Deine Geschichte · Gastbeitrag

Vom Bauch ins Herz und weiter zu den Sternen

Hey, ich bin Katharina, 23 Jahre alt und Mutter von zwei Kindern. Ja, von zwei.

Mein großes Mädchen ist ein 2,5 Jahre alter Wirbelwind. Ein kleiner Frechdachs, der einfach ein besonderes Gefühl auslöst. Kennt ihr das? Das Gefühl von Frühling? Das Gefühl von Heiterkeit und Gelöstheit? Wenn die ersten wärmenden Sonnenstrahlen durchblitzen und sich ein Lächeln auf dem Gesicht ausbreitet? Das ist Emma. Mit ihrer Energie vertreibt sie die Winterruhe, bringt immer frischen Wind ins Haus und lässt uns mit ihrem Strahlen aufblühen. Denn so ist sie: Der kleine Wirbelsturm, der die Kälte des Winters vertreibt. Manchmal ist sie aber auch so launenhaft wie der April. Von himmelhochjauchzend bis hin zu tiefbetrübt, innerhalb von Sekunden. Ihr Lächeln ist so wärmend, fast wie der Spätfrühling – wie die Sonne im Mai, und macht Lust auf mehr. Auf Sommer.

Bei meiner kleinen Bohne hingegen wird es komplizierter. Leo ist die erste kleine Schneeflocke, die vom Himmel fällt, noch bevor der Schnee liegen bleibt. Die Vorfreude aufs Schneemannbauen. Er ist das Aufleuchten eines Streichholzes, klein und dennoch hell. Flackernd und wärmend. Ein Streichholz, das nur darauf wartet, ein großes Feuer zu entzünden. Er ist wie die ersten Sonnenstrahlen am Morgen, die einen aufwecken und auf mehr hoffen lassen. Er ist die Adventszeit, das Warten auf den großen Moment, auf Weihnachten. Er ist das Pulsieren der Vorfreude, die gespannte Erwartung, ein Wimpernschlag. Er ist so viel. Er ist Alles. Und doch wird er nie mehr sein können als das.

…………

Es war passiert. Das Kondom war geplatzt. Und wir? Wir waren einfach nicht bereit dafür. Bereit, für ein zweites Kind. Oder sagen wir, ich war nicht bereit. Ich liebte meinen Job und war nicht bereit, diesen wieder zu aufzugeben. Ich hatte nach über zwei Jahren endlich wieder mein Vorschwangerschaftsgewicht und war zufrieden mit mir und meinem Körper. Außerdem wollten wir heiraten. Egoistisch wie ich war, wollte ich nicht ausgerechnet jetzt, nachdem Brautkleid und vieles mehr schon besorgt waren, meinen Körper „opfern“. Also nahm ich, nach Absprache mit meinem Verlobten, die Pille danach und dachte nicht länger darüber nach.

Doch Dinge lassen sich nicht verdrängen und irgendwann holen sie einen ein. Zwei Wochen später war meine Periode überfällig und ich hyperventilierte leicht. Der Test war schnell besorgt und als dieser positiv ausfiel, konnte ich es nicht fassen. Meine erste Reaktion war es, in Tränen auszubrechen. Ich konnte und wollte nicht wahrhaben, dass die Pille danach nicht funktioniert hatte. Wie war das möglich? Aber nach dem ersten Schock, der über ein paar Stunden andauerte, freute ich mich natürlich dennoch. Und zwar riesig. Wir liebten unser Baby jetzt schon. Unsere kleine Bohne. Unseren Leo.

Die Schwangerschaft verlief sehr gut, bis auf die Übelkeit und das Erbrechen jeden Abend. Die Mutterbänder zogen ziemlich heftig, was laut meiner Frauenärztin in der zweiten Schwangerschaft ziemlich normal war. Komischerweise hatte ich immer ein eigenartiges Gefühl. Ich war unruhig, recherchierte viel und konnte meine sorgenvollen Gedanken nie wirklich abschalten. Ich konnte es nicht genießen. Und das schlechte Gewissen nagte an mir.

Der erste Frauenarzttermin verlief ereignislos. Es war zu früh, um irgendetwas auf dem Bildschirm zu sehen, doch die Blutwerte waren sehr gut und so ließen sich viele Szenarien ausschließen. Ich versuchte mich zu entspannen und weihte langsam meine Familie ein. Alle freuten sich mit uns.

Doch eines Abends, es war der 08.06.2019, hatte ich auf einmal unendlich starke Bauchschmerzen. Sie waren heftig und plötzlich, ohne Vorwarnung. Und ich hatte Angst. Als die Schmerzen über Nacht weiter zunahmen, löste Panik die Angst ab. Aber da ich weder Blutungen noch sonst etwas dieser Art wahrnahm, redete ich mir Mut zu, tätschelte meinen Bauch und versuchte ruhig zu bleiben. Was sollte schon passieren?

Die Ruhe hielt nicht lange. Am nächsten Morgen verlor ich beim Frühstück richten das Bewusstsein und Dominik fuhr mich ins Landeskrankenhaus Graz, unser kleines großes Mädchen im Gepäck.
Die Ärztin in der Klinik schickte mich sofort in den Untersuchungsraum und veranlasste einen Ultraschall. Mein Herz schlug mir bis zum Hals und meine Augen lagen wie gebannt auf dem Bildschirm. Alles was ich wollte war, dass mit unserer kleinen Bohne alles in Ordnung war. Dass er wohlauf war. Und als ich das kleine Herzchen sah, atmete ich auf. Solange es dem Baby gut ging, konnte ich die Schmerzen ertragen, das wusste ich.
Doch der Blick der Ärztin ließ mir schlagartig die Luft aus den Lungen entweichen.

„Ihrem Baby geht es gut und es ist gut entwickelt. Ihnen jedoch… nicht.“
Zunächst verstand ich nicht. Und? Was sollte das jetzt bedeuten?
„Sie scheinen Blut im Bauchraum zu haben. Wir müssen sofort operieren. Es tut mir leid.“

Was? Aber sein Herzchen schlägt! Mein Kopf stand kurz davor zu explodieren und ich konnte die Tränen nicht mehr zurückhalten. Ich ließ nach Dominik rufen und auch ihm riss es den Boden unter den Füßen weg. Wir hielten uns gegenseitig fest.

Ich musste operiert werden. Daran führte kein Weg vorbei. Mein Eileiter war geplatzt und ich verlor Blut. Ziemlich viel Blut. Von da an ging alles ganz schnell. So wahnsinnig schnell und an mir glitt alles vorbei wie in Zeitlupe. Mein Herz raste und ich fühlte mich betäubt. Schwach, kraftlos und einfach… beraubt.

Wir hatten uns, trotz des Schocks am Anfang, schon so auf ihn gefreut. Darauf, dass wir bei der Hochzeit, zwei Monate nach dem errechnetem Geburtstermin, endlich vollständig sein und dass wir unser erstes komplettes Familienbild haben würden. Ich hatte Emmas Sachen durchwühlt, Kleidungsstücke hervorgekramt und war gedanklich schon in den Nestbautrieb abgedriftet. Domi hatte sich so sehr gefreut, und auch wenn wir das Geschlecht natürlich noch nicht wussten, küsste und streichelte er meinen noch flachen Bauch und nannte ihn Leo. Leo und Emma, unsere beiden Schätze.

Und doch war nun alles anders. Ich verlor so viel Blut, dass eine Not-Operation durchgeführt werden musste. Mein linker, komplett zerstörter Eileiter wurde entfernt und mit ihm mein kleiner Junge. Mein Junge, dessen Herzschlag ich noch vor so kurzer Zeit gesehen hatte.

…………………..

Im Moment bin ich in psychologischer Betreuung. Ich muss verarbeiten, dass ich beinahe gestorben wäre. Dass mein Sohn für mich sterben musste. Dass meine Tochter beinahe ohne Mutter aufgewachsen wäre. Dass mir mein Verlobter vor der Operation versprechen musste, dass, sollte mir etwas passieren, er es nicht zulassen durfte, dass Emma eine andere Frau Mama nennen würde. Sie dürfte sie Mutter, Mum oder Ähnliches nennen. Aber Mama sollte ich sein.

Ich muss verarbeiten, dass ich jetzt nicht nur Mutter eines Wirbelwindes bin sondern auch eines Sternes.
Und ich muss verarbeiten, dass ich wahrscheinlich schuld bin, dass mein Sohn gestorben ist. Für mich. Denn die Pille danach kann ein Faktor sein (sollte das Ei schon befruchtet sein und wäre es daher zu spät den Eisprung zu verschieben), dass so etwas passiert wie es eben mir passiert ist. Wie uns.

Unsere Herzen sind gebrochen- und das, obwohl es so früh war. So früh. Und dennoch ist es unser Baby.
Und trotz der kurzen Zeit waren wir ihm die besten Eltern. Wir haben ihn geliebt und werden ihn auf ewig lieben. Wir haben dafür gesorgt, dass er einen Namen bekommt. Wir haben alles getan, was wir konnten. Für ihn. Für Leo.

Liebe Katharina @katacassio, Danke für Deine Geschichte. Sei Dir sicher, dass Leo niemals vergessen sein wird! Und: Du bist nicht Schuld an eurem Verlust!

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