Deine Geschichte · Gastbeitrag

Ein Leben zweiter Klasse

Als Sternenmama stehe ich immer wieder vor einer grausamen Wahrheit: Mein Kind ist ein Leben zweiter Klasse.
Du glaubst mir nicht? Du denkst ich übertreibe? Okay, dann mach dich bereit für ein kleines Gedankenexperiment.
Stell dir vor deine Mutter stirbt im Alter von 58 Jahren an Krebs. Wie würden deine Arbeitskollegen reagieren? Würden sie dich freudestrahlend begrüßen und so tun als wäre nichts passiert? Nein. Sie würden dir eine Trauerkarte überreichen und dir vielleicht sogar noch persönlich ihr Beileid bekunden.
Stell dir vor dein Bruder stirbt mit 30 Jahren bei einem Verkehrsunfall. Würdest du bis zu einem Jahr warten bis du ihn beisetzen lassen darfst? Nein. Die Beerdigung würde innerhalb weniger Tage stattfinden und zwar nur im Kreis deiner engsten Familie und Freunde.
Stell dir vor dein bester Freund stirbt aufgrund eines unerkannten Gendefekts und ihr seid im selben Alter. Würde dir gegenüber tatsächlich irgendjemand den Satz äußern: „Dein bester Freund ist tot? Ach, du bist doch noch jung. Such dir einfach einen neuen Freund!“ Nein. Denn kein Leben ist ersetzbar.
So und nun stell dir vor du bekommst ein Baby. Du hast es wochen-, monatelang in dir getragen. Du hast es gespürt, es gesehen – seine Bewegungen, seinen Atmen, seinen Herzschlag. Du hast es zur Welt gebracht – unter Wehen in einem Krankenhaus und in Begleitung einer Hebamme. Ein richtiges Baby, ein kleiner Mensch mit allem drum und dran.
Aber dieses Baby atmet nicht. Seine Augen bleiben für immer geschlossen. Statt einem ersten Schrei ist da nur Stille. Eine stille Geburt.
Von einer Sekunde zur nächsten verlierst du alles. Dein Kind, deine Zukunft und einen Teil von dir selbst. Und damit steht du plötzlich ganz alleine da. Keine freudigen Verwandten, die dich im Krankenhaus besuchen um den neuen Erdenbürger zu begrüßen. Keine Glückwunschkarten zur Geburt. Keine kleinen Geschenke von deinen Freunden.
Stattdessen begegnet dir Schweigen. Die Menschen fühlen sich plötzlich unwohl in deiner Gegenwart. Du bekommst keine Beileidsbekundungen, denn dein Kind „war ja noch kein richtiger Mensch“. Die letzten Wochen und Monate der Schwangerschaft blenden die Menschen um dich herum einfach aus. Du darfst dein Kind nicht so bestatten, wie du es möchtest. Mitunter wird dein Kind einfach entsorgt. Du hörst Phrasen wie „Du bist ja noch jung. Mach einfach ein neues Baby“.
All diese Umstände, all diese Reaktionen, all diese Phrasen sind zutiefst verletzend. Du hast einen lebensererschütternden, traumatischen Verlust erlebt. Doch dein Verlust wird nicht anerkannt. Er wird kleingeredet, genau wie das Leben deines Kindes. Woher kommt es, dass wir uns ein Urteil über die Wertigkeit eines Menschenlebens gestatten? Warum wird das Leben und der Tod eines 30-Jährigen anders bewertet als das Leben und der Tod eines kleinen Kindes? Sind wir wirklich so herzlos, dass wir einen Menschen nur daran bemessen, wie lange er lebt oder wie viel er bewegt hat?
Bitte – wach endlich auf. Verschließe deine Augen nicht, nur weil es so bequemer ist. Lasse dich nicht dazu hinreißen, ein Menschenleben mit leeren Phrasen abzuwerten, nur weil deine eigene Worte dafür nicht ausreichen. Erkenne sie an, unsere Kinder. Preise ihr Leben und bedauere ihren Tod. Es sind Menschen wie du und ich. Sie werden geliebt und sie werden vermisst. Ganz gleich wie schwer, wie groß, wie alt – Liebe lässt sich nicht in Wochen messen.

Liebe Loreen @sternenmama.2705, danke für deine eindringlichen Worte!

Ein Kommentar zu „Ein Leben zweiter Klasse

  1. Ich glaube tatsächlich, dass für viele Menschen generell der Tod ein tabu-Thema bzw. ein schwieriges Thema ist. Und gerade bei babies und Geburten scheuen sich die Menschen noch mehr diesem traurigen Thema ins Auge zu blicken, denn eigentlich ist dieses Ereignis ja positiv behaftet. Ich kann dem ganzen nur zustimmen, auch ich habe diese Erfahrung gemacht. Allerdings habe ich auch schon erlebt, dass Menschen mit dem Tod Erwachsener ähnlich umgegangen sind. Ich fürchte unsere Gesellschaft ist kein gutes Vorbild dabei. Es heisst kleine Kinder sollen nicht mit auf den Friedhof genommen werden oder zu Beerdigungen, denn das bringt Unglück. auch dass ich meiner 3 Jährigen Tochter von unserem toten Kind – ihrem Bruder erzähle, wird nicht von all meinen Mitmenschen positiv aufgenommen und verstanden.

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