Deine Geschichte · Folgewunder · Gastbeitrag

Stille Geburt meiner zweiten Tochter und mein Regenbogenmädchen

… ein komisches Gefühl war in mir, ich war ziemlich nervös, hatte Herzrasen und war schnell reizbar. Ich war mit meiner zweiten Tochter in der 38. SSW schwanger. Der errechnete Entbindungstermin ist in 15 Tagen. Habe ich heute meine kleine Maus schon gespürt? Doch vorhin, oder? Oder nicht? … aber so kurz vor dem ET sind sie ja oftmals ruhiger. Haben keinen Platz mehr. Bereiten sich auf die Geburt vor. Ja was soll jetzt noch schief gehen?! Jetzt geht es bald los. Möchte auch nicht wie eine hysterische Schwangere an der Kreißsaaltür klingeln.

Aber um ruhig ins neue Jahr starten zu können, entschied ich mich doch kurz jemanden drauf schauen zu lassen und mein Mann fuhr mich mit unserer großen Tochter (fast 2 Jahre alt) zum Kreißsaal. Dort angekommen klingelte ich, es war abends, Silvester. „Hallo ich bin in der 38. SSW und spüre mein Kind nicht“. Ich wurde zum CTG gebracht und dann fing der Alptraum an. Ich überlegte mir ernsthaft, wann ich denn vorher eingeschlafen bin und wie ich hier wieder raus komme. Die erste Hebamme fand den Herzschlag nicht, holte ihre Kollegin, auch diese fand keinen Herzschlag.

Ich war allein. Meine Worte waren nur „Oh nein, Oh nein“ … denn ganz tief in meinem Unterbewusstsein war mir schon bewusst was passiert war.

Die Ärztin schallte auf meinen Bauch, voller Hoffnung schaute ich in ihr Gesicht und hoffte auf irgendein Zucken ihrer Mimik was ins positive ging. Aber sie sagte mir, dass das Herz nicht mehr schlägt.
Ich bin so wie ich war aufgestanden und raus. Raus zu meinem Mann und meiner Tochter, die draußen im Auto warten. „Sie ist tot“. Wir teilten dem engsten Familienkreis die Nachricht mit. Organisierten Opa und Oma als Babysitter für unsere Tochter. Noch nie war ich getrennt von ihr über Nacht. Es war klar, dass die Geburt ihrer Schwester dies das erste mal fordert. Aber nicht so.
Ich verabschiedete mich von ihr, nahm meine Kliniktasche, mein Mann und ich waren bereit. Aber für was? Wir hatten keine Ahnung was auf uns zukommt.
Die Geburt wurde eingeleitet. Am nächsten Tag, Neujahr, kam unsere Tochter nach einer wunderschönen selbstbestimmten Geburt zur Welt. Leider wurde jede noch so kleine Hoffnung, dass sich alle täuschen und sie doch lebt, zunichte gemacht als ich sie zu mir nahm in Arm. Mein kleines Mädchen braucht doch gleich Hautkontakt. Unbegreiflich, dass sie die Augen nicht aufmacht, sondern friedlich schläft. 14 Tage vor dem errechneten Geburtstermin.
Die Tatsache, andere hochschwangere Frauen im Kreißsaal zu sehen, hören und vorallem die Babys danach schreien zu hören, war fast unerträglich.
Meine Schwester kontaktierte auf unseren Wunsch Dein Sternenkind und eine ganz tolle Forografin machte wunderschöne Bilder von meinem Mann, unserer Tochter und mir. Wir verbrachten eine Nacht mit ihr im Krankenhaus, die Familie kam, um unsere Tochter zu begrüßen und gleichzeitig zu verabschieden.

Am nächsten Tag ließen wir sie im Krankenhaus alleine, als wir zu Opa und Oma sind um unsere große Tochter abzuholen und die Beerdigung zu planen beim Bestatter.
Dieses Gefühl, den Schmerz ohne Bauch und ohne Kind das Krankenhaus zu verlassen, ist unbeschreiblich.

Zuhause angekommen, alles steht bereit, ist gewaschen und 10 mal sortiert geworden. Klamotten, Wiege, Kinderwagen, MaxiCosi, Geschenk für die große Tochter ….
Wir beerdigten sie ein paar Tage später auf dem Friedhof bei uns im Ort. Mein Mann trug ihren kleinen Sarg zu ihrem Grab und ließ ihn in die Erde.
Die ganze Situation. Unbegreiflich. Die Welt dreht sich weiter. Wir müssen für unsere lebende Tochter da sein. Eigentlich will ich aber gar niemanden sehen. Nachwehen, Wochenfluss, Schwangerschaftsklamotten – alles zerreißt einen innerlich. Alle Babysachen nach und nach wieder aufzuräumen, das erste Mal den Mitmenschen wieder zu begegnen. Sich von seinen Vorstellungen und Träumen zu verabschieden – es ist auch ein Teil von mir gegangen. Und der wird auch nicht wieder kommen.
Für uns war klar, die Verlust unserer Tochter zu realisieren und verarbeiten dauert seine Zeit. Keine Wochen oder Monate. Es wird Jahre dauern. Trotzdem wollten wir so schnell wie möglich unsere Familie weiter vergrößern. Sätze wie „Verarbeite erst mal alles“ usw habe ich genug gehört. Nicht gerade hilfreich.
Tatsächlich, 4 Monate nach der Stillen Geburt hielt ich wieder einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Puh, Freude ja, aber irgendwie auch nein. Die Angst überwiegt. Aber wenn wir es nicht versuchen wissen wir es auch nicht wie es ausgeht / ausgegangen wäre. Errechneter Geburtstermin 1 Jahr und 1 Tag später wir der unserer zweiten Tochter. Zufall? Die Schwangerschaften verlief „synchron“ zu der unserer Sternen-Maus.
Die Schwangerschaft war psychisch sehr sehr anstrengend, Pantikattacken, Sorgen, Gedanken, Ängste. Natürlich auch Hoffnung und Vorfreude. Aber nicht zu viel – Selbtschutz?
Der Satz „Wird schon alles gut gehen“ hab ich echt nicht mehr hören können und wurde auch leicht agressiv wenn ich ihn wieder hören musste.
Die Schwangerschaft ging gefühlt ewig. Viele Arzttermine, viel Panik. Der erste Geburtstag unserer Sternentochter stand vor der Tür. Die Nerven lagen plank. Bei 38 +0 (wo unsere Sternentochter zur Welt kam) hielt ich es zu Hause nicht mehr aus und bin ins Krankenhaus zum einleiten. Lange 5 Tage später dufte ich unsere dritte Tochter lebend in den Armen halten. Dankbarkeit. Glück. Erleichterung.
Aber wieso soll ich sie einfach so mit nach Hause nehmen können und unsere zweite Tochter nicht? Die Angst, dass auch sie mir wieder genommen wird, ist allgegenwärtig und bleibt.

Mit unserer dritten Tochter wurde mir erst richtig bewusst, was ich mit meiner zweiten Tochter alles nicht habe und niemals erlebt haben dürfen.

Sie fehlt. Und doch bin ich so dankbar für unser kleines Regenbogenbaby. Die Gedanken müssen noch immer sortiert werden und sind noch lange nicht am richtigen Platz – aber durchaus kann ich an manchen Tagen sagen, dass ich glücklich bin.
Noch heute fällt es mir unglaublich schwer hochschwangere Frauen zu sehen oder Frauen, die ihr zweites Kind bekommen haben. Mädchen Mamis mit Mädchen im Abstand meiner ersten und zweiten Tochter. Es reißt mich immer wieder raus aus dem hier und jetzt.
Auch die Frage, wie viele Kinder wir haben, beantworte ich ungern. Ich habe drei Kinder, aber nur zwei zu Hause. Und mein Regenbogenmädchen ist meine dritte Tochter und nicht „das zweite Kind“.
Oftmals bekommen die Fragenden die knallharte Realität zu hören, manchmal habe ich aber auch keine Lust, jedem unsere Geschichte zu erzählen. Da die „gut gemeinten“ Sätze auf meine Antwort meist ziemlich verletzend sind. Aber wahrscheinlich ist alles noch zu „frisch“, um mir die passende Reaktion zu geben, die ich hören will. Manchmal weiß ich auch gar nicht was ich hören möchte … wahrscheinlich wüsste ich auch nicht genau was ich sagen würde, wenn ich nicht betroffen wäre und mir jemand auf so eine „alltägliche“ Frage so eine Antwort gibt.

Wieso unsere zweite Tochter gestorben ist, wissen wir nicht. Obduzieren lassen haben wir sie nicht.

Unser Regenbogenmädchen ist jetzt 5 Monate alt.

Dieser Beitrag wurde von einer Mama geschrieben, die anonym bleiben möchte. Danke für deine Geschichte und die Geschichte deiner zweiten Tochter. Sie wird nie vergessen sein!

5 Kommentare zu „Stille Geburt meiner zweiten Tochter und mein Regenbogenmädchen

  1. Du wunderbare starke Frau ! Danke, dass du deine Geschichte mit uns teilst. Fühl dich gedrückt ! Deine 2. Tochter wird euch immer und überall mit ihrer positiven Energie und liebe begleiten. Liebe Grüße

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    1. Auch von mir ein Danke für deine Geschichte ich bin auch überzeugt das mein kleiner Engel immer bei mir ist fühle dich auch von mir gedrückt auch von einer sternenmama

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    2. Danke für diesen Beitrag.
      Ich habe vor 3 Tagen meine Tochter in der 34. Woche still zur Welt gebracht und habe auch bereits einen 2jährigen Sohn.
      Deine Geschichte gibt mir viel Kraft und ich kann alles so gut nachvollziehen!!
      Auch wir sind uns bereits jetzt sicher, noch ein 3. Kind bekommen zu wollen, aber der Gedanke an eine neue Schwangerschaft ist mit so viel Angst verbunden.
      Ich wünsche dir alles Gute!

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  2. Toller Beitrag,voller Emotionen,voller Leben im Herzen der Mama ..es zeigt auch einen Bedürfnis sternenmamas müssen wie eine Risikoschwangerschaft behandelt werden ,auch die Folgewunder müssen ergotherapeutisch aufgefangen werden.die Schwangerschaft voller Angst,Panik hat auch die Kinder duennhaeutiger gemacht …das bedeutet sensorische Überwachungen ,sie sind nicht neutral getragen worden ….das bedeutet auch ein Trauma im Mutterbauch …sollte man einfach berücksichtigen

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  3. Hallo. Deine Geschichte ist fast identisch mit meiner… nur dass es bei mir unser zweiter Sohn war. Ich kann jedes deiner Gefühle voll und ganz nachfühlen weil es mir genauso ging bzw. immer noch geht. Mein drittes Kind ist ein Mädchen und ist bald 2 Jahre alt. Mein Vinzent wäre dieses Jahr 3 geworden. Es heißt ja immer Die Zeit heilt alle Wunden… aber wieviel Zeit vergehen muss kann keiner sagen. Danke für deine Geschichte.

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