Gastbeitrag · Leben mit der Trauer

Vorzeitiger Abbruch: Alles ichbezogene Mörderinnen?

Immer wieder stoße ich in den verschiedenen FB-Gruppen auf dieses Thema und verfolge teilweise hitzige Diskussionen. Interessanter Weise meist mit den aufgebrachtesten, hetzerischsten Kommentaren von Personen, die selbst nie in solch einer Situation waren, dies sogar auf Nachfrage offen zugeben, sich aber trotzdem anmaßen ein Urteil fällen zu dürfen / können.

Glücklicher Weise wurde ich selbst mit solchen Angriffen nie direkt konfrontiert. Warum nicht, das weiß ich gar nicht so genau. Denn das die Leute in meinem Umfeld weltoffener oder toleranter sind als anderswo, das glaub ich eigentlich nicht

Vielleicht liegt es also eher an der Art, wie ich selbst damit umgehe oder wie ich es erzähle? Dass ich offen erwähne, dass wir letztlich schweren Herzens und wohlüberlegt das Ende selbst herbeigeführt haben, da keinerlei Hoffnung bestand für Paulina? Und ich jederzeit damit rechnen musste, dass sie noch in meinem Bauch verstirbt, ein schwerer und unvorstellbarer Gedanke für mich: ein totes Kind in mir zu haben???
Vielleicht nehme ich verschnupfte Reaktionen auch deshalb nicht wahr, weil es mir in diesem besonderen Fall tatsächlich einmal völlig egal ist, was andere davon halten, weil
• wir lange genug und gründlich darüber nachgedacht haben,
• es eben für uns nur diesen einen Weg gab,
• wir mit unserer Entscheidung immer noch im Reinen sind,
• und ich überzeugt bin, dass nur derjenige es nachfühlen kann, den es selbst getroffen hat.

Es geht ja nicht darum, dass ich keine Lust hatte auf dieses Kind, oder dass es der falsche Mann, der falsche Zeitpunkt oder das falsche Leben dafür war. Es geht auch nicht darum, dass ich zu wählerisch bin, weil es die falsche Augenfarbe, das falsche Geschlecht oder nicht die gewünschten Talente hatte. Letztlich hatte ich ja nur die Wahl, WANN mein Mädchen stirbt. Jetzt oder in sehr absehbarer Zeit.

Und ja, man hat eine Verantwortung dem Kind gegenüber. Aber auch gegenüber sich selbst und dem direkten Umfeld. Kann bzw. darf man überhaupt alles einfach weiterlaufen lassen? Wenn man doch weiß, dass das kleine Menschenkind überhaupt keine Aussicht auf Leben hat? Dass es nur geboren würde, um jämmerlich zu sterben? Man sich ziemlich sicher ist, dass man mit einem späteren Tod des Kindes und einer immer stärkeren inneren Bindung noch viel schwerer zurechtkäme, sich oder das direkte Umfeld damit völlig in den Abgrund reißt? Ist dieses totgeweihte Kind denn „mehr wert“ wie wir? Ist das nicht erst recht verantwortungslos?
Man hat keine „Ausprobier“-Möglichkeit. Solange das Kind noch nicht geboren ist, kann man dieses kurze Leben vorzeitig beenden. Ist es aber erst mal auf der Welt, hängt an riesigen Maschinen, hat qualvolle Schmerzen, es besteht unverändert keinerlei Hoffnung und man selbst zerbricht beim Anblick seines leidenden, winzigen Kindes. Dann muss man danebenstehen und warten? Man kann also nicht den Kopf in den Sand stecken und erst mal alles auf sich zukommen lassen.

Nein, man hat diese „Ausprobier-Möglichkeit“ nicht. Sobald es lebt, leidet das Kind und das ganze Umfeld mit. Dann kann man nicht mehr erlösend eingreifen.
Aber sind wir deshalb zu schwach für das Schicksal dieses Kindes? Wie gesagt, im Netz findet man ja genug solche Aussagen. Es gibt Menschen, die denken offenbar tatsächlich so.
Manche gehen sogar noch weiter: Dass die Trauer einer solchen Sternenmama geheuchelt wäre, gegenüber Trauernden, die ein Kind unverschuldet verloren haben? Weil man das Baby ja selbst „umgebracht“ hat – warum traure man dann? Ich persönlich finde das schon sehr vermessen. Darf man nicht trauern, weil der Tod früher eintrat, wie vielleicht die Natur es vorgesehen hat? Man trauert ja nicht um die verlorene Zeit zwischen Abbruch und natürlichem Ende. Man trauert, dass das verlorene Kind überhaupt keine Chance auf ein Leben hatte! Besiegelt in der Sekunde der Zeugung, als sich das Chromosom falsch geteilt hat und feststand: Trisomie18.

Spielt man Gott, wenn man über den vorzeitigen Tod dieses Kindes nachdenkt? Das ist meiner Meinung nach Ansichtssache, denn ja, man greift aktiv ein. Aber sobald das Baby auf der Welt ist – wenn es denn lebend auf die Welt kommt – dann wird es an Maschinen gehängt. Spielt man da nicht auch irgendwie Gott? Normalerweise würde dieses Kind ohne medizinische Hilfe doch sofort jämmerlich sterben? Klar, man kann diesen Gedanken jederzeit zerpflücken, dann dürfte man ja keine Krankheiten behandeln. Aber ganz von der Hand zu weisen ist es nicht.
Sind wir also selbst schuld, zu wählerisch, zu schwach? Sind wir eiskalte, egoistische Mörderinnen? Nein, das sind wir eben nicht. Es gibt da ein Gefühl, das nennt sich Intuition / Bauchgefühl und dieses Gefühl zeigt dir irgendwann den Weg. Deswegen entscheiden sich einige für das Austragen, während die anderen sich für ein bewusst herbei geführtes Ende entscheiden.

Welchen Weg man wählt, wann und wie man ihn geht, ist letztlich so individuell, wie wir Menschen eben sind. Daher war für uns sofort klar: Niemand würde uns diese Entscheidung abnehmen können und vor allem dürfen. So gerne ich mich auch davor gedrückt hätte und so oft ich in letzter Zeit meine Freundin gefragt hatte, was sie an meiner Stelle machen würde, spürte ich ganz tief: nur wir würden einen Weg finden müssen. Denn WIR würden mit der Entscheidung leben müssen – für den Rest unseres Lebens.

Glücklicherweise leben Alfa und ich, trotz seiner italienischen Großfamilie, sehr autonom. Es gab also niemand, der uns irgendwie Druck machte oder uns irgendwie versuchte zu beeinflussen. Und klar, trotzdem fragt man um Rat und um andere Meinungen. Seltsamerweise war für meinen Partner, seine Familie sowie für meine beiden Schwestern schnell klar, dass nur der vorzeitige Abbruch in Frage käme. Für die konsolidierten Ärzte sowieso. Nur für meine beste Freundin war ein Abbruch keine Option. Sie wusste von meinem tiefen Kinderwunsch. Sie meinte, es wäre ein besonderes Kind. Aber mit dieser Denkweise konnte ich mich nicht anfreunden. Ein besonderes Kind – vielleicht wenn es im Rollstuhl sitzt. Aber wenn es keinerlei Aussicht auf ein Leben hat? Böserweise dachte ich im Stillen: Du hast leicht reden, du hast ja einen gesunden und wunderbaren Sohn.

Es gibt ihn einfach nicht, den einen richtigen Weg mit einem totkranken Kind in deinem Bauch. Aber wenn man sich genügend Zeit lässt und in sich hinein hört, dann spürt man es irgendwann und nur darauf sollte man hören, egal wer was sagt. Meiner Meinung nach sollte sich jeglicher Außenstehende hüten, ein Urteil oder einen zu gut gemeinten Rat abzugeben oder gar Druck auszuüben. Denn das schlimmste, was einem tatsächlich noch zusätzlich passieren kann, ist übereilt und unüberlegt zu handeln bzw. überredet zu werden und dann später zu bereuen, welchen Weg man genommen hat. Denn er ist unwiderruflich und unabänderbar gegangen.

Um nochmal zum Punkt zurück zu kommen: Warum hackt man auf den Frauen herum, die sich für den bewusst eingeleiteten Tod entscheiden haben? Warum wird manche Frau „bewundert für ihre Kraft und ihren Mut“, wenn sie sich entscheidet das Kind auszutragen? Kostet die Entscheidung, sich für den Abbruch zu entscheiden denn nicht auch Kraft und Mut? Und wir urteilen ja auch nicht alles ab, was nicht unserer Entscheidung entspricht.
Ich würde mir ein bisschen mehr Toleranz wünschen für all die Frauen, die sehr mit diesen Vorwürfen zu kämpfen haben. Und ja, ich bin erleichtert, dass mir das wenigstens erspart geblieben ist, bzw. mir so gut gelingt, jegliche stillen Vorwürfe zu ignorieren.

Ich würde mir auch ein bisschen mehr Verständnis für unsere Trauer wünschen. Ich stehe immer noch felsenfest hinter unserem Entschluss. Leider habe ich inzwischen aber den Eindruck, wenn Paulina wenigstens 5 Minuten gelebt hätte, wenn wir sie ins Familiengrab beerdigt hätten, dann wäre ich eine richtige, trauernde Mama, aber so? Sie war doch in den Augen der Anderen gar nicht da? Und deshalb könne ich doch schnell wieder zur Tagesordnung übergehen? Im Laufe der Zeit musste ich erfahren, dass das Umfeld hier wohl sehr genau unterscheidet. Einer Frau, die ihr geborenes Kind zu Grabe tragen musste, wird mit Sicherheit viel mehr Verständnis und Mitgefühl entgegengebracht. Aber ein Kind, dass man innerhalb der Schwangerschaft verliert?

Ein bisschen mehr Toleranz würden uns Sternenmamas wirklich sehr helfen. Nach solch einem großen Verlust fehlt die Kraft sich auch noch gegen Angriffe zu verteidigen. Aber: „Das Leben ist kein Wunschkonzert“. Ja, leider, sonst hätte ich jetzt Paulina neben mir. Aber ich bin ihre Mama und ich würde wieder alles für mein Mädchen tun, damit sie nicht leidet. Ich trage Verantwortung für sie, aber auch für mich, meinen Partner und seinen Kindern gegenüber. Und es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an Paulina denke und das Leben, dass sie nie führen wird – so oder so.

Liebe Tina @atina_1000, vielen Dank für dieses Plädoyer für mehr Verständnis und Mitgefühl.

2 Kommentare zu „Vorzeitiger Abbruch: Alles ichbezogene Mörderinnen?

  1. Liebe Tina,

    ein augenöffnenter Beitrag. Du sprichst mir aus dem Herzen.

    Auch wir haben uns zur Beendigung der Schwangerschaft mit unserem Tim entschieden. Nach einem Blasensprung in der 17. SSW hatte er keine Chance auf ein gesundes Leben.
    Wie ihr, haben auch wir das Glück, dass uns so gut wie keine Vorwürfe gemacht wurden. Die einzige die mir die Schuld an seinem Tod gibt bin ich. Hätte ich ihn verhindern können hätte ich der FWU, die 2 Tage vor dem Blasensprung durchgeführt wurde, nicht zugestimmt? Diese ließen wir aufgrund des Chromosomendefektes unser Leonie, welche uns in der 19. SSW verließ, durchführen.

    Ich bewundere einerseits diejenigen, die die Natur entscheiden lassen, aber andererseits auch diejenigen , die wie ihr und wir die Entscheidung treffen. Für mich sind alle stark egal, welche Entscheidung getroffen wird. Es spielen so viele Faktoren hinein die jemand, der (glücklicherweise) nicht betroffen ist, gar nicht nachvollziehen kann. Deshalb hilft es da viel mehr, einfach mal den Mund zu halten. Urteilen über eine Entscheidung, die man selbst nie treffen musste, ist mehr als fehl am Platz.

    Ich wünsche dir/euch für die Zukunft alles Gute,
    Sandra

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  2. Liebe Tina, auch wir mussten uns diesen schlimmen Schritt überlegen und wir haben richtig gehandelt.
    Unserem Sohn wurde in der 15ssw trisomie 21 mit hygroma colli (6mm dicke geschwulst) sowie schweren Herzfehler und rückläufige Versorgung der Nabelschnur diagnostiziert. Er wog nur 56g und war knappe 15cm groß.
    Man sagte uns, er würde die 40ssw nie voll machen und selbst wenn, stirbt er während der Geburt. Das konnten wir nicht verantworten.
    Was wäre es für ein Leben, wenn unsere Kinder in uns gestorben wären?
    Dann würden wir hier nicht sitzen und uns darüber „austauschen“, sondern wären in der Klapse oder schlimmeres…
    ich denke seit dem 12.12.18 jeden Tag an ihn, wir gehen die Diagnose immer u immer wieder durch. Wir hätten nichts tun können, außer ihn später beerdigen.

    Ich bin „froh“, mit dieser Entscheidung nicht allein zu sein und dennoch berührt mich jedes Schicksal erneut.

    Alles liebe, Vanessa

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