Bestattung · Gastbeitrag

Die Bestattung unseres Tim

Am 16.08.2007 musste ich unsere Leonie in der 19. SSW still zur Welt bringen. Leider war es mit der Aufklärung, was für die Verarbeitung wichtig ist, noch sehr weit von der heutigen Aufklärung entfernt. Aus dem Schock heraus, wollte ich unsere Tochter weder sehen, noch bestatten lassen. Auch Fotos wollte ich nicht. Sie bekam keinen Namen, sondern wurde meine kleine Maus. Im Nachhinein denke ich, mit etwas mehr Aufklärung hätte ich vielleicht anders gehandelt. Denn all dies bereute ich später bitter. Da war es leider zu spät und machte mir die Trauerarbeit um so schwerer.

Unser Tim folgte seiner Schwester am 28.02.2009 still und leise. Die gleichen Fehler wie 2007 wollte ich nicht wieder machen. Ich ließ mir unseren Sohn sofort nach der Geburt bringen. So schwer der Anblick auch war, so wichtig war es für mich für die Verarbeitung. Ein paar wenige Fotos machten wir. Leider nur 5, da wir seelisch nicht wirklich in der Lage waren, viele Fotos zu machen. Zwei Fotos bekamen wir vom Krankenhaus. Auch wenn wir nur so wenige Fotos haben, sind diese mir sehr wichtig und ich schaue sie mir auch heute noch an. Was gäbe ich dafür, wenigstens ein Foto von unserer Tochter zu haben, dass denen von Tim ähnelt.
Wir sagten als der Arzt im Krankenhaus mit uns sprach, dass wir an der Sammelbestattung teilnehmen möchten. Er sagte, dass diese Ende April stattfinden wird. Wir würden noch eine Einladung bekommen. Ich sagte zu meinem Mann: „Wir sollten unserem Sohn einen Namen geben.“ Darauf sagte er, mit Tränen in den Augen: „Tim Pascal, das wolltet ihr doch.“ Tim fanden unsere große Tochter und Pascal fand mein Mann schön. Wir weinten Beide zusammen.
Obwohl wir den Termin der Sammelbestattung kannten, riss mir die Einladung, die ca. 14 Tage vorher eintraf, wieder den Boden unter den Füßen weg. Ich hatte vor dem Tag riesige Angst. Wie sollte ich ihn überstehen? Mein Mann sagte: „Wenn es zu schwer wird, musst du nicht hin gehen.“ Ich sagte: „Ich möchte teilnehmen.“ Mein Mann sagte, dass er mitkommt. Wir fragten auch unsere große Tochter, damals 14 Jahre alt, aber sie wollte nicht mit. Das respektierten wir.


Ich rief kurz vor der Bestattung die Seelsorgerin an, welche die Einladung verschickt hatte, um mich zu erkundigen, wie diese ablaufen wird und fragte, ob unsere Tochter 2007 auch mit bestattet wurde, obwohl wir nicht dabei sein wollten. Sie sagte, dass sie sich erkundigen muss und rief mich am nächsten Tag zurück, um mir mitzuteilen, dass unsere Tochter mit bestattet wurde. Sie würde uns am Tag der Bestattung die Stelle zeigen, an der unsere Tochter ruht. Wir redeten noch eine ganze Weile, was sehr emotional war, aber auch gut tat. Sie hatte bereits am Telefon eine sehr herzliche und mitfühlende Art. Ich erzählte meinem Mann von dem Gespräch und sagte, dass wir unserer Tochter nun auch einen Namen geben sollten. Da Leonie der Favorit meiner großen Tochter und mir und Michelle der meines Mannes war, nannten wir sie Leonie Michelle.
Am Tag vor der Bestattung kauften wir in unserer Gärtnerei zwei Gestecke. Das war emotional sehr schwer. Ich kämpfte mit den Tränen, als wir gefragt wurden „Für eine Frau oder einen Mann.“ und mein Mann sagte: „Für zwei Kinder.“ Wir ließen jeweils einen Teddy einbinden.
Am 24.04., um 13 Uhr sollte die Gedenkstunde stattfinden. Wir waren schon etwas früher da. Frau H. (die Seelsorgerin) kam auf uns zu und fragte, ob ich Frau B. sei. Wir wechselten ein paar Worte, sie strich mir über den Arm.
Außer uns waren noch 4 Familien (ein Kind war dabei) gekommen. Am Telefon sagte Frau H., dass 13 Familien angeschrieben wurden.

Kurz vor 13 Uhr durften wir in die Feierhalle. Es war emotional sehr ergreifend den kleinen Sarg zu sehen. Die Vorstellung darin liegt unser Sohn war unerträglich. Sofort standen mir die Tränen in den Augen. Auf den weißen Sarg hatte ein Mitarbeiter des Bestattungsinstituts Schmetterlinge gezeichnet. Um den Sarg waren 13 Teelichter angezündet, für jedes Kind eins. Es wurde zuerst ein Lied gespielt. Dann hielt Frau H. eine schöne, aber auch sehr ergreifende Rede. Immer wieder unterdrückte ich meine Tränen. Nach der Rede wurden Schmetterlinge aus Tonpapier verteilt und jeder konnte etwas darauf schreiben. Ich suchte einen grünen Schmetterling aus. Jedoch konnte ich nichts schreiben, da ich zu weinen anfing und mich nicht beruhigen konnte. Mein Mann schrieb „Tim Pascal“ auf unseren Schmetterling. Jeder legte den Schmetterling neben ein Teelicht. Frau H. las einen ergreifenden Brief einer betroffenen Mutter vor und betete für unsere Kinder.
Es kamen zwei Mitarbeiter vom Friedhof und brachten den Sarg nach draußen. Nachdem alle ihren Schmetterlinge und Gestecke geholt hatten, gingen wir zur Grabstelle. Frau H. hielt eine letzte Rede und dann wurde der Sarg in das Grab gelassen. Die Gestecke wurden abgelegt, nur ich behielt meines, da es das Gesteck für unsere Tochter war. Wir verabschiedeten uns von unserem Sohn. Ich warf einige Rosenblätter in das Grab und dachte ganz fest an unseren Tim Pascal.
Frau H. zeigte uns, wo unsere Tochter liegt. Ich legte das Gesteck ab und dachte ganz fest an unsere Leonie Michelle. Wieder fing ich zu weinen an. Auch mein Mann weinte. Frau H. strich mir über dem Arm und sprach uns tröstende Worte zu.
Es ist tröstlich, dass die Beiden so nah beieinander ruhen und wir einen Ort haben, an dem wir ihnen ganz nah sein können. Dennoch ist es schwer, sie dort zu wissen, wo sie bei uns sein sollten.

Später bedankten wir uns bei Frau H. für die würdevoll gestaltete Gedenkstunde. Sie lud 14 Tage später zu einem Treffen ein, an dem wir auch teilnahmen. Außer uns war leider nur noch eine junge Frau gekommen, die jedoch nicht viel Zeit hatte. So unterhielten wir uns länger allein mit Frau H., auch hier merkte man ihre herzliche Art. Wir bekamen vier Fotos vom Sarg und ein Gedicht mit nach Hause. Da ich zu dem Zeitpunkt keine Psychologin hatte, bot sie mir an, dass ich auch zu ihr kommen könnte, wenn ich das möchte. Dies tat ich auch und wir haben noch heute Kontakt.
Meinem Mann und mir ist es ein Bedürfnis, unsere Kinder mehrmals im Jahr an ihrer Ruhestätte zu besuchen, ihnen Blumen, Windräder, Engel und Kerzen zu bringen. Dies sind die einzigen Geschenke, die wir ihnen machen können.

Ich kann nur jeder Sternenmama und jedem Sternenpapa raten, sein Kind bestatten zu lassen, egal ob in einem Einzel- oder Familiengrab oder bei einer Sammelbestattung. Dies ist, so schwer der Gang auch ist, für die Verarbeitung sehr wichtig.

Liebe Sandra, @schmetterling0709, danke für deinen emotionalen Bericht.

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