten ansetzen .. da machte der Himmel seine Pforten auf und es schüttete in Strömen. Das brachte diese Zusammenkunft zu einem abrupten Ende, alle flüchteten ins Trockene. Wieder zurück im Auto saßen wir erst mal ewig. Alfa sprach kein Wort und ich wusste überhaupt nicht, was ich sagen sollte… und so fuhren wir schweigend heim und sprachen auch den restlichen Tag kein Wort mehr miteinander…

Inzwischen frage ich mich oft, ob das alles richtig war. Damals erschien es mir keine andere Option zu geben. Heute bin ich mir nicht mehr sicher. Bisher hatte es mit der Folgeschwangerschaft nicht geklappt. Irgendwie kam mir neulich der Gedanke, dass das nicht möglich war, solange Paulina noch irgendwie da war? Solange ihr Leben in Form der Bestattung noch nicht abgeschlossen war? Solange ihre Seele noch nicht die letzte Ruhestätte gefunden hatte? Irgendwie erschien mir stimmig. Medizinisch sicherlich völlig unhaltbar… Aber: Jetzt kann ich es nicht mehr ändern. Und ob es tatsächlich so ist – ich weiß es nicht. Eigentlich müßig, sich darüber gegenwärtig noch Gedanken zu machen.

Ich kann einfach nur noch weiter nach vorne schauen. Hoffen, dass jetzt – nachdem Paulina endlich in Frieden ruht, ihre Seele entweder selbst wieder zu uns kommt oder sie uns ein Folgewunder schickt. Wenn nicht – ein kleines Sternenmädchen trage ich für immer in meinem Herzen. Ich hoffe dann nur, dass ich irgendwann diesen tiefen Kinderwunsch und den damit verbundenen gnadenlosen Schmerz loslassen kann und vor allem ich meinen Frieden finde und die vermeintlichen Verfehlungen in diesem Zusammenhang irgendwann selbst verzeihen kann.

Kleine Paulina, bitte verzeih mir, dass du so lange auf deine letzte Reise warten musstest. Deine Mama wusste es nicht besser….

Liebe Tina @atina_1000, die kleine Paulina sieht bestimmt in dein Herz und weiß, dass du es nicht böse gemeint hast. Unsere Kinder verstehen uns glaube ich sehr gut.

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