Leben mit der Trauer

Wege aus der Trauer

Die Trauer schleicht sich leise in das Leben und bleibt dann erstmal. Es hilft also nichts, man muss sich mit ihr arrangieren. Einigen fällt das schwerer als anderen. Aber ich glaube, alle, egal ob Mama oder Papa, haben Angst davor. Davor, was nach dem Tod des eigenen Kindes kommt.IMG_0064

Ich war überrascht von mir. Ich hatte Angst, dass mich das alles überfordert, mich umhaut und ich psychisch und seelisch kaputt gehe. Es hat mich überfordert und es hat mich umgehauen, aber es hat mich nicht kaputt gemacht. Warum?

Ich ging vor der stillen Geburt (hier geht’s zum Geburtsbericht) meiner Tochter davon aus, dass ich danach erst einmal nicht darüber reden wollen würde. Ich wollte mich schützen und gab die „Anweisung“ an mein weiteres Umfeld heraus, dass ich bitte nicht darauf angesprochen werden möchte. Meine Familie war davon ausgeschlossen. Ich hoffte, dass Pauline dort ein Thema sein würde. Nach der Geburt stellte ich aber fest, dass ich ein enormes Redebedürfnis verspürte. Es war schwer, die selbst zuvor eingeführte Schweigepflicht zu durchbrechen. So entdeckte ich das Internet. Eine richtig tolle, auf unsere Situation zugeschnittene Facebook-Gruppe. Instagram. Mamas mit ähnlichen Geschichten und ähnlichen Ängsten.

Schon vor Paulines Geburt fiel mir auf, dass es mir besser ging, wenn ich etwas tat. Wenn ich aktiv wurde. So hielt ich es auch nach der Geburt. Nach dem Okay meiner Hebamme nahm ich meinen Sport wieder auf. Außerdem kaufte ich mir eine Nähmaschine, machte einen Nähkurs und nähte für mich und meine Lieben. Ich schrieb. Im Internet und für mich. Ich hatte ein spezielles Buch, eine Art Tagebuch, wo ich meine Gedanken niederschrieb. Anfangs jeden Abend, heute schreibe ich nur noch sehr selten. Hannah Lothrop (hier geht’s zur Buchvorstellung) empfiehlt übrigens Kreativität zur Verarbeitung der Trauer. Aber das habe ich erst „hinterher“ erfahren.

Was auch half, war das (nachträgliche) Schaffen von Erinnerungen und Andenken. Mein Mann und ich suchten eine schöne Erinnerungskiste aus, in der nun Mutterpass, Ultraschallbilder, Bilder von Pauline und noch einige Erinnerungsstücke mehr liegen. Wir kauften ein Regenbogenteelicht, Paulines Licht, das besonders die ersten Monate jeden Abend für sie leuchtete. Wir stellten eins der Bilder der Sternenkinderfotografin auf. Und ich entdeckte bei Instagram ein Profil, dass die Fuß- und Handabdrücke von Sternenkindern wunderschön auf Folie druckte (siehe hier). Pauline hatte nun auch einen Platz bei uns zu Hause gefunden. Das fühlte sich gut an.

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Die Trauer kam in Wellen. An besonderen Tagen („Heute vor einer Woche habe ich sie geboren“ etc.), in bestimmten Momenten („Guck mal da, schon wieder eine Schwangere“ etc.) und einfach so zwischendurch. In dieser Zeit habe ich gelernt, dass man Trauer nicht wegschieben kann. Wenn die Trauer kommt, braucht sie Aufmerksamkeit. Umarme sie, heiße sie willkommen, gib dich ihr hin. Akzeptiere, dass es Dir heute nicht so gut geht und vielleicht morgen auch nicht. Mach langsam an dem Tag, vergrab Dich im Bett, auf dem Sofa oder sonstwo. Heule, schreie, sei einfach nur still oder höre traurige Musik. Wenn die Trauer kommt und ihren Tribut fordert, mach, was Dir passend erscheint. Mach, wonach Dir zumute ist. Nimm die Trauer wahr und schieb sie nicht weg. Nur so kommt man irgendwann am anderen Ende wieder heraus.

Mittlerweile bin ich der festen Überzeugung, dass auch die fehlenden Schuldgefühle eine Rolle bei der Verarbeitung der Trauer gespielt haben. Mein Mann und ich haben uns bewusst für diesen Weg entschieden. Pauline sollte nicht leiden müssen. Nur aus diesem Grund haben wir sie gehen lassen. Und ja, wir stehen auch heute noch zu der Entscheidung. Es gibt keine Zweifel. Die Entscheidung war in unseren Augen richtig und wir würden wieder so entscheiden. Natürlich wünschten wir, wir hätten diese Entscheidung niemals treffen müssen. Aber das ist leider eine Tatsache, die sich nicht ändern lässt. Und nur so konnten wir unsere Tochter überhaupt kennenlernen.

Wir waren überrascht, wie „gut“ es uns ging. Ja, es war keine schöne Zeit und ja, wir trauerten sehr. Wir vermissten und vermissen Pauline. Aber gemessen daran, was wir erwartet hatten, ging es uns relativ gut. Zur „Sicherheit“, um zu gucken, ob wir noch irgendetwas machen können, gingen wir ungefähr vier Monate nach Paulines Geburt zu einer Beratungsstelle. Diese kümmert sich um Familien, unter anderem nach Verlust des Kindes. Wir saßen da und erzählten. Sie fragte und wir antworteten. Die einzige Stelle, an der ich wirklich weinen musste, war, als ich von unserem, von meinem Kinderwunsch erzählte und dass um mich herum viele schwanger sind. Dieses Thema ging mir mittlerweile an die Nieren. Über Pauline, ihre Geschichte und unseren Umgang damit konnte ich, nein konnten wir, schon ganz gut reden. Die Frau von der Beratungsstelle war ganz überrascht und sagte, so etwas wie uns hätte sie noch nie erlebt. Zum einen, weil wir als Paar gekommen sind. Oftmals sitzen ihr nur die Frauen gegenüber. Und dann war sie positiv überrascht von all dem, was wir schon unternommen hatten: Bilder, Kreativität, darüber reden und schreiben etc. Sie sagte, wir seien auf einem sehr guten Weg. Aber wenn wir Fragen hätten, dürften wir gerne wiederkommen. Das war unser Besuch in einer Beratungsstelle.

Damit komme ich zu meinem letzten Punkt. Einer meiner wesentlichen Stützen auf dem Weg durch die Trauer war und ist bis heute mein Mann. Ich bin wahnsinnig dankbar, dass er da ist, dass wir über alles reden können. Ja, er trauert anders als ich, eher für sich allein. Aber mich schließt er dabei nicht aus, er lässt nur nicht alle anderen teilhaben. Ohne ihn, ohne unsere Partnerschaft, hätte ich das alles nicht gemeistert. Es ist wichtig, den Menschen an der Seite zu haben, der das alles von Anfang an mit einem durchgemacht hat. Der genau weiß, wie sich diese oder jene Situation angefühlt hat. Der auch sein geliebtes und so gewünschtes Kind verloren hat. Ich weiß, dass ist nicht bei allen Sterneneltern so. Bei vielen zerbricht die Beziehung. Und umso dankbarer bin ich, dass all das Erlebte unsere Beziehung noch stärker gemacht hat.

Ja, der Weg aus der Trauer war nicht leicht und er wird auch nie leicht werden. Denn die Trauer wird nie weg sein. Aber man kann daran arbeiten, dass sie erträglich wird und einen nicht (immerzu) auffrisst. Es wird immer Tage geben, wo einen alles überrollt, aber ich denke, das ist normal. Schließlich haben wir unsere Kinder verloren.

Eure Julia

2 Kommentare zu „Wege aus der Trauer

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