Allgemein · Geburtsbericht · Trauerverarbeitung

Die Angst vorm eigenen Kind

Als Mutter die weiß, dass sie ein totes, vielleicht krankes Kind zur Welt bringen muss, stellt sich eine Frage ganz besonders: Wie wird dieses Kind aussehen?

Die wenigsten von uns haben eine Leiche aus nächster Nähe gesehen, eine Leiche in sich tragen, das ist ein Level der Unvorstellbarkeit. Für keine Mutter ist dies natürlich, das sage ich jetzt einfach mal ganz pauschal. Kann man es sich vorstellen? Nein.

Ist es schlimm? Ja und nein. Es ist schlimm zu wissen, dass kein Tritt mehr kommt, kein Schrei wenn es auf der Welt ist, es wird dich nicht angucken, es wird kalt werden, statt warm zu bleiben. Aber das Kind in dir ist nicht schlimm, nein. Das ist immer noch das Baby, das es davor in dir war. Man hat eine Abschiedszeit, bevor es diese Nähe nie wieder gibt. Das ist schön, das ist hilfreich und heilsam. Nochmal zusammen, bewusst, eng, nah.

Du siehst es auch nicht, es ist einfach bei dir. Doch auch dieses Kind muss auf die Welt, wird sichtbar. Manche Frauen wissen sofort, dass sie ihr Kind ansehen möchten, in den Arm gelegt bekommen wollen. Aber es gibt auch viele Frauen, da ist Angst, vor allem bei Erstgebärenen. Auch wenn feststeht, dass gewisse Teile fehlen. Ein einfaches “ Guck es, an, das hilft bei der Verarbeitung!“, hilft eben nicht, denn diese Angst ist nicht rational, eine stille Geburt ist nicht rational. Natürlich ist es erwiesen, dass dieser Abschied, dieses Annehmen des Kindes hilft. Lesen können wir alle. Aber was, was wenn ich die statistische Ausnahme bin und dieser Anblick mich stärker traumatisiert als alles bisherige? Diese Angst ist real und muss ernst genommen werden. Es braucht Einfühvermögen und Zeit und vielleicht auch einfach Ruhe.

Niemand ist besser oder schlechter, nur weil er sein Kind angeschaut hat oder eben nicht. Nach der Geburt entscheidet der Kopf automatisch was er will, was er kann und was er nach der stillen Geburt verkraftet und auf dieses Gefühl sollte man hören, ohne Druck oder Angst vor Verurteilung.

Was jedoch in jedem, wirklich jedem Fall empfehlenswert ist, sind Fotos. Denn dann hat man, egal wie man nach der Geburt entschieden hat, etwas das bleibt. Etwas was man mit sich ins Grab nehmen kann ohne einmal drauf gesehen zu haben, oder etwas was man sich angeschaut hat und weiß, dass die Entscheidung, anschauen oder nicht nach der Geburt, richtig war.

Manchmal ist das ganze System nach der Geburt einfach überhitzt, es kann nicht mehr. In dieser Situtation noch etwas zu erzwingen wofür man nicht bereit ist, nur weil die Bücher und die Erfahrung anderer sagt, dass es richtig ist, halte ich für wenig sinnvoll.

Das System braucht erstmal Ruhe. Und bei einer stillen Geburt hat man auch die Möglichkeit am nächsten Tag erst das Kind anzuschauen, sollte man sich umentscheiden, wichtig ist nur, dass man auf sein Gefühl hört. Man muss nichts sofort. Ist es zu viel, ist das okay. Es ist okay.

Sofort nehmen, am nächsten Tag oder Bilder machen lassen von einem ehrenamtlichen Sternenkindfotografen, all das sind Möglichkeiten und niemand hat das Recht für einen zu entscheiden, was das Beste ist. Es gibt kein „am Besten“, es gibt nur dich und dein Bauchgefühl und das ist okay.

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