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Alles beim Alten und doch ist nichts mehr, wie es war…

Über zehn Monate sind seit Paulinas stiller Geburt schon vergangen. Zehn kalendermäßig auf dem Papier lange, aber für mich gefühlt so kurze Monate. Es gibt Tage, da kommt es mir vor, wie wenn es gestern gewesen wäre.

Dieses kleine Mädchen, das mein Leben so auf den Kopf hätte stellen dürfen, das gibt es nicht. Das erste Mal Mutter zu werden, hätte alles verändert: Die Perspektiven, den Fokus im Leben, den kompletten Alltag. Darauf hatte ich mich so gefreut. Schlaflose Nächte und Windeln wechseln sollten jetzt meine Tage ausfüllen. Dabei sitze ich wieder im Büro, wechsle zwischen Office-Programmen und fülle Excel-Tabellen aus.

Ich bin keine Mama. Zumindest keine, die in Elternzeit gehen kann. Das wirft mich einerseits zurück auf Anfang und andererseits zurück in den bisherigen Alltag. Alles erscheint wie vorher. Wie wenn alles nur ein Traum gewesen wäre. Ich gehe wieder zur Arbeit, zum Sport und zum Nebenjob. Paulinas gedachtes Kinderzimmer ist immer noch unser Büro- und Kreativzimmer. Schon lange erinnert äußerlich nichts mehr an die Schwangerschaft. Nichts ist geblieben, außer ein paar Fotos, Ultraschallbilder und eine melancholische Erinnerung. Es fragt auch schon lange niemand mehr, wie es mir / uns mit dem Verlust geht.
Es ist alles beim Alten, und doch ist nichts mehr, wie es war.

Beispielsweise unsere Paarbeziehung, die auf eine extrem harte Probe gestellt wurde. Dabei waren wir bisher ein unschlagbares Team und haben einige schwere Schicksalsschläge gemeinsam gemeistert und überstanden. Aber vor allem diese so unterschiedliche Art zu trauern, hätte unser starkes Band beinahe gesprengt. Diese Momente in denn wir dachten, wir schaffen das nicht, klingen noch nach. Auch wenn es nur ein paar wenige waren. Inzwischen können wir mit dem Verlust und der Trauer gut umgehen. Trotzdem würde ich nie mehr sagen: uns bringt nichts auseinander.
Diese ganzen Erlebnisse haben mein Vertrauen ins Leben zutiefst erschüttert. Noch mehr, wie eh schon durch den Tod meiner Eltern. Mein Optimismus „das alles irgendwie wieder gut wird“ ist jetzt gänzlich verschwunden.

Die Angst ist plötzlich so präsent. Auf einmal gibt es da diese Erkenntnis, dass jederzeit etwas völlig Unvorhersehbares passieren kann, was dein Leben von einen Tag auf den andern komplett aus der Bahn wirft. Du völlig hilflos gezwungen wirst, damit klar zu kommen, ohne die leiseste Ahnung wie. Manchmal ertappe ich mich dabei, dass ich mit eingezogenen Schultern umherlaufe und das Gefühl habe, gleich passiert (wieder) etwas Schreckliches. Etwas, was alle meine Pläne durcheinanderwirbelt. Bis dato hatte ich es gewusst, dass es sowas gibt – klar. Aber wenn es einen direkt trifft und man es selbst erlebt, dann ist das schon nochmal was völlig anderes.
Aber soll ich jetzt künftig gar nichts mehr planen? Soll ich von einen Tag auf den andern leben? Ich wusste zwar schon immer, dass sich das Leben nicht planen lässt. Auch wenn es bei andern ganz gut zu funktionieren scheint. Aber das eine greifbare Zukunft völlig zunichtegemacht wird, das habe selbst ich noch nicht erlebt.
Wie gesagt, vor allem das Vertrauen, die Hoffnung und der Glaube – in mich, in meinen Körper, in die Zukunft – eigentlich ins ganze Leben sind verloren gegangen. Das hat sich verändert. Definitiv. Aber nicht unwiederbringlich, denn sanft hoffe ich, dass sich das wieder gerade rücken lässt durch positive und gute Erlebnisse.

Deshalb ist mein wichtigster heilender Impuls, genau da anzusetzen. Ja, ich habe sie erlebt die schwersten und dunkelsten Stunden meines Lebens. In denen man kein Licht mehr sieht. Und doch hat es sie sicherlich auch in dieser Zeit gegeben: gute Momente, schöne Gespräche und liebevolle Menschen. Ich konnte sie nur nicht an mich heranlassen. Ich arbeite daher hart daran, dass die sonnigen Stunden überhaupt wieder einkehren können in mein Leben und vor allem, dass ich sie wahrnehme! Mir hilft mein „Glückstagebuch“. Ich schreibe jeden Tag auf, was schön war, was mir Freude bereitet hat oder wofür ich dankbar bin. Und umso mehr Glücksmomente ich auf diese Art sammle, umso mehr rückt diese positive Seite meines Lebens wieder in den Fokus.

Man sagt ja, jede Krise macht einen stärker. Das stimmt. Denn auch ich musste schon viele Tiefschläge einstecken. Und ich bin jedes Mal wieder aufgestanden und habe mich nicht unterkriegen lassen. Bin danach gestärkt und selbstreflektiert weitergegangen mit neuen Erkenntnissen und wertvollen Erfahrungen. Mit neuer Kraft und dem Vertrauen in mich und meine Widerstandsfähigkeit.

Aber bei Paulina? Sie zu verlieren hat mich definitiv nicht stärker gemacht. Eher verletzlicher. Oder kann ich es nur noch nicht sehen? Bin ich eventuell zu streng mit mir? Denn dass ich irgendwann mal sagen werde: „es war wie es war und es berührt mich nicht mehr“, ist höchstwahrscheinlich auch gar nicht das Ziel? Viel wichtiger ist doch: Dass ich nicht untergegangen bin, so wie ich es direkt nach der Diagnose gedacht habe, ist vielleicht ein Zeichen, dass ich stärker bin, wie ich mich empfinde?

Und möglicherweise hat „alles beim Alten“ auch irgendwie was Gutes? Eine Konstante im Leben, die mir Halt und Sicherheit gibt? Ein Zeichen dafür, dass mein „altes“ Leben so verkehrt und unerträglich gar nicht war bzw. ist?

Denn natürlich könnte man so einen Schicksalsschlag auch nutzen, sein ganzes Leben auf den Kopf zu stellen, alles zu hinterfragen, auszuwandern oder sich die Haare pink färben. Darüber habe ich auch schon nachgedacht – über grellfarbige Locken nicht, nein. Aber darüber, was ich jetzt damit machen soll.
Aber ich bin ein vorsichtiger, sicherheitsbewusster Mensch – auch wenn ich jetzt wieder mal bitter erleben musste, dass es Sicherheit gar nicht gibt.

Und relativ schnell habe ich für mich erkannt, dass ich sogar froh bin, dass es da einiges gibt, dass beim Alten geblieben ist. Dass ich zum Beispiel an einen Arbeitsplatz zurückkehren konnte, den ich gewohnt war. Ich bin immer noch in der Erholungsphase nach diesem Trauma. Und da ist für mich das Gewohnte, Altbekannte auch irgendwie erholsam. Das ganz große Rad zu drehen, dazu hätte ich aktuell keine Kraft. Meine Seele leistet immer noch Schwerstarbeit.
Aber so nach und nach spüre ich schon die Lust auf kleine Veränderungen. Ich konnte innerhalb des Unternehmens in ein völlig neues Aufgabengebiet wechseln. Und das ist genau der (kleine) Neustart, den ich für mein altes und doch irgendwie neues Leben gebraucht habe. Dafür bin ich dankbar und das schreibe ich auch so gut wie jeden Tag in mein Glücks- und Dankbarkeitsbüchlein.
Und wir machen wieder Pläne – trotz unserer plan-contra-Erfahrung. Wir werden im Sommer gemeinsam durch die Lavendelfelder schlendern und der entspannende Duft wird sicherlich noch manch dunklen Gedanken vertreiben. Das wichtigste: wir planen gemeinsam!

Und wir versuchen wieder Vertrauen zu fassen. Darauf, dass wir vielleicht noch das Glück eines Folgewunders erleben dürfen. Oder, dass wir nur mit Paulina im Herzen auch glücklich leben werden.

Und wer weiß? Vielleicht sitzen wir irgendwann gemeinsam wie die zwei Muppets im Altersheim – ich mit einer kecken pinken Strickweste und Alfa mit einer dicken Zigarre im Mund. Und wir werden uns zurück erinnern an diese Zeit, die uns beinahe – aber nur beinahe umgehauen und entzweit hat. Und vielleicht kann auch ich dann sagen: sie hat uns stärker gemacht, diese Zeit. Und im Idealfall werden wir dann rückblickend wissen, wozu diese Krise gut war, was wir daraus gelernt bzw. gemacht haben – oder eben nicht. Weil das Alte, das „Leben davor“ für uns genau richtig war.

Liebe Tina @atina_1000, danke mal wieder für diesen sehr bereichernden Beitrag‘

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