Allgemein · Deine Geschichte · Gastbeitrag · Leben mit der Trauer

Und plötzlich war da nur noch eine tiefe Leere und unendliche Traurigkeit

Trauer: wo ist der richtige Pfad zwischen Trauer, Verzweiflung und hängen bleiben im Verlust? Es lässt sich ja nichts mehr ändern. Es ist, wie es ist

Ich finde ganz schwer zu beurteilen, was Trauern bzw. Trauerbewältigung ist. Ich weiß, es gibt genügend Bücher zu diesem Thema. Aber irgendwie erscheint es mir seltsam, mich daran zu orientieren. Trotzdem habe ich natürlich schon in solche Bücher reingeblättert und wenig Hilfe darin gefunden, geht es in der Regel eher um Menschen, die gelebt haben und die ein Teil des eigenen Lebens waren.

Aber bei unserer kleinen Paulina – in dem glücklichen Moment ihrer Entstehung war gleichzeitig auch ihr viel zu frühes Ende besiegelt: Trisomie18. Am 19. Juni 2018 mussten wir uns letztlich in der 18. SSW nach einer stillen Geburt von unserem kleinen Mädchen für immer verabschieden.

Und dann??? Plötzlich gab es nichts mehr zu tun. Keine Arzttermine, keine Diskussionen, kein Googeln mehr. Plötzlich war da nur noch eine große Leere.

Auf einmal war ich – ja was eigentlich? Die Literatur kennt keinen Begriff für eine Frau, deren Kind gestorben ist. Man spricht von einer Witwe und man kennt das „Waisenkind“ – aber für den Verlust eines Kindes gibt es nur den zusammengestückelten Begriff „verwaiste Eltern“. Inzwischen ist mir natürlich die Bezeichnung „Sternenmama“ geläufig, ein Wort, von dessen Existenz ich bis dato nicht mal wusste.

Also – was bin ich denn jetzt? Eine trauernde Mama? Ja, Moment! Ist man denn überhaupt eine Mutter, wenn das Baby nicht das Licht der Welt erblickt hat? Die unglaublich nette Dame von der Konfliktberatung stutze erst mal über meine Frage. Denn es ist tatsächlich der ganz eigenen Auslegungssache überlassen.

Ich erinnere mich noch, dass mich in dem Zusammenhang auch der Gedanke überkam, was ich denn künftig auf die Frage „Haben Sie Kinder?“ antworten würde. „Nein, leider nicht“ – wie bisher. Oder „Ja, aber meine kleine Tochter ist tot“?

Ich hatte lange den Eindruck, wenn Paulina wenigstens 5 Minuten gelebt hätte, wenn wir sie doch ins Familiengrab beerdigt hätten, dann wäre ich eine richtige, trauernde Mama… aber so? Im Laufe der Zeit musste ich dann tatsächlich erfahren, dass das Umfeld hier sehr genau unterscheidet. Einer Frau, die ihr lebendes Kind zu Grabe tragen musste, wird viel mehr Verständnis und länger Mitgefühl entgegengebracht. Aber ein Kind, dass man innerhalb der Schwangerschaft verliert? Schon bald meldete sich niemand mehr, und mir wurde das Gefühl „jetzt ist es aber auch mal wieder gut, oder?“ entgegengebracht.

Irgendwann fragte ich mich dann: um was bzw. um wen trauere ich denn eigentlich? Um Paulina? Um das Leben, dass sie – oder eher dass wir nie führen würden? Um mich, der ein Leben als Mama verwehrt wurde? Um mein verlorenes Vertrauen ins Leben, das ich bis dahin empfunden hatte???

2012 ist meine Mutter nach langer schwerer Krankheit verstorben. Und 2015 ist mein Vater seinem Kampf gegen den Krebs erlegen. Daher habe ich schon „Erfahrung“ mit dem Tod und der Trauer. Aber bei Paulina? War das was gänzlich anders. Bei meinen Eltern tröstete das Wissen, dass sie beide ein gelebtes Leben hinter sich hatten. Für beide war letztlich der Tod fast wie eine Erlösung ihrer schweren Qualen. Und an beide hatte ich Erinnerungen. Mit beiden verband mich eine lange gemeinsame Zeit.

Aber bei Paulina??? Da half mir das alles nicht.

Trauer – um Paulina – als Person? Das fiel mir sehr schwer, denn ich habe ja nicht die leiseste Ahnung, wie unsere kleine Tochter wohl gewesen wäre. Welche Charakterzüge sie gehabt hätte. Wie es gewesen wäre mit ihr zu leben. Paulina ist doch eher eine Vorstellung? Da ich Paulina nie kennenlernen durfte, konnte ich auch nicht ihre Stimme, das Leuchten ihrer Augen, ihre Ausstrahlung vermissen.

Trauer, dass man keine einzige gemeinsame Minute (mehr) teilen wird? Keine gemeinsamen Erinnerungen. Das Vermissen von Geborgenheit und Gemeinsamkeit? Wir durften ja keine einzige gemeinsame Minute verbringen – wie könnt ich es dann ehrlicherweise vermissen?

Irgendwann ertappte ich mich dann dabei: Bin ich vielleicht zu egoistisch für richtige Trauer??? Ich sah in dem Verlust von Paulina v.a. die Dinge, die jetzt für mich nicht kommen würden:
• Das Leben als Mama, als Familie
• Keine Elternzeit, sondern weiter im Büro zu bleiben, wie wenn nichts gewesen wäre. Jetzt doch alle beruflichen Termine wahrnehmen zu müssen, die ich im Kopf schon abgehakt hatte, weil sie NACH dem Geburtstermin lagen.
• Kein eigenes Kind, dem ich all meine Liebe geben könnte.
• Kein eigenes Kind, das ich begleiten könnte auf seinem Weg ins Leben.
• Kein eigenes Kind, dass – wie alle jungen Eltern es ja immer so verherrlichen -den tiefen Sinn in mein Leben bringen würde?

Müsste ich bei meiner Trauer um den Verlust nicht v.a. um das Leben meines Kindes trauern? Dass es das alles nicht erleben wird? Anstatt nur an mich zu denken? Mein Gedankenkarussell drehte sich aber immer darum: was ich nicht erleben würde mit Paulina. Sie nie in den Armen zu halten. Ihr nie Sprechen, Laufen, Radfahren usw. beibringen zu können, ihr nie die Welt zu zeigen. Weil sie es nicht erleben darf, erlebe ich es nicht oder ist es anders rum???

Irgendwann fiel mir dann der Spruch ein, den jemand nach dem Tod meines Vaters zitiert hatte: „Wenn die Eltern sterben, stirbt deine Vergangenheit. Wenn ein Kind stirbt, stirbt deine Zukunft.“ Und ganz genauso sah ich den Tod von Paulina. Als den Tod meiner eigenen Zukunft!

Wie trauert man eigentlich richtig? Oft wird ja empfohlen einen Trauerort zu haben. Klassisch die letzte Ruhestätte des Verstorbenen. Alternativ – sofern es sowas nicht gibt oder zu weit weg liegt – kann auch ein Trauer-Plätzchen in der Wohnung geschaffen werden. Aber das war nichts für mich. In meinen Augen hält es die Trauer zu präsent bzw. für mich persönlich ist es eher hinderlich für den Weg zurück ins normale Leben, den zu gehen man muss, ob man will oder nicht.

Was mir jetzt bei Pauli aber wichtig war: ein Bild aufzustellen. Aber nicht, weil es mich an ihren Tod erinnern soll. Nein! Es soll mich erinnern, dass sie tatsächlich da war. Dass wir diesen gemeinsamen Moment im Kreissaal erleben durften. Das Bild macht ich nicht traurig. Es ist diese friedliche Stimmung und diese Stille, die wir im Rahmen ihrer Geburt erfahren durften, für die es stehen soll.

Bei Paulina gab es keine Beerdigung im klassischen Sinne gab. Damals bei meiner Mutter hatte ich es vielleicht zum ersten Mal verstanden, wie wichtig dieses Ritual für die Hinterbliebenen ist:
• Dass es wie ein Abschluss ist, ein sichtbarer Startschuss für das Danach. Weil dann einfach nichts (gemeinsames) mehr kommt
• Ein Abschiednehmen für die Direkt-Betroffenen, aber auch für alle, die der Toten nahestanden, sich ihr verbunden fühlen.
• Es ist auch ein Trost zu sehen, wie viele Menschen Anteil nehmen
• Und es ist eine schöne Vorstellung, dass dieser Mensch eine letzte Ruhestätte gefunden hat, an die man zurückkehren kann. Ein Ort für die Trauer.

Aber bei Paulina haben wir uns bewusst für die Sammelbestattung entschieden.
Wobei ich wusste, ob so ein Ort nie die gleiche Bedeutung haben wird wie unser Familiengrab. Aber ich bin mir immer noch sicher, dass dieser Weg für uns der richtige war. Dass das Ganze noch viel emotional belastender geworden wäre. Irgendwie erschien es mir nicht passend. Viel zu viel Öffentlichkeit für ihr kurzes, intimes Leben eine so große, förmliche Sache draus zu machen. Und mich tröstete der Gedanke irgendwie, dass sie unter lauter „Sternen-Kinder“ ihre letzte Ruhe finden würde.

Ich glaube, jeder muss selbst und auf seine ganz persönliche Art mit der Trauer und den Verlust zurechtkommen. Klar, mein Partner war unmittelbar davon – und von mir betroffen. Aber sonst melde ich mich schon lange bei niemanden mehr. Ich weine still für mich, oder suchte das Gespräch mit Alfa. Manchmal leider ziemlich rücksichtslos, da er so gänzlich anders trauert. Für ihn ist es hilfreicher, sich nicht ständig mit dem Thema zu beschäftigen. Er schaut nach vorne. Für ihn war es „abgehakt“, in dem Moment, wo wir uns von Paulina im Krankenhaus verabschiedet hatten. Wahrscheinlich eine gesunde Einstellung. Aber das funktionierte bei mir nicht. Ich musste weiterhin über Paulina reden – nur gut, dass ich dazu inzwischen einen regelmäßigen Termin bei einer Therapeutin hatte.

Wie gesagt, ich verstand voll und ganz, dass jeder Mensch anders trauert. Das gestand ich auch meinem Partner völlig zu. Aber was mir sehr schwer fiel war, dass er mir dadurch nicht die Unterstützung geben konnte, die ich so dringend gebraucht hatte. Und das warf ich ihm ungerechterweise vor. Eine sehr schwere und belastende Zeit für unsere einstmals so starke und tiefe Beziehung!

Und auch wenn wir in diesen ersten Monaten ziemlich zurückgezogen lebten. Eins war mir dann doch wichtig: Am 2. Sonntag im Dezember ist ein Gedenktag für alle verstorbenen Kinder. Da soll um 19 Uhr Ortszeit eine Kerze brennen. Als Zeichen des Gedenkens. Und wegen den Zeitzonen ist es dann fast so, dass rund um die Uhr Kerzen dann brennen. Das finde ich einen wunderschönen Gedanken, vor allem im Dezember, wenn es um diese Uhrzeit bei uns draußen schon dunkel sein wird. Diesen Gedenktag teilte ich mit allen, die von unserer Paulina wussten und es war wunderschön Fotos von ihren brennenden Kerzen geschickt zu bekommen.

So wichtig es ist die Gefühle der Trauer zuzulassen, mir auch die Augen rausweinen zu dürfen, mich einsam und verlassen zu fühlen. Genauso wichtig finde ich es aber auch, dass man bewusst Ablenkung und die langsame Rückkehr in den Alltag sucht. Arbeit hat mir immer sehr geholfen. Auch meine täglichen Joggingrunden. Und gegen die kreisenden Gedanken hilft mir ein Hörbuch – als Begleiter fürs Laufen oder auch zum Einschlafen.

Und egal, wie gläubig man ist: Es ist eine tröstende Vorstellung, dass danach noch irgendwas kommt. Obwohl ich katholisch bin, gefällt mir der Gedanke der Wiedergeburt. Das man so lange immer wieder kommt, bis man seine Lektionen gemeistert hat. Bis man das breite Spektrum des Lebens komplett erlebt hat? Vielleicht kommt Paulina also bald schon wieder zurück auf die Erde – gesund und mit einer Lebenserwartung von 100 glücklichen Jahren???

Trotz meiner ganzen Emotionalität: Ich bin überzeugt, dass man der Trauer nicht die oberste Priorität im Leben geben darf. Sie gehört jetzt zu meinem Leben, aber sie soll nicht mein Lebensinhalt sein. Man läuft sonst Gefahr vor lauter Trauer die Lebenden und das Leben zu vergessen.

Trauer macht einsam. Nach dem Tod meiner Eltern hatte ich dies schon bitter erfahren. Meistens, weil man sich einigelt und nicht mehr am Leben teilnimmt. Wichtige Kontakte schlafen ein, auch weil die Mitmenschen nicht ahnen können, was der Trauernde braucht und sich deshalb – aus lieb gemeinter Rücksicht oder Hilflosigkeit – zurückhalten. Ein Teufelskreis, aus dem nur der Trauernde selbst ausbrechen kann.

Man muss auch aufpassen, dass man nicht in der Trauer versinkt. Oft denken die Hinterbliebenen, dass sie nichts Positives mehr erleben dürfen, sondern dass sie (angemessen lange) trauern müssen. Ich persönlich empfinde überhaupt nicht so. Im Gegenteil, ich bin überzeugt, das möchte kein Verstorbener.

Nach all den Monaten des Trauerns glaube ich für mich persönlich inzwischen, dass man bei einer Früh- bzw. Fehlgeburt tatsächlich nicht um die Person an sich trauern kann, sondern eher um die Vorstellung bzw. vielmehr noch: man trauert um das Leben, dass man so jetzt nicht führen wird. Ich vermute deshalb ist für so viele Sternenmamas ein Folgewunder in Händen zu halten die einzig wirksame Linderung.

Liebe Tina @atina_1000, vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag.

Ein Kommentar zu „Und plötzlich war da nur noch eine tiefe Leere und unendliche Traurigkeit

  1. Ich lese… und weine… mein Gott, wie schön geschrieben!!! Ich fühle mit dir… eine Mama, die ihr Baby in der 24. Schwangerschaftswoche ganze 36 Minuten lebend in den Armen halten durfte und es sodann für immer verabschieden musste 😦 Alles Liebe für die Zukunft!!!

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