Deine Geschichte · Folgewunder · Gastbeitrag

Mein Feststecken in der Trauer verhindert die Zukunft?

Über acht Monate sind seit Paulinas stiller Geburt im schon vergangen. Acht kalendermäßig auf dem Papier lange, aber für mich gefühlt so kurze Monate. Es gibt Tage, da kommt es mir vor, wie wenn es gestern gewesen wäre. Mein kleines Mädchen fehlt mir immer noch so sehr, dass es an manchen Tagen beinah unerträglich ist. Ich vermisse dieses kleine Kind, ich trauere, hadere extrem mit dem Schicksal und bin völlig verzweifelt. Dann gibt es inzwischen glücklicherweise wieder Tage, da hat mich der (Arbeits-)Alltag wieder völlig im Griff.

Wenn ich ganz ehrlich bin, dann ist es nicht nur Paulinas Tod, der mich manchmal beinah durchdrehen lässt. Es ist, dass ich immer noch mit leeren Händen dastehe. Dass ich kein Kind habe, wie ich noch Anfang letzten Jahres mir so sicher war. Es ist, dass jetzt alles wieder „auf Anfang steht“ und plötzlich bin auch ich damit konfrontiert: wie willkürlich und schwer es ist ein Kind zu bekommen.

Über viele Jahre hatte ich mich – mangels Partner – schweren Herzens mit meiner Kinderlosigkeit arrangiert. Man mag mich für altmodisch oder naiv halten, aber ich wollte zwar immer ein Kind, aber nur als kleine Familie. Ich wollte –zumindest zum Zeitpunkt der Zeugung – sicher sein, dass wir zusammengehören. Ich wollte NIE ein Kind von irgendjemand, das fand ich dem Mann, aber vor allem dem Kind gegenüber nicht fair.

Kurz nach meinem 40.Geburtstag bin ich ihm dann begegnet, dem Mann, auf den ich mein Leben lang schon gewartet habe. Und als wir uns beide sicher waren, diesen Weg gemeinsam gehen zu wollen, sprachen wir zwar darüber, glaubten aber eigentlich fast nicht mehr daran. Wir waren daher völlig aus dem Häuschen, dass es überhaupt und dazu noch so schnell gekappt hatte. Daher kannte ich dieses ganze Kinderwunsch-Prozedere nicht wirklich.

Aber jetzt erwischte es mich eiskalt: Den Zyklus beobachten, die fruchtbaren Tage berechnen – sofern es denn überhaupt möglich war – und hoffen, dass mein Mann in dieser Zeit nicht beruflich unterwegs ist. Das war so ätzend. Bei Paulina ging es so schnell und wirklich dran geglaubt hatte ich nicht mehr. Aber jetzt? Jetzt fühlte ich einen krassen Druck. Nun wusste ich ja, dass es durchaus klappen könnte. Aber wie lange noch? Plötzlich musste ich an Sex denken, obwohl ich eigentlich grad gar keine Lust dazu hatte, denn mein Kopf war voller Trauer, aber auch von „ich will endlich ein Baby im Arm halten“. Für mich war das oftmals zu viel. Ich war verzweifelt, traurig und wie besessen davon schwanger zu werden.

Erschwerend und belastend dazu kam, dass ich nach Paulinas Geburt erst mal wochenlang Blutungen hatte. Dass ich dadurch um die Ausschabung herumkam, half mir im Nachhinein wohl doch nichts. Mein Zyklus relativierte sich einfach nicht. Und jedes Mal, wenn wieder völlig außer Plan Blut auf dem Toilettenpapier war, versank ich in tiefste Ängste, ob es vielleicht jetzt doch schon zu spät wäre? So konnte ich auch die „fruchtbaren Tage“ nur leidlich schwer ermitteln. Mit den Ovos hatte ich schlechte Erfahrungen, die hatten immer „NEIN“ angezeigt und trotzdem wurde ich mit Paulina schwanger. Jedes Mal, jede verdammte Schmierblutung war für mich ein Anlass für einen kleinen Weltuntergang, verbunden mit tiefster Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Ich war traurig und gleichzeitig so wütend. Ich trauerte um Paulina, aber auch um die nicht eintretende, erlösende Folgeschwangerschaft.

Jetzt kann man natürlich denken, dass ich vielleicht einfach noch nicht wieder bereit war, dass ich Zeit gebraucht hätte. Wahrscheinlich… Aber ich war mir so sicher, dass meine Trauer und Verzweiflung nur kleiner werden könnten, wenn ich eben möglichst schnell wieder schwanger wäre. Denn ich wollte endlich ein Kind im Arm halten. Mich entspannen, mir Zeit lassen, alles verarbeiten, das klang verlockend gut – danach sehnte ich mich sogar irgendwie. Aber diese Zeit hatte ich als Ü40 leider nicht mehr. Da brauchte ich mir auch nichts schön zu reden.

Inzwischen macht sich mein Partner ernsthaft Sorgen, dass ich in der Trauer stecken bleibe und nicht vorankomme. Dass ich gar nicht mehr an eine Zukunft glaube, gar keine Zukunft mehr sehe. Teilweise hat er recht. Inzwischen bin ich zwar etwas ruhiger. Kurz nach der Diagnose war ich der festen Überzeugung: „Wenn dieses Kind geht, dann geh ich mit. Es sah keinerlei Sinn mehr für mich zu leben. Wie sollte ich denn mit so einem Verlust je klarkommen?“ Inzwischen ist es glücklicherweise so, dass ich mir zwar immer noch so sehnlichst ein Kind wünsche, aber langsam auch beginne mir (wieder) ein Leben ohne Kind vorstellen zu können. Wenn es denn so kommen würde.

Die letzten Monate waren geprägt von meiner stillen Trauer. Ich bewundere die Frauen, die trotz so eines Verlustes irgendwie „die Alte“ geblieben ist. Ich selbst denke, dass das unmöglich ist und doch signalisiert mir mein Umfeld, dass sie genau das von mir erwarten. Und ich spüre, wie ich dadurch immer mehr zum Außenseiter werde. Ich selbst denke jede Sekunde an Paulina und doch wird das Thema in meiner Familie totgeschwiegen. Und dieses Gefühl, verstanden zu werden, über alles reden zu können, ist für immer verloren gegangen. Daher spiele ich gezwungenermaßen das Spiel mit und wahre den Anschein nach außen, dass ich gut damit klarkomme.
Irgendwann habe ich deshalb begonnen darüber zu schreiben. Erst für mich – und dann über Gastbeiträge auf diesem Blog. Das tat mir unglaublich gut, denn ich liebe schöne Texte zu lesen – und versuche mich daran, ähnlich gut zu formulieren.

Alfa findet es toll. Aber er möchte die Texte nicht lesen. Ihn wühlt es zu sehr auf. Das ist zwar schade, aber ich kann es irgendwie verstehen. Denn wenn ich da so stundenlang vor mich hin tippe, habe ich das Gefühl, dass ich es immer wieder erleben. Hat er recht, dass ich mich endlich anderen Themen widmen sollte? Dass ich dadurch nie aus der Trauer rauskomme? Ich weiß es nicht. Ich habe nämlich nicht das Gefühl, dass es mich aufwühlt oder Wunden aufreißt, denn sie sind doch eh noch gar nicht verheilt.

Aber in einem hatte er recht. Ich steckte fest im Tief. Mein Leben erschien mir nur noch ziemlich trüb. Alles Negative, das ich seitdem erlebte: Die Versetzung innerhalb der Sparkasse aufgrund meiner viele Fehltage wegen Paulinas stiller Geburt, Stress im Nebenjob… All das erlebte ich vermeintlich nur, weil ich wegen Paulinas Tod wieder arbeiten gehen musste. Wäre ich im Mutterschutz, hätte sich all das nicht ergeben. Eine blöde Denkweise, ich weiß, und doch empfinde ich es so.
Ich steckte gnadenlos fest. Innerlich und äußerlich. Hatte immer wieder das Gefühl, nichts geht voran. Vor allem in den Zeiten der Schmierblutungen oder während meiner Tage. Mein Leben stand gnadenlos auf Pause und irgendwie fand ich den Play-Knopf nicht.
Was mir dann völlig unerwartet Auftrieb gab, war dann der Neustart in der Arbeit. Erst war ich ja völlig entsetzt, dass man mich „zwangsversetzen“ würde, sowas hätte ich mir niemals vorstellen können. Aber dass die neue Aufgabe mir sehr lag, mir viel mehr Spaß machte, dass die neuen direkten Kollegen toll waren und ich mir sogar (wieder) vorstellen könnte dort ein paar Jahr zu arbeiten, gab mir plötzlich ganz viel Hoffnung. Hoffnung auf eine Zukunft, ggf. auch ohne Kind. Ich sah langsam wieder neue Möglichkeiten, freute mich auf neue Aufgaben und Herausforderungen. Erlebte einfach irgendwie wieder Sinn im täglichen Aufstehen.

Hoffentlich wird es mir gelingen, diesem neuen Gefühl immer mehr Raum zu geben. Ich glaube, die richtige innere Einstellung kann viel bewirken. Sanft versuche ich mir eine alternative, kinderlose Zukunft vorzustellen. Und dass ich trotzdem glücklich sein würde. Das gelingt mir schon ganz gut. Denn das ist die Basis von allem. Es gibt eine Ahnung, dass es nicht nur irgendwie, sondern auch gut weitergehen wird.

Nur beim Kinderwunsch, da hat sich noch nichts entspannt. Dabei möchte ich das so sehr: Ich will entspannter sein, positiv sein und fest daran glauben, dass es klappen kann. Dieses Urvertrauen, das mir durch Paulinas Verlust verloren gegangen ist, möchte ich zurückgewinnen. Denn mit Paulinas Tot kamen so viel fast unvorstellbare Ketten-Reaktionen: Unser bis dato so stabile Beziehung wurde auf einen Tiefpunkt geworfen, wir waren bis dato mit so vielen Unwägbarkeiten – gemeinsam – klargekommen. Aber Paulinas Tot hatte alles in Frage gestellt. Das ich jemals in der Sparkasse Probleme bekommen würde, hätte ich mir bis dato ebenfalls nicht vorstellen können. Ich hatte meine beste Freundin verloren, weil sie mit unserem bewusst herbeigeführten Abbruch moralisch überhaupt nicht klarkam. Durch all das Erlebte hatte ich auch das Vertrauen in meinen bis dato völlig gesunden Körper verloren…. alles Erlebnisse, die ich nie für möglich gehalten hatte. Aber es war passiert.

Wenn ich das jetzt alles so lese, dann fällt mir ganz spontan etwas ein: Ich könnte versuche dies alles umzudrehen. Wenn so viel eingetreten ist, von dem ich nie gedacht hätte, dass es passieren könnte. Warum sollte ich dann nicht doch nochmal schwanger werden, auch wenn ich es derzeit noch nicht für möglich halte?

Ein schlauer, schöner Denkansatz, über den ich mal nachdenke.

Liebe Tina @atina_1000, danke für diese Worte, die bestimmt sehr viele Sternenmamas nachvollziehen können.

2 Kommentare zu „Mein Feststecken in der Trauer verhindert die Zukunft?

  1. Hallo sternenmama ich bin ganz bei dir, ich habe auch mein Baby Elias vor fünf Monaten Stil zu Welt bringen müssen und ich hatte auch so Gedanken ich muss mit ihm gehen. Doch hätte das mein Baby gewollt, Versuch loszulassen sonst kommst du niemals aus dem Schmerz raus. Dein Mädchen hätte das auch nicht gewollt, sie ist immer bei dir, daran glaube ich ganz fest das mein kleiner Engel bei mir ist, egal wie die Situation ist du kannst es eh nicht ändern,doch ich kann voll nach vollziehen was du füllst bin auch ganz bei dir. Ich trage einen Engel oder sein Name an meinem Körper und besuche ihn an seinem Grab und bin dankbar für die Zeit wo ich ihn unter meinen Herzen getragen habe. Laura

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  2. Wenn alles plötzlich still steht
    Zu laut,zu leise zu anders
    Du bist mitten drin
    Karussell fahren ,als Kind frei sein
    Aber so ,neee wo ist der Ausstieg
    Kind so ,dass ist doch anders
    Ich will zu welchen Preis
    Stop schau dich an
    Arme,Beine Kopf Füsse
    Alles dran
    Nur ein leerer Bauch
    Trotzdem bist du eine vollwertige Frau
    Hör auf zumindest für eine Zeit
    Einen Monat Mal durchatmen
    Fahr weg,ess Eis ,mach Picknick
    Habe Sex ohne Plan
    Wer weiss ,vielleicht will eine Zelle ,sich einnisten und befruchtet werden
    Man weiss nie warum
    Das Leben schubst uns oft
    Das Leben gibt uns mehr als wir denken
    Man weiss es erst später

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