Folgewunder · Gastbeitrag

Mein neuer ständiger Begleiter: die Angst

Manchmal denke ich, ich habe gar nicht den Mut, die Kraft und die Zuversicht für einen nochmaligen Versuch. Und ich fürchte, dass genau diese Angst mich blockiert und ich deshalb über zehn Monate später immer noch nicht schwanger geworden bin. Parallel gibt es eine tiefverzweifelte Befürchtung, dass ich aber ohne Folgewunder niemals ein buntes Leben werde führen können….

Mit Anfang 40 erst traf ich den Mann meines Lebens. Und als wir sicher waren, den Weg zusammengehen zu wollen, ließen wir die Verhütung weg. Wir würden uns wahnsinnig über ein Kind freuen, glaubten aber nicht wirklich daran. Eine völlig entspannte Zeit.

Im Oktober 2017 streckte mich ein heftiger Magen-Darm-Virus nieder, der mich völlig flachlegte und sich mit heftigsten Unterleibsschmerzen noch steigerte. Ich hatte das Gefühl, dass da irgendwas in mir „arbeitet“. Und dann bleiben auch noch meine Tage aus. Da mein Vater zwei Jahre vorher an Krebs gestorben war, dachte ich, jetzt trifft mich dieses grausame Schicksal. Es fühlte sich an, wie wenn ein (Krebs)Geschwür in mir arbeiten und sich rasend ausbreiten würde. Eine unglaubliche Todesangst überkam mich….

Ich fürchtete das Schlimmste, als ich endlich einen Frauenarzt-Termin bekam. Ich rechnete mit Eierstock- oder Gebärmutterhalskrebs im Endstadium – aber nicht damit: „Sie sind schwanger, ca. 7. Woche“. Vor Schreck fiel ich fast vom Stuhl. Das war so eine extreme Kehrtwendung, dass ich erst daheim mit dem Ultraschallbild in der Hand realisierte, was da gerade geschehen war. Ich legte mich wieder mit meiner Wärmflasche aufs Sofa und hoffe jetzt erst recht, dass ich endlich wieder feste Nahrung zu mir nehmen könnte. Und natürlich hatte ich Angst, dass diese Magen-Darm-Geschichte und die damit verbundenen Medikamente irgendwie dem Baby geschadet hatten?

Als dann irgendwann die Zeit mit Blutspuren und Blutungen begann, traf mich mit vollster Wucht eine tiefe Verlustangst und dass, obwohl ich es doch noch gar nicht so recht glauben konnte, Mama zu werden. Diese Angst, die mich da schlagartig ergriff, kannte ich in solchem Umfang bisher noch nicht und erst recht nicht die damit verbundenen Begleiterscheinungen:

• Der „Toilettenpapier“-Test: eine fast panikartige Kontrolle, ob irgendwo eine kleine Spur Blut zu sehen ist…
• Diese Angst, lieber gar nicht erst aufs Klo zu gehen. Stattdessen innerlich die Beine zusammenkneifen, damit alles „dicht“ bleibt
• Eine Art Body-Scanning, ob irgendwas sich komisch oder verräterisch anfühlt…
• Das permanente Googeln und Finden von Horrorszenarien…
• Diese Wechselbäder zwischen Hoffen und Bangen…

Und ja, dieses kleine Würmchen habe ich verloren, bevor ich eigentlich realisierte, dass es da war.

Meine Frauenärztin erklärte es mir, dass nach fast 25 Jahren Verhütung und dem Magen-Darm-Infekt mein Körper schlichtweg überfordert war. Die Natur regelt es wohl so, dass einerseits ein nicht lebensfähiges Baby abgestoßen wird und andererseits, dass ein Baby auch dann abgeht, wenn es der Mutter körperlich schlecht geht. Nach dem Motto: keine Energie / Kraft für ein weiteres Leben. Irgendwie erschien mir das logisch, natürlich und ohne Schuldfrage, so traurig es auch war. Aber: ich wusste nun, dass es überhaupt noch klappen konnte. Und drei Monate später hielt ich einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen…

Bei der 2. Schwangerschaft kannte ich diese Verlustangst schon. Aber da sich alles so viel anders entwickelte, ich keinerlei Bauchkrämpfe hatte und von Anfang an keine Blutspuren festzustellen waren, wuchs mit jedem Tag die Zuversicht. Ein hoffnungsvoller Optimismus, den mir auch mein Freund gab, denn er glaubte felsenfest daran.

Dennoch war nach dem positiven Teststreifen eine Grundangst da: Bin ich schwanger oder ist der Test falsch? Ist mit dem Baby alles okay? Drei endloslange Wochen musste ich auf einen Termin beim Frauenarzt warten. Und dieser bereitete mir schlaflose Nächte. Dann: Entwarnung – schwanger. Alles sah völlig positiv aus.

Das sich Angst noch „steigern“ lässt –musste ich bald schmerzlich erfahren, als meine Frauenärztin während eines Kontrolltermines bei unserem bisher perfekt entwickelten Baby in der 9. Woche eine Trisomie 21 vermutete. Diese drei endlos langen Tage zwischen ihrem Verdacht und dem Termin in der Frauenklinik, waren die reinste Hölle. Aber: Völlige Entwarnung – alles perfekt.

Ich dachte mir: „Was soll jetzt schon noch passieren?“ Die 12-Wochen-Hürde war in greifbarer Nähe und die Nackentransparenzmessung ja jetzt mit Bravour gemeistert. Nun war sie im Urlaub, die Angst. Denn ich war erfüllt von tiefster Zuversicht und Freude….

Umso schlimmer und kraftvoller kehrte die Angst zurück. Als uns das Schicksal austrickste und der vermeintlich völlig harmlose Praena-Test sich als Stoß in den Abgrund herausstellte: Trisomie 18 – nicht lebensfähig. Die Welt hörte auf sich zu drehen. Ich war völlig überfordert und wie gelähmt von der Angst, an dieser Situation gnadenlos zu zerbrechen – psychisch und seelisch.

Ab diesem tiefschwarzen 25. Mai 2018 lebte ich dann in dem Wissen und einer verzweifelten Angst, dass mein kleines Mädchen jederzeit in meinem Bauch sterben könnte. Würde ich es denn überhaupt merken? Es war doch noch zu früh für Kindsbewegungen. Nie werde ich diese eine Nacht vergessen, als ich panisch aufgewacht war, weil ich dachte, Paulina sei tot. Und wie ich die Sekunden zählte, bis ich mich aufmachen konnte in die Notaufnahme der Frauenklinik: Entwarnung – Paulina lebte noch.

Wie Zwillinge waren sie untrennbar verbunden und wechselten sich ständig ab: Die Hoffnung, dass doch noch alles gut ausgehen könnte und diese tiefste, angstvolle Verzweiflung.

Aber es half nichts, wir mussten uns der Situation stellen. Wir brauchten Gewissheit. Und dies würde uns nur eine Fruchtwasseruntersuchung bringen. Meine Güte, hatte ich eine Heidenangst davor. Vor der Untersuchung an sich, ob Paulina dadurch etwas passieren würde und eine tiefe Furcht vor dem endgültigen Ergebnis. 14 Tage grausames Verharren – und diesmal gab es keine Entwarnung – Abbruch oder Austragen war das Thema der nächsten Wochen. Qualvolle Wochen… Aber letztlich gab es für uns nur einen Weg: Wir würden uns bewusst und vorzeitig herbeigeführt in Form einer stillen Geburt für immer von Paulina verabschieden, in aller Ruhe und Würde.

Damit stand die Angst vor der stillen Geburt im Raum: Eine Angst vor
• den Schmerzen,
• dem Moment, wenn statt des ersten Schreies nur Stille herrschen würde,
• dem Anblick meines toten Mädchens,
• dem endgültigen Abschied von Paulina,
• der Leere und
• vor allem vor der Heimkehr ohne Paulina

Die erwähnten Punkte, waren im Nachhinein nicht so unerträglich, wie ich es mir ausgemalt hatte. Im Gegenteil. Ich möchte dieses Erlebnis im Zusammenhang mit unserem schweren Schicksalsschlag nicht missen. Wenigstens hatten wir diesen einen besonderen Moment. Zumindest durften wir Paulina ein paar Minuten bei uns haben. Ich war nicht leer – ich war erfüllt voller tiefer Liebe zu diesem kleinen Mädchen und tief berührt von der Erinnerung an diesen ganz besonderen Augenblick ihrer Geburt.

Nachdem ich keine Ausschabung brauchte, entledigte sich mein Körper acht endlos lange Wochen vom Rest der Schwangerschaft. Immer wieder hatte ich die große Angst, ob das alles richtig abläuft oder ob da irgendein Problem ist, dass eine so dringend erhoffte Folgeschwangerschaft verhindern könnte?? Denn ich hatte inzwischen jegliches Vertrauen in meinen Körper verloren.

Dann im August die völlig unerwartete Aussage, doch noch eine Ausschabung über mich ergehen lassen zu müssen. Und damit acht Wochen Blutung und acht Wochen wertvolle Zeit verloren zu haben. Sofort hatte ich Panik: verlorene, wertvolle Zeit, die ich doch gar nicht mehr hatte! Eine Woche später: Entwarnung – ein kurzes Aufatmen, wir könnten „loslegen“.

Endlich war also diese erzwungene Wartezeit zu Ende und gleichzeitig wussten wir: wir sind wieder völlig am Anfang. Neu war aber für mich die beklommene Erkenntnis, dass sich der Zyklus irgendwie nicht relativierte.

Ab da war da irgendwie nur noch Angst:
• dass mir die Zeit davonläuft,
• dass es jetzt vielleicht gar nicht mehr klappen könnte?
• ob unsere Beziehung das schaffen würde?
• ob ich mich jemals emotional völlig davon erholen würde?
• dass mein Leben für immer vorbei wäre, wenn ich kein Kind mehr bekommen würde?

Aber es blieb mir nichts anders übrig, wie mich mit der Angst zu arrangieren.

Dann blieben im Oktober meine Tage aus. Und ich war voller Hoffnung. Doch dann machte die Angst alles wieder zunichte. Der erste normale Zyklus. Wäre das nicht zu früh? Wäre es nicht besser gewesen, mein Körper hätte sich doch länger erholen können? Noch während mein Kopf kämpfte,
zeigten sich erste Blutspuren: oh nein… verliere ich das Kind? War ich überhaupt schwanger gewesen oder war nur der Zyklus länger? Da spürte ich zum allerersten Mal ganz tief: würde ich nochmal so einen Verlust ertragen können?

Diese unglaubliche, abgrundtiefe Angst, die eine Frau, die noch nie ein Baby verloren hat, nicht einmal mal erahnen kann. Diese Angst ist da. Normal, naiv oder unbedarft würde ich also niemals mehr an das Thema herangehen können. Irgendwie ist das traurig. Hatte ich mir bisher immer eine Schwangerschaft als die spannendste Zeit im Leben einer Frau vorgestellt, wäre diese Zeit jetzt für mich nur noch ein Hoffen, dass es – wenn es überhaupt jemals klappen würde – ganz schnell und vor allem positiv vorbei gehen würde.

Aber leider, bin ich jetzt zehn Monat nach der stillen Geburt immer noch nicht schwanger. Aber meine Kollegin: Mitte Februar 2019 war Inna zwei Wochen krankgeschrieben. Und nach ihrer Rückkehr verkündete sie ihre Schwangerschaft. Krankgeschrieben – und schwanger? Sofort spüre ich Angst, denn irgendwas war ja nicht ideal, sonst wäre sie ja nicht krankgeschrieben gewesen. Und als ich ihr dann direkt gratuliere und sie mir erzählt, dass sie plötzlich in der 10. Woche Blutungen gehabt hatte, konnte ich die Panik fast selbst körperlich spüren. Wenn man daheim auf dem Sofa liegt, sich nicht mehr aufs Kloo traut, die Beine zusammendrückt. Alles nur in der Hoffnung, das Baby nicht zu verlieren…

Zum Glück ist bei ihr jetzt alles okay. Die Frauenärztin kann sich die Blutungen nicht wirklich erklären. Aber die Hauptsache ist ja, dass jetzt alles ruhig ist. Aber die Angst, die ja nicht mal meine eigene war, die mich ja überhaupt nicht direkt betroffen hatte, die wirkte noch zwei Tage in mir nach. Wahnsinn.

Liebe Angst, du hast sicherlich deine Berechtigung, uns vor Gefahren zu waren. Aber mach dich doch endlich mal vom Acker. Jetzt warst du schon lange genug mein völlig unnötiger und überhaupt nicht hilfreicher Begleiter.

Liebe Tina @atina_1000, diese Angst zeugt von det Liebe, die du von der ersten Sekunde an für deine Kinder empfindest.

2 Kommentare zu „Mein neuer ständiger Begleiter: die Angst

  1. Och du Arme ,lass mich einfach dich umarmen,gedanklich und mit der gewissen Distanz …klar ist eine schwangerschaftittlerweile ein Wunderzeit ,nur für eine Sternenmutter ist die Folgeschwangerschaft mehr eine Wunde(r)Zeit…diese Erfahrung davor hinterlässt Spuren,die uns zeichnen ,sogenannte Muttermale ,nur dass die Narben selten gut verheilen , oft seelisch spürbar sind ,trotzdem berührend geschrieben

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