Deine Geschichte · Gastbeitrag

Small Bump Unborn

Als mich eine Freundin im Gruppen Chat fragte, was sich für ein „Insider“ hinter meinem Post bei Instagram vom 24. Juli 2018 verbirgt, schrieb ich, dass ich es an anderer Stelle schreibe oder erzählen werde.

Seit dem wandern Gedanken durch meinen Kopf und ich habe mich schlussendlich dazu entschieden, es aufzuschreiben, auch um die Erinnerung für mich nach einem Jahr wach zu halten.

„Zum Greifen nah,

fehlte nur ein Stück.

So vergeht ein Jahr.

Zum Greifen nah,

fehlt nur ein Stück.

Zum Glück.“

Wenn ihr in meiner Timeline bei Instagram nach unten scrollt zum 24. Juli 2017, findet ihr dort fast die gleichen Worte und ein kleines Herz.

Die Zeilen sind aus einem Gedicht, das mir vor einem Jahr Trost gespendet hat, nachdem ich eine Fehlgeburt hatte.

Ich war in der achten Woche schwanger, als ich am Vorabend unseres Urlaubs auf Mallorca Blut in der Wäsche hatte.

Wir saßen auf gepackten Koffern und waren für den Abflug am nächsten Tag startklar. Unseren 4Jährigen Poldi hatte ich gerade ins Bett gebracht und ich stand nochmal auf, um auch mich bettfertig zu machen.

Als ich auf Toilette das Blut sah, erschrak ich mächtig, rannte zu Christoph, der mich natürlich erst einmal beruhigte.

Da ich die Woche davor aber schon immer einen abgespannten Bauch hatte, war ich beunruhigt. Ich wusste zwar, dass in der Frühschwangerschaft noch Blutungen auftreten können, aber irgendwie hatte ich ein ungutes Gefühl.

Ich fuhr also abends noch gegen 22 Uhr in die Klinik um abzuklären, was los ist, und auch um mit ruhigem Gewissen nach Mallorca fliegen zu können.

Ich musste sehr lange warten, da vor mir eine andere Frau mit Komplikationen behandelt worden war. Schließlich war ich nachts um 1:30 Uhr endlich dran.

Der Arzt war müde, aber ausgesprochen sensibel. Er kontrollierte mich per Ultraschall und wir sahen beide, dass die Gebärmutter irgendwie eingefallen war. Ein Herzklopfen konnte er nicht finden.

Ich glaube heute, dass er da schon wusste, dass es auf eine Fehlgeburt hinaus laufen wird. Das sagte er mir in dem Moment aber natürlich nicht.

Er sagte, dass er mich jetzt krank schreiben würde und dass ich liegen solle und viel Ruhe brauche.

Als ich erzählte, dass wir am nächsten Tag fliegen wollen, war es sichtlich schwer für ihn mir ein Ok für den Flug zu geben. Er gab es mir auch nicht. Er sagte nur, ich solle mich auf alles gefasst machen. Mich so viel wie möglich ausruhen, keine Unternehmungen planen und er meinte, eine Fehlgeburt könne man auch auf Mallorca haben, dort gebe es im Notfall auch deutsch sprechende Ärzte.

„Zur Sicherheit“ soll ich starke Schmerzmittel und Vorlagen einpacken…

Ich begann zu weinen und war irgendwann gegen 3 Uhr nachts wieder zu Hause. Ich schlief kaum, hatte Angst auf die Toilette zu gehen. Ich wollte nicht sehen und wahr haben, was da gerade passierte. Im Liegen, so glaubte ich, kann das Blut nicht fließen.

Am nächsten Morgen verstand Poldi die Welt nicht mehr. Abends planten wir noch zusammen die Reise und er freute sich sehr darauf das erste Mal fliegen zu können. Diese Freude wollte ich ihm auch nicht nehmen.

Nun lag ich aber weinend im Flur und war hilflos, weil ich einfach nicht weiter wusste.

Ich weihte meine Eltern ein, denen wir eigentlich erst nach dem Urlaub von der Schwangerschaft erzählen wollten. Im ersten Moment freuten sie sich natürlich, aber die Ernüchterung folgte sofort. Sie sagten aber auch, dass wir fliegen sollen, egal wie es ausgeht. Für die Seele wäre der Urlaub gut und aufhalten kann man eine Fehlgeburt nicht, nur durchleben muss man sie. Wenn das Kind sich entscheidet zu gehen, dann geht es. Die Gründe liegen im Verborgenen und sind nur schwer nachvollziehbar.

Schließlich fuhren wir mittags zum Flughafen, weil ich mir auch einbildete, dass die Blutungen weniger geworden waren. Vielleicht dachte ich dies aber auch nur, weil ich Poldi die Freude auf den Urlaub nicht nehmen wollte. Christoph hätte jede Entscheidung mit getragen, der ebenso geknickt war von der gesamten Situation. Unser Jahresurlaub war ohnehin schon überschattet, ohne überhaupt angefangen zu haben.

Schon nach dem Check-In und während des gesamten Fluges hatte ich starke Blutungen. Es war sehr unangenehm und die gesamte Situation war so skurril und unerträglich.

Ich hielt mit Schmerzmitteln durch.

Abends im Hotel heulte ich unendlich vor lauter Anspannung, Trauer, Schmerzen und Müdigkeit.

Am nächsten Tag nachmittags ging Krümelchen dann ab. Ich hielt diesen Gewebehaufen noch in den Händen, der nicht größer war als gerade einmal 10 cm.

Das war am 24. Juli 2017.

Ich suchte Trost und ich fand diesen spärlich. Die Erfahrung Fehlgeburt siedelt sich in Schwangerschaftsforen ganz hinten an. Ein Thema über das nicht, oder nur kaum öffentlich gesprochen und geschrieben wird.

Früher aus Scham, heute, weil …. Ich weiß es nicht.

Man soll ja schließlich bis zur zwölften Woche nicht von der Schwangerschaft berichten, weil die Gefahr einer Fehlgeburt besteht.

Wenn sie dann aber tatsächlich eintritt, was total natürlich ist, wie ich heute weiß, mit wem redet man dann?

Für den sehr frühen Verlust eines Kindes scheint kein Platz zu sein. Für Trauer ist nur im privaten Raum Platz.

Ich begann Frauen zu finden, die ähnliches erlebt hatten wie ich und allein in meiner Familie teilen diese Erfahrung meine Schwiegermutter, meine Oma, meine Cousine und eine liebe Freundin aus Schulzeiten, auf die ich zuerst zuging, weil sie mir erzählt hatte, dass sie schon drei Fehlgeburten gehabt hatte.

Jede vierte/fünfte Frau erlebt eine Fehlgeburt aber wenn man diese vierte Frau ist, glaubt man es erst nicht, ist dann schockiert und schließlich irgendwie allein.

Allein, weil im direkten Umfeld Babys erwartet und geboren werden und aus Respekt erzählt man es dann nicht, gerade weil es ein trauriges Thema ist, mit dem man nicht die Vorfreude auf das neue Kind trüben möchte. Was zählt ist die Freude auf und über das Kind, das das Licht der Welt erblicken wird.

„Ihr seid doch noch so jung, ihr könnt noch so viele Kinder haben.“ oder „Wer weiß für was es gut war.“ oder „Das war doch noch gar kein richtiges Kind, sondern nur ein Zellhaufen.“ oder „Seid froh, ihr habt doch schon ein Kind.“ oder „Hättet Ihr ein krankes Kind gewollt?“ sind keine tröstenden Worte.

Als Frau mit dieser Erfahrung war man bereits schwanger. Das Kind war ein Wunschkind und mit dem positiven Schwangerschaftstest, hatte das Warten ein Ende und die Vorfreude auf diese aufregende Zeit machte es sich bereits im Körper gemütlich. Die ersten beiden Arztbesuche hatte ich schon hinter mir und dieses kleine Pünktchen, das wir Krümelchen nannten war da, es begann bereits zu leben.

Ich hatte ein erstes Ultraschall-Foto bekommen und der Entbindungstermin stand fest. Dieser wäre Anfang März 2018 gewesen.

Das Bewusstsein schwanger zu sein und ein Kind zu bekommen, war vollends da und man verliert dieses auch nicht mit dem Verlust des Kindes.

Sternenkinder haben ihren Platz in den Herzen ihrer Eltern. Dort geht es ihnen gut und sie werden geliebt, weil sie gelebt haben und weil sie da waren und auch immer da sein werden.

Nach einem Jahr sind die Gedanken sortiert, dennoch lebt die Trauer mit dem errechneten Entbindungstermin auf oder dann, wenn sich der Verlust jährt.

Zum Greifen nah,

fehlte nur ein Stück.

So vergeht ein Jahr.

Ich fand irgendwann durch Zufall einen eher unbekannten Song von Ed Sheeran, den ich erst nicht richtig verstand. Nach etwas Recherche fand ich heraus, dass dieser von der Erfahrung einer Fehlgeburt erzählt. Ed Sheeran hat diese Situation bei Freunden miterlebt und er hat die Vorfreude des werdenden Vaters, die körperliche Veränderung der werdenden Mutter und die Gefühle des Verlustes, den die Eltern erlebten, musikalisch sichtbar gemacht.

Auch das Musikvideo ist nicht mehr und nicht weniger als das endlose und bange Warten im Wartebereich eines Krankenhauses.

Der Rhythmus eines Herzschlages bestimmt den Song und macht ihn auf diese Weise lebendig.

Für mich wurde dieser Song mein Erinnerungsstück und mein Balsam. Small Bump.

You’re just a small bump unborn.

Zum Greifen nah,

fehlt nur ein Stück.

Zum Glück.

In four months you’re brought to life.

Statistisch gesehen werden die meisten Frauen innerhalb des nächsten Jahres nach einer Fehlgeburt wieder schwanger.

Ich und mein Mann haben dieses Glück.

Die neue Schwangerschaft verläuft komplikationslos.

Der errechnete Termin ist der 24.12. Ein Christkind.

Ein Regenbogenkind – denn nach einem Gewitter kommt meist ein Regenbogen.

In Liebe.

In Vorfreude,

Annelie

Im August 2018

Liebe Annelie O. @frau_dunkelblau vielen Dank, dass Du Krümelchens Geschichte mit uns teilst. Es wird niemals vergessen sein!

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