Deine Geschichte · Diagnose · Gastbeitrag

Fynns Verlust

Ich war gerade einmal 19 Jahre alt, als ich mein erstes Sternchen bekam, mit meinem Freund erst 4 Monate zusammen und fühlte mich total allein gelassen mit allem.

Alles fing schon ein paar Tage vorher an, wie viele genau weiß ich nicht mehr. Ich dachte, ich hätte ganz normal meine Periode, aber diese dauerte nun schon etwas länger an. In der Nacht vom 20.11. auf den 21.11. bekam ich heftige Bauchkrämpfe und mir war sehr schlecht. Mein Kreislauf war ebenfalls nicht in der besten Verfassung. Ich trank Tee, nahm Buscopan, alles um die Schmerzen zu lindern, doch nichts half. Da ich aber arbeiten musste, ich hatte erst seit 2 Wochen die neue Ausbildungsstelle, quälte ich mich morgens dorthin. Mittags wurden die Schmerzen allerdings immer heftiger und ich übergab mich mehrmals, nach einiger Zeit fuhr mein Chef mich nach Hause, da auch er merkte, dass ich so unmöglich weiterarbeiten konnte.

Zuhause wartete mein damaliger Freund schon auf mich, er verbrachte ein paar Tage bei mir, worüber ich sehr glücklich war. Wir beschlossen zum Arzt im Ort zu gehen, damit es mir wieder besser gehen konnte. Ich erklärte dort, was los ist und die Ärztin untersuchte mich kurz, konnte aber einen Virus und so ausschließen. Schließlich überwies sie mich zu einer Frauenärztin und dort gingen wir direkt im Anschluss hin. Da ich dort noch nie zuvor war, musste ich das Datenblatt ausfüllen und in einen Becher pullern. Nach einer halben Stunde etwa durften wir in das Behandlungszimmer gehen. Ich machte mich nach ihrer Aufforderung unten rum frei und setzte mich auf den Stuhl. Sie untersuchte mich und ich durfte mich wieder anziehen. Wir nahmen dann an ihrem Schreibtisch Platz. Sie räusperte sich kurz und erklärte mir dann, dass der Urintest positiv war. Im ersten Moment freute ich mich, doch dann kam die Erkenntnis, ich blutete. Ich verfiel wie in eine Art Schockstarre. Da sprach sie es auch schon aus, sie verlieren allerdings dieses Kind gerade und ich kann nichts mehr für sie tun.

20180408_112148

Aufgrund des hohen Blutverlustes meinerseits sollten wir umgehend in die Klinik fahren, riet sie uns noch. Ich wollte aber zuerst nach Hause, ein paar Sachen holen und meiner Mum Bescheid geben. Wir fuhren also mit einem Taxi nach Hause, ich rief meine Mama an und erzählte ihr, was los war. Sie verstand zunächst nur Bahnhof, versprach aber direkt zu kommen. Wir fuhren dann mit ihr zusammen ins Krankenhaus, ein anderes als bei Mila, dort wurde ich noch einmal komplett untersucht.

Leider waren die Schwestern und Ärzte dort weniger freundlich. Als ich weinte, wurde ich nur darauf hingewiesen, dass ich dies ja nicht tun müsse, wo ich ja nichts von der Schwangerschaft gewusst hatte. Sie waren im Tonfall ziemlich barsch und ungehalten, genau das, was man als Frau in einer solchen Situation nicht gebrauchen kann.

Etwa zwei bis drei Stunden später war ich auch schon im OP und wurde ausgeschabt, mein Baby, von dem ich erst wenige Stunden wusste, war weg. Als ich aufwachte, fühlte ich mich leer, total leer und mit meinen Gefühlen komplett überrollt. Was sollte ich auch fühlen, da war ein einziges Chaos, ich war mit 18 Jahren Mama, aber auch wieder nicht. Ich hatte ein Baby, aber auch wieder nicht. Was zur Hölle soll man denn da fühlen, außer ein reines Chaos?

Meine Mama und mein damaliger Freund waren kurz bei mir, gingen dann aber auch, weil es schon recht spät war. Am nächsten Tag wollten sie mich abholen. In dieser Nacht träumte ich von einem kleinen Jungen, deshalb habe ich meinen Sternchen Fynn getauft, der sich mir zuwendet, meine Wange streichelt und sagt ich werde immer bei dir sein, Mami, ich liebe dich.

nor

Meine Mutter konnte mich am nächsten Tag leider nicht im Krankenhaus abholen, da es geschneit hatte. Ich fuhr mit dem Taxi heim. Zuhause angekommen verkroch ich mich in meinem Bett. Mein Freund und auch meine Eltern blockten das Thema komplett ab. Als seine Mama anrief, um zu fragen, ob alles okay wäre, warum auch immer, musste ich ihr erzählen, was passiert war. Von allen Seiten hagelte es Vorwürfe, wie das passieren konnte und es kamen Aussagen, wie z.B. es sei so besser, wir wären noch nicht erwachsen genug für ein Kind. Ich habe mit der Pille verhütet, nahm sie regelmäßig immer um die gleiche Uhrzeit ein. Dennoch war da mein Baby, das nun nicht mehr da ist.

Die Beziehung zerbrach sehr schnell, da er mit meiner Art nicht mehr klarkam. Für mich war die Trennung sehr hart. Immerhin machte der Feigling per WhatsApp Schluss. Ich war danach Wochen krankgeschrieben und auch auf Arbeit lief es nicht rund. Ich hatte keinen Ort zum Trauern und konnte mit niemandem reden, also begann ich eine Art Tagebuch zu schreiben, in dem ich meinem Schatz Briefe und Gedichte schrieb. Nach außen durfte ich meine Trauer nicht zeigen.

Nun springe ich zum November 2017 dem Tag, an dem ich endlich einen Platz zum Trauern bekam.

Nach Mila’s Bestattung, fragte ich mich was aus meinem ersten Kind geworden ist nach der Ausschabung, wo es hinkam, ob es auch bestattet wurde. Die Frage beschäftigte mich eigentlich schon länger, jedoch hab ich sie immer verdrängt, da ich niemanden hatte mit dem ich darüber reden konnte. Ich habe mich dann per E-Mail an die Seelsorge der Klinik gewandt, habe ihnen geschildert, wann ich unter meinem Mädchennamen meinen Sohn verloren habe und fragte nach, ob man noch herausfinden könne, was danach mit ihm geschah. Nach ein paar Stunden erhielt ich eine Antwort von einem der Seelsorger, darinstand, dass auf dem Sternenfeld, auf dem auch Mila bestattet wurde, bereits seit mindestens 2002 die fehlgeborenen Kinder bestattet werden und mein Sohn auch da wäre.

nor

In dem Moment, als ich das las, fiel eine riesengroße Last von mir ab. Ich hatte endlich, nach 9 langen Jahren, einen Platz zum Trauern gefunden. Ich bekam von ihm die Daten der Friedhofsverwaltung und telefonierte auch umgehend mit einem Mitarbeiter dort. Dieser erklärte sich bereit, mir direkt an dem Morgen noch das Grab meines Kindes zu zeigen. Ich war so mega aufgeregt. Ich würde gleich bei meinem Kleinen Prinzen sein. Ich machte mich schnell fertig und fuhr mit dem Bus dahin. Der Mitarbeiter war sehr freundlich und brachte mich zu Mila’s Sternenfeld, in diesem soll auch die Urne mit meinem Sohn sein, das freute mich, da so meine beiden Kinder zusammen sind. Ich wollte aber die genaue Position der Urne wissen und da musste er dann noch mal genau in den Plänen nachschauen. In dem Sternenfeld ist Platz für acht Urnenfelder. Wir gingen also nochmal zurück ins Verwaltungsgebäude und ich wartete darauf, dass er mir das Feld von Fynn’s Urne zeigen konnte. Nach ungefähr 40 Minuten kam er dann zurück und meinte zu mir, dass er sich geirrt habe und die Urne von Fynn in dem anderen zweiten Sternenfeld wäre, dieses wurde bis Mai 2009 genutzt und danach erst das von Mila.

Also gingen wir nochmal zurück und nun stand ich wirklich an Fynn’s Grab, ich war so erleichtert. Auch weil dies das einzige Feld war, um das sich noch aktiv gekümmert wurde. Das beruhigte mich sehr und ich versprach meinem Kleinen, dass ich ab jetzt auch aktiv darum kümmern werde. Mit meiner Familie war ich dann ein paar Tage später an Fynn’s Todestag wieder dort, wir haben eine Grabkerze hingestellt und Sophie, unsere kleine Tochter, schenkte ihm zum Geburtstag ihren Kuscheldelfin. Ich fand diese Geste so süß von ihr, sie erklärte mir, dass sie ja zum Geburtstag auch Geschenke bekommt und sie deshalb ihrem Bruder auch etwas schenken möchte. In diesem Moment war ich so unendlich stolz auf mein kleines großes Mädchen. Seit diesem Tag bin ich mind. alle zwei Wochen an seinem Grab und besuche ihn.

Liebe Vanessa @nachdemsturm_de danke, dass Du Fynns Geschichte mit uns teilst! Er wird niemals vergessen sein!

Ein Kommentar zu „Fynns Verlust

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s