Deine Geschichte · Gastbeitrag · Leben mit der Trauer

Meine Gefühle und die Zeit

Gefühle sind was Seltsames, Wankelmütiges und Unberechenbares. Vor allem, wenn ich jetzt im Nachhinein mit zeitlichem Abstand diese hochemotionale Zeit Revue passieren lasse, wird mir das bewusst.

Beispielsweise diese unfassbare Angst vor der stillen Geburt. Am Anfang spürte ich eine gnadenlose Angst sowas niemals überstehen zu können und einen absoluten Widerwillen sowas erleben zu wollen.
Aber umso mehr mich damit auseinandersetzte und vor allem die verschiedenen Möglichkeiten recherchierte, umso mehr veränderten sich meine Gefühle. Klar, fand ich einige Horror-Berichte über die Stille Geburt, die meine Angst noch verstärkten. Aber langsam überwog die Gewissheit, dass alles andere überhaupt nicht in Frage käme. Das zuerst völlig Unvorstellbare wich und wurde für mich die einzig gangbare Lösung.

Als wir einen Termin für den Abbruch fixieren wollten, kam sie plötzlich wieder, diese Angst – aber abgeschwächter. Erst wollte ich gleich den frühestmöglichen Termin nehmen, denn dann wäre alles schnell vorbei. Allerdings wäre das schon der nächste Tag gewesen. Und obwohl wir ja schon lange wussten, dass dieser Tag kommen würde, kam mir das nach kurzem Überlegen dann doch zu übereilt vor. Also nahm ich in aller Ruhe den Alternativtermin.

Am 18. Juni 2018 fuhren wir in die Klinik. Auf den Weg dorthin weinte ich unaufhörlich. Alles kam nochmal in mir hoch. Die ganze Wut, warum es uns passieren musste, wieder diese panikartige Angst sowie tiefste Verzweiflung. Ich wollte mich der Situation nicht stellen und doch hatte ich keine Wahl. Dass alle in der Klink sehr mitfühlend mit mir umgingen und für sie irgendwie jegliche meiner Emotionen richtig war, half mir, mich zu beruhigen.

Nach der ersten Tablette verging Stunde um Stunde und nichts tat sich. In mir war ein Kampf. Ich wollte irgendwann, dass es endlich vorbei ist. Ich war müde und unglaublich erschöpft. Andererseits wusste ich auch: dann würde ich mein Mädchen nicht mehr unter meinem Herzen tragen, dann wäre sie weg, dann wäre sie tot.

Inzwischen war es weit nach Mitternacht. Die Klinik schien in Schlaf versunken zu sein und es war völlig ruhig geworden. Man hörte fast keine Geräusche mehr. Es war ein unerwartet schönes Gefühl. Alle schienen zu schlafen, nur ich und Paulina nicht. Ich beobachtete den Zeiger der Uhr. Jetzt war sie also gekommen die Zeit des Abschiedes. Es war an mir mein kleines Mädchen loszulassen, damit sie in Frieden würde gehen können. Und dann ging alles unglaublich schnell …

Vor dem Moment, wenn statt des ersten Schreies eine Stille herrschen würde, die einem das Schlimme erst nochmal richtig realisieren lässt, davor hatte ich mich lange sehr gefürchtet. Aber ich empfand es nicht so schlimm wie erwartet. Wir waren ja darauf vorbereitet gewesen. Nein, plötzlich war da pures Glück und Frieden. Das hätte ich niemals für möglich gehalten. Auch wenn Paulina still in ihrem Weidekörbchen lag, spürte ich, wie stolz ich war. Sie war so perfekt und so wunderschön.
Alfa und ich schauten beide unser kleines Mädchen an und nie habe ich mich einem anderen Menschen so nah gefühlt wie ihm in diesem Moment.

Und als ich dann zurück aufs Zimmer durfte, war da keine Trauer. Ich hatte keinerlei Schmerzen, was ich so auch nicht erwartet hatte. Und ich hatte keinerlei negative Gefühle. Ich war völlig im Hier und Jetzt. Und immer wieder musste ich an mein Mädchen denken. Immer wieder das Handyfoto anschauen.

Um die Ausschabung kam ich herum. So froh ich darüber war, hieß es aber auch, dass ich die Klinik bald verlassen würde. Und das wollte ich nicht. Ich fühle mich hier sicher, wie abgeschirmt von der Welt da draußen. Ich hatte das Gefühl, Paulina nah zu sein, noch Teil dieses besonderen Momentes zu sein und ja, ich hatte Angst vor dem Heimgehen. Wie würde es sein? Aber als Alfa kam um mich abzuholen, war ich dann doch froh endlich raus zu dürfen, raus in die Sonne….

Als wir vor zwei Tagen hier angekommen waren, hatte ich Angst gehabt, wie es wohl sein würde, die Klinik leer wieder zu verlassen. Leer, ohne Baby im Bauch. Leer, ohne Baby an der Hand. Aber leer fühle ich mich gar nicht. Im Gegenteil. Ich fühle mich unglaublich erfüllt von diesem magischen Moment mit Paulina, der Geburt und diesem tiefen Frieden, der uns danach überkommen hatte sowie dieser unendlichen Liebe die ich für Paulina gespürt hatte. Als wir heimfuhren fühlte ich mich alles andere als leer….

Und doch wusste ich insgeheim, dass dieser Frieden, diese Ruhe wahrscheinlich nicht für immer bleiben würde.

Ich wusste, dass jetzt die schwerste Zeit kommen würde, die Zeit „nach Paulina“ und die Zeit, mit diesem Verlust irgendwie weiterleben zu müssen.

Direkt nach der Diagnose war ja mein allererster Impuls gewesen, das schaff ich nicht. Wenn dieses Kind geht, dann geh ich mit. Denn ich hatte eine tiefe Angst, dass mich das alles umhaut und ich daran zerbreche.
Ich hatte so unglaublich Angst, was nach Paulinas Tod kommen würde. Wie ich mit so einem Verlust weiterleben sollte. Was noch bleiben würde an Hoffnung und Lebensmut und wie man Sinn und Kraft findet, überhaupt weiter zu machen.

Und ja, es hat mich an vielen Tagen völlig überfordert und es hat mich oft und immer wieder umgehauen, aber es hat mich nicht kaputt gemacht. Warum? Weil man vielleicht einerseits tatsächlich stärker ist als man denkt und vielleicht auch, weil man sich die Dinge oft noch schlimmer vorstellt, wie sie dann kommen.

Und selbst wenn man nach so einer Diagnose nicht mal ansatzweise weiß wie man das alles überstehen soll – es geht. Und zwar Schritt für Schritt. Nicht von heut auf morgen. Und auch wenn es unverstellbar erscheint: Aber an jedem Ende eines Tunnels wartet wieder das Licht. Aber nur für diejenigen, die sich erlauben wieder glücklich zu werden, indem Sie zulassen, dass auch sonnige Momente wieder einkehren können. Auch, wenn dies ein sehr weiter und steiniger Weg ist, glaube ich, dass das der einzige ist.

Ich vermute, dass die Trauer nie ganz weg sein wird, aber das muss sie auch nicht. Schließlich habe ich mein Mädchen für immer verloren. Ich hoffe aber, dass mit der Zeit der Schmerz erträglicher wird. Und dass man daran arbeiten kann, dass die Trauer einen nicht völlig in den Abgrund reißt und irgendwann auffrisst. Es wird immer Tage geben, an denen sie einen gnadenlos überrollt. Wichtig ist nur, dass man auch zulässt, dass gute Zeiten überhaupt wieder einkehren können.
Ich versuchte daher bewusst wieder in meinem alten Alltag anzukommen. Was hatte mir früher gutgetan? Was wollte ich immer schon mal machen? Ich begann wieder mit dem Joggen und entdeckte das Handlettering neu für mich. Außerdem lud ich endlich eine Englisch-App auf mein Handy, da ich schon so lange meine eingerosteten Sprachkenntnisse verbessern wollte.

Eigentlich hatte ich gedacht, nicht darüber reden zu wollen. Doch ich spürte schnell, dass ich ein enormes Redebedürfnis hatte, aber auch, dass ich damit meinen Partner völlig überforderte. Ich fand in der Konfliktberaterin eine geduldige Zuhörerin. Und ich fing an meine Gedanken und Gefühle in einem Büchlein aufzuschreiben, um sie ein wenig zu sortieren. Ich schrieb und schrieb. Erst nur für mich, dann irgendwann in den verschiedenen FB-Gruppen und irgendwann auch Blog-Beiträge. In dieser Zeit entstand kurz der Impuls, ein Buch zu schreiben…

Und plötzlich merkte ich selbst: wenn ich mein Englisch aufbessern will, das Handlettering anfange, vielleicht sogar ein Buch schreiben möchte – plötzlich merkte ich, irgendwas in mir ganz Tief im Inneren glaubt wohl an eine Zukunft, an ein Leben danach. Auch wenn ich es anfangs nicht für möglich gehalten hatte. Das war ein ganz toller und starker Gedanke.
Aber man braucht es nicht schön zu reden: Die Trauer ist präsent, immerzu. Aber man lernt irgendwie mit ihr zu leben. Sie kommt in Wellen, wie ein ungebetener Gast. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass man alle Gefühle willkommen heißen sollte – auch die vermeidlich negativen. Dass man sie nicht wegschieben soll, denn nur so würden sie irgendwann auch wieder gehen. Und nur so kommt man irgendwann am anderen Ende wieder heraus.

Aber was genau das heißt, dass weiß ich noch nicht. Wo ist der richtige Weg zwischen sich der Trauer hingeben und in der Trauer festhängen? Aber eins weiß ich inzwischen: Erst wann man diese unabänderliche Tatsache dieses schweren Schicksalsschlages versucht zu akzeptieren. Aufhört mit dem eigenen Schicksal zu hadern, erst dann ist man einen wichtigen Schritt weiter gekommen auf dem Weg der Heilung.

Was uns bei der Verarbeitung der Trauer sehr geholfen hat: dass wir immer noch felsenfest hinter unserer Entscheidung stehen. Dass es kein „ach hätten wir nur“ gibt. Wir sind damit völlig im Reinen. Natürlich wünschten wir, wir hätten diese Entscheidung niemals treffen müssen. Aber das ist eben genau diese Tatsache, die sich nicht ändern lässt, sondern die man akzeptieren muss.
Aus dieser Zeit kann ich daher nur eines immer wieder betonen: sich Zeit zu lassen, überdenken, in sich rein fühlen, was sich gerade richtig anfühlt, das ist enorm wichtig. Ich habe selbst erlebt, wie wankelmütig Gefühle sind. Was sich an einem Tag völlig richtig und als einzige Lösung anfühlt – ich denke da nochmal an meinen 1. Gedanken nach der Erstdiagnose: „Alles ganz schnell und sofort beenden. Mich aufschneiden lassen oder Medikamente schlucken und zack dann ist alles vorbei und vergessen – kann im nächsten Moment plötzlich völlig falsch sein. Hätte ich damals diesem ersten Gedanken nachgegeben und sofort aus diesem Impuls heraus gehandelt – ich bin mir aus heutiger Sicht sicher, dass das eine totale Vollkatastrophe geworden wäre.

Ein Hoch auf die Spontanität, die wirklich nicht zu meinen Charakterstärken gehört. Schnell, übereilt und ohne Nachzudenken zu handeln, geht das überhaupt jemals gut? Klar, wenn die Situation einem dazu drängt, man keine andere Option hat außer zu handeln, dann ist es was Anderes. Aber hier? Zu keiner Zeit war irgendwie Zeitdruck geboten. Das ist vielleicht das einzig Gute an dieser Zeit gewesen.

Liebe Tina @atina_1000, danke! Diese Gefühle durchlebt wohl jede werdende Mama, wenn sie mit einer stillen Geburt konfrontiert wird. Deine Worte werden hoffentlich viele Frauen Mut schöpfen lassen.

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