Deine Geschichte · Gastbeitrag · Leben mit der Trauer

Meine Erlebnisse und Gedanken nach der Fehlgeburt

Mutterschaft
Ab wann ist man eigentlich eine echte Mama?
War das überhaupt schon ein richtiges Leben?
Kann ich es so einfach vergessen?
Ich persönlich finde, man ist eine Mama, sobald man den positiven Test in den Händen hält und die Verantwortung für ein anderes Leben übernimmt. Für mich war unser Baby nicht nur ein Zellhaufen. Spätestens als ich den Herzschlag sah, wurde mir bewusst, dass in mir ein Leben heranwächst und ich alles dafür geben werde. Zuvor hatte ich furchtbare Panik davor, eines Tages zu sterben. Vielleicht sogar zu sterben bevor ich jemals eigene Kinder haben werde. Das hat mich von vielerlei Dingen abgehalten, die mir zu riskant und nervenaufreibend waren, obwohl ich es früher geliebt habe, verrückte Sachen zu machen. Doch diese besondere Erfahrung hat mir jederlei Ängste genommen. Ich lebe wieder! Ich habe weder Angst vor Spinnen noch vorm Fallschirmspringen. Was soll denn schon noch Schlimmes passieren, wenn man bereits sein eigenes Kind verloren hat? Was so ziemlich das Schlimmste ist, was ich mir vorstellen kann. Ich sah unser Baby, ich sah den Herzschlag. Mein Freund und ich feiern unsere Geburtstage nicht wirklich, aber zum Mutter- und Vatertag machten wir uns Geschenke.


Schockzustand
Die Zeit nach der bösen Erwachung verging recht schnell.
Noch total unter Schock ließ ich alles sofort über mich ergehen. Ich wollte es einfach hinter mir haben, denn immerhin trug ich unser lebloses Baby nun schon mehr als einen Monat in mir herum – ohne es zu merken. Schon am nächsten Tag erfolgte die Ausschabung. Der Arzt und sein gesamtes Team waren wirklich sehr lieb und einfühlsam. Mein Freund begleitete mich und durfte mich im Aufwachraum empfangen. Da ich selbst im OP tätig bin, wusste ich genau, was auf mich zukommt. Ich hatte keine Angst. Ich war nur so unfassbar traurig, wie nie zuvor in meinem Leben. In meinem Aufwachdelirium, und das klingt etwas verrückt, sah ich einige Engel, die unser Baby zu sich genommen haben. Danach ging es mir schon viel besser. Ich wusste, dass die kleine Seele in guten Händen ist und ich nicht mehr so traurig zu sein brauchte.


Trauerbewältigung
Natürlich war ich nicht von heute auf morgen wieder das pure freudige Leben. Ich brauch(t)e meine Zeit(!) und die nehm’ ich mir entsprechend auch. Ich wurde insgesamt dreieinhalb Wochen danach krankgeschrieben, um das Gröbste zu verarbeiten. Meine liebe Freundin schenkte mir zu Beginn ein ganz tolles Schwangerschaftstagebuch, welches ich auch wöchentlich ganz eifrig schriftlich und mit den Ultraschallbildern ausfüllte. Nach der Fehlgeburt nutzte ich es weiterhin um meine Emotionen darin festzuhalten. Außerdem schrieb ich einige Gedanken und Erlebnisse in Form von Briefen auf, die ich dazu packte.
Meine Gefühle habe ich voll und ganz ausgelebt und tue es auch weiterhin. Wenn ich lachen will, lache ich und freue mich über das Leben. Wenn ich Ablenkung brauche, geben mir diese mein Freund, Freunde und Familie. Wenn ich weinen will, weine ich stundenlang bis meine Augen so dick sind wie Elefantenfüße.


Begegnungen
Ich bin so froh, dass ich vor einigen Jahren die Spiritualität etwas für mich entdecken konnte. Ich weiß nicht, wie ich heute ohne sie mit dieser Situation umgehen würde. Ich habe das Gefühl, wenn ich ein Zeichen erhalten möchte, dann bekomme ich eins. Sei es ein besonderer Song, Regenbogenfarben (die für ein kommendes Regenbogenkind stehen könnten) oder folgende ganz besondere Begegnung, die kurze Zeit nach dem OP-Termin geschah. Mein Freund und ich flanierten durch unseren Kiez und machten an einem Späti Halt. Bei den Getränken stand plötzlich ein großer fremder Mann vor mir, schaute mich an und sagte „Hi!“. Ich war etwas irritiert und folgte meinem Freund zur Kasse. Als wir uns draußen auf der Bank niederlaßen, setzte sich eben genau dieser Fremde zu uns. Er schien etwas alkoholisiert, machte aber einen gepflegten Eindruck. Wir kamen mit ihm ins Gespräch und er fing an von Projektionen zu reden. Irgendwann sagte er dann „ich sehe, dass ihr meine Eltern seid. Und ihr seid sehr nette Menschen. Ich liebe euch!“
Ich weiß nicht, was es für ihn zu bedeuten hatte, aber für mich war es in dem Moment genau das Richtige zu hören.

Liebe Melina @melinaveronika danke für deinen Beitrag. Viele Sterneneltern können sich bestimmt darin wiederfinden und daraus Kraft und Mut schöpfen.

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