Deine Geschichte · Gastbeitrag

Brief an meine Sternentochter

An meine kleine Mondfee:
Mama möchte dir und der Welt jetzt deine Geschichte erzählen:

Dein Papa und ich haben uns 2014 kennen gelernt, waren aber erstmal nur Freunde. Ende des Jahres kamen wir uns näher. Es war alles noch ganz frisch, wir waren nicht mal zusammen. Ende Januar, Anfang Februar fing es dann an, dass mir ganz komisch wurde. Meine Brüste und mein Rücken taten mir weh. Ich habe es darauf geschoben, dass ich vielleicht bald meine Periode bekommen würde. Doch sie kam nicht. Eine Weile später musste ich mich dann übergeben. Ich dachte mir nur: „Zeit, einen Test zu machen.“

Als ich von der Drogerie wieder kam, machte ich den Test direkt. Die Zeit des Wartens war die längste in meinem Leben. Als ich dann die zwei zarten Streifen auf dem Test sah, musste ich mich erstmal setzen. „Das kann doch nicht wahr sein!“ dachte ich. Ich machte direkt einen Termin bei meinem Frauenarzt aus. Als ich dort war, bestätigte er mir nur das, was ich schon längst wusste: du existierst! Du warst du ein Krümel, kaum sichtbar, aber es gab dich! Und du wurdest von ganzem Herzen geliebt. Deiner Mama ging so unendlich viel durch den Kopf. Aber ich freute mich riesig.

Und doch dachte ich mir: wie sage ich das nur deinem Papa? Wir waren ja nicht mal zusammen! Ich dachte einige Tage nach. Habe mich mit dem besten Freund von deinem Papa und mir unterhalten (der sich übrigens genau so auf dich freute wie ich. Er wollte unbedingt dein Pate sein!) und fasste mir schließlich ein Herz. Als ich deinem Papa sagte, dass es dich gibt, musste er sich erstmal setzen. Genau wie deine Mama am Anfang. Nachdem er einige Zeit schockiert ins Nichts gestarrt hatte, fragte er schließlich: „Bist du sicher? Ganz sicher? Ich werde also wirklich Vater?“ Wir unterhielten uns lange. Am Ende sagte dein Papa, dass er für deine Mama und ganz besonders für dich da sein wird. Auch er liebte dich vom ersten Moment, seit er von dir wusste.

Einen Monat später waren wir dann auch ein Paar. Und wir freuten uns gemeinsam auf dich. Dein Papa litt ganz furchtbar unter den Stimmungsschwankungen deiner Mama. Aber auch deine Mama hat ganz schön unter ihren eigenen Stimmungsschwankungen gelitten. Es war ein Wechselbad zwischen: „ich werde Mama!“ und „ich schaffe das alles nicht, ich werde eine grauenvolle Mutter!“ Mir war morgens immer noch schlecht, aber ich musste dennoch lächeln, da ich wusste, dass es deine Schuld war.

Einige Zeit verging und deine Mama machte ganz oft Schaufensterbummel mit ihren Freundinnen. Ich war stolz wie ein Pfau als ich merkte, dass mein Bauch ganz langsam begann, sich zu verändern. Auch wenn ich es noch nicht sicher wusste, war ich mir ganz sicher, du würdest ein Mädchen werden!

Auf die nächste Untersuchung freute ich mich ganz besonders. Denn ich wusste: ich würde dich endlich wiedersehen! Dein Papa musste leider, wie immer, arbeiten und konnte nicht mitkommen. Das bremste mich aber nicht in meiner Freude. Der Arzt teilte mir mit, das alles in Ordnung sei und auch wenn er es noch nicht hundertprozentig sagen könnte, sahst du stark nach einem Mädchen aus! Ich wusste es! Ich machte mich am nächsten Tag los und kaufte dir eine kleine pinkfarbene Eule. Das war das erste, was ich für dich kaufte. Ich las fleißig Schwangerschaftszeitschriften und war total im Mamafieber. Die Zeit raste wie im Flug.

Ein paar Wochen später hatte deine Mama ein ganz komisches Gefühl im Bauch. Ich dachte erst, ich müsse mich übergeben, obwohl ich über diese Zeit schon eine Weile hinaus war. Erst später wurde mir klar: das warst du, was ich da spürte! Deine ersten Bewegungen, nicht mehr als das Gefühl von Schmetterlingsflügeln.

Doch eine Woche später nahm das Unglück seinen Lauf. Eines morgens stand ich auf, und mein Bauch fühlte sich ganz komisch an und tat auch seltsam weh. Ich ging ins Bad und sah, dass ich etwas geblutet hatte. Mir wurde ganz ungut zumute. Ich fuhr sofort zum Arzt. Ich hatte solche Angst um dich. Als er nach dir schauen wollte, wurde er ganz still. Mir war da schon klar, was los war. Er holte noch eine andere Frau hinzu, sie tuschelten etwas und dann sagte der Arzt den Satz, der mir das Herz gebrochen hat. „Es tut mir leid, das Herz schlägt nicht mehr.“

Ab da kam mir alles vor, wie in einem Albtraum. Ich wurde an die Klinik überwiesen wo man mir sagte, ich müsse dich auf die Welt bringen.
Ich bekam starke Medikamente und dann ging es auch schon nach gar nicht allzu langer Zeit los.
Ich habe dich am 25.05.15 in der 17. Schwangerschaftswoche zur Welt gebracht. Kein Arzt konnte mir sagen, warum du zu den Sternen reisen musstest. Es schien eine böswillige Laune der Natur gewesen zu sein. Du warst so klein, so unfertig und doch perfekt. Du warst das wunderschönste, was ich ich jemals gesehen hatte. Ich durfte dich nur kurz sehen, da wurdest du mir schon wieder weggenommen. Für immer. Man sagte mir nur, dass ich mir keine Sorgen machen sollte, sie würden sich schon darum kümmern. Ich dachte damals, dass das der normale Weg sei. Mein Schatz, ich hätte mich um deinen Verbleib gekümmert, wenn ich es besser gewusst hätte.

Als ich wieder zuhause war, wusste ich nicht, wohin mit meinen Gefühlen. Auch dein Papa war fertig. Ich schäme mich so sehr, aber ich habe versucht, dich zu verdrängen. Es war zu schlimm für mich. Zwei Jahre habe ich versucht, dich, meine Tochter, zu vergessen. Heute weiß ich, dass das falsch war. Es tut mir so leid.

Wir waren vorletzten Sonntag mal wieder am Sammelgrab. Deinem Grab. Es macht mich jedes Mal so unendlich traurig und doch glücklich, weil ich jedes Mal sehe, dass wohl viele Leute da gewesen sein mussten in der Zeit, seit wir das letzte Mal da gewesen sind und etwas da gelassen haben. Ich lasse dir auch jedes Mal etwas da und verspreche immer wieder, das nächste Mal, wenn wir in der Nähe sind, wieder vorbei zu kommen. Du hast einen festen Gedenkplatz in unserer Wohnung und einen noch viel festeren Platz in unseren Herzen. Fraya, unsere Mondfee, wir werden dich immer lieben.

Liebe Michelle @dryada, danke für Frayas Geschichte. Sei Dir sicher, sie ist niemals vergessen!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s