Gastbeitrag · Leben mit der Trauer

Zwillingslos

Nahezu ein Jahr haben wir unsere Trauer mehr oder weniger unterdrückt. Wir haben natürlich an Fynn gedacht, ihn beweint und seinen Baum im Friedwald besucht. Aber richtig zugelassen, dass uns die Gefühle über sein frühzeitiges Ableben übermannen, das konnten wir einfach nicht. Was blieb uns auch anderes übrig? All unsere Kraft brauchten wir für Ben, denn nachdem Fynn’s Herz in der 20. ssw aufhörte zu schlagen, machte sich sein Zwillingsbruder in der 27. Woche auf den Weg. Während das eine Kind auf dem Weg zur die Intensivstation war, lagen wir mit dem anderen noch im Kreissaal. In ein dünnes Tuch gewickelt lag er mal auf meiner und mal auf Papas Brust. Wir streichelten seinen Kopf, seinen Rücken, erfühlten die Konturen seines kleinen Körpers. Trotz des Umstandes, dass sein Herz nicht mehr schlug, genossen wir diesen Moment sehr. Er war nicht traurig, sondern selig. Wir waren zum letzten Mal zusammen.

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In den folgenden Wochen und Monaten auch nach Ben’s Entlassung blieb nicht viel Zeit und Kraft um unseren Verlust zu betrauern oder gar zu realisieren. Erst als Ben endlich vollkommen gesund war und wieder Ruhe in unser Leben einkehrte, bröckelten diese Mauern in unseren Köpfen. Wie immer wieder kehrende Tsunamis brachen gewaltige Wellen der Trauer über uns zusammen. Es war manchmal eine Qual einfach nur Ben beim Spielen zuzusehen, im Alltag zurecht zu kommen. Und dann war wieder alles ok, ’normal‘. Ich würde nicht behaupten, dass das alles in eine Depression ausartete, die positiven Tage überwogen die negativen immer noch deutlich, aber unser Leben wurde trotz Ben’s Genesung weder leichter noch glücklicher, jetzt wo Fynn seine verdiente Aufmerksamkeit bekam. Unsere Tiefs wurden tiefer und die Höhen kürzer, sodass ich manchmal durchaus fürchtete in eine Depression zu rutschen.

Unsere Umgebung nahm das natürlich auch immer mehr wahr. Alle waren sehr verständnisvoll, aber zum Teil auch überfordert. Wussten nicht wie sie reagieren oder was sie sagen sollten. Denn scheinbar hatten wir nach außen hin nicht so verletzt und hilfesuchend gewirkt wie wir letztendlich doch waren. Als hätten wir alles im Griff, als hätten wir das letzte Jahr gut verpackt. Doch es kam jetzt erst richtig hoch.

In dieser besonders emotional geprägten Phase setzte uns viel zu, unsinnige Streitereien, nach der Geburt unbedacht Ausgesprochenes von bereits ‚ausgesiebten‘ Menschen „Immerhin hast du dir nicht die Figur ruiniert!“-„Ist doch geil, jetzt wickeln & füttern andere für euch das Kind!“-„Gott sei Dank habt ihr jetzt doch nicht dieses Theater mit 2 Kindern! Dann kämet ihr ja gar nicht mehr zum Schlafen“-„Stell dir vor, wenn dir was bei der nächsten Schwangerschaft passiert, dann hat Marcel die Kinder an der Backe & eine andere Frau müsste sich um sie kümmern!“ Sind das tröstende Worte für trauernde und besorgte Eltern? Das alles hielt mich in zahlreichen Nächten zusätzlich wach.

Natürlich litt auch mein Mann enorm. Unsere Alltage waren so unterschiedlich. Selten begegneten wir dem anderen auf der selben Ebene. Das war belastend und nach dem gefühlt hundertsten Streit, der wieder nichts weiter als eine Gefühlsentladung und Explosion beim ‚falschen Schuldigen‘ war, beschlossen wir, dass es so nicht weiter gehen konnte. Wir fühlten uns beide unwohl, da wo wir wohnten, wie wir dort lebten, was viele nicht verstanden. Wir waren es leid uns gegenseitig vor Überforderung und Trauer anzugreifen, wo wir uns viel lieber küssen und umarmen wollten. Alles in unserem Leben wirkte seid Fynns Tod und Ben’s problematischen Lebensstart so verkehrt. Unsere Lebens- und Wohnsituation machte uns einfach nicht mehr glücklich und verstärkte dementsprechend unserer Trauer und negative Einstellung.

Aber wohin sollten wir stattdessen? Was wollen wir überhaupt vom Leben? Wie soll es weitergehen? Wir fühlten uns wie in einem Kreisel gefangen. Du musst funktionieren in dieser Gesellschaft, aber wir beide, wir fühlten uns verloren. Wir sponnen mit verschiedensten Fantasien rum, wie wir etwas verändern, verbessern könnten. Und wir fanden einen Gedanken, der immer mehr und mehr Gestalt annahm.

Wir konzentrierten uns einzig und allein auf das, was wir brauchten und wollten. Wie unser soziales Umfeld dazu stehen würde, das blendeten wir aus. Unseren Haushalt lösen wir gerade auf und verkaufen das Haus. Wo werden wir wohnen? ‚Nirgendwo und Überall‘. An dieser Stelle möchte ich den Sternenmamis und besonders -papis etwas nahelegen. Das ‚Sabbatjahr‘. Wir kappen unsere Wurzeln, wollen eine ganz bestimmte Therapeutin/Trauerbegleiterin aufsuchen, eine Familien-Kur beantragen und das alles aktiv anzugehen fühlt sich großartig an. Wir suchen nach einem geeigneten mobilen Zuhause, dass uns die Möglichkeit gibt uns als Familie anders näher zu kommen, auf eine gemeinsame Ebene in unserer Trauer zu gelangen, nach Fynns Tod, der viel mehr Wunden hinterlassen hat als man sich anfangs eingestehen wollte, einen Neuanfang zu wagen.

Natürlich rate ich hier keinem dazu einen ebenso radikalen Schnitt in seinem Leben zu machen. Dieser Weg passt zu UNSERER Situation & unseren Charakteren. Der Grundgedanke des Sabbatjahres passt aber so finde ich zu allen Trauernden und Leidenden. Denn nach der Erfahrung das eigene Kind loslassen zu müssen verändert sich etwas in uns, ich denke das kann keiner leugnen. Sich selbst als diesen neuen Menschen ‚kennen zu lernen‘ und zuzulassen braucht seine Zeit, davon bin ich überzeugt.

Wir haben für uns einen ziemlich radikalen Weg gewählt, der nicht immer nur positiv aufgefasst wurde. Aber darum geht es nicht. Unser Weg muss nicht den anderen gefallen. Egal was der Nachbar denkt, der Arbeitskollege, die vermeintlich beste Freundin. Völlig egal, solange es einem selbst hilft! Seit unseres Beschlusses fühlen wir uns besser. Auch wenn es nie aufhören wird wehzutun, wirkt es auf uns wie der erste bedeutende Schritt in die richtige Richtung.

Vor einigen Monaten las ich folgenden Satz, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht und den ich verinnerlicht habe: – Wir alle haben zwei Leben. Das Zweite beginnt, wenn wir wirklich begreifen, dass wir nur Eines haben. – Unser zweites Leben soll nun beginnen, mit Ben an der Hand und Fynn im Herzen.

Danke für diesen sehr offenen und ermutigenden Beitrag von Christina @puca.tina

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