Gastbeitrag · Leben mit der Trauer · Trauerverarbeitung

Gefangen zwischen zwei Welten 

Auch wenn die meisten Frauen und Eltern es schaffen gesunde Kinder zur Welt zu bringen, so gibt es doch eine Menge Eltern, die das zumindest nicht immer geschafft haben. Einige verlieren ihre schon großen Kinder, andere ihre Kleinkinder, manche kurz nach der Geburt und einige schon während der Schwangerschaft. Fest steht, niemanden ist zu wünschen, dass man Abschied vom eigenen Kind nehmen muss. Eine gute Freundin verlor ihre Tochter kurz nach ihrem 18. Geburtstag. Das Leid, was ich damals hautnah miterlebte, war endlos und man steht daneben und ist hilflos. Auch zwei meiner Cousins sind schon im Vorschulalter verstorben. Die Frage, die mich manchmal beschäftigt ist, ist es schlimmer wenn man älter ist, aber doch noch zu jung zum Sterben? Ist es dann einfacher für Eltern, wenn sie ihre Kinder möglichst früh verlieren? Darf man schon von „seinem“ Kind sprechen, wenn man es gar nicht wirklich bis zur Geburt geschafft hat?

Verlust ist individuell, nicht etikettierbar

Einen herben Verlust stellen wohl alle diese Fälle dar. Ein einschneidendes Erlebnis. Und Verlust ist immer schlimm. Man sollte kein Etikett darauf kleben. Verlust ist so individuell wie die Menschen, die es betrifft und ebenso auch der Umgang damit. Trauer ist intensiv, mildert sich ab und kommt in großen Wellen wieder. Überfällt dich heimtückisch in ganz unterschiedlichen Situationen. Manchmal können wir es besser aushalten, manchmal auch nicht so gut. Wenn man an den Verlust denkt, auch Jahre danach, sich auf diese Gefühlswelt einlässt, ist es immer wieder genauso schlimm. So ist die Natur von Trauer. Und weil es zwar von der Struktur her ähnlich ist, aber trotzdem unglaublich individuell und persönlich, sollten wir auch keine Etiketten auf sowas aufkleben.

Ich bin keine Mama, alles zurück auf Alltag

Ich bin Sternenmama. Ich habe mein Kind in der Frühschwangerschaft verloren. Mittlerweile bin ich gut vier Monate später wieder im Alltagstrott angekommen. Alles erscheint wie vorher. Ich gehe zur Arbeit, habe Projekte, Ziele, fixe Ideen. Nichts erinnert äußerlich mehr an die Schwangerschaft, außer eine Erinnerung auf meinem Nachttisch und eine Box mit allen Baby- und Schwangerschaftssachen im Kellerregal. „Mama sein“, dass ich eine bin, oder hätte sein können, steht mir nicht wirklich. Mutter sein, das ändert doch alles, ändert deine Perspektive und deinen Alltagsfokus. Eingespannt zwischen schlaflosen Nächten und Windeln wickeln. Doch so ist es nicht. Ich habe kein Grab und meine Erinnerungen kommen mir manchmal vor wie ein böser Traum aus dem ich erwacht bin und der mir nachhängt. Es ist doch längst wieder Alltag. Mama, so möchte ich mich nicht nennen.

Alles beim Alten, alles bleibt anders

Doch es stimmt nicht, dass alles wieder beim Alten ist. Eigentlich hat sich nämlich so ziemlich alles verändert. Unsere Paarbeziehung ist anders, wir haben uns den Traum von zwei Katzen verwirklicht, die unser Leben sehr auf den Kopf stellen, und das Erlebte und Durchlebte hat aus mir in vielen Punkten einen anderen Menschen gemacht. Ich habe nun wirklich mal verstanden, was es heißt im Moment zu leben. Die Trauer hat mich verändert und meine Perspektive auf das Leben. Die Trauer ist weitestgehend verheilt, es gibt gute und schlechte Momente. Ich habe sehr hart dafür arbeiten müssen, dass die guten Stunden wieder mehr werden. Es ist die Mühe wert gewesen. Neue Ziele, neue Gedanken, neue Hoffnungen. Ich bin daran gewachsen. Ich bin stärker. Krisen sind für mich immer schon eine Chance gewesen. Auch diese Herausforderung habe ich gemeistert und genutzt.

Sternenmutter sein, irgendwie anmaßend

Aber Mama sein…, ich habe kein Grab, kein wirkliches Bild, keine Erinnerungen, wie ich ihre Tritte im Bauch spürte oder sie fröhlich in meinen Armen hielt. Mir bleibt ein Hauch von Erinnerung. Mehr nicht. Andere Sternenmütter scheinen viel schwerer zu leiden. Wenn sie länger schwanger waren, haben sie das Kind gespürt, vielleicht haben sie es still zur Welt gebracht. Sie haben mehr vorbereitet, sie hatten mehr Zeit sich in das kleine Wesen in ihnen zu verlieben. Das sind die „wahren“ Sternenmütter schießt mir dann durch den Kopf. Ich hatte nur ein paar Wochen „etwas“ in mir. Dann fällt es mir schwer es zu benennen als „mein Kind“, „ein Wunder“, „ein Zeichen unserer Liebe“. Ganz nüchtern betrachtet war es ein komplexerer Zellhaufen der nicht mehr weiter gewachsen ist… . Ich mag mich dann auch nicht mit solchen Müttern auf eine Stufe stellen, die ganz anderes durchlebt haben. Anmaßend wäre das für mich.

Der Verlust bleibt wahrhaftig und es bleibt mein Kind

Doch der Verlust, auch ich habe ihn durchlebt, lebe ihn noch immer, wenn ich mich drauf einlasse. Oft kann ich es nicht zulassen. „Stell dich nicht so an“, denke ich dann, „man kann sich schließlich in alles reinsteigern“. Diese Gedanken und Benennungen ‚Mutter sein’ zulassen, würde vieles wieder aufbrechen lassen. Aber ich möchte positiv sein, nach vorne blicken. Stark und tapfer sein. Es ist ein Schicksalsschlag gewesen und wie alle Schicksalsschläge kann man damit weiterleben und versuchen trotzdem seine Lebenszeit so gut wie möglich zu gestalten. Und das mache ich. Aber eines, das lasse ich mir ganz sicher niemals nehmen. Die Erinnerung daran, wie es war, Muttergefühle zu spüren, diese Liebe zu spüren die nicht vergleichbar ist und eines kann ich immer ganz gefestigt sagen: sie ist mein Kind, meine Kleine. Ich hoffe dass sich das niemals ändert und die Erinnerung und der Stellenwert nicht verblaßt, sobald ein Folgewunder kommt. Und andererseits hoffe ich genau das.

Wie ihr lest, ich bin hin- und hergerissen. Mein Verlust war individuell und auch kein Etikett. Vielleicht haben weniger Stunden für besseres Abschließen gesorgt, vielleicht kann ich gut mit solchen Situationen umgehen. Ich weiß es nicht. Aber ich spreche mir ab, Mutter zu sein. Vielleicht auch aus Selbstschutz. Obwohl ich immer von „meinem Kind“ spreche. Man ist gefangen zwischen zwei Welten – alles ist gleich und doch alles anders und man kann nie mehr zurück.
Vielen Dank für diesen sehr nachdenklichen Beitrag, liebe @unserkiwu2018 💜

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