Folgewunder · Gastbeitrag · Leben mit der Trauer

Kinderwunsch-Druck: Frau ohne Kind – werde ich bald die Einzige in meinem Umfeld sein?

Langsam habe ich das Gefühl, dass die Frauen ohne Kind, mal abgesehen von den 20-jährigen, immer weniger werden. Bald werde ich wohl die Einzige in meinem Umfeld sein. Ich hoffe auf ein Folgewunder, aber erzwingen kann ich es nicht. Im Gegenteil. Umso mehr Druck ich mir mache, umso unwahrscheinlicher wird. Leichter gesagt wie getan.

In besonnen Momenten frage ich mich daher, was mir helfen könnte, entspannter mit meiner aktuell kinderlosen Situation zurecht zu kommen.

• Ablenkung – andere Themen
Dass ich seit der Fehlgeburt wieder voll im Arbeitsleben angekommen bin, tut mir gut. Hier ist kein Platz für Kinderwunsch-Themen. Zum Glück macht mir die Arbeit Spaß, sodass die Elternzeit keinen Ausweg darstellen muss.

Privat habe ich inzwischen das Handlettering für mich entdeckt. Das fast schon meditative Malen der Buchstaben ist wie eine eigene kleine Welt. Und beim herabschauenden Hund im Yoga hoffe ich, dass ein paar wirre Gedanken aus meinem Kopf fallen.

• Soll ich mir ein anderes Umfeld suchen?
Mich nur noch unter kinderlose Frauen bzw. Paaren mischen – oder mich auf Leute beschränken mit großen Kindern? Aber geht das denn überhaupt?

• Oder reicht es aus, wenn ich mein Blickfeld weite?

Bewusst wahrnehmen, dass es doch überall Frauen gibt, die keine Kinder haben. Ob es nicht geklappt hat oder sie keine wollten, dass weiß ich natürlich bei den wenigsten. Aber es gibt sie: die Frauen ohne Kind. Und wenn ich z.B. an meine kinderlosen Kolleginnen denke, dann erscheinen sie mir zufrieden, glücklich oder halbwegs entspannt zu sein. Da fällt mir auf den ersten Blick kein Unterschied auf. Man sieht ihnen nicht an, ob sie kinderlos sind oder nicht.

• Mitleid mit kinderlosen Frauen
Umso mehr ich darüber nachdenke, desto bewusster wird mir eins: ICH habe Mitleid mit Frauen, die keine Kinder haben. Und ich war überzeugt, dass diese Denkweise „normal“ ist. Bis ich kürzlich mit meinem Freund diskutierte. Wir redeten über Freunde seiner Eltern, die kinderlos sind. Alfa schaute mich wie eine Außerirdische an, als ich ihn direkt fragte, ob auch er Mitleid gegenüber Frauen/Paaren empfindet, die keine Kinder haben. Überhaupt nicht. Er verstand diese Denkweise nicht mal.

Vielleicht sollte ich dringend diesen Gedanken hinterfragen? Warum empfinde ich Mitleid mit diesen Frauen – und damit natürlich stellvertretend für mich?

Wenn schon mein Partner so gänzlich anders hier denkt, vielleicht wäre es sinnvoll weitere Meinungen einzuholen? Ich finde es wichtig und spannend mich mit anderen auszutauschen, was Gedanken, Sichtweisen und Lebenseinstellungen angeht. Mich dadurch zu hinterfragen, ob nicht eine andere „Wahrheit“ genauso richtig sein könnte bzw. sogar lebensbejahender wäre.

• Kinderlos – glücklich. Geht das?
Interessant wäre es betroffene Frauen zu fragen: Warum sie kinderlos sind. Und wenn es nicht eine ganz bewusst getroffene Entscheidung war, wie sie mit dem unerfüllten Kinderwunsch umgehen, wie sinnvoll bzw. erfüllt sie ihr Leben selbst empfinden? Aber sowas zu fragen, würde ich mich nie trauen

Interessanter Weise habe ich da bei der anderen Partei keine Hemmungen: ich habe mit einigen Mama-Freundinnen ganz bewusst über das Kinderthema gesprochen. Alle sagen ganz klar: sie würden ihr Kind nicht hergeben, keine Frage. Aber es war schon die eine oder andere dabei, die sich aus heutiger Sicht dagegen entscheiden würde.

• Vergleichen – meine persönliche Todsünde – gepaart mit dem Ausblenden von realen Tatsachen
Ich bin überzeugt, dass ich in meinem Kopf eine Fehlprogrammierung habe: Ich bin eine Meisterin im Vergleichen. Standardmäßig ausgeliefert werden wir damit nicht. Denn meinem Partner z.B. ist solches Denken völlig fremd.

Aber ich mache mir selbst das Leben schwer, weil ich dauernd im Vergleich festhänge und verschlimmere das noch, weil ich nur die Momentaufnahme und nur das betrachte, was ich halt vermeintlich meine darüber zu wissen.

Dadurch erscheint mir die Kirsche in Nachbars Garten bzw. das Leben der Anderen perfekt. Wenn ich eine Schwangere sehe, blende ich z.B. völlig aus:
• Dass ich nicht weiß, welchen schweren Weg diese Frauen vielleicht gegangen sind, bis sie jetzt doch endlich schwanger wurde. Wieviel Fehlgeburten sie vielleicht schon hinter sich hat.
• Und dass kein Leben immer im Hoch ist. Was das Leben für diese Frau noch bereit hält – das erahnt heute noch niemand.

Alle meine Mama-Freundinnen sagten mir außerdem schon mehrfach, dass ein eigenes Kind ein großes Glück ist – je schwerer der Weg bis dahin war, umso mehr empfinden sie es so. Aber keine konnte mir bestätigen, dass sie jetzt nur noch glücklich ist. Ihr Leben besteht genauso aus Höhen und Tiefen sowie Problemen und Sorgen – aus anderen halt wie vor der Erfüllung des Kinderwunsches. Nur noch eitel Sonnenschein, den erlebt keine, die halbwegs selbstreflektiert und ehrlich ist. Aber irgendwie kommt das nicht dauerhaft bei mir an.

Schon vor Paulinas stiller Geburt habe ich mit anderen Frauen vernetzt. Aber umso mehr Zeit inzwischen verging und umso weniger ich noch Hoffnung verspürte auf ein Kind – umso schwerer ertrug ich diese Regenbogenbaby-News, sie setzen mich sogar mächtig unter Druck. Bei den meisten klappt es mit einer erneuten Schwangerschaft zeitnah. Aber bei mir? Jetzt sind schon über 8 Monate vergangen. Hier hat mir der Denkansatz meines Freundes sehr geholfen. Er sagt: „Naja. Du schreibst ja auch nicht unter jeden Post, dass es bei dir aber nicht so schnell klappt. Wahrscheinlich gibt es genauso viele Frauen, denen es wie dir geht. Aber so wie du es nicht machst, schreiben sie das auch nicht unter jeden Babynews-Post. Während ein fröhliches „Wir erwarten auch ein Baby. Dir viel Glück“ leichter zu posten ist. Klar, das unterstützt dann natürlich deine selektive Wahrnehmung, dass es nur dir so geht. Aber so ist es definitiv nicht.“

• Der Sinn des Lebens – Schwarz-Weiß
Wenn das Vergleichen eine Fehlprogrammierung ist, dann ist das Systemfehler: Ich denke, dass mich nur ein Kind dauerhaft glücklich machen kann. Dass nur ein Kind meinem Leben Sinn gibt. Kein Kind – kein Sinn im Leben. So einfach, so Schwarz-Weiß ist das in meiner Vorstellung.

Wie ich darauf komme? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß inzwischen, dass es meine persönliche Motivation für meinen tiefen Kinderwunsch ist. Zu hinterfragen, warum man sich Kinder wünscht, ist sicherlich ein wichtiger Punkt. Ob das jeder für sich macht? Vermutlich nicht. Denn die wenigsten konnten mir eigentlich spontan sagen, warum sie sich Kinder wünschen – oft: weil es halt dazu gehört.

Für mich gehört es aber nicht nur „halt dazu“ oder weil alle auch Kinder haben. Für mich liegt darin vermeintlich der tiefe Sinn meines Lebens.

Auch hier erntete ich schon erstaunte Blicke. Manche Mama sagte mir zwar, dass ihre Kinder dem Leben einen (tieferen) Sinn geben. Aber nicht DEN Sinn ihres Lebens darstellen. Das definitiv nicht. Auch wenn manch eine mir die Frage nach ihrem Sinn des Lebens dann nicht weiter beantworten konnte….

• Rosarote Mama-Brille absetzen
Etwas kurzfristiger könnte mir wahrscheinlich helfen, die rosarote Mama-Brille abzusetzen. Wenn ich Schwangere oder Frauen mit Kindern auf der Straße sehe, dann sage ich mir inzwischen ganz bewusst: Du weißt nicht, wie es in ihr aussieht. Möglicherweise ist dieses für dich so tiefe Babyglück aber für diese Frau gar kein Treffer? Vielleicht ist es der falsche Mann, der falsche Zeitpunkt oder gar das falsche Leben?

Ich muss aufhören mir dauernd einreden zu lassen – wie es fast alle Jung-Eltern tun – was für ein Glück es ist, dass ihr Leben endlich Sinn, Tiefe und Bedeutung hat. Dass jetzt alles so wunder-wunder-wunderschön ist.

Denn interessant ist doch: von Eltern, deren Kind 4 oder 14 Jahre alt ist, hört man sowas nicht (mehr). Aber warum ist das so?
• Weil man es dann nicht mehr so empfindet?
• Weil dieses Anfangsglück sich im Alltag abnutzt, verpufft oder zur Normalität wird? Wie man die Gesundheit nach einer überstandenen Grippe so wert schätzt und es schon eine Woche später wieder vergisst?
• Weil man erkennt, dass man trotzdem – oder gerade deswegen – nicht glücklicher ist? Das man plötzlich Probleme hat, die man vorher nicht mal erahnt hatte?
• Weil der Sohnemann nicht mehr der eitle Sonnenschein ist, der er in den ersten Monaten war, sondern ein Trotzkind oder ein pubertierender „elternhassender“ Teenager?

Eine absolute Härte wäre ja: im Nachhinein festzustellen, dass man doch lieber kinderlos geblieben wäre.

Ich möchte wirklich versuchen meinen Blick zu schärfen und mal neutral betrachten, wie viele Mamas / Papas trotz gesunder Kinder unglücklich oder unzufrieden sind. Wegen Beziehungsproblemen, Trennung und Sorgerecht, Figur, Erfolg, Karriere usw. oder gerade wegen der Kinder.

Die erwähnten Gespräche werde ich suchen. Ich bin total gespannt darauf. Hoffe, dass sie mir helfen werden meine starren Sichtweisen zu widerlegen, um gelassener mit dem Thema umgehen zu können. Damit ich entweder entspannter bin für ein Folgewunder oder eben mit meinem Sternenmädchen Paulina im Herzen kinderlos auf Erden glücklich leben werde.

Denn vielleicht bin ich irgendwann wirklich die Einzige in meinem Umfeld ohne Kind. Aber sanft spüre ich inzwischen, dass ich es selbst in der Hand habe, was ich dann daraus mache. Passend dazu habe ich kürzlich gelesen: „Der Sinn des Lebens besteht darin, welchen Sinn du ihm gibst“. Und ja, dann wäre ich zwar eine kinderlose Frau – aber meine Persönlichkeit und das Leben haben doch so viel mehr Facetten zu bieten wie nur die Mutterschaft? Ich muss diese vielen anderen Möglichkeiten vielleicht einfach nur zulassen….

Liebe Tina @atina_1000, wie immer: Danke für diesen Text. Du sprichst wahrscheinlich vielen Sternenmamas mit Kinderwunsch aus der Seele.

2 Kommentare zu „Kinderwunsch-Druck: Frau ohne Kind – werde ich bald die Einzige in meinem Umfeld sein?

  1. Liebe Tina, ich bin zufällig auf den Beitrag gestoßen und hoffe, mein Kommentar dazu ist okay. Ich denke nicht, dass es dir etwas bringt, das Glück oder Unglück von Eltern zu hinterfragen – das ist sehr individuell. Meine Töchter sind 5 & 6 Jahre alt und ja, sie machen mir Spaß. Es gibt auch Eltern, denen das Leben mit Kindern sicher doch keinen Spaß macht, aber für dich selbst bringt das wenig, darüber nachzugrübeln… Ich habe eine Freundin, die jetzt fast 50 ist und (ungewollt) kinderlos. Sie hat eine neue Rolle für sich gefunden und umgibt sich trotzdem gern mit Kindern. Den Weg dahin stelle ich mir aber auch schwierig vor. Dein Verlust tut mir sehr leid – Alles Gute dir für die Zukunft! Viele Grüße, Nadine

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  2. Ich bin eine kinderlose Frau mit 50 Jahren und kann dir versichern: Mitleid brauchst du mit mir sicher nicht zu haben, obwohl ich mir ein Leben mit Kindern gut hätte vorstellen können. Ich kenne sowohl Menschen mit als auch ohne Kinder und behaupte, man kann sowohl mit wie ohne Kinder glücklich oder auch unglücklich sein.
    Es gab einige Jahre, in denen mich das Thema durchaus beschäftigt hat und ich habe es als sehr entlastend empfunden als ich das gebährfähige Alter überschritten hatte. Danach fiel es mir nicht (mehr) schwer, mich als kinderlose Frau zu sehen und ich halte es auch gut aus, wenn ich gefragt werde, warum ich keine Kinder habe. Lediglich wenn in der Frage bereits Mitleid mitschwingt, bevor ich überhaupt äußern kann, was es für mich selbst bedeuted, keine Kinder zu haben, mag ich das nicht.
    Geholfen hat mir sicherlich, dass ich die Mutterschaft noch nie als einzigen Lebenssinn gesehen und kinderlose Frauen auch nicht als defizitär wahrgenommen habe.

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