Deine Geschichte · Gastbeitrag · Leben mit der Trauer

Alleintrauernde Sternenmama

Seit dem 27. Mai 2019 bin ich nun eine Sternenmama. Gerade einmal drei Wochen ist es also her, dass mein kleiner Sohn still zur Welt gekommen ist. Die Trauer ist unbeschreiblich. Ich fühle eine tiefe Leere in mir. Ich begreife einfach nicht, was da passiert ist, warum das passiert ist und wie die Welt sich trotzdem weiterdrehen kann, obwohl meine Welt doch seitdem still steht. Denn hier bin ich und stehe still. Meine erhoffte, erträumte Zukunft ist einfach weg und in mein “altes Leben” kann oder will ich nicht zurück. Denn ich bin eine Sternenmama ohne Sternenpapa. Um meinen Sohn trauern keine verwaisten Eltern, sondern nur eine verwaiste Mutter.

Mein Freund und ich waren über fünf Jahre zusammen. Wir schmiedeten Zukunftspläne – Heiraten, Kinder, Eigentum – das volle Programm. Es ging dabei nie um das „ob“, sondern nur um das „wann“. Nach einer dreiwöchigen Japanreise im Frühjahr 2018, mit der ich mir eine Lebenstraum erfüllte, fühlte ich mich endlich bereit für den nächsten Schritt. Ich war bereit Mutter zu werden.

Im November 2018 führten wir dann ein ganz konkretes Gespräch über unsere Familienplanung. Ich war glücklich und mir kam es vor, als wären wir auf dem richtigen Weg. Nur drei Wochen später brach dann meine Welt zusammen. Mein Freund erklärte mir, dass er sich mit uns nicht mehr sicher sei, dass er mich nicht mehr liebte. Ich verstand die Welt nicht mehr. Ich dachte er hätte kalte Füße bekommen und wäre nun doch noch nicht bereit, eine Familie zu gründen.

Erst im Februar 2019 erfuhr ich, dass er da bereits eine andere kennen gelernt hatte. Er trieb während der ganzen Zeit ein doppeltes Spiel, bis ich schließlich davon erfuhr und den Kontakt abbrach. Ein paar Tage später hielt ich zu meiner Überraschung einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen…

Ich fuhr zu meiner Mama und zeigte ihr unter Tränen den Test – ich war doch etwas überfordert, fühlte mich wie betäubt. Ihre Reaktion werde ich nie vergessen, denn plötzlich strahlte sie mich aus vollem Herzen an. Sie freute sich! Und mit einem Mal kamen auch meine Gefühle. Auch ich freute mich, ja ich konnte mein Glück kaum fassen! Ich dachte, das Schicksal hat mir ein Geschenk gemacht. Mir! Nach all dem Scheiß und dem Schmerz der vergangenen Wochen wurde mir ein Lichtblick geschenkt. Es fühlte sich an wie ein Wunder und ich war so unheimlich dankbar. Wie sollte ich in dem Moment ahnen, dass mir dieses Geschenk in wenigen Monaten bereits wieder entrissen werden sollte?

Die kommenden Wochen waren die reinste Berg- und Talfahrt. Als ich meinem Exfreund erzählte, dass er Vater wird, war er mit der Situation komplett überfordert. Zu allem Überfluss war seine neue Freundin nun ebenfalls ungeplant schwanger – nur einen Monat nach mir. Seine sonst so perfekte Lebensplanung war dahin. Er drängte mich schließlich zur Abtreibung, versuchte mir zu drohen. Ich aber kämpfte für mein kleines Wunder. Ich war bereit dieses Geschenk mit allem zu verteidigen. Wie hätte ich ahnen können, dass am Ende nicht er mein größter Feind werden würde sondern mein eigener scheiß Körper, der nicht in der Lage war mein Baby zu beschützen?!

Die restliche Schwangerschaft lief dennoch sehr gut. Körperlich ging es mir prima, alle Vorsorgeuntersuchungen zeigten, dass sich mein Kind gut entwickelte. Die Wochen vergingen und irgendwie war alles ganz leicht. Alles fügte sich auf einmal. Meine Familie und Freunde standen hinter mir. Auf der Arbeit war alles geregelt, wir hatten sogar schon eine Vertretung für meine Elternzeit gefunden. Ich fand eine Hebamme, was in unserer Region nicht so einfach ist. Ich fand auch eine neue Wohnung für mich und mein Kind. Eine schöne Dreizimmerwohnung, die ich mir leisten konnte. Hier sollte mein Kind aufwachsen. Ich hatte Zukunftsbilder wie ich ihn bade, wie er von den Nachbarn begrüßt wird, wie wir gemeinsam im Ort spazieren gehen. Alle freuten sich und ich erhielt so viel Zuwendungen und Unterstützung, wie ich es noch nie vorher verspürt hatte. Ich war mir sicher, dass nun alles gut wird. Mein Kind würde geliebt werden. In der 19. Woche erfuhr ich, dass ich einen kleinen Jungen erwarte – ich freute mich riesig. Sein Name stand für mich fest. Mein Kind sollte Moritz heißen.

In der 20. SSW besuchten Mama und ich dann meine Oma. Wir wohnen in Hessen, sie in einer Vorstadt von Berlin. Ich präsentierte ihr am Abend unserer Ankunft stolz meinen kleinen aber feinen Babybauch. Sie war so froh nun auch Uroma zu werden. Immerhin bin ich ihre einzige Enkelin.

In der Nacht begann es dann. Ich wachte gegen 3 Uhr mit heftigen Rückenschmerzen auf. Ich versuchte mich einzuränken, fluchte innerlich über meinen schwachen Rücken und schwor nun endlich mit der Schwangerschaftsgymnastik anzufangen. Ich dachte die Zugfahrt und das ungewohnte Bett würden meine Schmerzen verursachen. Tatsächlich waren es erste Wehen.

Um 6 Uhr wachte ich erneut auf. Nun tat nicht nur der Rücken weh, sondern auch mein Bauch spannte und ich verspürte einen heftigen Druck im Unterleib. Ich richtete mich auf und hatte sogar Schwierigkeiten zu atmen. Ich ging zur Toilette und da passierte es. Ich vernahm eine Art „Plopp“ und plötzlich ergoss sich ein Schwall aus Blut und Wasser in die Toilette.

Ich schrie panisch nach meiner Mama. Es hörte gar nicht mehr auf. Ich sah nur noch Blut und Wasser und mein Kopf knipste sich aus. Ich WUSSTE, dass meine Fruchtblase geplatzt war – über 20 Wochen zu früh. Ich WUSSTE, dass ich mein Kind verlieren würde. Ich WUSSTE, dass nun alles vorbei war. Begreifen konnte ich es nicht. Wahrhaben wollte ich es auch nicht. Ich dachte nur „das kann doch nicht wirklich passieren?“. Es ist wie ein böser Traum aus dem ich seitdem nicht erwachen kann.

Die darauffolgenden Ereignisse habe ich mir in eine Art Tagebuch aufgeschrieben. Im Nachhinein, in Stunden der Ruhe, wenn ich mich ganz dem Erlebten hingeben kann. Ich habe Angst davor es zu vergessen oder zu verdrängen. Daher schreibe ich alles auf. Es hilft mir mich zu erinnern und ist für mich wie eine Fotografie bei der man bereuen würde, sie nicht gemacht zu haben.

Mein Sohn Moritz kam am Montag, den 27. Mai 2019 um 13:43 Uhr still zur Welt. Zuvor hatte er über 20 Stunden ohne Fruchtwasser in meinem Bauch um sein Leben gekämpft. Er wollte leben, er wollte zu mir, aber er war zu klein und mein Körper zu schwach. Ich war nicht stark genug gegen die Infektion, die die Ärzte als Grund vermuten, anzukämpfen. Dabei wollte ich doch vom ersten Tag an für ihn kämpfen! Es tut mir leid mein kleiner Schatz, dass ich es nicht geschafft habe.

Was bleibt ist die Trauer. Sie ist nun ein Teil von mir, damit habe ich mich schon abgefunden. Aber ich habe so eine verdammte Angst vor dem was nun kommt. Vor den Reaktionen meiner Mitmenschen. Vor dem Alltag, der irgendwann wieder da ist. Vor der leeren Wohnung. Ich habe Angst vor dem Alleinsein, Angst vor der Zukunft. Ich trauere um das, was ich verloren habe und das, was hätte kommen sollen. Ich fühle keine Sicherheit mehr, nichts ist beständig. Ich weiß nicht, wie es weiter gehen soll.

In den letzten Tagen habe ich auf vielen Sternenkinderforen gelesen. Auch das „berühmte“ Buch von Hanna Lohtrop habe ich gelesen. Die Erfahrungen der anderen Sternenmamis tuen mir gut – ich fühle mich dadurch mit all dem nicht allein. Ich fühle mit, teile den Schmerz, weil ich ihn kenne.

Aber womit ich am Ende allein bin ist, dass ich nur eine verwaiste Mama bin und kein verwaistes Elternteil. Mein Exfreund wollte sein Kind nicht. Mein Kind hat keinen Vater, nur eine Mutter. Und was ich in der Schwangerschaft noch voller Stolz verkündet habe „Er will sein Kind nicht? Pech für ihn, mehr Liebe für mich!“ bedeutet nun eben auch „mehr Trauer für mich“. Ich kann meine Trauer nicht teilen, nicht auf seine Schultern verteilen. Natürlich trauert auch meine Familie und liebsten Freunde. Aber keiner trauert um sein Kind, sondern um sein Enkelkind oder eben das Kind der besten Freundin.

Ein Weg aus der Trauer ist für viele eine erneute Schwangerschaft bei der am Ende ein kleines Regenbogenkind wartet. Nicht, weil das Sternenkind ersetzt wird, sondern einfach, weil der Kinderwunsch weiterhin besteht. Mir geht es da nicht anders. Aber bei mir wartet eben kein Partner, mit dem man es nach einer gewissen Zeit wieder versucht. Ich habe keinen Partner, der sich als Sternenpapa fühlt und die Erinnerung an unseren Sohn im Herzen bewahrt. Ich alleine trage meinen kleinen Stern bei mir und das finde ich so unheimlich traurig.

Den unsäglichen Satz „Sie sind ja noch jung“ habe ich nun schon zur Genüge gehört. Klar kann ich mit 29 noch Kinder bekommen. Aber was nützt mir das nun? Bevor ich auch nur den Hauch einer Chance auf ein Regenbogenbaby bekomme, muss ich erst einmal Jemanden finden, mit dem ich mir eine Zukunft vorstellen kann – und das alleine ist ja schon schwer genug, oder? Ganz davon zu schweigen, dass ich meinen Sohn unheimlich vermisse. Ich kann mir auch schlecht einen Partner suchen, nur um ein Kind zu zeugen. Mit anderen Worten: ich muss meinen Kinderwunsch begraben, um ihn irgendwann vielleicht doch noch erfüllt zu bekommen. Das ist ein verdammter Teufelskreis.

Als Alleinerziehende bekommst du Hilfe deinen Weg auch alleine, ohne Partner, gehen zu können. Als Alleintrauernde ist es schwerer. Du musst alleine um dein totes Kind trauern, kannst dich auf kein Regenbogenkind freuen, hast keine starken Schultern an deiner Seite. Ich bin verzweifelt, ja sogar neidisch und verbittert. Ich fange nicht bei Null an, sondern bei Minus.

Ich konnte die schönen Gefühle in der Schwangerschaft nicht teilen. Nun kann ich die schlimmen Gefühle nach der stillen Geburt nicht teilen. Ich fühle mich so allein. Ich fühle mich leer und verlassen. Ich fühle mich ungeliebt und betrogen. Und ja, ich fühle eine große Ungerechtigkeit. Ich habe erst meinen Partner verloren und nun mein Kind. Jeder Abend ist eine Qual – dann, wenn ich alleine bin, kommt alles hoch. „Ich will das nicht! Ich will mein Leben zurück!“ schreie ich dann. Aber keiner antwortet.

Liebe Loreen @sternenmama.2705, danke für deine Geschichte. Sein Sternchen ist niemals vergessen und du bist eine starke Mama, die hoffentlich die richtige Unterstützung bekommt!

7 Kommentare zu „Alleintrauernde Sternenmama

  1. Hallo liebe Sternen Mama du hast mein großes Mitgefühl fühl dich von mir zu tiefst gedrückt, ich habe auch mein Baby in der 21 ssw verloren und habe es bei uns im Ort Beerdigt. Ich ich besuche mein Sohn regelmäßig das ist ein tiefer Schmerz das du erstichst und ein Gedanke warum bin ich nicht mit Dir gegangen mein Engel sage ich mir ständig. Drei Monate ist es her und trotzdem vermisse ich ihn schmerzlich , mein Engel heißt Elias und ich trage seinen Namen an einer Kette den ich mir anfertigen lassen habe. Meine Gedanken werden bei dir,damit du nicht allein bist einen lieben Gruß von mir.

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    1. Liebe Laura,
      danke für deine Worte. Es hilft mir zu sehen, dass ich mit meinem Schmerz nicht allein bin, auch wenn ich mir wünsche, dass so etwas niemandem passieren muss. Eine schöne Idee mit der Kette. Elias kann froh sein so eine einfühlsame Mama zu haben.
      Fühl dich gedrückt

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  2. Du schaffst das ,keiner kann diese Geschichte von Moritz erzählen,Ausser du selbst ,Rutsch Mal und ich lausche dir ,so jetzt sind wir schon 4 ,Moritz ,Ronja unsere Sternenkinder und wir Mamas ,du bist ergo nicht allein und Moritz bleibt dein Kind LG @stokisgirl

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  3. Moritz, wirklich wunderschön. Eine liebende Mama, ein Leid, das nur sie fühlt und die Schwere der Sehnsucht. Nur zu kurz hattet ihr zueinander gefunden. Beim Lesen hatte ich Tränen in den Augen und wünsche von Herzen ganz viel Kraft und alles Liebe!

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    1. Ich danke dir für deine Anteilnahme. Je mehr Menschen von ihm wissen, desto tiefer sind seine Spuren in dieser Welt. Ich bin froh, dass ich ihm seinen Namen geben könnte.

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      1. Mein Herz hat eure Geschichte berührt. Man fühlt sich immer so hilflos in solchen Situationen, aber keine Worte der Welt mögen den Schmerz heilen. Aber Du hast die Anteilnahme von vielen Menschen, und mit der Zeit lernt man wohl den Schmerz zu ertragen…

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