Deine Geschichte · Gastbeitrag

Oskar und sechs wundervolle Tage ❤

Mein Mann und ich haben nach 5 Jahren Beziehung beschlossen, uns am 27.08.16 das „Ja“-Wort zu geben. Und wie das Schicksal es so wollte, hielt ich am 15.09.16 einen positiven Schwangerschaftstest in der Hand.

Mein Mann lag auf dem Sofa und konnte sein Glück kaum glauben, was für ein unbeschreibliches Gefühl, wir werden Eltern. Sofort riefen wir meine Eltern und Schwiegereltern an und verkündeten die frohe Botschaft.

Die ersten vier Monate der Schwangerschaft verliefen ohne Zwischenfälle. Unser kleiner Mann, der sich in der 13. Woche schon outete, entwickelte sich wunderbar und alles schien perfekt.

In der 16. Woche fingen dann die ersten Probleme an. Mein Arzt sagte uns, dass er die linke Hand nicht darstellen könnte und das er die Aorta vom Herzen auch nicht richtig sehen könnte. Wir machten uns aber erst einmal keine Sorgen, weil wir zwei Wochen später nochmal vorbei kommen sollten. Auch der Termin war niederschmetternd, denn nach wie vor war die linke Hand nicht zu sehen, die Aorta sei nicht darstellbar und die Beine seien zu kurz und verbogen. Schweren Herzens musste unser Arzt uns in die Uni nach Köln überweisen mit der Begründung, dass dort die Spezialisten seien und dies besser beurteilen könnten.

Drei Tage später fuhren wir dann nach Köln ins Pränataldiagnostische Zentrum. Nach kurzem Warten kamen wir auch gleich dran. Dort wurde ich rund 20 Minuten vom Pränataldiagnostiker untersucht und das Ergebnis war für mich und meinen Mann niederschmetternd: Unser Sohn hatte einen schweren Herzfehler namens TGA, die Beine waren verkürzt und gebogen und die linke Hand würde komplett fehlen. Heftiger kann ein Schlag ins Gesicht nicht sein, wir lagen uns in den Armen und weinten.

Als wir uns wieder einigermaßen beruhigt hatten, sprachen wir durch, wie es jetzt weiter gehen würde und einigten uns darauf, am nächsten Tag eine Fruchtwasserpunktion machen zu lassen und einen Termin beim Humangenetiker zu vereinbaren.

So fuhren wir kopflos erst einmal zu meinen Schwiegereltern, wir redeten kein Wort, so saßen uns der Schock und die Angst in den Knochen. Bei meinen Schwiegereltern angekommen, konnten wir nur noch weinen. Mein Mann bei seinem Vater und ich lag meiner Schwägerin in den Armen. Es konnte einfach keiner fassen! Als ich langsam wieder zu mir kam, rief ich meine Eltern an. Und die Reaktion war heftiger denn je für mich, denn meine Mutter brach auf der anderen Seite zusammen.
Es war für unsere ganze Familie der reinste Horror, aber mir war am wichtigsten, wie es meinem Mann und mir dabei geht.

Irgendwann waren wir so geschafft und ich wollte einfach nur nach Hause. So fuhren wir nach Hause, legten uns ins Bett und weinten gemeinsam. Immer wieder kam die Frage auf, warum unser Sohn? Was haben wir verbrochen? Vor lauter Tränen schliefen wir schnell ein.

Am nächsten Morgen fuhren wir erneut nach Köln, um die beiden Termine wahrzunehmen. Der Termin beim Humangenetiker brachte uns leider nicht wirklich weiter, denn er versicherte uns, dass dies alles ein Wille der Natur sei, aber teilte uns auch mit, dass Oskars Krankheitsbild zu keinem Bild eindeutig passt, dass er jederzeit versterben könnte. Der nächste Schlag und wieder kullerten die Tränen! Mein Mann blieb stark für mich!

Nach dem Termin gingen wir noch gemeinsam zur Punktion, die nicht mal ansatzweise so schlimm war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Leider mussten wir 2 Wochen aufs Ergebnis warten.

Nach dem Termin sprach der Arzt auch einen Fetozid an. Wir könnten unserem Sohn das alles ersparen, aber vorher sollten wir nochmal mit allen Ärzten reden. So verblieben wir dann auch und machten sämtliche Termine bei Ärzten aus, um zu erfahren, welche Chancen wir hatten.

Trotz alldem ging uns das Thema mit dem Fetozid nicht aus dem Kopf. Nach zwei Wochen kam dann endlich der Anruf, dass unser Sohn keine Chromosomenstörung hatte. Aber leider brachte uns das nicht weiter, weil wir im Inneren damit gerechnet hatten.

Nach den ganzen Terminen bei den Ärzten stand für uns die Entscheidung fest, wir erlösen unseren Sohn!!
Diese Entscheidung hatte ganze 4 Wochen gedauert. Wir waren uns sicher, diesen Schritt zu gehen.

Als dann der Morgen kam, an dem wir in die Klinik kommen sollten, wurde mir komplett anders. Ich fuhr eben noch kurz auf die Arbeit, aber an arbeiten war nicht zu denken. Zwei Stunden später fuhr ich nach Hause und mein Mann machte mir weinend die Tür auf mit den Worten, er könnte das nicht und wenn dann soll er das selber entscheiden!

Irgendwas in mir schrie dasselbe. Wir setzen uns aufs Sofa und weinten gemeinsam und wussten, wir werden diesen schweren Weg schaffen. Ich rief in der Klinik an, um diesen Termin abzusagen, fragte aber trotzdem, ob wir vorbei kommen könnten zum Ultraschall. So fuhren wir an dem Tag doch in die Klinik. Als der Arzt den Ultraschallkopf aufsetzte, gähnte Oskar gerade und sofort standen mit wieder die Tränen in den Augen. Ich war sicher das wir die richtige Entscheidung getroffen hatten.

Die restliche Zeit der Schwangerschaft verlief besser als gedacht, sein Zustand war sehr gut, seine Beine wurden wieder gerade und seine Hand? Die war uns einfach nur egal!

So kauften wir ein Kinderzimmer, einen Kinderwagen und viele Klamotten für den Kleinen zum Anziehen! Wir fühlten uns wie richtige Eltern, nur mit einem großen Unterschied, unser Sohn wird auf seine eigene Art und Weise perfekt sein.

Der errechnete Geburtstermin war der 25.05.2017 (Vatertag) Gott sein Dank, durfte ich Oskar ganz normal entbinden! Doch unser kleiner Mann ließ sich noch zwei weitere Tage Zeit, am 27.05.2017 kam er um 21:11 mit 45 cm und 2760 Gramm zur Welt. Ich hatte ein wunderschöne Geburt von 7,5 Stunden. Die Schmerzen waren sehr erträglich!!

Leider durfte ich nur 20 Sekunden mit ihm kuscheln, aber diese 20 Sekunden werde ich nie wieder vergessen und versuchte mir alles einzuprägen. Oskar hatte volles dunkles Haar, dunkelbraune Augen und war ziemlich speckig.

Durch seinen Herzfehler wurde er mir sofort weggenommen und erstversorgt. Mein Mann lief die ganze Zeit hin und her. Er wollte bei mir bleiben, aber er wollte auch seinen Sohn nicht alleine lassen.
Nachdem ich genäht wurde, durfte ich endlich zu ihm! Da lag er dann mit dem Hand vor dem Gesicht, weil ihn das helle Licht blendete und mit einem großen Schlauch für die Atmung in der Nase. Trotz der Kabel war er bildhübsch und schaute mich an. In dem Moment merkte ich, er will mir damit sagen, dass ich mir keine Sorgen machen sollte.

Kurz bevor mein Kleiner auf die Intensiv gebracht wurde, durfte ich ihn noch einmal sehen. Er lag alleine und verlassen in diesem Kasten! Ich wollte ihn daraus haben, aber es ging nicht. Ich sagte ihm, dass ich morgen wiederkäme!

Später brachte mein Mann mich nach oben aufs Zimmer, nahm die Muttermilch mit und ging zu unserem Sohn. Wie gerne hätte ich mit ihm getauscht.

Die Nacht war sehr anstrengend, da ich nicht schlafen konnte und ich wusste, dass mein Mann im Auto schlafen musste. Ich bat meinen Mann um ein Foto, was ich auch bekam! Oskar schlief friedlich und sah wunderschön aus.

Am nächsten Morgen war mein Mann um halb 8 morgens bei mir und half mir beim Waschen. Das einzige was ich wollte, war zu meinem Sohn. Und endlich durfte ich zu ihm, er war wach und schaute mich an. Wie wunderbar das war, aber leider durften wir nicht kuscheln. Kurz darauf kam die Ärztin und teilte uns mit, dass der Kleine zum Herzkatheter muss. Ich war erneut am Weinen, weil die Angst, dass etwas passieren könnte, so groß war. Er war doch noch keine 24 Stunden alt. So fuhren wir gemeinsam mit ihm ins Herzzentrum und warteten wie Soldaten vor der Türe. Nach 1 Stunde kam der Arzt raus und meinte, dass alles gut gegangen sei und seine Sättigung perfekt sei. Die erste Hürde war geschafft.

Nachdem Oskar wieder auf der Intensiv war, kam er langsam zu sich und schaute mich an. Kurz darauf kamen meine Eltern und Schwiegereltern, aber leider durften alle nur 1-2 Minuten zu ihm.

Nachdem unsere Eltern weg waren, verbrachten wir den ganzen Abend bei ihm. Und er wurde immer munterer! Ich pumpte den Tag über fleißig Milch ab, damit er seine Nährstoffe bekam.

Am nächsten Morgen ging es Oskar deutlich besser, durch das Medikament war er zwar sehr schläfrig, aber er hatte wache Phasen.

Am Montag ging es dann endlich ins Herzzentrum, dort verbrachten wir 6 wundervolle Tage bis zum Tag seiner großen Operation. Wir durften wickeln, kuscheln und uns wie normale Eltern fühlen. Die Schwestern taten alles dafür, dass es so angenehm wie möglich für uns war. Gott sei dank hatte mein Mann direkt in der Nähe ein Hotelzimmer bekommen, so konnte er fast 24 Stunden bei unserem Sohn bleiben.

Wir wurden mit jedem Tag immer sicherer und es fiel uns immer leichter ihn zu halten, trotz der ganzen Kabel.

In den 6 Tagen waren auch einige aus der Familie zu Besuch, aber immer nur relativ kurz, da der Kleine auch noch viel Ruhe brauchte.

Am 02.06.2017 sollte die große Operation sein und am Tag vorher wurde er dafür fertig gemacht, unter anderem wurde er gewogen und zu unserem Erstaunen hatte Oskar 200 Gramm zu genommen. Perfekt dachten wir uns für die große Operation.

Ein Abend vorher sind wir noch in ein Einzelzimmer umgezogen, damit wir Ruhe hatten. Mein Mann musste leider um 22 Uhr das Krankenhaus verlassen und ich war alleine mit ihm, die ganze Nacht durfte ich ihn im Arm halten. Ich las ihm Geschichten vor und gab ihm um 3 Uhr nachts die letzte Flasche. Ich nutzte erneut die Zeit und prägte mir weiterw Details von ihm ein. Immer wieder schliefen wir beide ein und er lag die ganze Zeit in meinen Armen.

Am nächsten Morgen um 6 Uhr wollte er seine Flasche habwn, aber leider durfte ich ihm nichts mehr geben! Dieses Weinen werde ich wohl in meinem Leben nie mehr vergessen!
Eine Schwester kam und gab ihm Beruhigungsmittel, damit er sich nicht zu sehr aufregte. Seine Sättigung wurde leider von Tag zu Tag auch immer schlechter. Um 7 Uhr war endlich mein Mann da und nutzte auch die Gelegenheit und kuschelte nochmal lange mit ihm.

Um 8 Uhr wurden wir abgeholt für die OP. Wir durften ihn mit runterbringen bis zur Schleuse. Dort mussten wir ihn zurücklassen! Ich sagte zu ihm, dass wir uns gleich wiedersehen würden und schaute ihm tief in die Augen.

Als ich den Raum verließ, brach ich zusammen! Meine Beine ließen mich im Stich. Mein Mann versuchte mich aufzuheben und bat mich aufzustehen.

Nachdem ich wieder zu mich kam, gingen wir hoch. Unser Zimmer wurde bereits geräumt, da wir mindestens 2 Wochen wieder auf der Intensivstation verbringen würden.
Die OP sollte 4-5 Stunden dauern und wir versuchten die Zeit irgendwie rumzubekommen. Nach 7 Stunden gingen wir langsam auf Station, weil unsere Angst immer größer wurde. Leider konnte uns keiner so richtig eine Auskunft geben.

Nach fast 8 Stunden kam der Arzt hoch und sagte uns, es gab Komplikationen. Er sei aber jetzt stabil und wir müssten abwarten. Ein Schlag ins Gesicht, auf einer Seite freuten wir uns riesig, aber auf der anderen Seite hatten wir panische Angst.

Nach erneuten zwei Stunden durften wir zu ihm! Dort lag er dann, an 16 Kabel angeschlossen. Sein Blutdruck ging immer wieder in den Keller! Ich setzte mich neben ihn und streichelte ihn. Ich sagte, er würde das schaffen und ich wäre so stolz auf ihn. Irgendwann sagte ich zu meinem Mann, dass es doch besser sei eben nach Hause zu fahren.

Nach Haus zu fahren, war der größte Fehler meiner Lebens, denn ich ließ ihn alleine! Wir besprachen mit dem Team von der Intensiv, dass wenn was ist, wir sofort informiert werden möchten. So gab ich ihm ein Kuss und sagte, dass ich gleich wiederkäme.

Als wir zu Hause waren, hofften wir jede Sekunde, dass uns keiner anruft!! Doch leider kam um 21 Uhr der Anruf, sie müssten ihn an die Herz-Lungen-Maschine anschließen, weil seine linke Herzkammer zu schwach war. Wir zogen uns sofort an und fuhren nach Köln, noch rechtzeitig kamen wir an und konnten noch 2 Minuten zu ihm verbringen bevor der Arzt kam. Er sagte uns er würde uns sofort anrufen und es würde nur 45 Minuten dauern. Dadurch erhofften wir uns, dass sich das Herz erholen würde.

Wir gingen ins Hotelzimmer und warteten. Um 23:10 Uhr bekamen wir einen Anruf, in dem Moment war ich aber innerlich nicht glücklich über diesen Anruf. Der Oberarzt sagte meinem Mann, dass unser Sohn verstorben sei und er nichts mehr für ihn machen konnte.

Die Reaktion von meinem Mann kann ich mit Worten nicht beschreiben. Ich saß auf dem Bett und mein Kopf war leer. Fühlt es sich so an, wenn man erfährt, dass das eigene Kind tot ist? Ich konnte nicht weinen, ich konnte nichts!

Wir fuhren natürlich sofort zur Intensivstation und dort wurde uns nochmal im Detail erklärt, was passiert sei. Während sie versucht hatten die Maschine anzuschließen, sei die Aorta längs gerissen, hätten sie weiter gemacht, wäre unser Sohn über 2 Stunden ohne Sauerstoff gewesen. Das würde für ihn heißen, schwerstbehindert mit einem Schlaganfallrisiko von 80% und einem Herzinfarktrisiko von 100%. Damit war für uns klar, die Ärzte haben das richtige gemacht und das haben wir denen auch deutlich gesagt.

Danach durften wir dann auch zu unserem Sohn, da lag er in meiner Babydecke eigewickelt! Ganz ohne Schläuche und Kabel, wie als würde er jede Sekunde aufwachen. Aber leider hat er seine Augen für immer geschlossen!

Wir durften den ganzen Abend noch mit ihm kuscheln. Es war so wunderbar ihn im Arm zu halten!! Bis zu dem Zeitpunkt als wir ihn zurück lassen mussten, das war wohl der schwerste Abscheid, den man im Leben je erleben kann. Hätte ich morgens gewusst, dass ich seine dunkelbraunen Augen nie wieder sehen würde, hätte ich ihn niemals zur OP abgegeben.

Es war eine sehr harte Zeit für mich und meinen Mann, aber zusammen haben wir diese Zeit gemeinsam geschafft!

Am 27.05.18 wird unser Sohn Oskar schon ein Jahr alt und am 22.07.18 kommt sein Bruder Jasper auf die Welt ♥️

Ich Danke Oskar so sehr, dass er uns so schnell ein Geschwisterchen geschickt hat! Wir haben den besten Schutzengel und wissen, dass er für immer auf uns aufpassen wird. Und irgendwann werde ich ihn wieder in die Arme schließen aber erst einmal werde ich hier unten noch gebraucht.

Lieber Daniel, liebe Annkathrin @annkathrin.kolhoff, danke, dass ihr Oskars Geschichte mit uns teilt! Er wird für immer unvergessen bleiben ❤

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