Deine Geschichte · Diagnose · Gastbeitrag

Die schwierigste Entscheidung meines Lebens

Aktuell ist sie ja wieder ganz groß in den Medien: Die Diskussion rund um das Thema „Abtreibung“. Mir selbst fällt es schwer Position zu beziehen. Denn die Gründe, warum sich eine Frau dazu entscheidet, sind so individuell und komplex wie wir Menschen eben sind. Es liegt mir daher völlig fern, hier zu urteilen.

Dass ich selbst jemals vor diese folgenschwere Entscheidung gestellt werden würde, hätte ich mir niemals vorstellen können.

Geplant und erhofft wurde ich im Februar 2018 schwanger. Meine Freude war unbeschreiblich und das erste Ultraschallbild bedeutete mir unglaublich viel. Alles sah völlig normal aus. Mir ging es bestens.

Doch dann schlug das Schicksal auf die grausamste Art zu. Am 25. Mai erfuhren wir das Ergebnis des Preana-Testes: Trisomie18. Von einem Moment auf den anderen tat sich ein Abgrund auf, der uns erbarmungslos verschluckte. Die Welt hörte auf sich zu drehen. Tiefste Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit umfingen uns, verstärkt durch eine unglaubliche Hilflosigkeit. Wir hatten überhaupt keine Vorstellung, wie es weitergehen solle, was auf uns zukommen würde und was zu tun war.

Ein kleiner Lichtblick ergab ich fast zufällig: Meine Frauenärztin hatte mir ziemlich emotionslos einen Flyer für eine Schwangerschaftskonfliktberatung in die Hand gedrückt. Ohne weiter nachzudenken, lief ich auf direkten Weg sofort in deren Büro. Glücklicherweise hatte die Dame sofort Zeit. Ich erzählte und erzählte, sie hörte einfach nur zu. Das war genau das, was ich brauchte. Ich fühlte ich mich bei ihr gut aufgehoben. Sie war so unerwartet mitfühlend, warmherzig und verständnisvoll. Von ihr hörte ich zum ersten Mal, dass unsere Situation viele Frauen trifft, nur niemand darüber spricht. Das Reden tat gut, aber vor allem konnte sie mir kompetenten Rat geben, denn solche Situationen gehören zu ihrem Arbeitsalltag:

• Ich solle tun, wonach mir ist und nicht das, was man vermeintlich jetzt von mir erwarten würde.
• Ich solle mir jegliche Hilfe und Unterstützung suchen, wenn ich das Bedürfnis dazu hätte. Ich hätte aber auch jegliches Recht mich mit Alfa zurückziehen
• Niemand würde uns diese Entscheidung abnehmen können und vor allem dürfen. Ich nickte, denn genau das Gefühl hatte ich auch. So gerne ich mich auch davor gedrückt hätte und so oft ich in letzter Zeit meine Freundin gefragt hatte, was sie an meiner Stelle machen würde, spürte ich ganz tief: nur wir würden einen Weg finden müssen. Denn WIR würden mit der Entscheidung leben müssen – für den Rest unseres Lebens. Glücklicherweise leben Alfa und ich, trotz seiner italienischen Großfamilie, sehr autonom. Es gab also niemand, der uns irgendwie Druck machte, wir sollen doch endlich eine Entscheidung fällen.
• Mehrfach betonte Frau Wolff: „Lassen Sie die Entscheidung reifen. Nichts ist schlimmer, wie wenn man sich etwas ein Leben lang vorwerfen muss. Sie müssen diesen Entschluss auch noch Jahre später vor sich vertreten können.“

Am Ende des Gespräches fühlte ich mich ruhiger und vor allem ein wenig sicherer, wie der Weg wohl weitergehen würde und was zu tun wäre.

Beim Abschied lächelte sie mich an: Sie wäre sich sicher, dass Alfa und ich den für uns richtigen Weg finden würden. Das hoffte ich, doch fühlte ich mich noch ganz weit davon entfernt.

Aber Frau Wolff hatte ja gesagt, dass ich mir die die nötige Zeit lassen solle. Irgendwie verschaffte mir das eine gewisse Entspannung. Ich hatte nicht mehr das Gefühl, ad hoc handeln zu müssen.

Das bestätigte mir dann auch der Chefarzt, als er mich über die Risiken der Fruchtwasseruntersuchung (als Zweitdiagnose) aufklärte, dass keine Eile (mehr) bestünde. Für die Absaugmethode war die Schwangerschaft schon zu weit fortgeschritten, sodass ich wenigstens die Entscheidung über die Art eines möglichen Abbruches nicht mehr würde fällen müssen. Es würde im Fall der Fälle sowieso auf eine stille Geburt hinauslaufen.

Alles sehr wertvolle Ratschläge sicherlich, aber über eins waren wir uns selbst von Anfang an klar: Das hier ist die schwierigste und gravierendste Entscheidung fürs Leben. Für/gegen Paulinas Leben direkt und mit den schwerwiegendsten Folgen für unser eigenes weiteres Leben.

Eins war für ich ausschlaggebend, um überhaupt irgendeine Entscheidung treffen zu können: ich müsste mir ganz sicher sein, dass die Diagnose richtig ist.

Aber soweit war ich noch nicht. Ich konnte noch nicht akzeptieren, dass unsere Kleine so krank sein sollte. Denn überall im Netz stand, dass Kinder mit Trisomie18 wegen ihrer verzögerten Entwicklung auffällig sind. Aber Paulina?? Sie hatte sich bis dato ratgebergetreu entwickelt.

Daher wusste ich plötzlich ganz genau was zu tun wäre: Ich wollte, dass sich nochmal jemand Paulina anschaut. Auch wenn ich größtes Vertrauen in den Chefarzt hatte, brauchte ich eine weitere Meinung. Ich wollte hören, dass jemand sagt: „Die Diagnose ist falsch!“ oder „Ja, sehen sie: diese Fehlentwicklung spricht eindeutig für die Krankheit.“

Kurzentschlossen setzte ich mich ans Telefon und rief bei einer Praxis an, die Feindiagnostik anbot. Die Sprechstundenhelferin versprach mir einen Rückruf und kurz darauf meldete sich die Ärztin. Wie schon der Chefarzt sagte auch sie: „Beim Ultraschall sieht man logischerweise nur die sichtbaren Dinge. Und vor allem nur, was Stand heute zu sehen ist. Wir wissen nicht, welche Fehlbildungen sich in 3-4 Wochen zeigen werden. Und dass Paulina vielleicht nie sprechen, denken oder laufen kann oder ob z. B. die Niere ihre Aufgaben erfüllen wird, sowas sieht man auf einem Ultraschallbild nicht. Ich kann mir gerne das Baby anschauen, aber bringen wird es nicht viel. Die einzig 100 % sichere Methode für eine endgültige Diagnose ist die Fruchtwasseruntersuchung und da haben Sie ja bald einen Termin.“

Zum wiederholten Male hatte ich also gehört: der Bluttest ist schon sehr aussagekräftig, aber die Fruchtwasseruntersuchung zweifelt niemand an. Also würde auch ich darauf vertrauen müssen.

Als ich sie abschließend noch nach der Trisomie18 fragte, nahm sie mir dann wirklich jegliche Hoffnung für Paulina. Man hat nicht „ein bisschen Triosmie18“. Entweder man hat diese Krankheit – und dann ist der Weg vorgezeichnet – oder man hat sie nicht. Da Paulinas Entwicklung bis dato unauffällig war und auch ihr Herzchen kräftig schlug, das spricht vielleicht dafür, dass sie tatsächlich die Geburt überstehen könnte und dann im Krankenhaus betreut werden müsste. Mit heimnehmen, würde ich sie definitiv niemals können.

So erschütternd letztlich dieses Gespräch war, so wirksam war es auch. Endlich konnte ich loslassen. Ich war an einem Punkt angekommen, an dem ich wusste, ich bräuchte nicht noch mehr Fakten sammeln. Ich spürte, dass es keinen Sinn mehr hatte, mich immer wieder vor dem PC zu setzen. Ich wusste, dass es keinen Sinn hatte, noch mehr Fachärzte aufzusuchen, denn die Situation war eindeutig: Paulina ist, wenn sich die Diagnose bestätigen würde, nicht lebensfähig. Und niemand würde mir sagen können, wie lange sie überhaupt noch leben würde. Wir wussten alles, was wir wissen mussten.

Als sich die Diagnose anhand der Fruchtwasseruntersuchung bestätigte, war der Zeitpunkt gekommen, dass wir uns entscheiden mussten: Abbruch oder Austragen.

Der Arzt im Genetikum, meine Frauenärztin und der Chefarzt hatten uns eigentlich nur den Ausweg eines vorzeitigen Abbruches genannt. Der Chefarzt schob noch hinterher: „Vor allem, wenn Sie es relativ schnell wieder probieren wollen“. Dass bei mir die biologische Uhr tickte, den Nachsatz verschluckte er dezent.

In einem halbwegs ruhigen Moment saßen Alfa und ich zusammen und versuchten zu besprechen, was wir den tun sollten.

• Der Gedanke, Paulina wachsen zu lassen, aber jederzeit mit ihrem Tod rechnen zu müssen, war für mich fast nicht zu ertragen. Und: würde ich es dann spüren? Die Vorstellung tagelang ein totes Kind in mir zu tragen, war heftig.

• Wie sollte ich es schaffen, ein Kind auszutragen, runder und runder zu werden – nach außen hin alles heile Welt – aber zu wissen, dass mein Mädchen jederzeit sterben könnte? Ab dem Zeitpunkt der Diagnose empfand ich keinerlei Freude mehr an der Schwangerschaft. Jeder Tag dieser anfangs so spannenden Zeit erschien mir jetzt so sinnlos. Ich fühlte mich Innerlich leer. Tot. Tot, wie (bald) mein Kind.

• In der Arbeit würde ich es sagen müssen, man würde Ersatz für mich suchen und dann? Wenn Pauli tot ist, hätte ich nicht mal mehr meine Arbeit?

• Am meisten machte mir zu schaffen, dass wir Paulina – sollte sie die Geburt überleben – nie mit heimnehmen könnten. Sie wäre ihr kurzes Leben lang auf medizinische Vollversorgung angewiesen. Das weckte schwere Erinnerungen: Ich hatte meiner Mama im Pflegeheim beim langsamen Sterben zusehen müssen. Sie hing damals zwar an keinerlei Maschinen. Sie lag einfach still und regungslos schlafend im Bett. Aber das war schon traumatisierend gewesen. Aber mein winziges Baby, das an unverhältnismäßig riesigen Schläuchen hängt und bei dem man doch weiß, dass es keinerlei Hoffnung auf Linderung oder gar Heilung gibt? Wie nur erträgt man sowas?

• Für Alfa und seine Familie – war das Austragen keine Option.

• Und überhaupt: Durfte ich das meinem Mann, der den Kinderwunsch schon dreifach erfüllt hat aber für mich den Weg nochmal gegangen war zumuten? Und konnte ich (für mich) bestehen mit einem dahinsiechenden Kind, wo er doch schon drei so wunderbare und perfekte Kinder hat?

• Ich wollte so gerne Mama sein, mein Mädchen Heranwachsen sehen. Aber das würde es bei Paulina nicht geben.

• Kann bzw. darf man überhaupt alles einfach weiterlaufen lassen? Wenn man doch weiß, dass das kleine Menschenkind überhaupt keine Aussicht auf Leben hat? Dass es nur geboren würde, um jämmerlich zu sterben

• Für meine Freundin Moni dagegen war ein Abbruch keine Option. Sie meinte, es wäre dann halt ein besonderes Kind. Aber mit dieser Denkweise konnte ich mich nicht anfreunden. Ein besonderes Kind – vielleicht wenn es im Rollstuhl sitzt. Aber wenn es keinerlei Aussicht auf ein Leben hat? Böserweise dachte ich im Stillen: Du hast leicht reden, du hast ja einen gesunden und wunderbaren Sohn.

• Gleichzeitig war mir die Vorstellung mein so langersehntes Kind zu töten unerträglich.

Ich wusste einfach nicht, was ich machen sollte.

Sehr berührt hat mich der Gedankengang einer älteren Freundin. Sie meinte: „Ja, du greifst aktiv ein. Du spielst Gott. Aber sobald das Baby auf der Welt ist – wenn es denn lebend auf die Welt kommt – dann wird es an Maschinen gehängt. Spielt man da nicht auch irgendwie Gott? Denn normalerweise würde dieses Kind doch sofort sterben.“ Klar- man kann diesen Gedanken sofort zerpflücken. Dann dürfte man ja keine Krankheiten behandeln. Und doch unterstützte mich dieser Gedanke auf dem Weg der Entscheidungsfindung.

Aber letztlich war dann dieses Erlebnis ausschlaggebend: Ich wachte eines Nachts auf und hatte die fixe Idee, dass Paulina tot ist. Ich konnte mich nicht mehr beruhigen und wartete nur noch bis endlich der Tag anbrach. Für mich blieb nur eine Option: ich muss zum Ultraschall, ich muss wissen, was los ist. Beim Frauenarzt bekam ich natürlich keinen Termin – daher setzte ich mich in die Notfallambulanz der Frauenklinik. Die Wartezeit kam mir wie eine Ewigkeit vor. Mir ging so unglaublich viel durch den Kopf. Drei Stunden später hatte ich die Gewissheit: Paulinas lebt – noch.

Völlig erschöpft lief ich wieder heim. Paulinas kleines Herzchen schlug – noch. Aber es blieb dieses grausame Gefühl der vergangenen Nacht. Ich würde es nicht ertragen können, abzuwarten, bis Paulina stirbt. Für Alfa war diese Vorstellung von Anfang an sehr schwierig gewesen. Nur ich war noch nicht soweit gewesen zu spüren, was für mich richtig wäre.

Aber nun war es soweit. Die Zeit der Entscheidung war gekommen. Wir würden uns bewusst und vorzeitig herbeigeführt für immer von Paulina verabschieden, in aller Ruhe und Stille.

So schwerwiegend und traurig dieser Entschluss war, umfing uns plötzlich ein tiefer Frieden. Wir hatten endlich den für uns richtigen Weg gefunden.

Heute – fast ein dreiviertel Jahr später kann ich sagen: wir stehen immer noch hinter der Entscheidung, haben nie damit gehadert. Am Schicksal schon, das sehr sogar. Aber nicht an dem Weg, den wir gegangen sind.

Ich erzähle sehr offen über unseren Verlust und auch, dass wir das Ende selbst herbeigeführt haben. Ich weiß nicht, ob es meine Offenheit, oder die Art ist, WIE ich es erzähle, denn niemand hat bisher seltsam reagiert oder mir gar diese Art der Abtreibung vorgeworfen – trotz aller Diskussionen in den Medien.

Entweder ist es tatsächlich so, dass man hier klar trennt aufgrund der medizinischen Indikation, oder ich nehme stille Vorwürfe nicht wahr, weil ich mit unserer ureigenen Entscheidung im Reinen bin. Und ich denke darauf kommt es letztlich an.

Liebe Tina @atina_1000, vielen Dank für deinen Beitrag!

3 Kommentare zu „Die schwierigste Entscheidung meines Lebens

  1. Man kann sich nicht vorstellen was es für Eltern heissen muss die Diagnose Trisomie 18 zu erhalten und entscheiden zu müssen wie es mit dem ungeborenen Leben des eigenen Kindes weitergeht. Das wünscht man wirklich niemanden. Und ich würde auch niemanden wegen der Entscheidung zum Abbruch verurteilen. Fie Frage die man sich stellen muss ist ganz klar ob man so ein schwerst behindertes Kind bekommen ksnn und möchte. Die Überlebenschancen dabei sind im übrigen gar nicht so schlecht wie die Ärzte es immet behaupten…. 10 Prozent der Kinder miz Trisomie 18 dürfen Ihren Geburtstag feiern. Aber die Frage ist natürlich zu welchem Preis dies erfolgt.

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  2. Keiner kann sich dazu eine Meinung erlauben ,auch wenn alle das meinen ,
    Es war deine Entscheidung .gut Punkt
    Du hast sie nicht leicht getroffen ,du bist ein Herzmensch ..
    Wie es in dir aussieht ,danach fragt keiner
    Wie es danach ist , schwer und nicht leichter
    🙏⭐

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