Deine Geschichte · Diagnose · Gastbeitrag

Vogel Strauß-Methode

Meine Freude war unbeschreiblich als ich im Februar 2018 schwanger wurde. Das erste Ultraschallbild bedeutete mir sehr viel. Alles sah völlig normal und unauffällig aus. Das Baby entwickelte sich lehrbuchmäßig und mir selbst ging es bestens. Jede Woche, die verging und jedes Ultraschallbild, dass wieder bestätigte, dass alles okay ist, gab uns mehr Vertrauen.
Wie wohl die meisten künftigen Eltern diskutierten Alfa und ich irgendwann die Frage nach einer Feindiagnostik. Konnten wir uns behindertes Kind vorstellen? Würden wir es wissen wollen, falls unser Nachwuchs mit einer Einschränkung zu kämpfen hätte? Denn uns war klar, sobald man „in die Glaskugel geschaut hat“, gibt es kein Zurück mehr.
Aber ist die Vogel-Strauss-Methode „den Kopf in den Sand stecken“ hier angebracht? Irgendwann würde die Wahrheit sowieso ans Licht kommen. Wäre es nicht besser, dann entsprechend darauf vorbereitet zu sein? Irgendwo hatte ich auch gelesen, dass eine mögliche Beeinträchtigung / Erkrankung sinnvollerweise schon bekannt sein sollte, damit es der Geburt dann nicht zu unerwarteten Komplikationen kommen würde.
Am liebsten hätte ich aber dieses ganze Kapitel meines Schwangerschafts-Ratgebers ausgeblendet: Feindiagnostik ja / nein – geschweige dann im Falle eines negativen Ergebnisses weitere Entscheidungen treffen zu müssen. Ich hatte Angst. Zum Glück war mein Partner pragmatischer. Wir wollten uns nicht verrückt machen, wir wollten diese Fragen offenlassen, uns damit beschäftigen, wenn sie denn überhaupt Thema würden.

Und so entschieden wir uns eine Nackentransparenzmessung machen zu lassen. Mit klopfendem Herzen hatte ich die Klinik betreten und mit dem größten Glücksgefühl wieder verlassen. Nichts sprach nur im Entferntesten für eine Trisomie21. Denn das Risiko war für mich als Spätgebärende entsprechend hoch gewesen. Aber völlig Entwarnung: Die Werte waren weit unter dem kritischen Normwert. Eine annähernde 100%-ige Sicherheit würde aber nur ein Bluttest geben, der auch mögliche Erbkrankheiten aufdecken könnte. Doch wir waren jetzt völlig entspannt, wieso sollte sich an diesem positiven Ergebnis noch viel ändern? Außerdem gab es in unseren Familien zum Glück keine Erbkrankheiten und Alfa hatte bereits drei wunderbare und vor allem kerngesunde Kinder.
Also ließen wir im Genetikum einen Preana-Test machen – aber eher pro forma. Wir waren gefühlt ja schon auf der Siegerseite! Bald würde auch die 12. SSW-Hürde genommen sein und mein Traum von einer kleinen Familie war zum Greifen nah.
Doch dann schlug das Schicksal auf die grausamste Art zu. Am 25. Mai 2018 erfuhren wir das erschütternde und völlig unerwartete Ergebnis des Preana-Testes: Trisomie18. Von einem Moment auf den anderen tat sich ein Abgrund auf, der uns erbarmungslos verschluckte.
Was so großartig begonnen hatte wurde von einem Tag auf den anderem zu meinem schwersten Schicksalsschlag. Eine Diagnose, die meinen bis dato seligen Zustand den Todesstoß versetzte: Trisomie 18. Zwei grausame Worte, die ausgesprochen bedeuten, dass unser kleines Mädchen keine Chance auf ein Leben haben würde. Dass Paulina nur geboren werden würde, um kurze Zeit später zu sterben – trotz medizinischer Vollversorgung? Plötzlich war jetzt schon alles vorbei, noch bevor es so richtig begonnen hatte. Das Leben von Paulina – und damit die Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft mit unserem Mädchen.
Was sollten wir jetzt nur machen?
Warum hatten wir überhaupt diese Untersuchungen machen lassen? Ich könnte jetzt – immer noch im größten Glück schwelgen. Denn es hatte ja überhaupt nichts auf so eine schwere Erkrankung hingedeutet. Wir hatten diese Situation herausgefordert, weil wir diese Tests gemacht hatten.

Plötzlich wäre es mir doch lieber gewesen es nicht zu wissen, jetzt zumindest noch nicht.
Plötzlich fühle ich mich um all die Tage beraubt, in dem ich noch diese spannende und bis dahin wundervolle Zeit hätte genießen können.
Plötzlich wollte ich wirklich nur noch eins: den Kopf in den Sand stecken oder mich zumindest unter der Bettdecke zu verstecken. Ich wollte und konnte mich dieser Situation nicht stellen.
Ich verfluchte das Genetikum, das den Praena-Test gemacht hatte. Das uns diese schreckliche Diagnose eiskalt am Telefon mitgeteilt hatte. Ich konnte nicht mal mehr in die Nähe dieses Gebäudes gehen. Irrer Weise hatte ich das Gefühl: die sind Schuld an meiner jetzigen Situation. Sind die denn Gott, dass sie die Menschen einteilen können in „lebensfähig“ und „nicht lebensfähig“, dass sie die Kategorien Tod und Leben vergeben dürfen? Alfa war zwar ebenso geschockt und tief getroffen. Aber er sah im Genetikum nur eine Art Dienstleister, der die Aufgabe hat Entscheidungsgrundlagen zu bieten. Am Ergebnis hatten sie nicht, hatte niemand Schuld. Und Entscheiden – das mussten wir. Nur wir ganz allein. Auch wenn uns vielfach der vorzeitige Abbruch als einziger Weg angedeutet wurde.
Es folgte die dunkelste Zeit, die wir je erlebt hatten. Die folgenden Wochen drehten sich nur noch um diese Frage: Austragen oder Abbruch. Wir wussten in jedem Moment dieser schweren Tage: Das hier ist die schwierigste und gravierendste Entscheidung fürs Leben. Für/gegen Paulinas Leben direkt und mit den schwerwiegendsten Folgen für unser eigenes weiteres Leben.
Wie sollte ich es schaffen, ein Kind auszutragen, runder und runder zu werden – nach außen hin alles heile Welt – aber zu wissen, dass mein Mädchen jederzeit sterben könnte? Ab dem Zeitpunkt der Diagnose empfand ich keinerlei Freude mehr an der Schwangerschaft. Jeder Tag dieser anfangs so spannenden Zeit erschien mir jetzt so sinnlos. Ich fühlte mich Innerlich leer. Tot. Tot, wie (bald) mein Kind, dessen Ende wir würden vorzeitig einleiten lassen? Völlig unvorstellbar für mich…
Aber darf man denn überhaupt alles weiterlaufen lassen? Darf man diese Diagnose einfach ignorieren? Sobald man die entsetzliche Wahrheit erfahren hat, gibt es kein Zurück mehr. Man kann sich nicht mehr unwissend stellen. Es beginnt ein erbarmungsloser Gewissenskonflikt. Ein Albtraum, aus dem es kein Erwachen gibt.
Auf die Frage „Abbruch oder Austragen“ gibt es wahrlich keine Pauschallösung. Sie ist so individuell wie wir Menschen eben sind. Sie muss wachsen und wohlüberlegt sein. Als glückliche Schwangere will man sich damit nicht beschäftigen. Und doch wird man gezwungen. Um eine Entscheidung kommt man nicht herum. Auch wenn diese dann möglicherweise lautet: doch alles weiterlaufen zu lassen. Trotzdem ist es dann eine – bewusste – Entscheidung, die gefällt werden muss, ob man will oder nicht.
Irgendwann hatten wir in all dem Chaos der Gefühle und Verzweiflung endlich den für uns richtigen Weg gefunden: Wir würden uns bewusst und vorzeitig herbeigeführt für immer von Paulina verabschieden, in aller Ruhe und Stille.
Heute – fast ein dreiviertel Jahr später kann ich sagen: wir stehen immer noch hinter der Entscheidung, haben nie damit gehadert. Am Schicksal schon, das sehr sogar. Aber nicht an dem Weg, den wir gegangen sind.
Aus heutiger Sicht bin ich auch froh, dass wir uns bewusst dazu entschieden hatten diese Tests machen zu lassen. Irgendwann hätte es uns sowieso eingeholt. Ich glaube, je später man sowas erfährt, umso schwerer ist es. Wenn ich mir vorstelle, dass diese Diagnose möglicherweise erst bei der Geburt ans Licht gekommen wäre, mit einem liebevoll vorbereiteten Kinderzimmerchen daheim und dem Babysafe im Gepäck. Dann völlig unvorbereitet unser kleines Mädchen ziehen lassen zu müssen, das hätte ich wahrlich nicht überstanden. Da bin ich mir für mich persönlich sehr sicher.

Liebe Tina @atina_1000, vielen Dank für deinen Beitrag!

2 Kommentare zu „Vogel Strauß-Methode

  1. Liebe Tina! Ich finde eure Geschichte sehr berührend ! Wir waren in einer so ähnlichen Situation mit unserer Luisa…bei uns stellten sie erst beim organscreening fest, das unsere Luisa VL schwer krank sein wird .. .die Entscheidung dann zu treffen welchen Weg man gehen möchte ist so schwer! Aber ich finde egal wie man sich entscheidet , es ist immer schwer ..denn man ist vom 1. Moment an die Mama dieses Babys!!! Es gibt da keinen richtigen oder falschen Weg!!! Mein Artikel findest übrigens auch hier fals du Interesse hast ihn zu lesen ! 🤗
    LG Daniela

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  2. Natürlich ist Realität leider krass,nur warum
    Wird es wenn solche Testung schon gemacht werden mit dem Verlauf so unpersönlich behandelt
    Wenn es negativ ausfällt ,also ohne diese Krankheit ,sprich Kind hat es nicht , die Entwarnung ,da ist ein Telefonat okay ,aber warum bittet man Eltern nicht zum persönlichen Gespräch,behutsam und lässt sie mutterseelenallein allein
    Okay sie brauchen keine Unterstützung , liebe Ärzte ,wo ist jegliche Empathie ,es ist doch kein Auto ,was keinen TÜV bekommt ,sondern ein Kind was früh verstirbt ..die Eltern bekommen so die Diagnose ..sy das ist Steinzeit Verhalten , wofür studieren die Ärzte,wenn Empathie für Schwangere Eltern nicht praktiziert wird ..traurig

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