Diagnose · Gastbeitrag

Keine Diagnose – was nun?

Vor fast drei Jahren traf es mich wie der Blitz. Ohne Vorwarnung, ohne irgendeine Ahnung was nun auf uns zu kommen würde.

In der 22. SSW war ich bei meiner Frauenärztin, da ich keine  Kindsbewegungen mehr spürte und mir große Sorgen machte. In der Praxis versuchten mich die Arzthelferinnen zu beruhigen, aber dann, beim Ultraschall wurden meine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Mein Baby war tot, es war kein Herzschlag mehr zu finden.

Wir waren erschüttert und verstanden die Welt nicht mehr. Warum war das Baby gestorben? Was war passiert?

Wir hatten schon eine gesunde Tochter, aber auch die Schwangerschaft mit ihr war nicht sorgenfrei verlaufen. Erst hatte ich ein Plazentahämatom, dann wurde sie nicht richtig versorgt und wuchs ab der 30. Woche nicht mehr richtig. Aber sie kam gesund und munter auf die Welt. War es jetzt vielleicht ähnlich? Wurde das Baby einfach nicht richtig versorgt?

Nach der Geburt stellte sich heraus, dass unser Sohn einen schweren Knoten in der Nabelschnur hatte. Auch war diese dreimal um seinen Hals gewickelt. Man sagte uns, dass dies wahrscheinlich die Ursache für den plötzlichen Tod gewesen sei. Nicht die Nabelschnurumschlingung, die hätten viele Babies bei der Geburt, aber der Knoten. Ein Knoten kappt die Versorgung und das Baby stirbt.

Ein Unglück, großes Pech, wie immer man es nennen mag, denn Knoten in der Nabelschnur, die so fest sitzen, dass sie sich selbst nicht mehr lösen können, wären sehr, sehr selten. Extrem selten, gerade in späteren Schwangerschaftswochen.

Auf Grund dieser Aussagen veranlassten wir keine Untersuchungen bei mir und auch keine Autopsie am Baby. Für uns schien die Sache klar. Und was hätte es geändert, wenn etwas anderes herausgekommen wäre?

Diese Frage stellte ich mir nach der darauf folgenden Schwangerschaft oft. Hätten wir vielleicht etwas anderes erfahren? Hätte es uns irgendwie genutzt? Um die Antwort vorweg zu nehmen: Nein. Es hätte nichts geändert.

Ich wurde vier Monate später wieder schwanger, aber auch dieses Baby verlor ich. Dieses Mal in der 18. Woche. Auch dieses Mal ganz plötzlich und abruppt – im Ultraschall war kein Herzschlag mehr zu sehen.

Unser Sohn wurde geboren und man sah direkt, dass er zeitlich nicht passend entwickelt war. Er hatte eine starke Nabelschnurumschlingung am Oberschenkel. So stark, dass es bis auf den Knochen abgeschnürt war. Das Nabelschnurstück hinter dem Knoten war dünn wie ein Faden und verkümmert.

Da es nun die zweite Schwangerschaft in Folge mit einer stillen Geburt war, wurde ein Autopsie veranlasst. Auch ich wurde, dank meines Frauenarztes, komplett auf den Kopf gestellt.

Ich war kerngesund und auch das Baby war gesund gewesen. Die Plazenta aber war verkümmert und konnte das Baby nicht versorgen. Als Ursache wurde daher im Autopsiebericht Plazentainsuffiziens genannt. Auch bei den beiden anderen Schwangerschaften vermutet man mittlerweile selbiges. Man weiß jedoch nicht wieso und ob es der tatsächliche Grund war, lässt sich einfach im Nachhinein schwer sagen. Die Durchblutung bei der ersten Schwangerschaft war nicht optimal, aber nie wirklich richtig besorgniserregend. Und in der zweiten Schwangerschaft nahm ich vorsorglich ASS 100. Irgendwie passt alles nicht richtig zusammen, so die Ärzte.

Es gab noch eine weitere Vermutung: ein Gendefekt auf dem y-Chromosom. Die hätte zur Folge, dass wir keine Jungs bekommen könnten. Untersucht haben wir es allerdings nicht. Mein Mann und ich hatten lange darüber gesprochen und wir waren uns einig, dass dieses Wissen für uns nicht relevant  sei. Was wäre, wenn wir keine Jungs bekommen könnten, was nützt uns das zu wissen?  In Deutschland ist die Bestimmung des Geschlechts in der Kinderwunschbehandlung ja sowieso verboten und behandeln kann man es anders nicht, als vorher zu selektieren. Und würden wir das wollen? Nein, wir wollten sowas nicht. Alle Untersuchungen ergaben kein genaues Ergebnis, man wusste einfach nicht sicher, woran es lag. Also entschlossen wir uns mit dem Nachforschen aufzuhören und fanden uns damit ab, nie zu erfahren, warum uns dieses Schicksal ereilte.

Ich kann aber jeden verstehen, der unbedingt genau wissen mag, was die Ursache für den Verlust war und daher alles untersuchen lässt, was möglich ist. Ich selber habe lange Zeit Probleme damit gehabt, nicht genau zu wissen was passiert ist. Wollte ich doch mit diesem Wissen entscheiden ob ich noch mal mutig sein kann. Ich dachte, man könnte dann eine nachfolgende Schwangerschaft besser absichern. Aber was ist schon sicher?

Und manchmal gibt es einfach keinen Grund. Es gibt vielleicht Hinweise oder Vermutungen, vielleicht aber noch nicht mal die. Dann muss man lernen damit umzugehen. Lernen es als Schicksalsschlag zu betrachten, als Unglück oder einfach nur als Pech. Es ist schwer, aber es geht. Irgendwann schafft man es.

Und etwas Positives hat es ja auch, dass nichts gefunden wurde: ich bin gesund!  Absolut gesund. Und das ist schön zu wissen!

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