Deine Geschichte · Gastbeitrag

Ich in dir…… wie wirst du wohl aussehen?

Wer kennt das nicht? Man besucht eine liebe Freundin, die gerade ihr Baby entbunden hat. Und prompt bekommt man das Neugeborene unter die Nase gehalten und man soll mutmaßen, wem es wohl ähnlich sieht. Wessen Wangenpartie es hat oder wessen Augen. Ich bin da sehr schlecht. Ich sehe meistens nur ein kleines, schlafendes und noch so unschuldiges Menschlein. Innerlich hoffe ich aber, dass es später nicht gerade wie die hässliche Tante mütterlicherseits aussehen wird.

Und wie oft habe ich schon gehört: „Das hat sie von mir…“, wenn es um irgendwelche Eigenschaften, Fähigkeiten oder Talente hat. Oder: „Da kommt er ganz nach seinem Papa.“ Im Guten wie im Schlechten.

Diesen ganz besonderen Zauber eines leiblichen Kindes finde ich wunderschön und megaspannend: Sich selbst im eigenen Nachwuchs wieder entdecken zu können. Im Idealfall als Mischung aus den besten Eigenschaften seiner Eltern.

Tja und jetzt würde ich selbst Mama werden. Und plötzlich durfte auch ich mitfiebern: „Wie wirst du wohl sein, mein Schatz? Werden sich meine Locken durchsetzen oder doch das glatte, kräftige Haar deines Papas? Vermutlich wird es brünett sein, denn das sind wir beide. Oh, ich wünsche dir, dass du das breitgefächerte künstlerische Talent deines Goldschmiedemeister-Papas erbst, seine Intelligenz und seinen wachen Verstand. Außerdem hoffe ich, dass du seine Stärke, seinem Mut und dazu meine Sensibilität und Empathie bekommst. Ich würde das für eine perfekte Mischung halten.“

In solchen Gedankenspielen träumte ich vor mich hin. Voller Liebe zu dir wünschte ich dir das Allerbeste. Das Allerbeste aus uns beiden.

Manchmal konnte ich es gar nicht fassen, dass wir bald zu dritt sein werden. Bis auf die leichte morgendliche Übelkeit und diese ungewohnte Kurzatmigkeit hatte sich noch gar nichts verändert. Und doch so vieles.

Manchmal kam mir alles nur wie schöner Traum vor, den wir noch für uns behalten wollten, bis die kritische Zeit vorbei wäre. Daher konnte ich ja schlecht das Ultraschallbild aufhängen.

Da fiel mir was ein: Ich habe ein Kinderfoto von mir – da bin ich vielleicht 2-3 Jahr alt. Ich lache so unbekümmert und fröhlich in die Kamera, dass ich mich die letzten Jahre oft gefragt habe, wo sie hin ist, diese Heiterkeit und Unbeschwertheit.

Dieses Bild kramte ich hervor und gedankenverloren, sanft lächelnd, betrachtete ich es: „Wirst du so in etwa mal aussehen oder doch völlig anders?“ Schon allein, wenn ich es anschaute, wurde mir ganz warm ums Herz – auch vor Vorfreude auf dich. Es wurde mein Handy-Bildschirmschoner für die nächsten Wochen. Und wenn ich abends ins Bett ging, klickte ich extra nochmal drauf und wünschte dieser Mini-Ausgabe von mir– und damit symbolisch dir – eine wunderschöne Nacht.

Langsam kamen immer mehr reale Fotos von dir dazu. Auf jedem Ultraschallbild konnten wir mehr von dir erkennen. Und vor allem, dass du dich lehrbuchmäßig entwickelt. Es gab keinerlei Auffälligkeiten und bald würde auch die 12-Wochen-Hürde genommen sein.

Aber dann schlug das Schicksal erbarmungslos zu. Am 25. Mai 2018 erfuhren wir das für uns völlig überraschende Ergebnis des Preana-Testes: Trisomie 18. In einem Nebensatz fiel noch, dass wir ein Mädchen bekommen würden. So, wie ich es mir sehnlichst gewünscht hatte.

Es folgte die schwerste und dunkelste Zeit unseres Lebens. Plötzlich ging es nicht mehr darum, wie du wohl aussehen würdest, oder welche Talente du erben würdest. Plötzlich ging es um das – um dein – nacktes Überleben!

Lange Zeit konnte ich es nicht fassen. Überall im Netz stand, dass Kinder mit Trisomie 18 aufgrund ihrer verzögerten Entwicklung oder wegen Deformierungen auffallen. Aber das war bei dir zu keinem Zeitpunkt der Fall. Im Gegenteil. Beim Feinultraschall konnte ich sogar jeden einzelnen deiner kleinen Fingerchen sehen. Selbst der erfahrene Arzt war ehrlich überrascht. Er hätte dir diese schwere Krankheit niemals angesehen. Aber sie stand im Raum, diese Diagnose.

Dein Papa und ich redeten viel in dieser Zeit. Es gab Tage, da wünschte ich mir, dass man dir irgendwie deine Krankheit ansieht. Dass ich es leichter glauben könnte, weil ich es sehen würde. In Blog-Einträgen las ich von Lippen- und Gaumenspalten, von Fehlentwicklungen der Fingern oder deformierten Füßen (z.B. Klumpfüße) usw. Das klang wirklich erschreckend – für mich fast schon monsterhaft.

Daher überwog letztlich das Gefühl, dass es eine Erleichterung für mich war, dass du so perfekt aussiehst, trotz deiner schweren Krankheit und trotz deiner aussichtslosen Situation. Den Beweis für / gegen diese Diagnose würden wir auch anderweitig finden. Finden müssen, denn sonst würde ich es niemals akzeptieren können.

Als die Fruchtwasseruntersuchung im Schnelltest sowie im Langzeitergebnis ebenfalls diese Diagnose bestätigte, hatten wir auch längst verstanden, dass man auf dem Ultraschall nur das sieht, was optisch zu sehen ist und vor allem was zum derzeitigen Zeitpunkt zu sehen ist. Ob dein bis dato perfekt entwickelter kleiner Körper noch Deformierungen entwickeln würde oder ob dein kleines Gehirn je würde denken können, dass könnte man auf keinem Bild der Welt erkennen.

Inzwischen waren die schwersten und längsten Wochen unseres Lebens vergangen. Aber diese lange Zeit war irgendwie auch wichtig. Denn wir mussten so vieles Entscheiden – für unser – für dein – Leben. Letztlich entschieden wir uns für eine stille Geburt. Wir würden uns bewusst und vorzeitig herbeigeführt für immer von dir verabschieden, in aller Ruhe und Stille.

Davor hatte ich lange Zeit Angst. Zu wissen, dass du keinen Schrei abgeben würdest, wenn du auf die Welt kommst. Eben alles ganz still sein würde. Dass du uns nicht mit offenen, vielleicht blauen Augen anschauen würdest. Dass du kalt und starr sein würdest anstatt warm und quengelig.

Inzwischen war ich mir aber ganz sicher: Ich wollte dich sehen. Unbedingt. Auch wenn ich natürlich niemals in dem Spiel „Wem siehst du ähnlich?“ mitspielen könnte, war ich trotzdem auch irgendwie neugierig. Ich wollte dich sehen. Außerdem, so stand es in den Ratgebern, sei es erwiesen, dass diese Art des Abschiedes, dieses Annehmen des Todes helfen würde. Das kannte ich schon. Als meine Mama im Sterben lag, hatte ich es mir nicht vorstellen können, dass ich mich an ihrem Totenbett würde verabschieden können. Aber als dann der Anruf kam, da überlegte ich gar nicht. Ich fuhr ins Pflegeheim und plötzlich stand ich vor dem ersten verstorbenen Menschen meines Lebens. Nie werde ich vergessen, welcher Friede mich da umfangen hatte. Und wie wichtig und unwiederbringlich dieser Moment für mich gewesen war. Völlig natürlich und spontan entscheid ich damals dann völlig anders als erdacht, als der Anruf kam. Ich denke, das ist etwas, was man nicht planen oder erzwingen kann. Es ist eine spontane Bauchentscheidung. Und egal, wie diese Entscheidung aussieht, sie ist immer richtig. Was jedoch in jedem Fall empfehlenswert ist, sind Fotos. Um das Baby eventuell doch erst später anzuschauen – oder vor allem – und das war mir so wichtig: etwas zu haben, das bleibt von unserem Mädchen. Etwas was man mit sich ins Grab nimmt, ohne jemals einen Blick drauf geworfen zu haben, oder etwas was man sich immer und immer wieder anschaut.

Als ich dich dann irgendwann in diesem kleinen Weidekörbchen in Händen hielt und diese zehn kleinen Fingerchen, sogar mit Fingernägeln drauf, betrachtete. Und deine kleinen perfekten Beinchen, die Füße und dieser süße winzige Mund… da war ich so unglaublich stolz auf dich. Und ich war so dankbar und erleichtert, dass du so perfekt ausgesehen hast, so ruhig, so still – ein richtiger kleiner Mensch, wie friedlich schlafend. Ich brauchte den optischen Beweis deiner Krankheit nicht mehr. Ich konnte dich loslassen, meine Schöne.

Auch wenn ich es natürlich nicht wirklich beurteilen kann, glaube ich, dass Eltern, deren Neugeborenes sichtbare Beweise der Trisomie aufweisen, ihr Baby trotzdem als perfekt und wunderschön empfinden werden, weil es IHR Baby ist, weil es immer noch das gleiche Baby ist, über das sie sich zu Beginn der Schwangerschaft so sehr gefreut hatten, völlig losgelöst, wie es letztlich aussieht. Davon bin ich felsenfest überzeugt.

Mittlerweile habe ich den fröhlichen Schnappschuss aus meinen Kindertagen weggeräumt. Dem gewichen ist das Foto von Paulina. Es macht mich nicht traurig – es ist ein Beweis, dass sie überhaupt da war. Es steht für diesen friedlichen, stillen und kurzen Moment den wir beide mit ihr hatten.

„Wir werden dich nie vergessen, kleine Paulina. Deine Mama ist überzeugt: du wärst sicherlich ein wunderschönes Mädchen geworden – unser Mädchen“.

Liebe Tina @atina_1000, vielen Dank für deinen Beitrag! Eure Paulina ist unvergessen!

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