Deine Geschichte · Folgewunder · Gastbeitrag

Mensch-ärgere-dich-nicht

Manchmal fühle ich mich seit der stillen Geburt wie beim bekannten Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. Man ist nach ewigem Nicht-Sechser-Würfeln endlich auch im Spiel. Und dann läuft es richtig gut. Man kommt Runde um Runde weiter. Man ist in Gedanken schon fast im Ziel. Und plötzlich – plötzlich wird man rausgekickt und steht auf einmal wieder im Startfeld.

Dieses Bild kommt mir in jenen Wochen oft. Ich war „so nah dran“. Es wären nur noch knapp fünf Monate gewesen, bis ich endlich mein so lang ersehntes Baby im Arm hätte halten können. Aber dann? Dann kam alles anders. Dann hat mich das Leben rausgekickt und jetzt habe ich gar nichts mehr.

Nach Paulinas stillen Geburt im Juni 2018 hoffte ich ja so sehr, möglichst schnell wieder schwanger zu werden, schließlich hatte es bei ihr ja auch ohne Probleme zügig geklappt. Im Oktober keimte eine Woche lang zaghaft die Hoffnung auf, es hätte geklappt. Bis dann leider doch meine Tage eingesetzt haben.

Entsprechend geknickt war dann der Anfang des Novembers extrem von einem einzigen Gedanken geprägt: Eigentlich wäre ich jetzt schon kurz vor der Zielgeraden, jetzt wäre die Zeit langsam den Entbindungsklinik-Koffer zu packen.

Aber stattdessen? Stattdessen bin ich wieder ganz am Anfang, ach was – weniger noch. Am Anfang wäre ja schon schwanger. Nein ich bin sogar unter Null. Alles geht wieder von vorne los: Den Zyklus beobachten, die fruchtbaren Tage berechnen und hoffen, dass mein Mann in dieser Zeit nicht beruflich unterwegs ist. Das ist so ätzend.

Ungeduldig warte ich, bis ich endlich wieder ins Spiel komme. Bis die fruchtbaren Tage kommen – so wie beim Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel – bis man wieder an der Reihe ist zu würfeln. Und dann? Dann muss in dem Moment auch noch der Würfel bei „6“ fallen, bzw. dann muss die Befruchtung klappen.

Und dabei bin ich gezwungen tatenlos zuzuschauen, wie die anderen nach und nach „ins Ziel“ eintrudeln: Der errechnete Geburtstermin meiner „Mitspielerin“ und Arbeitskollegin Lisa lag zwei Tage hinter mir, während meine Nebenjob-Mitstreiterin Hanna schon Anfang November stolze Mama wurde. Bei beiden verlief alles bestens – was mich kurz neidvoll schlucken ließ, aber mir auch irgendwie Mut macht, dass ein gesundes Baby am Ende einer Schwangerschaft nicht so Ungewöhnlich ist, wie es mir nach meinen eigenen Erlebnissen erscheint.

Neben all der Trauer, der Verzweiflung und der Hoffnungslosigkeit, die mich die letzten Monate nun begleiten, ist eine Emotion manchmal fast übermäßig groß: der Ärger bzw. die Wut!

Ehrlicherweise macht mich das Glück der anderen im direkten Vergleich zu meinem Schicksal wütend – richtig wütend. Genauso wie in diesem verdammten Brettspiel. Wenn alle an mir vorbeiziehen und vielleicht sogar noch frech grinsen, dann würde ich am liebsten das Spielbrett vom Tisch fegen.

Aber nicht, weil ich das Glück den anderen nicht gönne. Nein, das ist es gar nicht mal, weder im Brettspiel noch im Spiel des Lebens. Nein! Mein eigenes Pech so deutlich vor Augen haben zu müssen, DAS macht mich wütend. Dann spüre ich eine unbändige Wut – aufs Leben. Diese Ungerechtigkeit, die mir wiederfährt. Basierend auf einem gesunden Selbstbewusstsein bin ich nämlich tief davon überzeugt, den Sieg genauso verdient zu haben, wie alle anderen auch, ich finde jedem steht ein Quäntchen Glück zu. Und ich merke, wie ich wütend, neidisch und ungerecht bin und gleichzeitig im Selbstmitleid versinke.

Und ich verstehe es einfach nicht: Beim „Mein Auto, mein Haus, mein Hund“- Kartenspiel bleibe ich gelassen und reagiere ehrlich emotionslos. Es berührt mich nicht im Geringsten was andere alles so haben – völlig egal wie schlecht ich in diesem Vergleich abschneide. Aber warum gelingt es mir im Bezug auf ein eigenes Kind dann überhaupt nicht? Da empfinde ich zeitweise jede Schwangere oder jede junge Mama als Provokation. Wie hirnrissig das ist, merke ich zwar wenigstens sofort in dem Moment, aber meine Reaktion abstellen? Fehlanzeige. Und ich ärgere mich schon wieder. Diesmal über mich selbst.

Ehrlich gesagt schäme ich mich über diese Wut und den Groll und vor allem über den Neid, er mich leider immer wieder überkommt. Sollte ich nicht lieb sein, brav und still trauern??? Anstatt wie das HB-Männchen bei jeder Gelegenheit in die Luft zu gehen?

Und schon beginnen in meinem Kopf diese Zwiegespräche, wie sie besser nicht in einem Wandkalender stehen könnten:
• Du betrachtest gerade nur diesen einen Augenblick.
o Auf der Zeitachse gesehen, erweisen sich manche Schicksalsschläge als Wendepunkt.
o Jedes Leben hat seine Hochs und Tiefs.
• Du betrachtest gerade nur deinen Schmerz. Sehr schade, dass du damit alles andere ausblendest. Du setzt den Fokus auf DEIN Leid, auf das, was du meinst nicht zu haben, auf das, was dir fehlt. Dieses Mangeldenken bringt dich nicht weiter. So siehst du leider nicht, was du alles hast.
• In ruhigen Momenten erinnere ich mich an noch an folgenden Spruch: „Der Vergleich ist der beste Weg zum Unglücklich sein“. Und fühle mich ganz schön ertappt.

Bisweilen ermahnen mich diese Gedanken und helfen mir, wieder in die richtige Spur zu kommen, manchmal jedoch hasse ich diese Zwiegespräche in meinem Kopf. Denn in ruhigen Momenten weiß ich das ja alles. Dafür habe ich schon viel zu viel gute Ratgeber gelesen und schon eine gewisse Lebenserfahrung gesammelt. Aber in der derzeitigen Situation machen mich diese Küchenpsychologie-Sprüche wieder nur eins: Nämlich wütend!

Am liebsten würde ich stellvertretend für diese Zwiegespräche im Kopf den „Alles wird gut“-Küchenkalender samt Mensch-ärgere-dich-nicht-Brettspiel einfach aus dem Fenster pfeffern. Aber das hilft ja nix!

Tja und so versuche ich Tag für Tag – immer mehr bei mir zu bleiben, bewusst keine Vergleiche zu ziehen, mich nicht von den „roten Kirschen in Nachbars Garten“ blenden zu lassen.

Ich habe wieder begonnen mein Glückstagebuch konsequent zu führen und ich sammle jeden Tag kleine Glücks- und Sonnenmomente. Das tut mir gut. Ich versuche den Gedanken „aber was ist schon die kleine Freude eines schönen Abendrots in Anbetracht des großen Glückes eines gesunden Babys?“ kommen und gehen zu lassen.

Ach ja: das Mensch-Ärgere-Dich-nicht-Spiel habe ich zwar nicht aus dem Fenster gepfeffert, aber ich würde dankend ablehnen, sollte mich derzeit jemand wagemutig fragen, ob wir eine Runde spielen sollen.

In diesem Sinne: Lasst euch nicht ärgern. Aber wenn es euch doch überkommt, dann seid nicht zu streng mit euch. Ich habe kürzlich gelesen: auch diese Emotion gehört zum Trauer- und Heilungsprozess dazu.

Liebe Tina @atina_1000, vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag.

Ein Kommentar zu „Mensch-ärgere-dich-nicht

  1. Ich weiss,es ist Wut,Hass Neid nur tief in dir,bist du zu wertvoll..also schau dich an du zählst als Mensch ,du bist wertvoll also höre auf,auf andere neidisch zu sein,dass schmerzt.du bist wertvoll,kostbar also betrachte das Leben von dieser Sichtweise
    Pass auf dich bitte auf
    Warum
    Weil Grade du besonders wertvoll bist
    Versprochen

    Gefällt mir

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