Deine Geschichte · Gastbeitrag · Leben mit der Trauer

Errechneter Geburtstermin

Keine Ahnung, wie viele Kinder tatsächlich am errechneten Geburtstermin zur Welt kommen. Sicherlich die wenigsten. Und doch ist dieses Datum, sobald es beim Frauenarzt zuverlässig das erste Mal fällt, ab sofort der wichtigste Termin in den nächsten Monaten. Es ist ein Tag, auf den man sich so unglaublich freut, den man herbeisehnt und auf den man sich hinarbeitet. Ein Tag, der das Ende mancher Strapazen, Zweifel und angstdurchwachter Nächte darstellt und übergangslos den Beginn eines völlig neuen Lebens einläutet. Es gibt wahrscheinlich wenig Ereignisse, die das eigene Leben so bewusst und gewünscht durcheinanderwirbeln, wie die Geburt des eigenen Kindes.

Der 25. November 2018!!!!

Auch wenn ich nicht wirklich an Horoskope glaube, googelte ich Ende März sofort, was für ein Sternzeichen mein Baby haben würde. Ein kleiner Schütze / eine kleine Schützin – und ich überflog voller Freude die wildesten Astroseiten, um spaßeshalber nachzulesen welche (liebenswerten) Eigenschaften man dem Schützen zugesteht. Wie wenn ich dich damit schon ein kleines bisschen besser kennenlernen könnte.

Ich zählte jeden Tag, der verging. Manchmal ungeduldig – weil der 25. November noch so weit weg erschien, manchmal voller Dankbarkeit – weil du, im Gegensatz zu meiner frühen Fehlgeburt im November 2017 – immer noch bei mir warst. Ich arrangierte mich völlig klaglos mit der Abgeschlagenheit, die mir als Läuferin ziemlich fremd war und genoss fast schon die morgendliche leichte Übelkeit, war sie doch der tägliche stille Beweis, dass ich tatsächlich und völlig echt schwanger war.

Jeder Tag, der verging ohne jegliche Blutungen / Blutspuren, machte mich in der Anfangszeit zuversichtlicher und hoffnungsvoller und brachte mich der 12. Woche-Hürde und natürlich letztlich dem 25. November näher.

Wie oft lag ich im Bett und erlaubte mir in den buntesten Farben und mit einem warmen Gefühl im Herzen von der Zeit NACH diesem Datum zu träumen: Wenn ich dich endlich in meinen Armen halten würde und das Leben einer Mama führen dürfte.

Ende November würde es soweit sein – künftig würde dieser triste Monat ein absolutes Highlight für mich beinhalten. Und es würde mir dieses Jahr eine ganz besondere Vorweihnachtszeit bescheren – und vor allem ein ganz besonderes Weihnachtsfest. Das allererste Mal als richtige kleine eigene Familie und nicht nur als Gast im Leben anderer.

Tja und dann schlug das Schicksal auf die grausamste Art zu. Am 25. Mai erfuhren wir telefonisch das Ergebnis des Blut-Testes: ein kleines Mädchen – und im gleichen Atemzug erfuhr Alfa, dass unsere Kleine Trisomie 18 hat. Den restlichen Nachmittag saß er apathisch wie unter Schock daheim und hatte keine Ahnung, wie er mir diese Nachricht beibringen sollte, während ich völlig ahnungslos an diesem Freitag von der Arbeit heimradelte, gespannt auf den Schwangerschaftsyogakurs, der heute starten sollte und in kribbeliger Vorfreude darauf, dass ich am Montag endlich meinem Chef von unserem Glück erzählen würde, denn dann wäre die 12.-Woche-Hürde genommen.

Schon an der Wohnungstür beschlich mich ein komisches Gefühl angesichts der seltsamen Stille, die mich empfing. Als Alfa mir irgendwie versuchte das Unfassbare beizubringen – spürte ich plötzlich meine Beine nicht mehr, es tat sich ein Abgrund auf, der mich erbarmungslos verschluckte. Ab da hörte die Welt auf sich zu drehen. Ich hatte bis dahin keine Ahnung, wie viel verschiedene Gefühle sich innerhalb kürzester Zeit abwechseln können und wie lange sich jede einzelne Minute im Abgrund des Lebens anfühlen kann. Eine Zeit tiefster Verzweiflung, Aussichtslosigkeit, unfassbaren Schmerzes…. abgelöst durch kleine Momente leiser Hoffnung, dass doch (noch) alles gut werden könnte.

Doch leider erwachten wir nicht mehr aus diesem Alptraum: Am 19. Juni 2018 kam unsere kleine Paulina, die trotz ihrer schlimmen Diagnose äußerlich völlig perfekt aussah, still zur Welt.

Irgendwie ging das Leben weiter – draußen in der Welt, aber auch der Küchenkalender zeigte, dass nur innerlich für mich die Zeit stehen geblieben war.

Zwar hatte ich mit Tippex in meinem Taschenplaner längst die vorab notierten SSW überpinselt. Ich hoffte so den Überblick zu verlieren, in welcher Woche ich den jetzt sein müsste und ich wollte auch nicht Gefahr laufen, in meinem Ratgeberbuch weiter nachzulesen, was DU jetzt schon alles können müsstest, wie du dich hättest entwickeln müssen. Im Großen und Ganzen gelang mir das auch – ich verlor jegliches Gefühl für die Zeit.

Aber was unaufhaltsam und merklich näher rückte… nach diesem unfassbar warmen und wettermäßig-sonnigen Sommer kündigte sich der Herbst an, bald würde der Winter vor der Tür stehen – und dazwischen lag der 25. November.

Trotzdem das Datum für mich offiziell keine Rolle mehr spielen würde, war es für mich immer noch ein ganz besonderer Tag.

Für Alfa war das kein Thema mehr. Er sagte: „Paulinas Geburtstermin war schon.“ Und er hatte ja auch völlig recht. Aber: Aus – Fertig – Vorbei? So „einfach“ war das bei mir leider nicht.

Nach der stillen Geburt hatte ich ja gehofft, dass ich vielleicht relativ zeitnah wieder schwanger werden würde. Schließlich hatte es bei Pauli ja auch schnell und problemlos geklappt. Ich hatte die vage Vorstellung gehabt, dass dieser Termin mit einem Folgewunder im Bauch leichter zu ertragen wäre. Naja, dem war ja nun nicht so. Im Gegenteil, ich war meilenweit davon entfernt. Mein Zyklus war immer noch völlig unregelmäßig und daher ein „bewusster Neuversuch“ noch in weiter Ferne.

Mit meiner Therapeutin, die ich inzwischen wöchentlich besuchte, hatte ich das Thema kurz besprochen: Ich sollte mir frühzeitig überlegen, wie ich diesen 25. November 2018 verbringen könnte. Aktiv den Tagesablauf planen, anstatt mich den aufkommenden Emotionen hoffnungslos ausgeliefert zu fühlen.

Der 25. November – ein Sonntag. Dazu noch Totensonntag. Wie „passend“ hatte ich mir völlig niedergeschlagen nach Paulis Diagnose gedacht. Totensonntag – also auch kalendermäßig ein ruhiger, stiller Tag.

Alfa würde an diesem Wochenende in seine alte Heimatstadt fahren, um Zeit mit seinen Kids zu verbringen. Eigentlich war ich fast erleichtert, dass er nicht hier sein würde. Er erträgt mich sehr schwer, wenn ich so traurig bin. Aber ich wollte mich nicht zusammennehmen müssen.

Und ich wollte mich auch nicht ablenken mit einem Museumsbesuch. Ich wollte mich zwar nicht bewusst „reinsteigern“ indem ich eine Kerze anzünde oder stellvertretend zum Grab meiner Eltern fahren würde (Paulina war zu dem Zeitpunkt noch nicht bestattet, da das Geburts-Klinikum nur einmal im Jahr die Sammelbestattung durchführt).

Ich wollte mich also weder zusammenreißen müssen, noch ablenken…. ich wollte die Gefühle kommen lassen können, die doch eh kommen. Ich wollte sehen, wie der Tag werden würde und eigentlich wollte ich einen „ganz normalen Sonntag“ durchziehen.

Nach einer bewusst langen Samstagabend-Fernsehnacht ging ich relativ spät und müde ins Bett, sodass ich problemlos einschlafen konnte.

Irgendwann frühmorgens gegen halb fünf wurde ich dann wach… mit schrecklichen Bauchkrämpfen und ich schaffte es gerade noch zur Toilette. Ich war völlig irritiert. Durchfall – einfach so? Ich konnte es mir überhaupt nicht erklären. Hatte ich doch nur ein leichtes Abendessen zu mir genommen und abends auch noch keine Probleme.

Mit einer Wärmflasche legte ich mich wieder ins Bett. Schwer wieder einschlafend döste ich dann so vor mich hin.

Insgesamt wurde ich noch 2x wach, einmal um kurz vor sieben, dann kurz nach halb neun. Dann siedelte ich mit meiner Wärmflasche aufs Sofa und vor den TV.

Der Durchfall und die Krämpfe ließen nicht wirklich nach. Ich fühlte mich total schlapp, erledigt, müde und leer…..

Und ich fühle mich so unfassbar alleine. So unfassbar allein mit dem Gedanken an Paulina. Niemand – wahrscheinlich nicht mal Alfa würde heute besonders an sie denken. Das tat mir so leid… so weh…. Das nahe Umfeld (Familie und ein paar Freunde) wussten natürlich vom 25. November. Aber irgendwie verband wohl niemand mehr diesen Tag mit dem so sehnsüchtig erhofften Ereignis.

Aber ich wollte mich bei niemand melden. Wollte mich mit meinem Leid niemand aufdrängen. Daher verharrte ich daheim im tiefsten Gefühl des Alleinseins. Ich machte niemand einen Vorwurf. Wahrscheinlich ist das auch der gesündere Weg, nicht an solchen Terminen festzuhalten, sondern weiter zu gehen im Leben. Aber ganz tief in mir hätte ich mir so sehr jemand gewünscht. Eine Person, die mit mir fühlen würde. Jemand, der auch an Paulina denkt und trauert, dass sie nicht bei uns bleiben konnte. Aber da war niemand.

Irgendwann um die Mittagszeit ging es mir dann endlich ein bisschen besser. Langsam raffte ich mich auf. Hole meine Lettering-Stifte raus und zeichnete fleißig und konzentriert ein paar Buchstaben. Ich wollte diesem Tag endlich ein bisschen „Normalität“ geben.

Ich riss mich bewusst zusammen und gleichzeitig war dieses Einsamkeitsgefühl so mächtig. Alfa meldete sich per whatsapp gegen 13:00 Uhr. Er ließ mich an der Zeit mit den Kindern teilhaben, indem er mir ein paar Fotos schickte – unter anderem ein wunderschönes Bild. Alfa, inmitten purer Liebe. Er inmitten fünf fröhlicher Kinder/Jugendlicher. Seine drei Kids samt Freund/-in.

Dieses Bild berührte mich sehr an diesem emotionalen Tag. Ich freue mich für ihn. Wenigstens einer von uns beiden erlebt dieses Wunder bereits. Manchmal frage ich mich zwar – wäre es einfacher für mich, wenn er auch keine Kinder hätte? Weil wir dann dieses Thema ganz „ausklammern könnten“? Oder wäre es dann noch schlimmer, weil auch er diese Leere und diesem tiefen unerfüllten Kinderwunsch zum Opfer fallen würde??? Ich weiß es nicht…. es ist eh, wie es ist.

Bei diesem wunderschönen Bild dachte ich mir wieder mal: Wie tief und schön muss sich sowas anfühlen. Wie sinnvoll, wie nährend. Da tankt man Liebe, Geborgenheit und Dazugehörigkeitsgefühl pur. Und gleichzeitig zeigte mir, was ich – wahrscheinlich – nie haben würde. Das tat so weh….

Ach Paulinchen… warum… warum nur, durftest du nicht bleiben???? Nichts im Leben habe ich mir je mehr gewünscht wie dich!!!

Stop!!!! Stop, Tina!!!!

Ich musste raus. Raus in die frische Luft. Auch wenn ich mich wegen Durchfall und Niedergeschlagenheit so leer und schlapp fühle, raffe ich mich auf. Gegen 15 Uhr zog ich die Laufklamotten an. Ob ich tatsächlich joggen würde – würde ich ja dann sehen. Es ging einfach ums Rausgehen.

Und das tat mir dann auch echt gut. Ich lief und lief. Ganz sanft und locker mit meinem Hörbuch-Krimi. Zum Abschluss holte ich mir noch einen Milchkaffee – seit einer Woche mal wieder einen. Dazu noch den Gratis-Kaffee auf meine Kundenkarte.

Wieder zurück in die Wohnung, rollte ich dann noch meine Yogamatte aus. Und ein Blick auf die Uhr zeige mir: auch dieser Tage würde sich zu Ende neigen.

Rückblickend kann ich heute sagen: ab da wurde es etwas „leichter“. Der errechnete Geburtstermin war irgendwie tatsächlich das wirkliche Ende dieser Schwangerschaftszeit, die leider viel zu früh endete. Manche vertreten ja die Meinung, der Körper befindet sich nach einer Frühgeburt irgendwie trotzdem noch im Schwangerschaftsmodus. Keine Ahnung, ob das so ist…. der Kopf auf alle Fälle würde ich sagen. Wenn der errechnete Entbindungstermin vorbei ist, dann bleibt nichts mehr aus dieser so hoffnungsvoll begonnenen Zeit.

Im Nachhinein finde ich es immer noch seltsam, fast schon unheimlich. Warum hatte ich ausgerechnet in dieser so besonderen Nacht Bauchkrämpfe und extremen Durchfall? Wahrscheinlich könnte ein Psychologe oder Arzt – wenn ich denn einen fragen würde – mir ganz genau erklären, welche psychosomatischen Zusammenhänge es da gibt. Aber ich deute es ganz Anderes: Vielleicht war es ja – auf einer gänzlich anderen Ebene – die errechnete Geburt. Vielleicht begann damit – auf einer gänzlich anderen Ebene – endlich das Loslassen von Paulina und der sanfte Beginn des Akzeptierens und der Rückkehr in die Normalität.

Wie heißt es so schön: Es ist wie ist. Und es ist, was du daraus machst.

Tina @atina_1000, vielen Dank für diesen wertvollen Beitrag. Paulina wird immer im deinem Herzen sein und es werden viele an sie denken.

Ein Kommentar zu „Errechneter Geburtstermin

  1. Ich glaube ,du hast zwei Tage Paulinas Tag und der Tag,der ganz anders sein sollte..ist er nicht .er ist traurig,er hat dich verändert..soll du normal sein ,geht das so einfach .nein es ist ein Tag ,wo du weinen darfst ..wo du eine Kerze anzünden darfst .. Paulina ist ein schöner Name ..schau nach oben ,da wohnt sie , sie schaut auch zu dir , „Mama, du schaffst das“, du vergisst ich nicht,sowie ich dich nicht ..irgendwann werden wir uns sehen und gemeinsam schauen .mach dir deine Welt bunt und lebe .

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