Deine Geschichte · Folgewunder · Gastbeitrag

Das Leben der Anderen, die fröhlichen Baby-News und ich

Ich bin davon überzeugt, dass „Social Media“ uns sehr unglücklich und unzufrieden machen kann. Weil es uns, unsere (genutzte) Zeit oder gar unser ganzes Leben so vergleichbar macht mit dem Leben der Anderen.

Da ich im „Mein Haus, mein Auto, mein Hund“-Kartenspiel relativ entspannt bin was materielle Dinge oder die berufliche Karriere angehen, nutze ich Facebook eher als Informationskanal. Es ist ein bequemer Weg sich über weite Distanzen hinweg zu vernetzen und mitzubekommen, was meine FB-Freunde so umtreibt. Ich like Urlaubsfotos, gratuliere zur Hochzeit usw. Und dann plötzlich: Bammmmmmm……Denn eins triggert mich richtig: Schwangerschafts- oder Babybilder.

Tja und so kommt es, wie es kommen muss. Eine Bekannte von früher, postet völlig überraschend: „Bald darf ich dich in meinen Armen halten, mein kleiner Schatz“. Da muss ich schon echt schlucken. Schon wieder eine! Könnte ich hier nur neutraler sein – denn es ist ja eigentlich eine wunderbare Nachricht. Zeitverzögert like ich dann brav und wünsche ihr dann doch ehrlich alles Gute.

Aber erbarmungsloser ist das reale Leben: Denn da kann man sich nicht erst hinter dem Laptop sammeln, schlucken und dann gute Mine zum vermeintlich bösen Spiel machen. Wenn man über Dritte – oder noch schwerer – von der glücklich Schwangeren direkt von der freudigen Nachricht erfährt. Dann kann man nur hoffen, ein geübtes Pokerface zu haben.

Das hat jetzt nichts mehr mit SocialMedia zu tun – sondern eher mit einer knallharten Reality-Show, in der ich ungefragt mitspiele: Zeitgleich mit meinen beiden Schwangerschaften (Fehlgeburt im November 2017 in der 9. Woche – und Paulinas stille Geburt im Juni 2018 der 18. Woche) wurden zwei Frauen in meinem direkten Umfeld schwanger: meine Nachbarin und bei Paulina dann meine Arbeitskollegin.

Als ich noch an der frühen November-Fehlgeburt knabberte, verkündete unser Nachbar, dass Nachwuchs unterwegs ist. Nach 1 Monat „Beziehung“, stand er noch völlig unter Schock – sie war schon im siebten Himmel. Prompt hatte der Klapperstorch geliefert. Das mache mir extrem zu schaffen. Ich hatte solche Angst, sie zu sehen. Denn – ich wäre das erste Mal schwanger gewesen – ich hätte ehrlich keine Ahnung, wie man im dritten oder siebten Monat aussieht, aber so? Jetzt könnte ich es live miterleben – jetzt hätte ich den direkten Vergleich vor Augen. Der Gedanke, ihren dicker werdenden Bauch zu sehen, während meiner längst wieder so dünn war wie immer? Das war für mich Horror, einerseits schämte ich mich dafür und doch konnte ich nicht aus meiner Haut.

Bis dato war unser Mehrparteienhaus auf für mich sehr wohltuende Weise kinderfrei. Aber bald würde ein Kinderwagen im Hausflur das große Glück meiner Nachbarin – im Vergleich zu unserem großen Verlust – täglich für mich sichtbar machen.

Das alles wurde etwas leichter als ich mit Paulina schwanger wurde, denn jetzt war ich ja auch wieder im Spiel. Aber leider schlug das Schicksal dann jedoch erbarmungslos zu. Es nahm uns unser kleines Mädchen durch die Trisomie18.

Von der ersten Verdachtsdiagnose bis zur stillen Geburt im Juni 2018 war ich krankgeschrieben. Im Spätsommer beschäftigte ich mich dann so langsam mit der Rückkehr in die Arbeit. Ich sehnte mich fast nach Ablenkung: mal wieder was anderes sehen und hören, mal ein anders Thema wie das „Baby-Thema“.

Mitten in meinen Überlegungen erfuhr ich, dass meine Kollegin Lina in der Zwischenzeit ihre Schwangerschaft bekannt gegeben hatte. Ich hatte gerade begonnen so langsam das Geschehene zu realisieren und zu verarbeiten, da riss mich diese Nachricht in ein tiefes Loch. Wieder ein direkter Vergleich vor der Nase? Denn Linas Entbindungstermin würde zwei Tage nach Paulinas ursprünglich errechneten GT liegen.

Ich verfluchte diese erneute Prüfung. Wieder würde ich den direkten Vergleich Tag für Tag vor Augen haben.

Bei meiner Nachbarin gelang es mir inzwischen halbwegs ihr aus dem Weg zu gehen. Ich schlich einfach möglichst selten durchs Treppenhaus und dazu noch so schnell wie möglich. Aber bei meiner Kollegin??? Da würde mir das nicht gelingen. Ich könnte mich ja schlecht auf der Büro-Toilette verstecken.

Ich überlegte lange. Sollte ich mich der Situation stellen? Konnte ich das? Hatte ich schon genügend Kraft dazu? Nein, nein, nein…. das spürte ich ganz intuitiv. Und da blieb mir dann nichts anderes übrig, wie mich weiter krank schreiben zu lassen. Ich hätte es keinesfalls aushalten können, neben einer glücklichen Schwangeren zu sitzen. Ich, die ich mich zeitweise wie eine leere Hülle fühle. Never ever!

Als meine Kollegin dann endlich in ihren Mutterschutz ging, kehrte ich drei Tage später ins Büro zurück – eine Woche nach meinem eigenen, ursprünglich errechneten Mutterschutz-Beginn.

Inzwischen hat meine Nachbarin einen quirligen Jungen, und meine Arbeitskollegin darf stolz ihren Sohn in Händen halten – und ich? Ich habe einen kleinen Engel im Himmel.

Schon vor Paulinas stiller Geburt habe ich mit anderen Frauen vernetzt. Ich war in FB-Gruppen und tauschte mich mit Gleichbetroffenen aus. Es half mir sehr. Ich fühlte mich nicht mehr so allein mit meinem Schicksal. Anfangs machten mir die Nachrichten über Regenbogenbabys Mut. Ich freute mich von ganzen Herzen für jede Frau und jedes einzelne Baby war für mich wie ein Beweis, dass meistens das Glück doch noch einkehrt.

Aber umso mehr Zeit seit Paulinas stiller Geburt verging und sich mein Zyklus überhaupt nicht relativierte. Umso schlechter es zeitweise zwischen Alfa und mir lief – weil wir beide so unterschiedlich trauerten. Umso weniger ich selbst also noch Hoffnung verspürte auf ein Kind – umso schwerer ertrug ich diese Nachrichten, setzen sie mich sogar mächtig unter Druck. Und da war er wieder: der Vergleich. Bei den meisten klappt es mit einer erneuten Schwangerschaft sehr zeitnah. Aber bei mir? Jetzt sind schon über 8 Monate vergangen…

Ich weiß es nicht, warum es nicht geklappt hat – aber eins weiß ich: kein Leben, kein Krankheitsbild, kein Schicksal gleicht dem anderen. Es ist so individuell wie wir Menschen nun mal sind – weil die Rahmenbedingungen auch völlig individuell sind. Da spielt das unterschiedliche Alter, der unterschiedliche Lebenswandel, gesundheitliche Faktoren, die Psyche usw. eine große Rolle. Daher bringt es eigentlich nichts, sich zu vergleichen… und doch… und doch liegt es uns – bzw. mir – so nahe.

Ich möchte abschließend nochmal ganz deutlich betonen: es hat nichts damit zu tun, dass ich es den anderen nicht gönne. Nein, darum geht es überhaupt nicht. Es geht darum, dass es mich zutiefst berührt, weil es mich dran erinnert, was ich verloren habe und was ich vielleicht nie erleben werde.

Man darf über mich denken, was man will: eines lass ich mir nicht einreden: dass ich deswegen ein schlechter Mensch bin, nur weil ich mich – derzeit (noch) nicht über das Babyglück der anderen aus tiefsten Herzen freuen kann. Ich vermute mal, dass ich damit nicht allein bin. Dass es viele Menschen gibt, die neidvoll – aber meistens nur stillheimlich – auf die roten Kirschen in Nachbars Garten schauen. Außerdem glaube ich fest daran, dass ich das mit der Zeit wieder relativiert. Spätestens wenn der Schmerz über den Verlust nicht mehr so präsent ist.

Inzwischen bin ich übrigens aus den meisten Sternenmama-Gruppen ausgetreten. Weil es mich zu viel beschäftigt und mich irgendwie auch unter Druck setzt: Diese wunderbaren Regenbogenbaby-Nachrichten – nur bei mir nicht. Aber auch, weil es langsam Zeit wird, anderen Themen wieder einen größeren Raum zu geben.

Vielleicht, ja vielleicht klappt es ja dann doch noch mit dem Regenbogenbaby. Und wenn, dann halte ich mich bewusst zurück mit dem lauthalsen Verkünden der Baby-News. Weil ich aus bitterer Erfahrung weiß: man kann niemals wissen, was das eigene Glück im einem anderen auslöst. Und letztlich ist es mir dann auch fast gleichgültig, ob sich die anderen ehrlich, neidvoll oder gar nicht mit mir freuen, denn für mich persönlich würde es die größte Freude meines Lebens sein.

Liebe Tina @atina_1000, vielen Dank für deinen Beitrag. Lass dir versichern, mit diesen Gefühlen bist Du nicht allein!

Ein Kommentar zu „Das Leben der Anderen, die fröhlichen Baby-News und ich

  1. Als erstes nehme ich leise deine Hand, und weiss wie es sich anfühlt
    Du bist traurig und auch wütend
    Es ist zum Mäusemelken
    Alle nur du nicht
    Atme Mal durch und lass los
    Du bist nicht falsch,du bist goldrichtig
    Also blockiere dich nicht mehr
    Lass einfach los
    Es ist wie es ist
    Klar kommen Gefühle hoch
    Und klar kommen auch fragen ,
    Klar sind da vergleiche
    Es ist kein Wettbewerb,
    Es ist einfach wie es ist
    Und immer wenn du dich kleiner machst
    Blockierst du dich auch
    Musst du dich nicht
    Du bist toll ,auch mit zwei Kindern mental an der Hand und wenn du Mal die Augen schliesst,spürst du sie auch
    Ergo du tapfere und jetzt zu dir
    Lass all das blockiere los,geh zurück ins Leben,hab Mut und setze dich dem wieder aus
    Weil du und du in dir den Weg findest
    Und verdammt noch Mal,wieder dein Leben verdienst mit Glück,Hoffnung und ganz viel Liebe
    Mal nur viel Glück
    Ich wünsche es dir
    Pass auf dich auf
    Deine Aggi ,alias @stokisgirl

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