Folgewunder

Die Sehnsucht nach dem Folgewunder 

Nicht lange nach der Geburt oder dem Tod des eigenen Kindes kommt etwas Unerwartetes. Etwas, was von Außenstehenden vielleicht nicht verstanden wird. Der Wunsch nach einem Baby, dem Folgewunder. Nicht, um das verstorbene Kind zu ersetzen, denn es kann nicht ersetzt werden. Sondern, weil man schwanger war, aber nun kein Baby in den Armen hält. Die Arme sind leer, die Sehnsucht nach einem warmen, zappelnden Baby dafür umso größer.

So ging es auch mir. Und nicht nur mir, auch meinem Mann. Ganz schnell stand fest, dass wir es wieder probieren möchten. Der Kinderwunsch war immernoch da. Und er war jetzt, nach dem Verlust, gefühlt sogar noch größer geworden. Trotzdem hatte ich zunächst einmal Angst. Ich wollte „bereit“ sein, körperlich und psychisch. Ich wollte nichts überstürzen und dann damit nicht klar kommen. Ich hatte auch Angst, dass ich nicht erkennen würde, wann „der richtige Zeitpunkt“ sein würde. Aber dann kam mir das Leben zu Hilfe. Eine sehr gute Freundin und meine Cousine verkündeten mir quasi zeitgleich ihre Schwangerschaften. Und da wurde mir bewusst, es gibt keinen richtigen Zeitpunkt. Ich will Kinder und ich will sie jetzt!

Ab da konnte es mir eigentlich nicht schnell genug gehen. Aber es gab Grenzen, Verbindlichkeiten, an die ich mich halten musste. Zunächst einmal rieten mir die Ärzte drei Regelblutungen abzuwarten bevor wir wieder starteten. Außerdem mussten wir nun aus verschiedenen Gründen auf die künstliche Befruchtung zurückgreifen. Da mussten erst verschiedene Anträge eingereicht und bewilligt werden, bevor wir starten konnten. Bekommt man den Antrag bewilligt, übernimmt die Krankenkasse (zumindest bei uns) drei Versuche. Nicht bezahlt werden aber verlängerte Kulturen oder das Einfrieren von befruchteten Eizellen. Im Prinzip läuft eine künstliche Befruchtung so ab: Ab der Mitte des Vorzyklus beginnt man den körpereigenen Zyklus zu unterdrücken. Kommen dann die Tage, beginnt man nach einer Ultraschalluntersuchung mit der Stimulation. Das heißt spritzen. Das Wachstum der Follikel wird durch regelmäßige Untersuchungen ebenso kontrolliert wie durch Blutabnahmen. Sind die Follikel groß genug erfolgt die Punktion, bei der die Eizellen entnommen werden und außerhalb des Körpers befruchtet werden. Danach werden die befruchteten Eizellen kultiviert und wieder zurück in die Gebärmutter gesetzt. Man nimmt nun Hormone, die für de Aufbau der Schleimhaut sorgen. Danach wartet man auf den Bluttest, der eine Schwangerschaft entweder bestätigt oder ausschließt. All das ist nervenaufreibend, eine emotionale Achterbahn. Man fühlt sich aufgebläht, hat Schmerzen und Ängste. Und Hoffnung, ganz viel Hoffnung.

Nach dem ersten gescheiterten Versuch war ich fertig und wirklich, wirklich niedergeschlagen. Trotzdem wollte ich so schnell wie möglich weitermachen. Ich hatte Hoffnung, dass im nächsten Versuch alles besser wird. Ich bin gesund, ich habe bereits „bewiesen“, dass ich schwanger werden kann, was sollte also schief gehen?! Trotzdem mussten wir warten, drei Monate bis zum nächsten Embryotransfer. Das kam mir lange vor. Viel zu lang. Ich wollte ein Baby und das schnell… Aber wir warteten.

Der zweite Versuch war vielversprechend. Der Arzt war zufrieden, wir machten eine verlängerte Kultur und setzten Blastozysten ein. Bis zu fünf Tage überleben die befruchteten Eizellen außerhalb des Körpers, danach müssen sie eingesetzt werden, um sich einnisten zu können. Innerhalb dieser fünf Tage scheidet sich sozusagen die Spreu vom Weizen. Wer bis dahin überlebt, ist stark und hat gute Chancen sich einzunisten. Wir hatten zwei davon zurückbekommen. Und ich hatte ein gutes Gefühl. Ich fühlte mich schwanger, machte innerlich schon Pläne, wem ich es wann sage oder wie es auf der Arbeit weiterlaufen sollte. Und dann bekam ich meine Tage.

Ich verbrachte den Tag mit weinen. Ich konnte und kann nicht verstehen, warum es nicht geklappt hatte. Ich fühlte mich übergangen, als hätte mich das Schicksal/Gott/das Leben/ wer auch immer vergessen. Ich wollte ein Baby – und das schon so lange. Warum bekam ich keins? Warum klappte es bei allen anderen, nur bei uns nicht? Wie sollte ich das alles nochmal durchstehen, diese Tortur aus Spritzen und Schmerzen, Hormonen, Gefühlsachterbahn, Hoffnung und enttäuschter Hoffnung? Und warum, zum Teufel, war Kinderkriegen nur so schwer?!

Ich wollte aufgeben, hatte keine Hoffnung mehr. Und Angst, niemals ein Baby in den Armen zu halten. Dieses völlig hilflose Gefühl, dass ich nichts tun kann. Ich war hilflos, konnte immer nur weinen. Das alles ist erst vor drei Tagen geschehen und es lässt mich immernoch weinen. Immernoch fühle ich mich hilflos und verstehe nicht, warum das passiert ist. Aber ich weiß, dass ich mein größter Wunsch ein Baby ist und dass ich (und natürlich mein Mann) daran festhalten bis wir diesen Wunsch erfüllt haben.

Warum ich Euch das erzähle obwohl die Geschichte noch kein Happy End hat? Ich weiß, dass es so viele von Euch da draußen gibt, denen es ähnlich geht. Und ich finde, wir müssen uns nicht verstecken. Unser Wunsch ist da und wir brauchen unsere gegenseitige Unterstützung, um durch diese schwere und schmerzliche Zeit zu kommen.

Eure Julia

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