Deine Geschichte · Folgewunder · Gastbeitrag

Lebensentscheidungen

Mein Freund und ich waren grade erst 5 Monate zusammen, als ich einen Schwangerschaftstest machte und ein hauchzarter zweiter Strich auftauchte. Nunja, da stand ich. 18 Jahre alt, kurz vor dem Ende meiner Ausbildung, voll im Prüfungsstress. Genauso wie mein Freund. Grade eben hatte ich diesen Mann erst kennengelernt und dann musste ich ihm sagen, dass wir die Pläne für die nächsten Jahre etwas umstrukturieren müssen. Wir waren schockiert, natürlich nahm ich die Pille. Wie soll ich denn mit Kind mein Maschinenbaustudium machen. Hatte ich nicht geplant ins Ausland zu gehen? Ist dieser Mann überhaupt der, den ich als Vater für meine Kinder möchte? Erst später, nach etwa 2 Wochen, als wir anfingen uns zu freuen und den ersten Schock überstanden hatten und es uns wirklich vorstellen konnten gemeinsam ein Kind aufzuziehen, fing ich an mich mit Themen wie: „was ist wenn etwas  nicht stimmt? Was machen wir wenn unser Kind eine Behinderung hat?“, auseinanderzusetzen.

Mein Freund fuhr für 3 Wochen nach Mainz, um sich auf seine Abschlussprüfung vorzubereiten, meine hatte ich mittlerweile bestanden und mein Arbeitgeber wusste bereits Bescheid. In der Werkstatt lässt es sich schwanger schlecht arbeiten. Auch meine Eltern erfuhren schon davon. Alleine wollte ich den ersten Arztbesuch nicht bestreiten. Es schwang so schnell um von: „Was machen wir den jetzt?“ zu: „Wir liebe dieses kleine Wesen jetzt schon!“. Mir war schwindelig vor Glück. Ganz stolz holte ich mit meiner Mutter den ersten Strampler. Als ich dann bei meinem Arzt ein kleines bumperndes Herz im Ultraschall sah, war es um mich geschehen. So oft hörte ich: „Du bist gesund und jung was soll denn da passieren?“ Dennoch wurde ich den Gedanken nicht los, dass etwas nicht stimmen könnte. Ich las viel zum Thema Fehlgeburten und ich war schockiert. So oft? So viele? Ich wusste vorher nicht mal was Fehlgeburt bedeutet und nun erfuhr ich, dass es meiner Mutter passierte, meiner Tante und meiner Kollegin? Wie kann es sein, dass man so etwas erst dann erfährt, wenn man selbst schwanger ist?  Warum ist dieses Thema nicht viel präsenter?

Ich weiß es noch wie gestern, dass ich am 14.06.2016 auf der Arbeit bemerkte, dass ich ganz leichte Blutungen hatte. Es war so minimal, eigentlich gar nicht der Rede wert. Und doch war in meinem Kopf alles schwarz. Ich wusste es. Ab diesem Moment wusste ich, dass wir dieses Kind nicht in unseren Armen halten werden. Ein paar Stunden später war ich bei meinem Frauenarzt. Da war er, dieser Herzschlag. Er versuchte mich zu beruhigen: „das passiert oft in der Frühschwangerschaft.“ mein Arzt war immer sehr sachlich, was mich danach meinen Arzt wechseln ließ. Am nächsten Morgen war es mehr Blut. Wieder war ich bei dem Arzt, wieder war der Herzschlag zu sehen. Am Morgen des 16.06.2016 blutete ich immer noch sehr stark. Als ich bei meinem Arzt war hörte ich die Worte, die ich in meinem Leben nie wieder vergessen werde: „Es tut mir Leid Frau F., aber sie haben eine Fehlgeburt.“

In mir war alles still. Kein kleiner; schneller Herzschlag mehr. Kein Kind, das uns anlachen wird. Ganz alleine. Ich hörte nicht mehr zu. Ich zog mich an, nahm meinen Mutterpass, der so leer war und nur die Worte „missed abortion“ drin standen. Und ging. Im Auto brach es dann aus mir raus. Wie? Wie konnte Gott uns dieses Wunder schenken, nur um es dann wieder zu nehmen? In diesem Moment zweifelte ich an meinem Glauben, an meinem Körper und an einem Sinn. Ich musste meinem Freund am Telefon sagen, dass das Herz nicht mehr schlägt. Einen Tag vor seiner Abschlussprüfung im Unterricht. Ich weiß von Freunden, dass er käsebleich den Raum verließ und die letzten Stunden schwänzte. Dieser Tag nahm uns nicht nur ein Kind. Dieser Tag nahm uns ein ganzes Leben. Eine Geburt, ein Babylachen, die ersten Schritte, die ersten Freunde, die Einschulung und alles was folgt. Oft hörte ich Sachen wie: „Sei doch froh, nun kannst du es dir nochmal überlegen.“ „Jetzt könnt ihr ja nochmal Spaß haben und jung sein.“ „Es war doch eh nicht geplant.“ Diese Aussagen sind so falsch und tun noch heute weh. Mit vielen dieser Leute habe ich keinen Kontakt mehr. Als ich erfuhr, dass ich schwanger war, änderten sich jegliche Erwartungen und Vorstellungen an mein Leben. Ich wollte nicht mehr an die Uni, studieren und viel Geld verdienen. Ich wollte nur dieses kleine Würmchen in meinen Armen halten. Egal wie alt man ist, ob 18 oder 30 wenn man ein Kind verliert kann man nicht einfach weitermachen wie vorher. Es verändert Einen. Es hat mich und meinen Freund verändert und vor allem uns als Paar.

Am Tag nach der Diagnose bekam ich im Krankenhaus eine Ausschabung. Erst als ich im Vorraum zum OP war begriff ich, dass ich gleich mein Kind einfach wegmachen lasse. Ich bringe es nicht auf die Welt, es wird mir heraus geschnitten. Ich weiß nun, dass ich eine Ausschabung, solange sie nicht nötig ist, nie wieder machen werde. Grade in dieser Situation hätte ich mir gewünscht Erfahrungsberichte zu haben und Menschen, die mir vorher gesagt hätten, dass ich auch hätte warten können. Den Tag darauf wurde ich 19 Jahre alt. Ein so leerer, unbedeutender Tag.

Wir trauerten. Wir redeten nicht viel, doch wir waren viel zusammen. Saßen am See und starrten einfach nur aufs Wasser. An dem See, an dem wir vor ein paar Wochen noch über Babynamen diskutierten. Wir machten wieder Pläne, andere diesmal. Mit freieren Entscheidungen. Schon im August zogen wir zusammen in eine Wohnung mit Kinderzimmer. Und im September entstand bereits unser Folgewunder. Ich denke heute anders über die ganze Sache. Ich vertraue wieder in meinen Glauben und mir hilft ein ganz besonderer Gedanke. Gott gab uns dieses erste Wunder, um uns dieses Leben zu zeigen. Und dann haben wir uns dafür entschieden, genau wie bei unserem ersten Kind.

Am 16.06.2017 genau ein Jahr nach dem traurigsten Tag in unser beider Leben, durften wir nach 14 Stunden Wehen unsere wunderschöne, gesunde Tochter in den Armen halten. Und somit wurde der 16.06. zum glücklichsten Tag. Mittlerweile bin ich einfach nur noch dankbar für unser Leben, für den Weg den wir gehen mussten um dort hinzu gelangen wo wir jetzt sind.

Grade habe ich wieder Tränen in den Augen aus Glück, aus Trauer ich kann es nicht genau sagen. Ich kann nur sagen, dass es für immer bleibt, dieses Gefühl und ich bin froh darum. Denn mehr ist mir nicht geblieben von unserem ersten Kind. Unserem Sohn.

Danke liebe Mandy @junimama1606 für Deinen Beitrag!

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