Deine Geschichte · Gastbeitrag · Leben mit der Trauer

Für immer verloren….

Immer wieder werde ich damit konfrontiert, dass viele nicht verstehen, was der Verlust eines Kindes während der Schwangerschaft bedeutet.

Es bedeutet für viele nur, dass die Schwangerschaft vorzeitig beendet und das Kind (sofern es für sie überhaupt als Kind wahrgenommen wird) verstorben ist. Da es ja nie wirklich da war, könne man doch schnell wieder zur Tagesordnung übergehen? Wenn man jung genug ist und diese harte Probe die Beziehung nicht entzweit, könne man doch einfach versuchen schnell wieder schwanger zu werden? Denn dann hätte man ja ein Kind.

Ja eben, ein Kind, aber genau dieses eine Kind – dieses Kind – ist unwiederbringlich verloren.
Inzwischen habe ich für solche Reaktion nur noch ein müdes Lächeln übrig. Ich versuche nicht mehr zu diskutieren, mich nicht mehr zu erklären.

Denn tatsächlich habe ich so viel mehr verloren. Vor allem auf der nicht-sichtbaren Gefühlsebene. Wahrscheinlich ist es daher für Außenstehende auch so schwer nachzuvollziehen und letztlich zu verstehen.

Man verliert erst mal so vieles im direkten Zusammenhang mit dem schweren Schicksalsschlag. Wenn man Glück hat, heilt die Zeit hier die Wunden, bzw. die Erinnerungen verblassen: Man verliert die Hoffnung, die Vorfreude und den Glauben an die Zukunft. Es sind die freudigen Erwartungen, die man mit diesem Kind verbunden hatte, die zerstört sind. Die Vorstellungen, die sich direkt auf die Geburt und die aufregende Zeit danach bezieht. Und wenn es wie bei mir das erste Kind ist, dann vor allem die Vorfreude auf ein gänzlich neues Leben. Das Leben einer Mama.

Man sagt auch: wenn die Eltern sterben, stirbt deine Kindheit. Wenn dein Kind stirbt, stirbt deine Zukunft. Und genau das trifft es in meinem Fall ganz genau. Anstatt eine völlig neue Zukunftsperspektive zu haben und daheim Windeln zu wechseln, wechsle ich weiterhin im Büro zwischen den verschiedenen Office-Programmen und hänge resigniert in der Vergangenheit fest.
Man verliert das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des eigenen Körpers. Bisher war ich vollkommen gesund, fit und voller Energie gewesen. Und plötzlich hatte mich mein Körper in Stich gelassen. Warum hatte er es nicht geschafft dieses gottverdammte Chromosom 18 richtig zu teilen? Ich konnte mich plötzlich nicht mehr konzentrieren, nicht mehr schlafen, nicht mehr Abschalten. Hatte permanent Kopfschmerzen, mir war im Sommer kalt und ich zitterte nachts unter der dicken Decke. Nach der stillen Geburt normalisierte sich mein Zyklus nicht mehr und plötzlich spielte auch noch die Schilddrüse verrückt. Mein sonst so zuverlässiger Körper war völlig aus dem Ruder gelaufen, erschien mir fast wie fremd und umso mehr Sorgen ich mir machte, umso unruhiger wurde er. Und jetzt – fast neun Monate später hat mein Körper es nicht geschafft uns ein Regenbogenwunder zu schenken.

Man verliert das Vertrauen ins Leben, die gesunde Naivität und den Glauben an sich selbst. Warum hat es uns getroffen? Ich hatte mir völlig unvoreingenommen überhaupt keine Gedanken gemacht, dass man ein Baby auch noch nach der 12-Monats-Hürde verlieren könnte. Ich wusste in meiner Naivität gar nicht, was alles schiefgehen kann auf dem Weg zum eigenen Baby. Bisher hatte ich auch gedacht, eine starke Frau zu sein, die ihre Probleme selbst lösen kann, aus den Talfahrten was gelernt hat und hinterher gestärkter daraus hervorgegangen ist. Ich war es gewohnt, zu kämpfen und mit Kraft, Energie und Verstand alles zu meistern, was das Leben mir bot. Bis dato – seither fühle ich mich oft unglaublich schwach, hilflos und verletzlich.

Und dann war da auch plötzlich mein Vertrauen in mein sonst so verlässliches Bauchgefühl weg. Bei dieser Schwangerschaft hatte ich ein gutes Gefühl. Und umso länger sie ging, umso sicherer und zuversichtlicher wurde ich. Um dann – bitter böse aufzuwachen.

Aber das ist erst mal der kurzfristige, allgemeine Verlust, über den man im Laufe der Zeit im besten Fall hinwegkommt durch positive Erlebnisse in diesen Bereichen. Dieser Teil, der sich vielleicht auch durch ein Regebogenbaby lindern lässt.
Viel tiefer, unerbittlicher und vor allem unüberwindbar ist jedoch der Verlust genau dieses Kindes. Der Verlust meines Mädchens, das ich nie kennenlernen werde. Ich werde nie erfahren, wie Paulina ausgesehen hätte. Welche Charakterzüge sie gehabt hätte, wie der Klang ihrer Stimme gewesen wäre. Wäre sie ein Mama- oder Papa-Kind? Wäre sie eine echte Anzivino oder hätte sie auch ein paar Züge von mir abbekommen? Wäre sie ein fröhliches Kind gewesen, ruhig – gar schüchtern, oder ein wildes und selbstbewusstes Mädchen? Und und und…. Fragen über Fragen, auf die ich nie eine Antwort bekommen werde.

Paulina ist mein Mädchen und wird es immer sein. Aber ich weiß überhaupt nichts über sie und werde es nie erfahren. Und nichts und niemand kann mir hier helfen.
Was mir in meinen dunkelsten Stunden die Luft zum Atmen nimmt und mich gnadenlos abstürzen lässt, ist das Wissen, dass man ein ganzes Leben mit diesem Kind verliert – dauerhaft und mit langfristigen Konsequenzen bis zu meinem eigenen Tod. Der erste Tritt, der erste Schrei, das erste Mal im eigenen Kinderbettchen, die ersten Schritte, die erste feste Nahrung, die ersten Worte…. all dieses „das erste“. Von denen es in jedem Leben so unglaublich viele Momente gibt – nur in Paulinas Leben nicht.
Sie wird mich auch niemals Mama nennen, mir niemals in die Augen schauen. Und niemals wird mir warm ums Herz werden können, wenn sie mich fröhlich anlächelt….
Paulina erlebt keinen ersten Kindergeburtstag mit Torte, Kindern und einer ganzen Horde von Gratulanten. Nicht das Trotzalter, nicht den Abschnitt des Kindergartenalters, die Einschulung, das erste Zeugnis, die erste Liebe. Sie wird nie eine Ausbildung beginnen oder ein Studium. Nie werden Alfa und ich sie loslassen müssen durch ihren Auszug aus unserer Behausung. Sie war ja nie dort…

Nie werde ich diesen warmen Stolz erleben, den ich bei meinen Neffen als Tante und Nebenstehende kenne, der aber als Elternteil doch so viel tiefer geht. Sei es, wenn der Sprössling die ersten Schritte macht, den ersten Text vorlesen oder ein Lied auf dem Musikinstrument vorspielen kann oder gar endlich das Abi in der Tasche hat.
Wir dürfen keine Hochzeit als stolze Brauteltern ausrichten, keiner Geburt ihres ersten Kindes / unseres Enkelkindes entgegenfiebern. Es gibt keine Enkelkinder… der Verlust von Paulina zieht sich auch in diese Generation fort.
Es gibt keine durchwachten Nächte – obgleich der ersten Zähne oder des ersten Discoabends, keine Diskussionen über die Hausaufgaben oder den neuen Freund….
Es gibt so viele nicht gelebte Momente von Paulina, Situationen und Erfahrungen für mich, dass ich sie alle gar nicht aufzählen kann.
An manchen Tagen komme ich einigermaßen damit klar. Wenn ich aber eine junge Mama sehe, dann zieht es mir an schlechten Tagen das Herz zusammen. Denn egal, was diese kleine Menschenwunder gerade macht, es schießt mir durch den Kopf, dass Paulina das niemals machen wird. An schlechten Tagen hilft es mir nur, mich möglichst von kleinen Kindern fern zu halten. Achtsam zu versuchen, dass dieses „niemals“ sich nicht in meinem Kopf festsetzt, sondern diesen Gedanken schnell wieder ziehen zu lassen. Es sind Tage, da gelingt es mir, an anderen erscheine ich „grundlos“ traurig. Denn auf den ersten Blick fehlt mir ja nichts. Auf den ersten Blick gibt es keinen direkten Auslöser. Denn niemand kann sehen, dass mir gerade so ein „niemals wirst du das mit Paulina erleben“-Gedanke die Luft zum Atmen nimmt und mir beinah die Tränen in die Augen schießen lässt.
Das macht es schwer im Umgang mit anderen Menschen – denn was ebenfalls unwiederbringlich in meinem Fall verloren gegangen ist, ist die Leichtigkeit. Ich bewundere die Frauen, die trotz so eines Verlustes irgendwie „die Alte“ geblieben ist. Ich selbst denke, dass das fast gar nicht möglich ist und doch signalisiert mir mein Umfeld, dass sie genau das von mir erwarten. Und ich spüre, wie ich dadurch immer mehr zum Außenseiter werde. Ich selbst denke jede Sekunde an Paulina und doch wird das Thema in meiner Familie totgeschwiegen. Und dieses Gefühl, verstanden zu werden, das Gefühl über alles reden zu können, dieses Gefühl ist auch für immer verloren gegangen. ….
Wie gesagt, es ist so viel drum herum verloren gegangen durch Paulinas frühen Tod. Aber im Kern meiner tiefen Trauer geht es genau darum: um Paulinas Leben, das nicht gelebt wird. Ihr ganzes Leben, das immer ungeschrieben vor mir liegen wird. Das Leben, das wir mit ihr nie führen konnten. Das „wie wäre sie wohl gewesen?“ Die Frage, auf die ich nie eine Antwort finden werde. Die Lücke in unserer Familie, die sich nie ganz schließen wird.
Der Tod von Paulina ist nicht nur eine verpasste Chance auf ein Kind, es ist eine verpasste Chance auf das Leben mit Paulina, das sich so niemals wird nachholen lassen.

Liebe Tina @atina_1000, vielen Dank für deinen Beitrag!

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