Diagnose · Gastbeitrag · Leben mit der Trauer

Ich war ungewollt Schwanger. Darf man dann auch eine Sternenmama sein?


Nicht immer läuft es im Leben wie geplant, manchmal kommt alles anders. Darf man auch wenn man ungewollt schwanger war traurig über den Verlust sein oder steht einem das nicht zu? Sind auch Missed Abort-Mütter in der Frühschwangerschaft traurig und dürfen die es sein? Die Antwort lautet eindeutig „ja“. Meine Geschichte vom Missed Abort in der 10. SSW

Sie sind schwanger. Herzlichen Glückwunsch?

Als ob ich es nicht geahnt hätte, irgendwas in meinem Inneren flüsterte in mein Ohr „Kauf einen Test“. Dennoch dachte ich meine Kloparade in der letzten Woche wäre einer Migräneattacke geschuldet gewesen. Rational war ich davon überzeugt: Das kann ich nicht sein. Nur zu Beruhigung, machte ich einen Test. Doch nun stand ich da, zitterte am ganzen Körper. Für die Gefühle in der Situation fehlen mir die Worte. Ich war vollkommen überrumpelt. Schwanger, ich war schwanger! Bereits nach wenigen Sekunden zeigte der Test das sehr deutlich an. Ich wünsche mir schon lange ein Kind, aber doch nicht so! Nicht in der Situation. Ich wollte es geplant, wenn ich weiß, dass mein Arbeitsvertrag nicht demnächst ausläuft. Wenn die Beziehung noch etwas Zeit hatte sich zu festigen. Wenn ich wirklich bereit dazu war. Das war ich nicht. Ich hatte doch so aufgepasst. Wirklich. Und jetzt: schwanger. Freuen konnte ich mich erst nicht. Trotz einem wahnsinnig großen Kinderwunsch in mir. Ich fragte mich, ob ich in der Lage dazu sei, wälzte Zahlen in meinem Kopf. Ob das zu früh für die Beziehung ist? Ich war nervlich am Ende. Es dauerte seine Zeit bis ich das annehmen konnte und mich freuen konnte. Auch wenn immer noch etwas Seltsames mitschwang in meiner Gefühlswelt. Diesen innerlichen Vorwurf, den ich mir selbst machte, es einfach nicht „richtig“ gemacht zu haben. Beim Frauenarzt schämte ich mich zuzugeben, dass das Kind kein uneingeschränktes Wunschkind war. Hinzu Kommentare von außen, die mich mitten ins Herz trafen: „Wenn du kein Kind willst, warum hast du dann nicht verhütet?“. „Ach komm, du wolltest doch Kinder, da hast du doch sicherlich nachgeholfen“. Was sollte ich damit anfangen? Vorwürfe und Sorgen machte ich mir selbst genug. Das Kind war nun mal da, es wuchs in mir. Es lebte in mir. Es würde zur Welt kommen. Im Januar – die Zeit bis dahin schien so langsam zu verlaufen, wie nur irgendwie möglich. Jeder Tag dauerte eine Ewigkeit. Erster Arzttermin: Mein Herz machte einen riesigen Freudensprung als ich beim Ultraschall nur die Fruchthöhle sehen konnte. Später fing das Herz an zu schlagen. Ich würde Mutter werden! Ich konnte diese große Neuigkeit nicht für mich behalten. Teilte sie mit Freunden und Eltern. Schwanger sein, das wurde langsam zur Normalität. Die Freude wurde größer und größer. Namen standen fest, ich war fest überzeugt, es würde ein Mädchen werden und hatte mich in die Idee verliebt. Stoppte im Baby-Einkaufsmarkt und überlegte welches Bett ich dort gerne hätte. Alles würde gut werden. Dann endlich, das erste Trimester war fast zu Ende, der nächste Termin beim Arzt. Was hatte ich diesem freudig entgegen gefiebert.

Die Diagnose – Missed Abort

Auf dem Stuhl, der Ultraschall. Es dauerte keine 20 Sekunden bis die Ärztin lediglich ein „Es tut mir leid –Pause – ich müsste jetzt schon mehr sehen“ hervorbrachte. Schnell war der Ultraschall vorüber. Von den nächsten Worten am Schreibtisch weiß ich nicht mehr viel. Ich versuchte hart zu bleiben, bloß jetzt nicht noch mehr die Fassung verlieren, bloß nicht jetzt. Eine Überweisung zur Ausschabung wurde mir in die Hand gedrückt. Im Auto wiederholte ich Gebetsmühlenartig nur „oh mein Gott, oh mein Gott, oh mein Gott“. Ich konnte nicht schnell genug nach Hause kommen. Das war mein einziger Gedanke. Dort brach ich dann in Tränen aus. Wie eine Explosion. Die fast genauso schnell wie sie gekommen waren, sind sie gegangen. Ich sagte sofort allen Freunden und Verwandten bescheid in einer kurz angebundenen Nachricht, was Sache war. Ich machte einen Termin im empfohlenen Krankenhaus, sagte den Hebammentermin ab. Alles schriftlich. Ich wollte nicht darüber sprechen oder reden. Ich wollte nur nichts mehr mit dem Thema „schwanger sein“ zu tun haben. Alles so schnell wie möglich hinter mich bringen. Das Leben geht ja schließlich weiter. Jetzt stark bleiben. Du hattest die Beziehung schon genug belastet. Du musst weitermachen, wie immer. Das Leben wird schon weiter gehen. Und es ging weiter. Beileidsbekundungen, damit konnte ich nichts anfangen. Sterneneltern, müssen die alle so einen Aufstand da drum machen? Ich konnte das zuerst gar nicht verstehen. Das möglichst gut wegstecken war mein Ziel. Auch wenn mich der letzte Hoffnungsschimmer nochmal zur Sicherstellung der Diagnose ins Krankenhaus verschlug, ich wollte alles hinter mich bringen. Eine Woche später wurde die Ausschabung gemacht. Ein Wort gegen das sich mein Innerstes bis heute sträubt. Das Einzige, was mir erlaubt hat das zuzulassen, war die Tatsache, dass diagnostiziert wurde, dass der Großteil des Embryos von meinem Körper schon selbst wieder abgebaut war. Wäre es noch da gewesen, ich hätte es nicht machen können. Die O.P. verlief problemlos. Es war ein trister Tag. Mein Freund versuchte mir so gut es ging zur Seite zu stehen. Danach würde alles besser werden. Als ich aufwachte konnte ich nur weinen. Gerade noch schwanger, jetzt nicht mehr. Mein Mädchen war weg. Mathilda, so sollte sie heißen. Das war mir in dem Moment ganz klar. Warum weiß ich nicht, es war nicht mals der Favoritenname.

Mit dem Verlust leben

Nach der Ausschabung hatte ich die üblichen Blutungen, nur länger als man mir in Aussicht gestellt hatte. Dann kamen die Komplikationen. Überraschend heftige Blutungen drei Wochen nach der O.P. mit Krankenhausaufenthalt. Schmerzen, sich nicht schließender Muttermund… ich dachte mir doch bereits seit der Diagnose und jedes Mal, wenn die Blutungen aufhörten: „Jetzt hab ich es geschafft, jetzt hab ich es hinter mir“. Doch jedes Mal wurde ich eines besseren belehrt. Es zermürbte mich. Trauern konnte ich jedoch immernoch nicht. Ich war einfach zu beschäftigt mit meinem Körper und hatte jedes Vertrauen in ihn verloren.

Doch dann, mit der ersten Periode kam die Trauer. Es schien sich langsam alles zu normalisieren. Eine Erleichterung. Doch nun wurde mir bewusst, was mir dämmerte. Ich hatte alles zu gut verdaut. Nämlich gar nicht. Als mir klar wurde, was die Diagnose bedeutete, bröckelte diese Welt. Die Trauer kam. Doch durfte ich das überhaupt, traurig sein? Ich wollte ja eigentlich kein Kind – noch nicht. Hab ich dann das Recht so zu trauern wie die anderen Sternenmamis? Zudem war ich ja noch in der Frühschwangerschaft. Darf man dann traurig sein oder stellt man sich dann nur an? Ich schämte mich auch noch tierisch. Warum? Das was ich mich nirgendwo traute auszusprechen und hier das erst Mal tue. Ich war auch erleichtert. Ich war erleichtert, dass ich mir nicht vorwerfen musste, kein Wunschkind bekommen zu haben, dass ich mich nicht fragen muss, ob ich nicht doch die Umstände günstig beeinflusst hatte. Doch am Meisten schämte ich mich dafür, dass ich mir zu Beginn, in den ersten 36 Stunden nach dem Test gewünscht hatte, dass es so kommen würde, dass ich keine Entscheidung treffen müsste. Und jetzt war es der schlimmste Wunsch, der sich jemals erfüllt hatte. Darf ich trotzdem überhaupt traurig sein? Das steht mir doch überhaupt nicht zu. Egal wie sehr ich mich mittlerweile gefreut hatte über das Kind. Egal wie sehr ich danach zehrte endlich Mutter zu werden. Ich hatte das, was viele nicht hatten und verzweifelt wollen und mir das Gegenteil gewünscht. Jetzt sich in die Liga der Sternenmütter einzureihen, wie vermessen von mir. Doch der Schmerz kam unaufhaltsam und er schnitt tief. Auch durch den Zuspruch anderer Instagram-Community Sternenmamas schien es dann mehr okay zu trauern. An einem Punkt sagte ich zu meinem Freund, „das hier schafft es in die Tops meiner emotionalen Krisen“. Da fing ihm auch erst an bewusst zu werden, wie schlecht es mir mittlerweile mit dem Verlust ging. So gut hatte ich es die ganze Zeit verborgen. Ich war eine ganze Zeit lang traurig, einfach nur tief traurig. Nicht depressiv, nicht wenig zuversichtlich sondern einfach nur verspürte ich die tiefe Trauer um meine Tochter. Ein Instagrammerin sagte „du bist doch Mama“, das brachte mich fürchterlich zum Weinen. Die Büchse der Pandora wurde zunehmend geöffnet und ich fiel tiefer und tiefer. Zum Glück hatte ich länger Urlaub. In diesen Wochen konnte ich mich einfach nur mit mir selbst beschäftigen, nur existieren. Mir fehlte die Kraft zu vielem. Ich war teilweise depressiv und verzweifelt. Relativ am Anfang dieser Phase spürte ich meine Tochter in meiner Nähe. Es mag ein emotionaler Trick des Gehirns sein, aber im Supermarkt schrie ein Kind und der Schrei, obwohl ich das Kind nicht sehen konnte, traf mich dermaßen ins Mark. Sowas kannte ich nicht. Es war mein Kind, was da weinte. Meines! Mein Baby. Und ich konnte es nicht trösten. Später am Tag spürte ich sie, als ob sie auf meiner Brust liegen würde. Friedlich schlafend. Was würde ich heute dafür geben dieses Gefühl, dass sie noch da ist, einmal nur zu erleben. Auch wenn es eine Lüge war. Ich glaube nicht an Spirituelles. Ich vermisse sie so sehr, meine kleine Mathilda. Es bringt mich gerade noch zum weinen darüber zu schreiben. Und der Gedanke nicht ihre Tritte im Mutterleib zu spüren, jetzt wo ich es hätte können, sie nicht im Januar zur Welt zu bringen, sie niemals halten zu können, dieser Gedanke macht mich unendlich traurig. Die dummen Aussagen des Umfeldes wie „besser als ein Behindertes Kind“ oder ähnliche, treffen mich ins Herz, ich wiederhole sie immer und immer wieder in meinen Gedanken und spüre immer wieder, wie sie mich verletzen. Sie gehen mir nach. Hätte sie bspw. eine Trisomie 21 gehabt, das alles wäre besser. Sie hat keine Form für mich. Ich weiß nicht wie sie ausgesehen hätte, ich weiß nicht welchen Charakter sie entwickelt hätte oder welcher Mensch aus ihr geworden wäre. Was sie gemocht hätte und was nicht. Wie es sich anfühlt sie im Arm zu halten. All das bleibt mir verwehrt. Ich habe nur die Erinnerung. Ihr Geburtstag ist der Tag, an dem sie aus Liebe entstanden ist. Ihr Entbindungstermin… dafür muss ich nicht hellsehen können, der 6. Januar wird wahrscheinlich immer ein schwarzer Tag bleiben. Für mich der Sterbetag, an dem der Verlust deutlich wird. Auf meinem Nachttisch steht ein Bild eines Pegasus. Er hat keinen Rand – das war mir sehr wichtig, denn auch sie hat keine klaren Umrisse für mich, des Pegasus Innerstes sieht ein bisschen aus wie eine Galaxie. Auf dem Bilderrahmen sitzt ein kleiner Klapperstorch. Das erinnert mich an Sie. Sie ist jetzt weg, sehr weit weg. Hinter dem Regenbogen. Ich glaube nicht. Aber ich hoffe, dass sie glücklich ist und meine verstorbenen Großeltern jetzt für sie da sind und auf sie aufpassen. Ich habe nur Hoffnung aber keinen Glauben. Dass das Bild da steht ist mittlerweile etwas normal geworden. Mein Körper scheinbar auch. Die Brüste und der Bauch (ja, das hat bei mir alles überdurchschnittlich früh angefangen) sind nicht mehr größer, die Blutung ist nicht mehr außergewöhnlich. Traurig bin ich trotzdem noch. Aber ich habe wieder neue Ziele. Eine Art Bucket List für bis zur Umsetzung des Kinderwunsches. Eigentlich möchte ich ja nur eines: So schnell wie möglich wieder schwanger werden. Doch dafür ist nicht die Zeit gekommen. Ich hoffe sie kommt ganz schnell. Ich möchte alles richtig verarbeiten und das Gefühl haben, dass der Zeitpunkt diesmal stimmt. Und dass die Freude über die Schwangerschaft dann ungetrübt ist. Aber eines weiß ich schon genau. Egal wie viele Sorgen ich haben werde, dass wieder etwas nicht stimmt, ich werde mir große Mühe geben, jeden einzelnen Augenblick der Schwangerschaft so gut wie möglich zu genießen, denn vielleicht sind die wenigen Wochen wieder die einzige Zeit, die ich dann mit meinem Kind haben werde.

Pegasus_2

Vielen Dank für diesen Gastbeitrag von unserkiwu2018

Ein Kommentar zu „Ich war ungewollt Schwanger. Darf man dann auch eine Sternenmama sein?

  1. mein Mann und ich waren / sind in Fernbeziehung, als unser erstes Kind auf die Welt kam, musste mein Mann in den Afghanistaneinsatz, ich war die ersten 18 Monate komplett alleine (keine Familie) und seitdem fast ausschließlich alleine (der Mann ist alle paar Monate bis Wochen mal fuer ein paar Tage da) – mittlerweile kam unser zweites gemeinsames Baby – wir sind wegen seinem Job viel umgezogen, unter anderem in die USA, also hatte nie Familie oder wirklich Freunde um mich rum.
    Es GEHT, aber gehen tut alles, wenn es muss.

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