Deine Geschichte · Diagnose · Gastbeitrag

Das Jahr 2017 und 6 neue Sterne am Himmel

Mein ganzes Leben lang wünsche ich mir nichts sehnlicher als Mama zu sein. 
Wenn es nach mir gegangen wäre, wäre ich auch schon viel früher Mama geworden. 

Aber immer war was: erst nicht den richtigen Mann, dann gar keinen Mann, dann den richtigen Mann, aber ich mitten im Studium, dann hatte ich grad erst angefangen zu arbeiten und dann waren wir noch nicht verheiratet. Für meinen Mann kam es nicht in Frage ein Kind ohne eine vorhergehende Hochzeit zu haben. Also bekam ich im März 2016 einen Antrag und wir planten unsere zauberhafte Winterhochzeit im Januar 2017.

Januar 2017

Wir waren so unfassbar glücklich. So glücklich, dass ich es gar nicht fassen konnte. Wir auf unserer Hochzeit mit unserem kleinen Geheimnis im Bauch. Erst seit kurzem wussten wir, dass wir Eltern werden. Ich habe den ganzen Tag vor lauter Glück und Liebe nur geweint. Der bisher schönste Tag und die bisher schönste Zeit meines Lebens sollte beginnen.
 

Abbildung 1 Bild von Skop Fotografie
Februar 2017

Ich ging zum Frauenarzt zum 3-Monats-Check. Unsere kleine Maus schien kerngesund zu sein und hüpfte auf dem Bildschirm beim Ultraschall herum. Glücklicher konnten wir nicht sein. Ich streichelte mir die ganze Zeit den Bauch, den man schon ein bisschen sehen konnte, und wir planten eifrig unser neues Leben als Eltern. Ich konnte es kaum erwarten, bis wir unser Kind im September im Arm halten würden. Ich war so wahnsinnig stolz und voller Liebe. Wir erzählten es allen. 

Eine Woche später ging ich außerplanmäßig zum Frauenarzt. Ich hatte ein Stechen in der Leistengegend. Mein Arzt sagte, ich soll Magnesium nehmen. Da wir eh schon da waren, durften wir dann noch unser kleines Baby im Babykino beobachten. Als wir ganz verliebt den Bildschirm betrachteten, merkten wir zunächst gar nicht, wie still mein Frauenarzt geworden ist. Nachdem es mir aufgefallen war, hoffte ich, dass er nicht anfangen wird zu sprechen. Natürlich tat er es trotzdem und die schrecklichste Zeit unserer Leben begann. 

Er sagte, dass das Baby eine große Wasseransammlung um den ganzen Körper hat und dass unser Kind wahrscheinlich sterben wird. An den Rest erinnere ich mich kaum. Meine Welt brach zusammen. Ich ging heim und legte mich ins Bett, weinte, streichelte meinen Bauch und kullerte mich so beschützend wie möglich um meinen kleinen Babybauch herum. 

März 2017

Ich konnte mein Baby nicht beschützen. Nach einigen schrecklichen Wochen des Wartens und unzähligen Arztbesuchen klingelte mein Telefon. Eine warme, männliche Stimme war dran. Sagte, dass unser Kind nicht lebensfähig sei. 

In Schockstarre fuhren wir zu der freundlichen Stimme. Bis zu diesem Augenblick – naja eigentlich noch bis heute – konnte ich nicht glauben, dass uns das wirklich passiert. Wir erfuhren, dass wir eine Tochter mit einer Trisomie 13 erwarten und entscheiden müssen, ob wir das Kind abtreiben wollen. Abtreiben. So ein schreckliches Wort. Für mich stand fest, zu mindestens in diesem Moment, dass ich unsere Tochter behalten will. Ich fühlte schon so eine starke Verbindung zu ihr und die Liebe zu meinem Kind wuchs von Tag zu Tag. Dann ging es los: fast jeder Mensch, egal ob Freunde, Familie oder Ärzte redete auf mich ein. Ich soll das Kind wegmachen. Vor lauter Verzweiflung und Schock unterschrieb ich den Zettel vom Arzt, die stille Geburt sollte am 14. März eingeleitet werden. 

Nach drei furchtbaren Tagen im Krankenhaus kam sie am 16. März am Ende der 16. SSW still zur Welt. Unsere Malaika. Unserer Engel. Der hellste Stern am Himmel. 

Unbeschreibliche Gefühle überkamen mich. Freude, Trauer, Stolz, Verzweiflung, Glück. Sie war so winzig und doch so perfekt. Sie war so besonders und perfekt mit ihren kleinen sechs Fingern an der rechten Hand. Nur wenige Augenblicke blieben uns mit ihr vereint als kleine Familie.

April, Mai, Juni 2017

Schwarze Monate begannen. In tiefster Trauer. Ich wusste gar nicht, dass man so fühlen kann. Ich war wie gelähmt und hatte große Schwierigkeiten wieder am Leben teilzunehmen. Noch heute fehlen mir die Worte um zu beschreiben, wie ich mich fühlte und immer noch fühle. Ich war bzw. bin eine Mama ohne Kind. Kaum einer konnte das verstehen. Ich begann auf Instagram darüber zu schreiben. Nach kurzer Zeit war der Kinderwunsch größer denn je. Wir versuchten sofort wieder ein weiteres Kind zu bekommen.

Juli 2017

Ich war verzweifelt. Wollte nicht mehr und war einfach nur wütend auf das Leben. Dann geschah es. Eine hauchzarte zweite Linie erschien auf dem Schwangerschaftstest. Ich hatte einen Grund um weiter zu machen, erlebte Momente in denen ich mich glücklich fühlte. Ich war mit unserem Folgewunder schwanger und das half mir sehr. Diese Zeit war jedoch begleitet von der ständigen Angst das Kind wieder zu verlieren doch ich kämpfte dagegen an uns genoss jede Sekunde meiner Schwangerschaft. Ich dachte mir, selbst wenn ich das Baby wieder verliere will ich jede Sekunde wertschätzen und festhalten. 

August 2017

Die Angst blieb. Mittlerweile war das Kinderzimmer vor lauter Sehnsucht schon fast vollständig eingerichtet. Bis heute fehlt nur ein Babybett. 

September 2017

Wir erfuhren, dass ich mit Vierlingen schwanger bin. Mit Vierlingen!!! Es schien von Anfang an, dass nur in zwei Fruchthöhlen auch eine embryonale Anlage zu finden ist. Schon wieder verstand ich die Welt nicht. Zwei Wochen später stand es fest. Diagnose Missed Abortion. Mein Körper merkte nicht mal, dass was nicht stimmte und ich fühlte mich mit einem HCG Wert von 115.000 schwangerer denn je. Meine mühsam zusammengesetzte Welt zerbrach erneut in unzählige Scherben und ich hatte in der 10. SSW eine Ausschabung. Ich war wieder alleine. Es blitzen 4 neue Sterne am Himmel auf. Ich brauchte eine Pause vom Kinderwunsch.

Oktober 2017

Mir fehlen wieder die Worte zu beschreiben wie es mir ging. Wenn man es ehrlich und knallhart formulieren möchte war ich wohl kurz davor nicht mehr leben zu wollen. Das war zu viel für mich. Alle sagten doch, bei der nächsten Schwangerschaft geht alles gut? Wie konnte das sein? Was habe ich falsch gemacht? Was habe ich verbrochen? Warum sind um mich herum so viele Frauen bei denen alles gut ist und meine Babys sterben alle? In mir machte sich tiefste Verzweiflung breit.  

November 2017

Ich begab mich in Therapie und arbeitete an mir und meinen Verlusten. Versuchte zu heilen und meinen Frieden mit dem Geschehenen und mit meiner Entscheidung, Malaika gehen zu lassen, zu finden. 

Dezember 2017 

Die Weihnachtszeit. Mein erstes Weihnachten als Mama hatte ich mir anders vorgestellt. Mit meinem kleinen Mädchen auf dem Schoß lachend unter dem Weihnachtsbaum. Nun saß ich da. Alleine und weinend. 

Plötzlich und unerwartet geschah es. Ich sah einen zweiten Strich auf dem Schwangerschaftstest. Ich war überfällig und wieder schwanger. Unser Weihnachtswunder kündigte sich leise an. Ich testete fast täglich und hoffte, dass die Linie stärker wird und dass es dieses Mal bleibt. Doch es sollte nicht sein. Die Linie wurde nur schwächer und am 30. Dezember, genau ein Jahr nachdem ich meinen ersten positiven Schwangerschaftstest in der Hand hielt, bekam ich starke Blutungen und verlor auch dieses Kind. Ich gewann meinen 6. Stern am Himmel. 

Das schrecklichste Jahr meines Lebens endete. Trotz allem habe ich Hoffnung. Ich bin mir sicher, der schwere Weg wird sich lohnen und am Ende wird alles gut werden. Wir werden ein gesundes Kind in den Armen halten. Unsere Zeit wird kommen. Der Platz in meinem Herzen für meine verlorenen Babys wird für immer lebensgroß sein. 

Liebe Laura @fraulein_lebenslust, danke für deinen ganz persönlichen Jahresrückblick und den Mut, diese Worte zu schreiben.

4 Kommentare zu „Das Jahr 2017 und 6 neue Sterne am Himmel

  1. Während ich deinen Rückblick lese habe ich Tränen in den Augen. Auch ich fragte mich immer was ich getan hatte um 2 Sternchen im Himmel leuchten zu haben. Nach 3 Jahren wurde ich mit einem wunderbaren Wirbelwind gesegnet! Ich wünsche dir nur das Beste, und dass auch du bald dein Kind an der Hand halten darfst.

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  2. Liebe Julia,
    mir fehlen die Worte…. das ist sehr ungerecht und tut mir sehr leid…
    Ich hoffe man konnte rausfinden, woran es lag, dass sich eure Kleinen so früh auf den Weg zu den Sternen aufgemacht haben
    Ich wünsche euch als Paar ganz viel Kraft, Liebe, Zusammenhalt und Zuversicht!

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