Deine Geschichte · Diagnose · Gastbeitrag

Zwischen Leben und Tod

Ein Kind zu verlieren ist das allerschlimmste was Eltern passieren kann. Dabei spielt es keine Rolle wann, wie groß, wie alt oder unter welchen Umständen das geliebte Kind gehen musste! Doch leider sieht die Gesellschaft es oft anders und Vergleiche werden aufgestellt, zwischen dem was schlimmer und was weniger schlimm ist. Leiden tun wir Betroffene alle auf die gleiche Weise! Denn unser Herz wird für den Rest unseres Lebens ein Loch in sich tragen.

Ja, ein Kind zu verlieren ist das allerschlimmste. Ein Kind zu verlieren und dabei selbst fast zu sterben, ist unbeschreiblich.

Als ich im Jahre 2013 die Pille absetzte, war ich blutjunge 21 Jahre alt. Und trotz aller damaligen Pläne schlich sich der Kinderwunsch ganz langsam in mein Herz hinein. Mein Mann, der damals noch mein Freund war, sagte stets: ,,Wenn’s passiert’s, passiert’s eben!“ Bedeutet so viel wie: wir haben es zwar darauf angelegt, aber uns keinen Stress gemacht. Doch natürlich kommt die Hoffnung jeden Monat auf, dass die Periode endlich ausbleibt und man diese berühmten zwei Strich erblicken darf. Über 1 Jahr lang blieben alle gemachten Tests negativ und die Enttäuschung wuchs beinahe minütlich. Doch Druck machten wir uns nicht, schließlich waren wir doch noch jung und was würde schon „schlimmes“ passieren?

Im Sommer 2014 blieb meine Periode über zwei Monate aus, doch auch diese Tests waren negativ. Als die Frauenärztin den Grund dafür nannte war die Enttäuschung noch größer. Ich hatte natürlich noch keine Ahnung davon, dass ich bald das allererste Mal in meinem Leben schwanger sein würde. Im Oktober blieb die Periode erneut aus, doch als sie just an meinem 22.Geburtstag einsetzte, dachte ich bei mir: ,,nun es hat wieder nicht geklappt – so ist das nun mal“. Doch in diesem Moment war ich bereits schwanger.

Am 10.11.2014 hatte ich immer noch meine Periode. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich sie bereits schon seit über 2 Wochen und das ist mehr als unüblich – besonders für mich. Beim Einkaufen hatte ich den plötzlichen Drang mir einen Schwangerschaftstest zu kaufen – obwohl der doch eigentlich nicht nötig gewesen wäre! Heute weiß ich, dass mir dieser Test und dieser Drang das Leben gerettet hat! Bzw. der liebe Gott tat es!

Es war etwa gegen 19 Uhr abends, als ich den x-ten Schwangerschaftstest in meinem Leben machte. Doch anders als bei den vorherigen, wurde dieser innerhalb von Sekunden dick – fett positiv! Wenige Minuten saß ich auf der Toilette – schwankend zwischen enormer Freude, Furcht und Schock. Da mein Freund zu dem Zeitpunkt in einem anderen Bundesland arbeitete, erfuhr er am Telefon davon, dass er Papa wird. Diese Stille am anderen Ende war einfach herrlich 😀 Vor dem Anruf hatte ich zwei starke Gedanken! Das erste was ich dachte: ,,Hey, das wird bestimmt ein Mädchen!“. Was relativ komisch ist, denn ich wollte früher immer einen Sohn haben! Doch unterstätze niemals den mütterlichen Instinkt! Der zweite Gedanke machte mir Angst. Ich dachte, bzw. hatte es im Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt! Das mag vermutlich daran gelegen haben, dass ich meine „Periode“ hatte, oder aber ebenfalls am mütterlichen Instinkt?! Da es spät abends war, alle Frauenärzte bereits geschlossen hatten, musste ich mich nach langem Hin und Her überwinden ins Krankenhaus zu fahren. Und zwar allein! Niemand konnte mich begleiten und so fuhr ich in meinen persönlichen Alptraum. Nach unzähligen Untersuchungen, Blutabgaben, Urintests und Ultraschall war immer noch nicht klar, was los ist. Schwanger war ich! Der ausgerechnte ET blinkte auf dem PC-Bildschirm auf und brannte sich in meinen Kopf. Doch in der Gebärmutter sah man absolut nichts! Und das, obwohl ich bereits (rechnerisch) in der 8ssw war! Bereits gegen 22/23 Uhr abends stand der Verdacht auf eine Eileiterschwangerschaft im Raum und ich sollte über Nacht im Krankenhaus bleiben. Ich saß alleine im Wartebereich, weinte bitterlich und flehte Gott an, dass es doch bitte ALLES, nur keine Eileiterschwangerschaft sein möge! Doch leider half das alles nicht. Denn am nächsten Morgen bestätigte sich der Verdacht und ich wurde schnellen Schrittes in den OP geschoben. Ich erinnere mich noch daran, dass ich die Ärzte fragte, ob sie das Baby nicht in die Gebärmutter schieben könnten. Hört sich blöd an, aber solche Ideen kommen einem in den Sinn.

Ich musste notoperiert werden und wäre dort fast verblutet. Erst bei der Visite am nächsten Tag sagten mir die Ärzte, wie es tatsächlich um mich gestanden hatte. Mein geliebtes Baby hatte sich im rechten Eileiter versteckt. Schuld daran war eine Zyste, die ich im Sommer gehabt hatte. Und natürlich ganz viel Pech! Das Baby war viel zu groß für den kleinen Eileiter. Ich war ja bereits in der 8.Woche! Der Eileiter ist geplatzt und musste natürlich entfernt werden! Ich hatte wahnsinnig viel Blut im Bauchraum und sie hatten wohl auch Schwierigkeiten dies zu stoppen. Es hat nicht mehr viel gefehlt und ich wäre niemals wieder aufgewacht. Eine ganze Woche lag ich im Krankenhaus, mit Schmerzen die man sich nicht vorstellen kann, einem Loch im Herzen und viel Angst. Ich fühlte mich wie im schlechten Film, als würde dies alles nicht mit mir passieren. Und die Gedanken fuhren Achterbahn in meinem Kopf. Hätte ich diesen Test nicht gekauft, wäre ich nicht ins Krankenhaus gefahren, war ich daran schuld, hätte ich lieber keinen Alkohol an meinem Geburtstag trinken sollen… usw. usf.

In meinem Zimmer lag auch noch ein junges Mädchen, dass zuvor eine Abtreibung hatte – welch eine Ironie…

Den inneren Schmerz und die Trauer um mein Kind wurde ganz lange von niemandem verstanden. Ich zog mich zurück, durfte mir niveaulose Sprüche anhören und es zerstörte auch beinahe unsere Beziehung. Es hat lange gedauert, bis ich offen darüber reden konnte.

Dem Baby – unserer Tochter!!! haben wir den Namen: Maria Charlotte gegeben. Benannt nach unseren Omas.

Das Traurige daran: die Oma meines Mannes starb am 10.11.2014, also an dem Tag, an dem ich positiv testen durfte.

Der 11.11.2014, der Tag an dem ich mein Baby und beinahe mein Leben verlor und der 29.6.2015 – der ausgerechnte ET dieses Kindes bleiben nun für immer in meinem Gedächtnis. Und jedes Jahr schmerzt es an diesen Tagen besonders schlimm. Und wenn ich gleichaltrige Kinder sehe, wird mein Herz schwer.

Nur noch die Beerdigung meines langersehnten Folgewunders hat diesen Verlust und meinen Beinahetod noch um längen getoppt – aber das ist eine andere Geschichte…

Aber sie wird IMMER mein/unser erstes Kind bleiben! Es ist egal, wie alt, wie groß, oder unter welchen Umständen ich es gehen lassen musste, es bleibt für uns immer unser erstes Baby, von dem mir nur das Foto des Tests geblieben ist! Ein süßes kleines Mädchen, von dem ich später geträumt hatte, die oben im Himmel auf mich wartet und deren Mutter ich für immer sein werde – egal wer etwas dagegen sagt! ♥

Liebe Julia @child_w_ish danke für die Geschichte von Maria Charlotte! Sie bleibt für immer unvergessen 🌟

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