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Trauer verarbeiten mit Hannah Lothrop

Nicht lang nach Paulines Geburt – vielleicht ein oder zwei Wochen – bestellte ich mir ein Buch. Ich brauchte irgendwie professionelle Erfahrung, etwas Hilfe bei der Frage, was ich noch tun kann, um mit meiner Trauer umzugehen, um mit ihr fertig zu werden.

Ich hatte mich für „Gute Hoffnung, jähes Ende“ von Hannah Lothrop entschieden. Die Auswahl an guter Literatur zum Thema Sternenkind und Abbruch einer Schwangerschaft ist nicht besonders groß, aber die Rezensionen zu diesem Buch waren sehr gut. Als ich das Buch schließlich in der Hand hielt, fing ich gleich an zu lesen und war begeistert. Weil das Buch für mich ein absoluter Glücksgriff war und ich das Gefühl habe, jede Sternenmama, jeder Sternenpapa, alle Angehörigen und auch alle, die mit Sterneneltern zu tun haben, sollten das Buch lesen, stelle ich es Euch jetzt vor:

„Dieses Buch begleitet Eltern einfühlsam auf ihrem Weg durch die Trauer. Es hilft dabei, Antworten zu finden, und legt den Grundstein dafür, dass Trauende an diesen Erfahrungen nicht zerbrechten, sondern wieder zu Hoffnung und neuem Lebensmut finden.“ (aus dem Klappentext von „Gute Hoffnung, jähes Ende“ von Hannah Lothrop)

Aufbau des Buches:

Das Buch gliedert sich in viele kleine Kapitel, es beginnt beim Tod des Kindes und zeichnet dann den Weg durch die Trauer nach. Alle Kapitel aufzuzählen würde diesen Beitrag sprengen, aber hier kommt eine Aufstellung der Hauptkapitel und eine kurze Zusammenfassung des Inhalts:

DER WEG DURCH DIE TRAUER ist das eigentliche und für Sterneneltern wichtige Hauptkapitel des Buchs. Es gliedert sich in die Abschnitte „Ein Kind verlieren“, „Wenn es uns trifft“, „Die erste Zeit danach“, „Die Trauer dauert an“ und „Die Wunden heilen“.

„Ein Kind verlieren“ behandelt verschiedene Wege sein Kind zu verlieren. Das ist eins der schönen Aspekte des Buches, dass wirklich alle Sterneneltern sich angesprochen und verstanden fühlen können: Es geht um Fehlgeburt, Totgeburt, Neugeborenentod, Plötzlichen Kindstod sowie besondere Verlustsituationen.

♥ Während der Lektüre dieses Kapitels fühlte ich mich nicht nur in meine eigene Lage während des Verlusts von Pauline zurückversetzt. Auch die Beschreibung der anderen Kapitel löste Tränenströme in mir aus. Ein Kind zu verlieren, egal in welchem Stadium der Schwangerschaft, ist einfach immer grausam.

„Außenstehende können sich schwerlich vorstellen, dass eine Fehlgeburt auch schon im Frühstadium als ein großer Verlust erlebt werden kann.“ (S. 33)

„Wenn wir das Gefühl haben, nach den Gesetzen der Gesellschaft und unseren eigenen Werten ’schuldig‘ geworden zu sein, können wir uns noch weniger als bei einem spontan eingetretenen Tod die Unterstützung holen, die wir brauchen. Doch gerade hier ist es besonders wichtig, Menschen zu haben, die die Komplexität dieser Situation übersehen, die nicht mit dem Finger auf uns zeigen und denen wir uns anvertrauen und offenbaren können.“ (S. 44)

„Wenn es uns trifft“ führt uns die Trauer und den Weg der Trauer vor Augen. Hannah Lothrop führt auf, was uns helfen kann, wenn das Baby stirbt und was mit uns, den Müttern dabei geschieht. Der Klinikaufenthalt wird beschrieben und das Kennenlernen und Abschiednehmen mit dem Baby. Als letztes wird die Frage gestellt, was mit dem Baby nach der Geburt geschehen soll.

„Trauer ist eine starke Energie mit der Kraft, uns zu heilen oder zu zerstören. Selbst wenn wir sie mit aller Macht verhindern wollen, sie findet immer einen Ausdruck. Der hohe Preis, den wir für ungelebte, verdrängte Trauer zahlen, können tiefe Depressionen, chronische Schmerzen, Abhängigkeiten und Süchte, Über- oder Untergewicht, sogar lebensbedrohliche und -verzehrende Krankenheiten sein.“ (S. 60)

♥ Dieses Kapitel war beim ersten Lesen besonders wichtig. Es fühlte sich an, als würde in meinem Kopf vieles gerade gerückt. Aha, so ist das also. Besonders der Hinweis, dass Trauer und der Weg durch die Trauer einzigartig sind, haben mir geholfen. Ich muss und musste keinen Standards entsprechen. Ich kann meinen eigenen Weg finden.

„Die meisten Eltern, die ein Kind verloren haben, sind erstaunt über die Tiefe und Länge ihrer Trauer. Sie glauben, außergewöhnlich, nicht normal zu sein. Oft dauert akute Trauer so lang wie vorangegangene Schwangerschaft, meistens sogar länger.“ (S. 61)

♥ Besonders schön fand ich die Beschreibungen der verschiedenen Geburtsmöglichkeiten. Jede Schwangere macht sich Gedanken um die Geburt, gehört sie doch unausweichlich zu einer Schwangerschaft dazu. Eine stille Geburt birgt aber noch viel größere Ängste und viele Kopfgespenster zeichnen Grauenbilder. Hannah Lothrop beschreibt jedoch, was auf die Mamas zukommt und erleichtert damit die Einstellung zur Geburt.

„Frauen erfahren das Geburtserlebnis oft losgelöst vom Tod. Gerade deshalb ist es wichtig, eine möglichst positive Geburtserfahrungs anzustreben und das, was vielleicht schon in der Geburtsvorbereitung an Wünschen und Bedürfnissen (zum Beispiel Musik, Düfte, Massagen, Wasser, Gebärhaltung) aufgestiegen ist, umzusetzen und gegebenenfalls um Unterstützung dafür zu bitten.“ (S. 77)

♥ Es brauchte ein wenig Zeit bis ich mir sicher war, dass ich unsere Tochter nach der Geburt sehen möchte, dass ich sie halten, berühren und ansehen möchte. Ich weiß von vielen Sternenmamas, dass es ihnen ähnlich ging. Auch Hannah Lothrop spricht davon, wie wichtig diese Bindung ist:

„In meinen vielen Gesprächen sind mir niemals Eltern begegnet, die im Nachhinein wünschten, sie hätten ihr Kind nicht gesehen. Doch fast alle Eltern, die es nicht sahen, sprechen auch Jahre danach noch ihr Bedauern darüber aus der reden von Wut auf ihre Betreuer, die sie um diese Möglichkeit gebracht haben.“ (S. 89)

♥Obwohl viele der beschriebenen „Stufen“ schon hinter uns lagen, half mir dieses Kapitel in der Erkenntnis, dass wir nichts falsch gemacht haben. Ja, ich gebe zu, ich hatte Angst. Haben wir das richtig entschieden? Hätte es noch etwas gegeben, was wir tun könnten? Auf diese Fragen habe ich sehr befriedigende Antworten erhalten.

„Wenn wir mit der Situation konfrontiert werden, dass unser Baby sterben wird oder bereits tot ist, gibt es Momente und Gelegenheiten, die nie wiederkommen. Die gilt es zu nutzen. Wir dürfen uns die dafür notwendige Zeit und Ruhe nehmen, wenn nötig mit großer innerer Bestimmtheit.“ (S. 98)

„Die erste Zeit danach“ beschreibt das Suchen und Sehnen nach dem Tod und was uns dabei helfen kann. Hannah Lothrop beschreibt die Wichtigkeit der Wahrnehmung unserer Gefühle und gibt weitere Hilfestellung für den Weg durch die Trauer. In diesem Kapitel wird auch die Trauer des Vaters und sie Trauer des Paares thematisiert. Auch der Verlust eines Geschwisterchens und des Enkelkindes kommt hier zur Sprache.

„Wenn wir langsam aus dem Schock erwachen, bricht die Wirklichkeit über uns herein. Wie beginnen nach und nach zu begreifen, was uns da geschehen ist. Es beginnt eine Zeit der Suche nach dem Verlorenen und der unstillbaren, schmerzlichen Sehnsucht danach.“ (S. 121)

♥ Nach der Lektüre dieses Kapitels war ich überrascht, dass mein Mann und ich viele dieser Dinge, die zur besseren Verarbeitung der Trauer empfohlen werden, intuitiv „richtig“ gemacht hatten.

„Zu unserer Heilwerdung ist es wichtig, alle unsere Gefühle leben zu dürfen. Sie zu verdrängen tut unserem Körper und unserer Seele weh, sie zuzulassen, auszuhalten ist ein Zeichen von Stärke.“ (S. 126)

♥ Ich hatte zuächst auch Angst, dass mein Mann und ich sehr unterschiedlich trauern werden und diese Trauer uns auseinanderbringt. Doch schon während der ersten Phase der Ungewissheit wurde mir klar, dass ich akzeptieren werde (oder es zumindest versuche), wie er als Sternenpapa trauert. Ich habe mich aktiv gewehrt, wenn alle immer nur nachgefragt haben, wie es mir geht. Auch Hannah Lothrop widmet der Trauer des Vaters ein Kapitel:

„Sie tragen eine doppelte Last. Sie fühlen die eigene Trauer und leidern gleichzeitig, weil ihre Frau leidet.“ (S. 148)

„Die Trauer dauert an“ beschreibt die persönliche Erfahrung der Trauer und was uns körperlich in dieser Zeit helfen und unterstützen kann. Auch das Feststecken in der Trauer wird thematisiert und Wege aus dieser Situation werden aufgezeigt.

♥ In diesem Kapitel geht es vor allem darum, wie die Trauer uns verändert und wie wir aus eigener Kraft die Heilung erreichen bzw. erreichen können.

„Wir beginnen, uns langsam an ein Leben ohne dieses Kind anzupassen. Früher oder später gelingt es den meisten von uns, unserem toten Baby einen Platz in unserem Leben und unserem Herzen zu bewahren und es trotzdem loszulassen. Die Liebe zu diesem Kind ist Nährboden, wenn wir neue Bindungen wagen oder uns neuen Lebensinhalten zuwenden.“ (S. 181)

„Eine Trauererfahrung wir von vielen Faktoren moduliert: die Länge des Wartens auf diese Schwangerschaft, die Bedeutung, die sie für uns hatte, die Tiege der bereits gewachsenen Bindung, die Umstände von Tod und Geburt, mögliche vorangegangene Verluste und damit verbunden Gegebenheiten sowie ‚Altlasten‘ von unverarbeiteter Trauer.“ (S. 182)

♥ Es tat so gut zu lesen, dass fehlender Antrieb, wenig Schlaf und Nervosität und Unruhe ganz normale Anzeichen von Trauer und Trauerarbeit sind. Ich habe mich wiedergefunden in den Beschreibungen der Sternenmamas und -papas und mein eigenes schlimmes Schicksal hat sich relativiert.

♥ Wunderschön und wirklich wichtig fand ich den Abschnitt über unsere Werte, die sich durch den Verlust verändern. Genauso habe ich mich auch gefühlt und fühle mich noch heute so: Paulines Verlust hat mich näher zu mir selbst geführt.

„Die Trauer zwingt uns – vielleicht zum ersten Mal im Leben -, alles andere beiseitezuschieben und uns dem zu widmen, was in uns vorgeht. Während wir nach Antworten suchen, offenbaren sich nur immer mehr Fragen. Auf diese Weise werden wir zu immer tieferen Erkenntnissen geführt in Bezug auf uns selbst und unser Leben.“ (S. 188)

♥ Das Kapitel beschreibt auch, was uns in dieser Zeit helfen kann. Das geht über gesunde Lebensführung (Schlaf, Sport, Ernährung) über Hilfen zum Einschlafen bis zum Musizieren und Massieren. Alle Abschnitte sind mit Beispielen und konkreten Anleitungen und Vorschlägen ausgestattet. Auch die Gefühle kommen in diesem Kapitel nicht zu kurz. Helfen soll dabei vor allem das immer wiederholte Erzählen der eigenen Geschichte. Innere Bilder sollen helfen, an seelischer Stärke zu gewinnen und dadurch zu ‚Überleben‘. Auch Kreativität und Spiritualität sind wichtige Methoden, um das Geschehene zu verarbeiten. Auch ganzheitliche Heilmittel wie Aromatherapie und andere Naturheilmittel werden angesprochen.

„Manchmal stagnieren wir, oder unser Weg durch die Trauer nimmt eine wenig konstruktive Richtung.“ (S. 219)

♥ Hannah Lothrop spricht hierbei von ‚unerledigten Aufgaben‘. Um herauszufinden, warum man nicht mehr weiterkommt auf seinem Weg durch die Trauer, geht sie den ‚Fünf Aufgaben Trauernder‘ nach. Eine weitere Möglichkeit sich aus der Stagnation zu befreien, ist, positive Gedanken zu formulieren:

„Manche Gedanken können die Trauer behindern und uns in diesem Zustand festhalten. Unsere Überzeugungen können sein: Dies ist ja kein richtiger Verlust – mein Kind hat ja noch nicht gelebt. Andere haben viel Schlimmeres durchgemacht. Trauernde dürfen keine Freude spüren. […]“ (S. 222)

„Die Wunden heilen“ zeigt im Wesentlichen der Wunsch nach einer Folgeschwangerschaft auf.

♥ Irgendwann kommt die Zeit, in der wir neue Kraft spüren. In der wir wieder Mut fassen und weiterleben, mit unseren Kindern im Herzen.

„Wir können die kurze Existenz unseres Kindes würdigen und ehren durch die Art, wie wir unser Leben nach dem Verlust leben.“ (S. 225)

♥ Der Rest des Kapitels widmet sich dem Thema Folgeschwangerschaften. Egal, ob man sich dafür und (gewollt oder ungewollt) dagegen entscheidet, zu allem kann Hannah Lothrop etwas sagen.

Alle Kapitel sind gespickt mit kleinen Erfahrungsberichten von betroffenen Frauen und Männern, mit denen Hannah Lothrop gearbeitet hat. Außerdem stehen am Ende der Unterkapitel immer kleine Anregungen, die mit „Wir können uns fragen“ überschrieben sind. Dort wird noch einmal eine Konsequenz des Beschriebenen gezogen und die Leserinnen und Leser dürfen eigene Überlegungen anstrengen. Damit wird der eigene Weg durch die Trauer gefördert.

TRAUERNDE BEGLEITEN fasst Informationen und wesentliche Hilfestellungen für alle zusammen, die Sterneneltern begleiten. Dabei geht es nicht nur um professionelle Begleitung wie Ärzte oder Hebammen, auch für Eltern, Geschwister etc. bietet dieser Abschnitt wertvolle Hinweise.

♥ Diesen Abschnitt habe ich nicht komplett durchgelesen, nur ausschnittsweise. Besonders berührt hat mich dabei der Abschnitt über den Trauerprozess im Allgemeinen als auch der Abschnitt über das, was Trauernden gut tut und was nicht. Diese Texte sollten am bestens sämtliche Ärzte und auch Familienmitglieder lesen und damit so viel besser auf den Kontakt mit Sterneneltern vorbereitet sein.

„Unpassendes Verhalten:

  • So tun, als ob nichts geschehen wäre. Ignorieren.
  • Beschwichtigen, um Schmerz zu linden. Tatsachen herunterspielen, damit Trauernde sich besser fühlen.
  • Gut gemeinte Worte.
  • Die Gefühle Trauernder be- und verurteilen.
  • Drängen, dass es ihnen besser gehen soll.
  • Sie vor der Wirklichkeit abschirmen oder ungebeten Entscheidungen für Trauernde treffen wollen (beides behindert den Trauerprozess).
  • Ihnen schmerzliche Konfrontationen ersparen wollen, zum Beispeil durch Wegräumen der Babysachen, Ausräumen des Zimmers und Meiden des Themas in Gesprächen.

Die üblichen Phrasen:

  • Gott sei Dank hast du das Kind ja noch nicht gekannt.
  • Besser jetzt als später.
  • Du bist jung – du kannst noch andere Kinder haben.
  • Gottlob hast du ja schon gesunde Kinder.
  • Sei froh, dein Kind wäre nicht normal gewesen.
  • Du kannst von Glück sagen, dass du selbst am Leben bist.
  • […]“

(S. 245)

♥ Ich weiß, der Text ist sehr lang geworden. Ich hoffe, er ist Euch nicht zu durcheinander. Ich wollte hilfreiche Informationen, den Aufbau des Buches, meine eigenen Erfahrungen und Gedanken dazu und einige Zitate mit Euch teilen, damit ihr nachvollziehen könnt, warum ich dieses Buch für so wertvoll halte.

Eure Julia

Ein Kommentar zu „Trauer verarbeiten mit Hannah Lothrop

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